Die Wahrheit über jene Nacht (eBook)
510 Seiten
beHEARTBEAT (Verlag)
978-3-7517-7399-7 (ISBN)
Wenn der Traum von einem neuen Leben zum Alptraum wird ...
Der fünfjährige Finn ist mitten in der Nacht vom Balkon gestürzt und muss per Helikopter ins Krankenhaus gebracht werden. Er liegt mit einer schweren Hirnverletzung im Koma, die Ärzte ringen um sein Leben. Seine Mutter Martha weicht die ganze Nacht nicht von seiner Seite. Und immer wieder erzählt sie die gleiche Geschichte: Finn ist schlafgewandelt und über die Balkonbrüstung geklettert. Also alles ein schrecklicher Unfall? Einzig Martha weiß, was wirklich passiert ist. Doch sie will es um keinen Preis der Welt verraten ...
Ein packendes Familiendrama über die Macht der Wahrheit. Im Original erschien der Roman unter dem Titel Second Chances.
»Außergewöhnlich, wunderbar geschrieben und absolut fesselnd - ein Volltreffer.« THE SUN
eBooks von beHEARTBEAT - Herzklopfen garantiert.
<p>Charity Norman wurde in Uganda geboren und ist in England aufgewachsen. Nach mehrjährigen Reisen wurde sie Anwältin mit den Spezialgebieten Straf- und Familienrecht. 2002 zog sie sich aus dem Berufsleben zurück, um mehr Zeit für ihre drei Kinder zu haben. Seitdem lebt sie mit ihrer Familie in Neuseeland.</p>
Eins
Finn fiel.
Ich glaube, selbst mit einer Million Worten könnte ich die Katastrophe nicht beschreiben. Worte eignen sich dafür nicht.
Mein Sohn stürzte kopfüber, winzige Hände griffen ins Leere. Er gab keinen Laut von sich. Ich kann sehen, wie sein Pyjama in das gierige Dunkel hineintaucht und verschwindet. Der Batman-Pyjama aus seinem Weihnachtsstrumpf. Ich kann seine Piratenpuppe sehen, die in hohem Bogen wegfliegt.
Der Mond scheint noch nicht. In Filmen bricht eine Tragödie immer bei sintflutartigem Unwetter herein, zwischen Blitz und Donner, und der Heldin kleben die Haare an ihren tränenverschmierten Wangen – und weil sie wasserfeste Mascara trägt, passiert weiter nichts. Doch die Nacht, als Finn fiel, war ruhig. Eine sternenklare Winternacht. Die Hügel hoben sich in sanften Wellen von einem klaren Himmel ab. Nur das Kreischen einer Bachstelze auf den Feldern war zu hören, rechthaberisch und tröstlich-vertraut wie das einer Schwiegermutter. Eine ruhige neuseeländische Nacht.
Und dann brach die Welt zusammen. Ich kann noch immer das Rascheln der Büsche hören. Ich spüre den dumpfen Aufprall, mit dem mein kleiner Liebling auf dem Boden aufschlug. Wirklich, ich kann ihn spüren. Er erschütterte das Haus. Er erschütterte die Hügel. Er erschütterte den Himmel. Ich stürzte die Treppe hinunter, um das schreckliche Geschehen zu überholen.
Da lag etwas leblos neben einem Zitronenbaum, ein dunkles kleines Hügelchen im Garten meines Traumhauses. Ich dachte, mein Sohn wäre tot. Ich berührte das bleiche Gesicht, fühlte wunderbarerweise seinen Puls, während ich mit einem Gott feilschte, an dessen Existenz ich nie geglaubt hatte. Das würden auch Sie tun. O ja, das werden Sie, falls Ihre eigenen Albträume je zum Leben erwachen sollten. Sie werden mit Ihrem ganzen Herzen beten, mit Ihrer ganzen Seele und mit irgendeinem Teil Ihres Gehirns, den Sie noch nie benutzt haben, von dem Sie nicht einmal wussten, dass es ihn gibt. Glauben Sie mir, so wird es sein. In einem solchen Augenblick ist Atheismus ein Luxus, den Sie sich nicht leisten können.
Es dauerte lange, bis sie kamen. Sehr lange. Finns Leben hing an einem seidenen Faden, und wir beide verharrten reglos vor Angst auf der schwarzen Erde. Bob der Seeräuber, die Piratenpuppe, lag lang ausgestreckt in der Nähe. Wo Finn ist, da ist auch sein Pirat nicht weit. Schließlich hörte ich das Dröhnen von Rotorblättern, die durch das gnadenlose Dunkel peitschten, den Rhythmus der Rettung. Strahlende Lichter leuchteten über dem Hang auf – die himmlischen Heerscharen rückten an. Sie landeten in einem Hurrikan auf der Koppel vor unserem Haus, sprinteten auf die Taschenlampe zu, die ich schwenkte. Zwei Männer in roten Overalls – kein Chor strahlender Engel – arbeiteten mit großer Eile und wenigen Worten: Sie fixierten einen Schlauch an Finns Arm und eine Stütze um seinen Hals und sagten irgendetwas über seine Wirbelsäule, während sie ihn über den Rasen und in den Hubschrauber trugen.
Keiner der beiden fragte, wie es passiert war. Noch nicht. Sie wussten – genau wie ich –, dass es Finns letzte Reise sein könnte. Es steht nicht gut um ihn, dachten sie. Kopfverletzung, innere Blutungen, weiß Gott, was noch alles. Aller Wahrscheinlichkeit nach kommt dieser Junge nie wieder nach Hause.
Minuten später waren wir unterwegs, Finn und ich, wir hoben ab in die Zukunft.
Kaum waren wir gelandet, tauchten aus dem Nichts Leute und Apparate auf und umzingelten uns in eifriger Betriebsamkeit. Durch einen Nebel aus Panik hörte ich, dass Finns Blutdruck sank, dass sich seine Herz- und Atemfrequenz beschleunigt hatte. Zahlen – achtzig zu vierzig, sechzig zu dreißig – wurden immer eindringlicher gerufen. Sie schnitten seinen Lieblingspyjama auf und deckten ihn mit einer abgewetzten Flanelldecke zu. Jetzt war er anonym.
Ich war bei ihm, als sie eine Bluttransfusion einleiteten, als sie einen Plastikschlauch durch seinen zarten Mund und in seine Atemwege führten, als sein kleiner Körper in den Computertomografen geschoben wurde. Ich konnte ihn nicht im Arm halten, konnte mich nicht um ihn kümmern. Ich war nutzlos. Dann brachten sie ihn weg, rollten ihn rasch durch unpassierbare Türen dorthin, wo die Messer der Chirurgen warteten.
Ich weiß, dass irgendjemand mich zu dieser stillen, abgetrennten Nische geführt und mir zu erklären versucht hat, was nun geschieht. Sie haben ihr Bestes getan, aber mein Verstand hat ausgesetzt. Ich kauere auf einem Plastikstuhl, die Finger um einen weißen Becher gelegt, den ich unerklärlicherweise in einer Hand halte. Ich drücke mir den schlaffen Körper von Bob dem Seeräuber an die Brust. Wir versuchen, einander zu trösten.
Finn ist allein unter grellen weißen Lichtern und den Augen fremder Erwachsener. Sie werden übers Wetter reden, während sie meinen kleinen Liebling aufschneiden. Der härteste Frost seit Beginn der Aufzeichnungen … fast zwei Meter Schnee oben in Ruapehu … die Skisaison wird verlängert. Wir verlieren ihn, sagt der Anästhesist.
Eine Frau schlendert vorbei. Die Mutter eines anderen Patienten, nehme ich an. Sie hat breite Hüften und ein freundliches Pfannkuchengesicht. Sie erinnert mich an Louisa. Ich würde alles geben, um jetzt die matronenhafte Gestalt meiner Schwester zu sehen, wie sie in einem geblümten Rock mit schwungvollen, festen Schritten durch den Krankenhauskorridor auf mich zukommt, mit ausgebreiteten Armen und einem liebevollen Lächeln. Ich würde alles geben, um jetzt eine alte Freundin zu sehen, jemanden, der mich mag und der mir vertraut, weil wir uns seit einer Ewigkeit kennen. Ich habe hier keine alten Freundinnen. In diesem ganzen Land, auf dieser ganzen Halbkugel, gibt es nicht einen Menschen außerhalb meiner Familie – nein, einschließlich meiner Familie –, der mich wirklich kennt.
Ich kauere mit angezogenen Knien auf dem scharfkantigen Plastikstuhl. Ich weiß, dass ich einen erbärmlichen Anblick biete, wie eine Obdachlose an einem schlechten Tag. Eine Krankenschwester kommt vorbei und ist offenbar meiner Meinung, denn sie zieht den Vorhang zu meiner Nische auf und kommt zu mir. Sie ist ein kleines Geschöpf mit einem lockigen Pony. Als sie spricht, erkenne ich einen vertrauten Akzent. Liverpool, würde ich sagen.
»Wie geht’s Ihnen?« Es ist Made-in-China-Mitleid, aber besser als nichts.
Ich schüttele den Kopf, schlage die Zähne in mein Knie. Ich schaukele hin und her.
»Hoppla! Sie verschütten das gleich.« Sie nimmt mir den Becher ab und stellt ihn auf einen Rollwagen aus rostfreiem Stahl. »Schrecklich, was mit Ihrem Sohn passiert ist. Er bekommt die bestmögliche Behandlung, das ist die Hauptsache.«
Dann stellt sie die Frage. Sie ist die Erste, aber ich weiß, dass sie nicht die Letzte sein wird.
»Warum ist er eigentlich da runtergefallen?«
Ehrlich währt am längsten!, zischelt Mum, genau in mein Ohr. Ich zucke zusammen. Meine Mutter ist schon lange tot, aber das hält sie und ihre Weisheiten nicht auf. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe keine akustischen Halluzinationen, und ich bin – soweit ich weiß – auch kein Medium. Die Persönlichkeit meiner Mutter war so dominant und übertrieben kritisch, dass sie sich in meinem Kopf eingenistet hat, als ich ungefähr drei war. Seitdem versuche ich, sie hinauszuwerfen. Manchmal bin ich sie monatelang los, aber wenn es hart auf hart kommt, taucht sie immer wieder auf, um Salz in die Wunde zu streuen.
Die Wahrheit befreit uns!, flüstert sie jetzt.
Ich denke über die Wahrheit nach. Ich tue es wirklich. Ich wende sie immer wieder hin und her, mit einem entsetzlichen Gefühl des Abgetrenntseins. Ich betrachte sie aus allen Winkeln, wie ein 3-D-Bild auf einem Computerbildschirm. Und auf diesem Bildschirm sehe ich Polizei und einen Gerichtssaal und eine Gefängniszelle. Ich sehe Desaster.
»Finn ist Schlafwandler«, sage ich zu der freundlichen Schwester. »War er schon immer. Es ist komisch, sein Zwillingsbruder tut das nie. Seltsam komisch, nicht zum Lachen komisch. Ich hätte die Tür der beiden abschließen sollen. Es ist meine Schuld.«
Zumindest dieser letzte Teil ist wahr.
»Nee, das hätte jedem passieren können«, säuselt die Schwester in seliger Unwissenheit. Sie hört nicht wirklich zu. Das tun die Leute nie. »So ein Unfall passiert eben, wenn sie im Schlaf rumstiefeln. Ich hab einen Sohn, der ist schlafgewandelt, bis er dreizehn war. Einmal haben wir ihn in einer Ferienanlage auf Fidschi verloren, da war er zwei Jahre alt!«
»Furchtbar.«
»Die schlimmsten zehn Minuten meines Lebens. Ein Glück, dass er nicht mit dem Gesicht nach unten im Pool lag.«
»Ein Glück.« Ich denke an Finn, den das Glück verlassen hat.
»Und was hat Sie hierhergeführt?«, fragt sie.
Die Frage wird mir ständig gestellt. In diesem Land leben viele Einwanderer, und jeder von uns hat seine Geschichte. Ich frage mich, wie viele die ganze Wahrheit erzählen.
»Mein Mann«, sage ich. »Er hat sich vor Jahren in dieses Land verliebt und wollte immer hierher zurück. Und Sie?«
»Hab einen Kiwi geheiratet. Hat meiner Mum das Herz gebrochen, aber was soll man machen?«
Ich versuche, ihr zu antworten, aber Finn fällt. Er fällt, und ich höre den dumpfen Aufprall. Die Schwester zückt ein paar Papiertaschentücher und reicht sie mir, während sie mir mitfühlend mit der Hand über die Schulter streicht.
»Manchmal kann man’s einfach nicht begreifen, nicht?«, sagt sie nachdenklich, während sie ihren welligen Pony glatt...
| Erscheint lt. Verlag | 1.2.2025 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Dramatische Familiengeschichten von der Gewinnerin des Ngaio-Marsh-Award |
| Übersetzer | Veronika Dünninger |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Second Chances |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | beheartbeat • Beziehung • Beziehungsromane • Drama • Emotional • Familie • Familiendrama • Familienleben • Freundschaft • Gefühle • Gegenwartsliteratur • Geheimnis • Jodi Picoult • Liebe • Liebesgeschichte • Liebesroman • Nähe • Neuanfang • Roman für Frauen • Romantik • Schicksal • Trennung • Unterhaltung • Zwischenmenschliche Beziehung |
| ISBN-10 | 3-7517-7399-1 / 3751773991 |
| ISBN-13 | 978-3-7517-7399-7 / 9783751773997 |
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