Das Geständnis meines Mannes (eBook)
462 Seiten
beHEARTBEAT (Verlag)
978-3-7517-7401-7 (ISBN)
Luke Livingstone hat im Leben alles erreicht: Er ist Vater, Großvater und erfolgreicher Anwalt. Er hat eine liebevolle Frau und ein schönes Haus. Aber Luke kämpft mit einem Geheimnis, das ihn innerlich zu zerreißen droht. Sein ganzes Leben lang hat er die Wahrheit über sich selbst verschwiegen. Eine Wahrheit, die seine Familie erschüttern und sein Leben auf den Kopf stellen wird. Trotzdem sieht Luke keinen anderen Ausweg mehr. Er muss endlich die Person werden, die er insgeheim schon immer war: Lucia!
Das emotionale Outing eines Familienvaters. Ein fesselndes Familiendrama, das zum Nachdenken anregt und Mut macht, man selbst zu sein.
eBooks von beHEARTBEAT - Herzklopfen garantiert.
<p>Charity Norman wurde in Uganda geboren und ist in England aufgewachsen. Nach mehrjährigen Reisen wurde sie Anwältin mit den Spezialgebieten Straf- und Familienrecht. 2002 zog sie sich aus dem Berufsleben zurück, um mehr Zeit für ihre drei Kinder zu haben. Seitdem lebt sie mit ihrer Familie in Neuseeland.</p>
Eins
Luke
Sie nahm beim fünften Klingeln ab. Sie war außer Atem, weil sie den Rasen gemäht hatte und ins Haus gerannt war. Ich sah sie vor mir in ihren verwaschenen Jeans, die ihr nach so vielen Jahren immer noch passten, und einem meiner alten Hemden. Ihre kastanienroten Haare hatte sie sich für die Gartenarbeit mit einem Seidenschal hochgebunden. Meine wunderschöne Frau.
»Ich sitz jetzt im Zug. Bin fertig in Norwich«, sagte ich.
»Wunderbar!« Sie klang so glücklich, dass es mir fast das Herz brach. »Dann bist du zum Abendessen zu Hause?«
Ich hatte mir eine Ausrede zurechtgelegt. »Ach, weißt du, ich hab eine Menge dringende Mails bekommen. Ich denke, ich übernachte besser in der Wohnung, gehe morgen direkt ins Büro und mache mich daran, den Berg auf meinem Schreibtisch abzuarbeiten.«
»Ist alles in Ordnung?«, fragte sie.
»Alles bestens.«
»Müde?«
»Es geht.« Ich riss mich zusammen. »Das Schuljahr ist ja nun rum. Wie war dein …«
Ein gewaltiges Dröhnen ließ den Waggon vibrieren: Der Zug donnerte in einen Tunnel. Die Telefonverbindung wurde unterbrochen. Ich würde sie später noch einmal anrufen und irgendeinen Weg finden, um Abschied zu nehmen.
Der Zug war halb leer. Mir schräg gegenüber saß eine ältere Frau, vor sich, auf dem Tischchen zwischen uns, ein Heft mit Kreuzworträtseln. Und natürlich war auch der Mann im Fenster da. Er schwebte am Rand meines Gesichtsfelds unmittelbar hinter der dunklen Scheibe. Ich wusste, dass er mich beobachtete, einen Mann mittleren Alters, in jeder Hinsicht durchschnittlich, in gestreiftem Hemd und Schlips, mit dunklen, leicht ergrauten Haaren, die sich über seinen Ohren wellten. Ansprechende Züge. Ein gut aussehender Mann, wenn man Eilish und Kate glauben durfte, obwohl ich anderer Meinung war. Mir war sein Gesicht immer fratzenartig vorgekommen. Als ich den Kopf drehte, blickte ich in die tief liegenden Augen in dem schwarzen Spiegel. Wir starrten uns mit auf Gegenseitigkeit beruhender Abneigung an. Nicht mehr lange, dachte ich triumphierend, dann bin ich dich für immer los. Der Zug fuhr aus dem Tunnel, und der graue Geist verschmolz mit dem grauen Himmel.
Ein paar Dinge musste ich noch erledigen. Endgültige Dinge. Ich kramte in meiner Aktenmappe nach Schreibpapier und Füller. Mein Blick und mein Verstand wollten abschweifen, aber ich zwang mich, mich zu konzentrieren. Das war ich meiner Familie schuldig. Ich musste noch einen letzten Brief schreiben. Er war an meine Kate gerichtet: zweiundzwanzig Jahre alt, Nase und Bauchnabel gepierct, die kostbarste junge Frau im Universum.
Ich hoffe, Du wirst in Deinem Leben so viel Liebe und Glück finden wie ich bei Deiner Mutter. Du bist meine ganze Freude gewesen. Bleib, wie Du bist, mein geliebtes Kind. Unterschätze Deine Fähigkeiten nicht. Du hast die Macht, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Ich hatte zwei Fassungen durchgestrichen und mit einer dritten begonnen, als der Zug seine Geschwindigkeit drosselte und schließlich stehen blieb. Stille. Das Kratzen meines Füllers auf dem Papier hörte sich plötzlich viel zu laut an, und so legte ich ihn aus der Hand. Auf der anderen Seite des Ganges saß ein junger Mann in einem Anzug und raschelte unentwegt mit seiner Chipstüte. Dieses Geräusch macht Kate wahnsinnig. Wäre sie an meiner Stelle gewesen, hätte sie sich vielleicht hinübergebeugt und ihm die Tüte aus der Hand gerissen. Die Frau mir gegenüber schien genauso zu empfinden: Bei jedem Knistern oder Krachen schnalzte sie missbilligend mit der Zunge.
Die Minuten vergingen. Die Temperatur stieg. Die Chipstüte raschelte. Endlich dröhnte die Stimme des Zugbegleiters aus der Lautsprecheranlage: eine Stellwerkstörung offenbar. Er bat im Namen von Anglian Trains um Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten.
»Das klingt aber nicht sehr entschuldigend«, bemerkte meine Reisegefährtin. Sie hatte schneeweißes Haar. Ihre Jacke und die Baskenmütze – beides aus purpurrotem Samt – lagen neben ihr auf der Sitzbank. Wir schüttelten beide den Kopf, und ich murmelte: »Komm zurück, gute alte British Rail, alles vergeben und vergessen!« Überall im Wagen waren ähnliche Kommentare zu hören. Der Unmut machte wildfremde Menschen zu Verbündeten. Ich lockerte meinen Schlips und sagte, ich würde mir einen Drink holen, ob ich ihr etwas mitbringen solle?
Sie bedankte sich. Sie sprach sehr laut, wie jemand, der schwerhörig ist, und griff in ihre Handtasche. »Das ist eine wunderbare Idee! Einen Gin Tonic, bitte.«
Als ich zurückkam, hatte der Chipstütenraschler Kopfhörer auf und die Augen geschlossen.
»Werden Sie am Bahnhof abgeholt?«, fragte ich meine Tischgenossin, als wir unsere Gläser füllten. »Sie können gern mein Handy benutzen, wenn Sie jemandem Bescheid sagen möchten.«
»Nein, nein, ich nehme mir ein Taxi.« Sie klappte ein kleines Etui auf und nahm zwei Hörgeräte heraus, die einen hohen Pfeifton von sich gaben, als sie sie einstellte. »Sieht man heute kaum noch«, sagte sie und nickte zu meinem goldenen Federhalter hin. »Richtige Füllfederhalter. Mit richtiger Tinte.«
Ich betrachtete ihn lächelnd. »Den haben mir meine Kinder geschenkt. Zum Geburtstag. Er ist mein ständiger Begleiter. Sie haben sogar meinen Namen eingravieren lassen – da, sehen Sie?«
Ich sah Kate und Simon vor mir. Damals waren sie vielleicht zwölf und achtzehn gewesen. Sie hatten den Füller in Geschenkpapier gewickelt und eine blaue Schleife darum gebunden. Das Band lag immer noch in einer Schublade meines Schreibtischs.
Ich wünschte, es gäbe eine andere Möglichkeit. Ich wünschte, ich müsste sie nicht im Stich lassen.
Meine Mitreisende hatte ihr Strickzeug aus ihrer Tasche geholt. Sie wickelte sich den Wollfaden um den Finger und begann, in atemberaubender Geschwindigkeit mit den Stricknadeln zu klappern. Während sie strickte, redete sie und lachte leise und liebevoll, als sie mir ihren Urenkel Henry und – weit weniger liebevoll – dessen Eltern beschrieb, die, so sagte sie, nur an materiellen Dinge interessiert waren. Sie selbst war neunundachtzig und von Beruf Lehrerin gewesen.
»Meine Frau ist auch Lehrerin«, sagte ich. »Sonderpädagogin. An einer Hauptschule.«
»Tatsächlich? Das ist ein überaus wichtiger Beruf. Aha!« Ein Ruck ging durch den Wagen, und dann fuhr er im Schneckentempo an. »Vielleicht kommen wir heute ja doch noch in London an.«
Vielleicht gelingt es mir heute ja doch noch, meinem Leben ein Ende zu setzen.
»Was wird das?«, fragte ich und deutete mit dem Kinn auf ihre Handarbeit.
»Das da? Ein Pullover für Henry. Wahrscheinlich würde er lieber ein Sweatshirt tragen, mit einer Kapuze dran, damit er randalieren kann und auf den Überwachungskameras nicht zu erkennen ist.«
Ich musste lachen, was sie zu freuen schien. »Wie viele Kinder haben Sie?«, fragte sie.
»Zwei.« Drei, denke ich jedes Mal. Aber ich sage es nicht mehr. Wenn die Leute fragen, was die Kinder heute machen, muss ich das mit Charlotte erklären, und dann kann ich ihnen ansehen, was sie denken. Sie hat doch nur ein paar Minuten gelebt! Wieso zählen Sie sie da überhaupt mit?
»Noch in der Schule?«
»Gott bewahre, nein! Unser zweites Enkelkind ist unterwegs.«
Sie zog die Brauen hoch. »Sie sehen aber jung aus für einen Großvater.«
»Eilish und ich feiern im Oktober unseren dreißigsten Hochzeitstag.«
»Ah, die Perlenhochzeit!«
Meine Düsternis vertiefte sich. »Sie will ein großes Fest geben. Partyzelt, Musikband, Feuerwerk. Die halbe Welt steht auf der Gästeliste. Die Einladungen gehen demnächst raus.«
»Sie Glücklicher.« Ihre trüben blauen Augen waren auf mich geheftet, während ihre Hände sich flink und mechanisch bewegten. Masche aufnehmen, klick, Masche aufnehmen, klick …
»Ja. Ich Glücklicher.«
»Das hört sich aber nicht sehr begeistert an.«
Ich versuchte, die Kraft aufzubringen, ihr zu widersprechen, zu versichern, dass ich mich schrecklich auf das große Ereignis freue, aber es gelang mir nicht. Ich kam mir wie durchsichtig vor. Vielleicht ahnte sie, was ich war.
Eine Fremde im Zug. Wem hätte ich mich besser anvertrauen können als dieser alten Frau, die ich noch nie gesehen hatte und nie wieder sehen würde?
»Ich werde nicht da sein«, sagte ich. »Wenn alles nach Plan läuft, bin ich morgen früh nicht mehr am Leben.«
Ihre Finger hielten mitten in der Bewegung inne. »Darf ich fragen, warum?«
»Weil es Zeit ist. Weil ich am Ende eines sehr langen Weges angekommen bin.«
»Aber Sie haben die Wahl. Es gibt keinen Grund, zu solch drastischen Maßnahmen zu greifen.«
Ich leerte mein Glas in einem Zug. Mein Hals fühlte sich ganz rau an. »Ich bin ein glücklicher Mann, da haben Sie völlig recht«, sagte ich und hustete. »Ein richtiger Glückspilz. Das weiß jeder. Das haben mir die Leute schon bei unserer Hochzeit gesagt und dabei ein richtig erschrockenes Gesicht gemacht, als ob ich sie irgendwie hereingelegt hätte. Und so ist es ja auch: Ich habe sie tatsächlich hereingelegt. Eilish French hätte jeden haben können, aber sie hat sich für mich entschieden. Hier, warten Sie …« Ich tastete in der Innentasche meines Jacketts nach dem Schwarz-Weiß-Foto.
Ich hatte es an einem Winterabend aufgenommen, als ich von der Arbeit nach Hause gekommen und in der Tür zu Eilishs Arbeitszimmer stehen geblieben war. Sie hatte sich über...
| Erscheint lt. Verlag | 1.2.2025 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Dramatische Familiengeschichten von der Gewinnerin des Ngaio-Marsh-Award |
| Übersetzer | Sylvia Strasser |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | The Secret Life of Luke Livingstone |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | beheartbeat • Beziehung • Beziehungsromane • Drama • Ehemann • Emotional • Familie • Familiendrama • Familienleben • Frauen Bücher • Frauen Bücher Bestseller • Frauenroman • Frauenroman Bestseller • Freundschaft • Gefühl • Gefühle • Gegenwartsliteratur • Geheimnis • Gender • Historische Liebesromane • Jodi Picoult • Liebe • Liebesgeschichte • Liebesleben • Liebesroman • Liebesromane für Frauen • Liebhaber • Nähe • Neuanfang • Roman für Frauen • Romantik • Schicksal • Tragik • Transsexualität • Trennung • Unterhaltung • Vater • Zwischenmenschliche Beziehung |
| ISBN-10 | 3-7517-7401-7 / 3751774017 |
| ISBN-13 | 978-3-7517-7401-7 / 9783751774017 |
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