Plötzlich Drache 2 (eBook)
342 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7583-5413-7 (ISBN)
Nicolas Bretscher, geboren im Jahre 2001 in Zürich. Er arbeitet als Informatiker und schrieb in seiner Freizeit seine erste Buchserie "Plötzlich Drache". Weitere Informationen sind unter https://nicolas-bretscher.ch/ abrufbar.
1
Meinungsverschiedenheit
Gedankenverloren blickte ich aus dem Fenster der S4 und beobachtete die rasant an mir vorbeiziehenden Häuser. Der Zug würde in wenigen Minuten den Hauptbahnhof von Zürich erreichen. Unter normalen Umständen wäre ich die Strecke von meinem Bruder Tom zurück nach Hause mit dem Auto gefahren, denn ich hasste die öffentlichen Verkehrsmittel über alles. Die unzähligen Menschen waren mein Hauptproblem. Je mehr Menschen sich in meiner Umgebung befanden, desto unwohler fühlte ich mich. Andauernd versuchte ich, ihre Blicke zu meiden, was mir leider nicht immer gelang. Sehnsüchtig dachte ich an die Zeit zurück, in der ich noch ein Auto besessen hatte und mein Leben einigermassen normal gewesen war. Vor ungefähr einem halben Jahr hatte ich noch keine besonderen Fähigkeiten besessen, die es mir ermöglichten, mich in einen Drachen zu verwandeln. Deswegen hatte ich nicht ununterbrochen vor einem Forschungsinstitut namens Drachenschutzgesellschaft auf der Hut sein müssen. Ausserdem plagten mich seit den Kämpfen in der Ukraine Schuldgefühle, da ich während des Krieges vielen Menschen das Leben genommen hatte. Auch wenn die russischen Soldaten meine Feinde gewesen waren, bereute ich meine Taten.
«Nächster Halt: Zürich Hauptbahnhof»
Diese Durchsage unterbrach meine Gedankengänge. Ich stand von meinem Fensterplatz auf und zwängte mich zwischen den Passanten hindurch zur nächstgelegenen Tür. Trotz der Tatsache, dass ich mich unter derart vielen Menschen unwohl fühlte, war ich froh über die Ablenkung. Auf diese Weise musste ich nicht ununterbrochen an brutale Kampfszenen denken, die sich in der Vergangenheit ereignet hatten. Als ich vor der Tür ankam, fiel mir auf, dass mich eine Frau wütend anstarrte.
Habe ich irgendetwas falsch gemacht? Fragte ich mich.
Verwirrt sah ich ihr entgegen und versuchte einige Sekunden später, meine Aufmerksamkeit der Waggontür zu schenken. Im Augenwinkel erkannte ich, dass sie mich immer noch anstarrte. In diesem Moment fühlte ich, wie meine Wangen erröteten. Die Ungewissheit, weshalb sie mich mit ihrem Blick durchbohrte, machte mich nervös. Innerlich wünschte ich mir, sie würde endlich jemand anderen anstarren. Nach einer Minute, die sich wie eine Ewigkeit angefühlt hatte, hielt der Zug endlich an. Die Waggontür öffnete sich und ich trat eilig auf den Bahnsteig. Erleichtert atmete ich auf, während ich mich von der Frau entfernte. Gerade als ich mich wieder entspannen wollte, fielen mir die Blicke der anderen Passanten auf. Dutzende Männer und Frauen starrten mich verachtend an. Die meisten von ihnen wirkten wütend.
«Mörder!», sagte ein älterer Herr neben mir.
Meine Verwirrung war inzwischen derart gross, dass ich mich lediglich von ihm entfernte und währenddessen versuchte, keinen meiner Mitmenschen zu beachten.
«Spiel nicht den Scheinheiligen! Wir wissen, was du getan hast, Drache.», rief mir der Mann hinterher.
Diese Aussage liess mich augenblicklich erstarren. Blitzschnell drehten sich meine Gedanken im Kreis, während ich versuchte, die Situation einzuordnen. Ich tastete mein Gesicht ab, da ich mir nicht mehr sicher war, ob ich mich unbeabsichtigt verwandelt hatte. Mit meinen Fingern konnte ich lediglich weiche Haut und Haare fühlen, jedoch keine Drachenschuppen. Anschliessend blickte ich an mir herab und versuchte herauszufinden, wie ich aufgefallen war. Da ich nichts ausser meiner menschlichen Gestalt erkennen konnte, richtete ich meine Aufmerksamkeit erneut auf den Mann, der mir hinterhergerufen hatte.
Woher weiss er, dass ich ein Drache bin? Fragte ich mich.
«Das hier muss sich um eine Verwechslung handeln.», antwortete ich ihm, um dieser seltsamen Situation zu entweichen.
«Ist es nicht. Wir haben alle das Video gesehen, in dem du dich verwandelt hast.», entgegnete eine junge Frau.
Diese Aussage liess mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Ich wusste, dass meine Geheimidentität irgendwann auffliegen würde, wenngleich ich noch vor wenigen Minuten niemals vermutet hätte, dass es bereits jetzt geschah. Da ich nicht wusste, wie ich mich mit Worten aus dieser Situation winden konnte, beschleunigte ich meine Schritte. Die wütenden Blicke der Passanten verfolgten mich. Kurz bevor ich die grosse Halle des Hauptbahnhofs erreichte, stellte sich mir jemand in den Weg. Ich änderte meine Richtung und blickte nach Hilfe suchend umher. Niemand schien an meinem Wohlbefinden interessiert zu sein. Mittlerweile joggte ich zwischen den Menschen hindurch, um schnellstmöglich ins Freie zu gelangen. Kurz vor einer Rolltreppe versperrten drei junge Männer den Ausgang. Hinter mir erblickte ich mehrere Verfolger.
Die wissen ohnehin bereits, dass ich ein Drache bin, dachte ich, während ich mir vorstellte, aus Feuer zu bestehen, um die Verwandlung einzuleiten.
Zu meiner Enttäuschung setzte das vertraute Kribbeln trotz höchster Konzentration nicht ein.
Das darf doch jetzt nicht wahr sein!
Voller Angst rannte ich einem anderen Gang entlang, um meine Verfolger abzuschütteln. Erneut versuchte ich, mich in einen Drachen zu verwandeln, jedoch ohne Erfolg. Ich blickte nach hinten und war überrascht, dass mich nur noch wenige Meter von einem wütenden Mann trennten, der definitiv nicht bloss Redebedarf hatte. Plötzlich stolperte ich, da mir jemand ein Bein gestellt hatte, während mein Blick nach hinten gerichtet war. Ich verlor das Gleichgewicht und fiel vornüber. Erstaunlicherweise fühlte ich den darauffolgenden Aufprall auf dem harten Boden kaum. In kürzester Zeit rappelte ich mich auf und wollte bereits wieder fliehen, als ich feststellte, dass ich nun von wütenden Menschen umzingelt war. Wie eine riesige Horde Zombies bewegten sie sich langsam mit ausgestreckten Armen auf mich zu.
«Können wir nicht noch einmal darüber reden?», fragte ich hoffnungsvoll.
Stumm traten sie näher, bis ich mich aufgrund ihrer schieren Masse nicht mehr von der Stelle bewegen konnte.
Weshalb kann ich mich nicht verwandeln? Das wäre jetzt wirklich sehr wichtig! Dachte ich.
«Für ein Gespräch ist es bereits zu spät.», erwiderte der Mann, der mir am nächsten stand.
Er zog ein Messer aus seiner Hosentasche und richtete es mir entgegen. Verzweifelt versuchte ich, mich aus der Menschenmenge zu befreien. Da mich bereits einige von ihnen festhielten, gelang es mir nicht.
«Hilfe!», schrie ich, während ich auf das blanke Messer blickte, was sich nun rasend schnell meiner Brust näherte.
Genau in dem Moment, als es mich berührte, wachte ich schweissgebadet auf und sass sogleich kerzengerade in meinem Bett. Es war stockdunkel in meinem Zimmer. Lediglich das Ziffernblatt meines Weckers spendete ein wenig Licht. Es war viertel vor fünf des zehnten Mais 2023. Mein Puls raste und ich zitterte vor Adrenalin, während ich versuchte, die Geschehnisse von eben einzuordnen. Es dauerte einen Moment, bis ich begriffen hatte, dass es sich bei der Verfolgungsjagd im Zürcher Hauptbahnhof um einen Traum handelte. Immer noch schockiert stand ich auf, ging auf die Toilette und trank ein wenig Wasser, um mich zu beruhigen. Anschliessend stellte ich mir vor, meine rechte Hand würde aus Feuer bestehen. Sofort setzte das unangenehme Kribbeln ein, was stets die Verwandlung begleitete. Rote Schuppen bildeten sich auf meiner Haut und die Fingernägel wuchsen zu Drachenklauen heran. Nachdem sich meine Hand vollständig verwandelt hatte, atmete ich erleichtert aus. Aufgrund meines Albtraums hatte ich bereits befürchtet, meine besondere Fähigkeit verloren zu haben. Ich machte meine Verwandlung rückgängig und ging erneut zu Bett. Dies war nicht das erste Mal, dass sich meine Ängste in Form eines Traums zeigten. Nahezu jede Nacht seit dem Kampf in Moskau suchten mich Albträume heim, die derart real wirkten, dass ich selbst nach dem Aufwachen nicht mehr genau wusste, was tatsächlich geschehen war. Die öffentliche Meinung über Drachen scherte mich inzwischen kaum noch. Meine Schuldgefühle und Ängste hingegen hatten sich stark vergrössert. Ich hatte Angst davor, aufzufliegen und von der Drachenschutzgesellschaft, kurz DrSG, gefangengenommen zu werden. Ausserdem fürchtete ich, irgendwann versehentlich jemanden zu verletzen oder gar zu töten, da ich meine Drachenkräfte während des Schlafs kaum kontrollieren konnte. Insbesondere dann nicht, wenn die Träume derart der Realität glichen. Bereits dutzende Male musste ich meine Bettwäsche ersetzen, da ich sie im Schlaf als Drache zerrissen oder angezündet hatte. Der Feuerlöscher neben meinem Bett kam mittlerweile wöchentlich zum Einsatz und musste regelmässig ausgetauscht werden. Glücklicherweise konnte ich das Feuer bisher stets löschen, bevor es unkontrollierbar wurde. Trotzdem wusste ich, dass mich mein Glück irgendwann verlassen würde. Manchmal wünschte ich mir sogar, jemand würde mich fesseln und in einem feuerfesten Raum einsperren, nachdem ich eingeschlafen war, sodass ich nichts mehr versehentlich zerstören konnte.
Über eine halbe Stunde...
| Erscheint lt. Verlag | 6.8.2024 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Plötzlich Drache |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Ausserirdische • Doppelleben • Drachen • Künstliche Intelligenz • Liebesbeziehung |
| ISBN-10 | 3-7583-5413-7 / 3758354137 |
| ISBN-13 | 978-3-7583-5413-7 / 9783758354137 |
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