Plötzlich Drache 3 (eBook)
492 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7583-5412-0 (ISBN)
Nicolas Bretscher, geboren im Jahre 2001 in Zürich. Er arbeitet als Informatiker und schrieb in seiner Freizeit seine erste Buchserie "Plötzlich Drache". Weitere Informationen sind unter https://nicolas-bretscher.ch/ abrufbar.
1
Kindergarten
«Papa, weshalb leuchtet die Sonne?», fragte meine vierjährige Tochter Lisa, während sie mit zusammengekniffenen Augen dem wolkenlosen Himmel entgegenblickte.
«Weil die Sonne in ihrem Inneren Wasserstoffatome zu Helium verschmilzt. Dabei wird sehr viel Energie erzeugt, die wir unter anderem als Licht wahrnehmen. Genaugenommen ist unsere Sonne ein riesiger Kernfusionsreaktor.», antwortete ich schmunzelnd.
Die Tatsache, dass meine Tochter dieselbe Faszination gegenüber Naturwissenschaften besass wie ich, amüsierte mich. In ihrem Alter hatte ich meine Eltern ebenfalls ununterbrochen über den Weltraum, den Lebenszyklus von Sternen und Mathematik ausgefragt. Diesbezüglich war der Apfel nicht weit vom Stamm gefallen.
«Ist das wie bei deinem alten Auto?», fragte sie.
«Genau. Woher weisst du das?», erwiderte ich überrascht.
Vor einigen Wochen hatte ich ihr erklärt, woher die Energie des Raumschiffs stammte, was ich im Kampf gegen Z-17-k verwendet hatte. Dennoch hätte ich nicht erwartet, dass sie die Gemeinsamkeiten dieser beiden Erklärungen erkennen würde.
«Du hast gesagt, dass dein Auto ein Kernfu-irgendwas hat wie die Sonne.»
«Meinst du einen Kernfusionsreaktor?»
«Ja. Stimmt es, dass man damit Wasser zu Energie machen kann?»
«Wohl eher Wasserstoff. Wasser ist nicht dasselbe.»
«Hä?»
«Das hat mich damals, als ich in deinem Alter war, ebenfalls verwirrt.»
Leicht grinsend sah ich Lisa in die Augen. Sie schien konzentriert über das nachzudenken, was ich soeben gesagt hatte, denn ihr Blick war auf keinen festen Punkt gerichtet.
Gemeinsam spazierten wir in Richtung des Kindergartens, den Lisa heute zum ersten Mal besuchen musste. Es war Montag, der zwölfte August 2030. Vor etwas mehr als fünf Jahren hatte ich mich mit Vanessa verheiratet. Seitdem lebten wir ein nahezu vollkommen normales Leben in unserer gemeinsamen Wohnung. In den letzten Jahren hatte ich mich kein einziges Mal in einen Drachen verwandelt. Mittlerweile gelang es mir bereits, diesen Teil von mir für mehrere Wochen am Stück vollständig zu vergessen, bis mich die Gespräche mit meiner Tochter wieder an meine Vergangenheit erinnerten.
«Woher kommt die Energie aus dem Wasserstoff?», durchschnitt Lisa meine Gedanken.
«Jede Form von Materie entspricht einer bestimmten Menge Energie. Bei der Fusion von Wasserstoff zu Helium geht eine kleine Menge an Masse verloren, wobei viel Energie freigesetzt wird.»
Wieder versank Lisa in Gedanken und ich tat es ihr gleich. Erst als ich dutzende Kinderstimmen wahrnahm, wurde mir bewusst, dass wir den Kindergarten erreicht hatten. Ich wollte meiner Tochter sagen, sie solle sich hier umsehen und falls möglich neue Bekanntschaften schliessen, jedoch fiel mir ihr abwesender Blick auf, der an allen Kindern und Eltern vorbei an einer leeren Wand eines Gebäudes gegenüber der Strasse hängengeblieben war. Geduldig wartete ich darauf, bis sie ihre Gedankengänge abgeschlossen hatte. Schliesslich wusste ich aus eigener Erfahrung, dass es ausserordentlich lästig war, währenddessen unterbrochen zu werden. Ich sah auf meine Uhr und stellte erleichtert fest, dass wir eine Viertelstunde zu früh eingetroffen waren. Dies liess mich ebenfalls gedanklich abschweifen, bis mir Lisa abermals eine Frage stellte.
«Und warum ist das so?»
«Meinst du, weshalb bei der Kernfusion Masse in Energie umgewandelt wird?»
«Ja.»
«Das kann ich dir leider nicht genau beantworten.»
«Kennst du jemanden, der weiss, weshalb es so ist?»
«Ja, aber ich spreche bereits seit Jahren nicht mehr mit ihm.»
«Wieso denn?»
«Das ist eine sehr lange und komplizierte Geschichte, die ich dir vielleicht irgendwann mal erzählen werde, wenn du älter bist.», antwortete ich seufzend.
Die Person, von der ich gesprochen hatte, war R-34-d. Als ich im Jahre 2024 mit dem Leben als Drache abgeschlossen hatte, verstaute ich den schwarzen Speer, die beiden letzten Nanobot-Injektionen und das ausserirdische Speichermedium im hintersten Bereich des Kellers. Seit jeher versuchte ich, diese Utensilien zu vergessen. Da mich meine Tochter immer noch flehend anblickte und um jeden Preis eine Antwort auf ihre Frage finden wollte, sprach ich ein anderes Thema an.
«Schau mal, wie viele Kinder hier sind. Möchtest du nicht zu ihnen gehen?»
«Nein.», entgegnete Lisa trotzig.
«Du könntest neue Freunde finden.»
«Aber die sind alle so laut.»
«Einige von ihnen würden bestimmt gerne mit dir spielen, wenn du sie fragst.»
«Ich möchte nicht spielen.»
Während unseres Gesprächs hatte Lisa ununterbrochen den Boden angestarrt. Insbesondere in den letzten Monaten hatte sich meine Vermutung verstärkt, dass sie genau wie ich autistisch war. In diesem Moment spielten drei Kinder auf dem Pausenhof fangen, wobei sie laut schreiend und lachend zwischen den Erwachsenen umherrannten. Obwohl ich mit Lisa absichtlich am Rand des Areals stand, zwanzig Meter von den anderen entfernt, musste sie sich die Ohren zuhalten.
«Ich will wieder nach Hause zu Mama.», sagte sie schliesslich.
«Mama ist am Arbeiten.»
«Trotzdem will ich nach Hause gehen.»
«In exakt zwei Stunden und acht Minuten können wir das auch.»
Niedergeschlagen setzte sich Lisa auf den durch die Sonne erwärmten Asphalt und beobachtete die Autos auf der Strasse nebenan. Gleichzeitig schweiften meine Gedanken entgegen meines Willens wieder in meine Vergangenheit als Drache ab.
«Guten Morgen Herr Wollseif, möchten Sie mit Lisa bereits in den Gruppenraum gehen?», fragte mich jemand derart plötzlich, dass ich erschrak.
Instinktiv blickte ich nach hinten, wobei mich ein Zwicken im Hinterkopf erneut an die Nanobots erinnerte, die immer noch in meinem Körper steckten. Mit dem linken Daumen massierte ich die betroffene Stelle, während ich hinter mir Frau Schneider erblickte. Sie war die Kindergärtnerin von Lisa und wusste bereits über ihre besondere Wesensart Bescheid.
«Guten Morgen Frau Schneider. Das wäre eine gute Idee.», antwortete ich, immer noch von ihrem plötzlichen Erscheinen überrascht.
«Kommst du mit?», fragte ich Lisa, während ich mich bereits zum Gehen wandte.
«Okay.», entgegnete sie mürrisch.
Ihr war klar und deutlich anzusehen, dass sie am liebsten alles andere getan hätte, als den Kindergarten zu besuchen. Trotzdem folgte sie Frau Schneider und mir mit wenigen Metern Abstand durch die Menschenmenge hindurch in den Gruppenraum, der mit allerlei Spielsachen, Stühlen und bunten Zeichnungen ausgestattet war. Fasziniert beobachtete ich die zahlreichen Gegenstände in den Regalen, die allesamt säuberlich eingeräumt waren und nur darauf warteten, von den Kindern benutzt zu werden. Lisa hingegen war alles andere als fasziniert. Sie setzte sich stumm auf einen Stuhl in der Ecke und starrte zu Boden. Ich setzte mich neben sie und bemühte mich, sie nicht direkt anzusehen, da sie dies stets verunsicherte. Frau Schneider gesellte sich ebenfalls dazu und begann, Lisa den genauen Tagesablauf zu beschreiben. Obwohl sie währenddessen keinen gegenseitigen Augenkontakt behielten, war ich mir sicher, dass meine Tochter zuhörte. Je länger die Kindergärtnerin zu ihr sprach, desto entspannter wurde sie.
«Gibt es hier auch Bücher über den Weltraum?», fragte Lisa zurückhaltend, als Frau Schneider ihre Erklärung beendet hatte.
«Nein, aber ich kann welche kaufen, wenn du möchtest.», antwortete Frau Schneider mit einem leicht fragenden Blick in meine Richtung.
«Sie liebt es, wenn ihr jemand aus einem Buch über Mathematik oder Naturwissenschaften vorliest. Insbesondere wenn es Bilder oder Grafiken enthält.», erklärte ich.
Nun traten die anderen Eltern mit ihren Kindern ein und es wurde wesentlich lauter als zuvor. Da ich mir sicher war, dass Frau Schneider genau wusste, wie sie mit Lisa umzugehen hatte, stand ich auf und wollte mich bereits zu den anderen Eltern begeben, als mir Lisa einen verunsicherten Blick zuwarf.
«Wirst du jetzt gehen, Papa?»
«Nein, ich bleibe hier in diesem Raum.»
Immer noch war sie zutiefst verunsichert. Ich kniete mich vor ihr hin und sah ihr in die blauen Augen, die sie von Vanessa geerbt hatte, wobei ihr Blick auf meine Armbanduhr fiel.
«Du musst dir keine Sorgen machen, Lisa. Frau Schneider wird dafür sorgen, dass es dir gut geht. Du hast schliesslich gehört, dass sie deinetwegen Bücher kaufen wird.», sprach ich in beruhigendem Ton.
«Kannst du mir danach wieder Geschichten aus dem Weltraum erzählen?»
«Ja.»
«Okay.»
Da sie nun weniger verunsichert wirkte, stand ich abermals auf und ging zu den anderen.
Die nächsten zwei Stunden vergingen nahezu reibungslos. Frau Schneider setzte sich mit den vierundzwanzig Kindern im Kreis und alle...
| Erscheint lt. Verlag | 6.8.2024 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Plötzlich Drache |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Doppelleben • Drachen • Familiendrama • Liebesbeziehung • Tierleben |
| ISBN-10 | 3-7583-5412-9 / 3758354129 |
| ISBN-13 | 978-3-7583-5412-0 / 9783758354120 |
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