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Geschichten aus dem Nachbarschaftscafe (eBook)

Kurzgeschichten aus verschiedenen Genres
eBook Download: EPUB
2024 | 3. Auflage
228 Seiten
BoD - Books on Demand (Verlag)
978-3-7597-4662-7 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Geschichten aus dem Nachbarschaftscafe - Johannes I. L. Pfeiffer
Systemvoraussetzungen
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In Kurzgeschichten beschreibt der Autor wichtige Themen des Lebens wie Liebe, Respekt, Sehnsucht, Ärger mit Ämtern, etc

ist Bauingenieur, schreibt seit seinem 12. Lebensjahr Kurzgeschichten und Romane in den Genres Belletristik, Thriller, Krimi und Science-Fiction. Die Geschichten sind lebendig und vielschichtig und verfügen oft über einen unerwarteten Turn. Seine Lieblingsautoren sind Kafka, Pessoa, Hemingway, Chatwin, Malaparte, Poe, Mann, Hesse und Goethe. Das hier ist sein drittes Buch, weitere sind in Vorbereitung.

Im Garten


„Wir alle lieben die Gartenarbeit hier, und du wirst sie auch noch lieben!“, sagte der Mann und hielt mir die Harke hin.

Ich ergriff sie und sah mich um. Er deutete auf eine Stelle des Gartens, wo noch niemand war.

„Dort kannst du arbeiten! Und sei froh, dass du hier bist. Wenn du aber Mist baust, bist du schnell wieder im Sumpf!“

Ich nickte und eilte zu der angegebene Stelle. Ich war in der Tat sehr froh, hier zu sein. Nach all den Monaten und Jahren im Sumpf mit den Toten und der Hoffnungslosigkeit um mich herum war die Arbeit hier im Garten des Gouverneurs das reine Paradies. Und ich würde alles tun, um das nicht zu gefährden.

Schon acht Jahre hatte ich hier auf der Teufelsinsel ausgehalten. Weit mehr, als die meisten der Tausenden von armen Teufeln, die hier jedes Jahr eingeliefert wurden und starben, ohne das erste Jahr vollendet zu haben. Was mich am Leben hielt, konnte ich gar nicht sagen. Es war eine tiefe innere Kraft, die mich einfach immer weiter machen ließ. Wenn ich abends völlig erschöpft in meine Hängematte sank, war ich sicher, am nächsten Morgen nicht wieder aufstehen zu können und zu wollen. Und dennoch, immer wenn das Wecksignal ertönte, erhob ich mich und begann den Tag mit der Morgentoilette. Wie jeden anderen Morgen zuvor auch. Viele hatten aufgegeben, nicht mehr gegessen, ertranken in Flüssen, wurden von Schlangen gebissen oder ließen sich beißen, wurden von den Alligatoren in den Sümpfen angegriffen. Manchmal schossen die Wachen nicht auf die Alligatoren, nur um zu sehen, wie sie Gefangene angriffen, töteten und fraßen. Die Wachen misshandelten uns, manchmal missbrauchten sie einen von uns, nur so zum Spaß, ließen uns sinnlose Arbeiten tun und hatten ihre pure Freude daran.

Nur durch Zufall war ich dem Sumpf entkommen. Beim morgendlichen Zählappell war ein hoher Offizier erschienen, schritt die Reihen ab und zeigte auf einige Gefangene. Auch auf mich. Wir wurden ausgesondert. Die anderen traten ab. Wir trotteten auf Anweisung des Offiziers zu einem bereitstehenden Lastwagen, der uns in die Hauptstadt brachte. Dort stiegen wir aus und wurden zu einer Unterkunft gebracht. Wir duschten sofort und wurden entlaust und erhielten neue Kleidung.

„In einem Monat kommt eine Delegation des Roten Kreuzes auf die Insel. Wir wollen denen zeigen, dass es hier anständig zugeht. Daher werden wir auch den Garten des Gouverneurs und die Straßen der Hauptstadt säubern und schöner machen!“

Ich konnte mein Glück nicht fassen. Mindestens einen Monat weg aus den Sümpfen und wenn ich mich geschickt anstelle vielleicht auch für immer!

Wir säuberten die Straßen der Hauptstadt, ich tat, was angewiesen wurde. Wir brachten den Müll in Karren weg, reinigten die Abflüsse und die Kanalisation, verlegten Platten in Gehwegen neu, besserten Dächer und Wände aus. Egal was anfiel – wir machten es. Kaufleute und andere Bewohner gewöhnten sich an unseren Anblick und dass wir alles Mögliche für sie reparierten. Manchmal besserten wir auch deren Häuser aus. Als Bezahlung erhielten unsere Aufseher Wein und Geld. Wir erhielten nichts. Aber ich war zufrieden. Bloß weg von den Sümpfen!

Im Garten des Gouverneurs pflanzten wir neue Beete, stutzten Büsche und Hecken. Wir strichen die Veranda wieder weiß an, wo in den letzten Jahren die Farbe abgeblättert hatte. Manchmal kam der Gouverneur heraus und beobachtete uns beim Arbeiten. Er nickte, rauchte weiter an seiner Pfeife und ging wieder hinein.

Die Wächter standen unweit von uns, tranken Wein aus Kaffeekannen. Sie schoben die Helme in den Nacken und unterhielten sich lautstark über die aktuelle politische Situation in Frankreich und Europa. Sie achteten kaum auf uns. Wohin hätten wir auch fliehen sollen? Es gab nur die Insel und sonst nichts. Weit und breit nichts! Nur wenige hatten eine Flucht versucht und noch weniger hatten es geschafft, erfolgreich zum Festland zu kommen. Dort wurden sie geschnappt und wieder zurückgebracht. Nach wenigen Wochen starben sie an den Folgen der Misshandlung durch die Wachen.

Wir gingen abends in ein Haus am Rande des Ortes. Dort wurden wir in einen Raum eingesperrt ohne Fenster, mit einem Eimer für die Notdurft, den wir morgens leerten. Wir schliefen in Hängematten. Ich fiel müde hinein und stand morgens auf. Immer in dem Bewusstsein, dass der kommende Tag immer besser war als die Tage, die wir hinter uns gelassen hatten.

Die Zeit verging. Die Straßen vom Kai in den Ort waren gesäubert, die Häuser leuchteten in weiß und hellblau. Mehrmals standen wir am Kai und sahen zum Ort, der sich vor uns erstreckte. Wir genossen den Anblick, den Geruch des Meeres. Ich fühlte mich so lebendig wie schon lange nicht mehr. Am Nachmittag riefen uns die Wachen zusammen. Sie trugen neue Uniformen und verteilten Kleidung an uns. Wir sollten für morgen, wenn das Schiff mit dem hohen Besuch anlegte, gut aussehen. Sie teilten uns mit, dass wir morgen die Gepäckstücke der Ankommenden von Bord des Schiffes holen sollten. Wir nickten nur, nahmen die Kleidung entgegen. Wir erhielten auch neue Sandalen. Ich konnte es kaum glauben, lief ich doch seit meiner Ankunft auf der Insel nur barfuß herum, auch im Sumpf.

Wir brachten die Kleidung zu unserer Unterkunft, begleitet von einer gelangweilten Wache. Wir hängten sie an ein Seil auf, das wir an einer Wand entlang aufgespannt hatten.

Wir waren alle stolz auf unsere Kleidung. Acht Männer waren wir. Abends in der Unterkunft sprachen wir darüber, was wir im Zivilleben gewesen waren. Zwei waren Kriminelle, einer Arzt, der betrunken einen Patienten operiert hatte. Der Mann starb und der Arzt landete hier. Zwei Bauern, die Schulden hatten und damit beglichen, dass sie ihre Häuser anzündeten, um die Versicherung zu betrügen. Einer war Apotheker gewesen, der ein falsches Mittel weitergab, ebenfalls betrunken. Eine ganze Familie starb und er bekam zwanzig Jahre hier. Pierre, der Schweigsame, hatte schließlich berichtet, dass er seine Frau mit einem anderen im Bett erwischt hatte, und er sah auf seine Hände hinab und sagte leise, dass er beide umgebracht hatte. Ich war Ingenieur, Bauleiter bei einer Brücke. Aufgrund einer fehlerhaften statischen Berechnung war ein Teil der Brücke zusammengebrochen und vier Arbeiter starben. Mir wurde eine erhebliche Mitschuld angelastet, da ich als Bauleiter den Fehler in der Berechnung hätte sehen müssen. Wegen fahrlässiger Tötung erhielt ich fünfzehn Jahre Teufelsinsel. Ein Todesurteil! Ich erinnere mich noch, wie ich damals im muffigen Gerichtssaal vor dem selbstherrlichen Richter stand und dieser auf mich zeigte und das Urteil mir entgegenspie. Wie benommen nahm ich das Urteil hin, spürte nicht mehr, wie ich von Polizisten aus dem Raum geführt wurde. Nach der langen Überfahrt war ich dann mit all den anderen Bemitleidenswerten hier angekommen. In weiser Voraussicht hatte ich mir einen länglichen Behälter mit Geldscheinen anal eingeführt und auch drinnen behalten. Die Ärzte, die bei Entzündungen die kleinen Etuis rausschneiden mussten, behielten das Geld, andere hatten Ruhr und konnten die Etuis nicht drinnen behalten, das Geld wurde ihnen gestohlen. Ich hatte es geschafft, mir so mit dem Geld Ruhe bei den Wächtern erkauft. Das Geld war schnell weg und ich wurde genauso schlecht behandelt wie die anderen. Sogar noch schlimmer, weil die Wärter kein Geld mehr von mir erhielten. Ich musste hart arbeiten. Manchmal flehte ich Gott um den Tod an. Jetzt wusste ich, warum er mich hatte leben lassen.

Früh am nächsten Morgen erschienen die Wärter mit einem Rasierpinsel und einem Rasiermesser. Einer trug eine Schüssel voll Wasser und sie stellten alles vor uns ab. Während wir uns einseiften und vor einem Spiegel rasierten, hielten sie wegen des Rasiermessers Abstand von uns und hatten ihre Pistolen griffbereit. Anschließend sahen wir sauber aus, zogen frische Kleidung nach der Morgendusche an. Die Wächter hatten das Rasierzeug entfernt und ließen uns draußen antreten. Herbert, der Anführer der Wächter, baute sich vor uns auf, seine Hände in den Taschen.

„Gefangene!“, rief er. „Heute wird das Schiff der Besucher anlegen. Es sind Leute vom Roten Kreuz dabei, die sich bei uns umsehen wollen und nur das Beste zu sehen bekommen werden. Ihr geht an Bord des Schiffes und bringt ihre Koffer und Taschen herunter. Alles tragt ihr dann in das Haus des Gouverneurs. Für die paar Tage werden die Leute Gäste des Gouverneurs sein. Ihr alle werdet euch benehmen. Verstanden?“

Wir bejahten. Er war zufrieden und sah zum Hafen. Weit draußen kam das monatliche Versorgungsschiff langsam näher. Wir eilten zum Kai, stellten uns neben der Ehrengarde von Soldaten an, nahmen unsere Hüte ab. Der große weiße Dampfer kam näher, wurde langsamer. Er glitt zwischen den Fischerbooten heran und legte am Kai an. Seile wurden hinabgeworfen und am Kai befestigt. Matrosen eilten geschäftig an der Reling hin und her, eine überdachte Treppe wurde abgelassen, parallel zur Bordwand. Matrosen stiegen sie herunter, sicherten sie. Einige weißgekleidete Seeoffiziere verließen das Schiff, stiegen das Fallreep hinab und traten zu den wartenden...

Erscheint lt. Verlag 31.7.2024
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Abenteuer • Belletristik • Fantasy • Krimi • Science Fiction
ISBN-10 3-7597-4662-4 / 3759746624
ISBN-13 978-3-7597-4662-7 / 9783759746627
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