Fatale Flora. Von giftigen Pflanzen und gemeinen Menschen (eBook)
288 Seiten
HarperCollins eBook (Verlag)
978-3-7499-0650-5 (ISBN)
Willkommen im gefährlichsten Garten der Welt!
Auf den ersten Blick wirkt der Schlossgarten von Alnwick ganz harmlos: gepflegte Hecken, blühende Beete, saftiges Grün. Doch hinter seinen Toren verbirgt sich der tödlichste Garten der Welt: Poison Garden. Gegründet von Jane Percy, Herzogin von Northumberland.
Hier beginnt Noemis Reise in die Welt der Gifte. Fasziniert folgt sie John Knox, der den Besuchern von Alraune bis Rizinusbaum die Pflanzen und ihre verheerenden Wirkungen erklärt. Und Noemi versteht: Wo Gift wächst, sind auch Mörder.
Eisenhut im Currygericht, Atropin im Gin Tonic, Rizin in einer Tasse Tee. Nicht selten trifft Gift auf kulinarischen Einfallsreichtum. Spannend erzählt Noemi von den schönsten, skurrilsten und legendärsten Giftmorden der Geschichte, ihren Protagonisten und bis heute unterschätzten Mörderinnen.
Über das tödliche Potenzial in unseren Gärten und menschliche Abgründe - das sind mörderisch gute Geschichten!
<p>Noemi Harnickell, geboren 1992 in Bern, arbeitet als freie Journalistin und schreibt u.a. für <em>Die Zeit</em> und das Online-Magazin <em>Republik</em>. Mit ihrer Reportage »Würden Sie diesen Mann entlassen?« war sie für den Deutschen Reporterpreis 2020 nominiert. Sie studierte Geschichte und Slawistik in Bern, Fribourg und Krakau und absolvierte die Reportageschule Reutlingen.</p>
Eins
Willkommen im Poison Garden
»Alle Pflanzen hinter diesen Toren haben die Fähigkeit, euch zu töten. Ihr dürft sie nicht berühren, an ihnen riechen oder ihnen zu nahekommen.« John Knox schenkt den Gästen seiner Nachmittagstour einen strengen durchdringenden Blick. Dann entriegelt er mit einem Schlüssel die schwarzen, mit Totenschädeln dekorierten Eisentore. Die Scharniere quietschen, die Besucher lachen verhalten, man hört fast, wie manche von ihnen förmlich die Luft anhalten. Gleich werden sie den gefährlichsten Garten der Welt betreten.
Der Poison Garden von Alnwick in der nordenglischen Grafschaft Northumberland beherbergt über hundert giftige Pflanzenarten, von hochgiftigen Tropengewächsen über Psychedelika bis hin zu Hauspflanzen, mit denen man an diesem Ort nicht gerechnet hat. Vor einem Beet mit prächtigen grünen Blättern an roten Stängeln bleibt John Knox stehen. Er muss sie erst zur Seite schieben, damit man das kleine Schild sehen kann, auf dem steht: Rheum rhabarbarum. Gemeiner Rhabarber. Ein ungläubiges Tuscheln geht durch die Menge. Rhabarber? Eine tödliche Pflanze? John Knox verzieht keine Miene, als er erklärt, dass sich in den Blättern Oxalsäure 1 befindet, die man sich wie »zahnstocherförmige Kristalle« vorstellen müsse: »Wenn ihr den Rhabarber roh esst, zerfetzen die euch den Mund, die Zunge und den hinteren Teil des Rachens!«
Die wenigsten Menschen denken bei Giftpflanzen an den eigenen Garten. Dabei sieht der Poison Garden einem englischen Schrebergarten nicht unähnlich. Das ist kein Zufall: Den meisten Pflanzen, die er beherbergt, begegnen wir im Alltag beim Spazieren oder Wandern und nicht selten eben auch: beim Gärtnern zu Hause!
Der Poison Garden wurde 2005 als Teil der Schlossgartenanlage von Alnwick Castle eröffnet. Treibende Kraft hinter dem Projekt ist Jane Percy, die Herzogin von Northumberland. Ihre Familie residiert bis heute in dem mittelalterlichen Schloss, das sich hinter dem Poison Garden erstreckt. Für Percy bieten die Giftpflanzen einen Zugang zu einer Vielfalt von Geschichten, mit denen sie das Interesse der Menschen wecken kann. »Kindern«, sagt sie, »ist es doch egal, ob Aspirin aus der Rinde eines Baums gewonnen wird. Was sie wirklich spannend finden, ist, wie eine Pflanze jemanden töten kann!«
Jedes Gewächs auf den fünfhundertsechzig Quadratmetern, auf denen sich der von Lorbeerhecken gesäumte Poison Garden erstreckt, erzählt eine Geschichte. Ein gepflasterter Weg führt zwischen den Beeten hindurch, ein Apfelbaum spendet Schatten vor der Mittagssonne (Apfelkerne enthalten giftige Blausäure). Eine Holzbank steht zwischen den Beeten. Das Plätschern eines Springbrunnens ist zu hören. Aber das Idyll täuscht: An der Mauer am äußeren Rand des Gartens hängen Infotafeln, die an schauerliche Giftmorde erinnern. »The Curry Killer« steht da oder »Doctor Death«.
John Knox ist um die fünfzig und der »main guide« des Poison Garden. Ohne Führung dürfen Besucherinnen und Besucher den Garten nicht betreten. Lohnt sich aber auch nicht, denn John Knox und seine Kolleginnen haben ein immenses Repertoire an Wissen und Geschichten, ohne die man selbst aufgeschmissen wäre. Ein Highlight der Tour ist der Rizinusbaum, auch Wunderbaum genannt, in der Mitte des Gartens. Er steht in einem eisernen Käfig, der Besucher davon abhalten soll, sich an seinen Früchten zu vergreifen. »So!«, donnert John fröhlich in die Runde. »Das ist die giftigste Pflanze der Welt!«
In den stacheligen roten Früchten befindet sich die Bohne, aus der Rizinusöl gewonnen wird. Das Öl wird in der Medizin unter anderem als Entzündungshemmer eingesetzt. Was aber nach dem Extrahieren ebenfalls in der Bohne übrig bleibt, ist das Toxin Rizin. »Eine einzige Bohne«, sagt John, »enthält genug Rizin, um hundert Menschen zu töten. Die Pflanze in diesem Käfig könnte an die achttausend Leute umbringen.«
1978 fiel der bulgarische Schriftsteller und Regimekritiker Georgi Markow einem Attentat des bulgarischen Geheimdiensts zum Opfer. Während er auf der Waterloo Bridge in London auf den Bus wartete, wurde er von einem Regenschirm scheinbar zufällig ins Bein gepikst. In der Spitze des Schirms befand sich ein winziges Kugelfass-Injektionsgerät, das einen Tropfen Rizin in der Größe eines Salzkorns enthielt. Innerhalb von Stunden entwickelte Markow hohes Fieber und heftige Übelkeit. Seine Schleimhäute trockneten aus, und seine inneren Organe begannen, sich zu zersetzen. Nach drei Tagen war er tot. »Ein Gegengift«, sagt John, »gibt es nicht.« Die Wahrscheinlichkeit, dass Gartenbesucher und Gartenbesucherinnen den Giftstoff destillieren können, ist aber sehr gering. Nur geübte Chemikerinnen und Chemiker, Laboranten und Laborantinnen haben das dafür nötige Know-how.
Das erste Mal hörte ich vom Poison Garden während des Lockdowns 2021. Sie erinnern sich an diese Zeit, als alle Tage in grauer Monotonie ineinanderflossen? An das Grau erinnere ich mich ganz besonders, weil ich damals in Hamburg lebte und die ersten drei Monate des Jahres tiefe Wolken über der Stadt hingen. Einmal die Woche traf ich mich mit zwei Freundinnen an der Binnenalster, und wir tranken billigen Rosé aus mitgebrachten Bechern, während wir versuchten, nicht zu nah beieinanderzustehen, weil drei Leute aus verschiedenen Haushalten nicht gemeinsam unterwegs sein durften. Man durfte zu jener Zeit in Hamburg eigentlich auch keinen Alkohol in der Öffentlichkeit trinken. Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie so viele Gesetze auf einmal gebrochen.
Weil ich keine Freunde treffen durfte und die gesamte Redaktion von GEO, für die ich damals arbeitete, im Homeoffice war, verbrachte ich viele Stunden damit, Reiseblogs zu lesen. Must-sees, die natürlich alle geschlossen waren, Interrail-Routen, die nicht länger bedient wurden, die schönsten Strände, die von wilden Hunden zurückerobert worden waren. Eine kleine Obsession von mir war, Urlaube zu planen, die ich niemals machen würde. Irgendwo in diesem Strudel aus Pinterest-Posts und alten Reiseblogs stieß ich auf ein YouTube-Video über den »gefährlichsten Garten der Welt«.
Das Video war bei blauem Himmel gedreht worden und ist mit fröhlicher Streichermusik unterlegt, während ein Gärtner aus dem Voiceover aufzählt, wie verschiedene Pflanzen einen umbringen können. »Atropa belladonna wird dich töten. Datura wird dich in den Schlaf versetzen … für immer. Aconitum wird dich töten. Lorbeer erzeugt Zyanid … und wird dich töten.« 2 Man sieht einen Gärtner, wie er in einem weißen Ganzkörperanzug durch die schweren Eisentore geht. Die Kamera bleibt kurz an den goldenen Totenköpfen hängen und der Aufschrift an beiden Toren, die warnt: »These plants can kill.« Dann schwenkt sie zum Inneren des Gartens und zeigt in einer schnellen Abfolge zarte lila Blüten, grüne Blätter, eine Biene, die am Nektar einer weißen Blume saugt. Es ist ein Bild perfekten Idylls, gepaart mit gruseligen Geschichten und einem Hauch schwarzen britischen Humors. Wenn dieser Lockdown vorbei war, versprach ich mir, würde ich nach Nordengland reisen und diesen Garten besuchen.
Giftpflanzen üben eine ganz besondere Faszination auf mich und viele andere aus. Ich glaube, das liegt zum einen an dem Widerspruch zwischen der auffallenden Schönheit vieler Blüten und der Gefahr, die ihnen innewohnt; er verdeutlicht das empfindliche Gleichgewicht zwischen Leben und Tod. Zum anderen verbergen sich hinter ihren Blättern die absurdesten, furchtbarsten und witzigsten Geschichten.
Was Geschichten angeht, bin ich sehr sensibel. Ich mag Krimis, aber keine Thriller. Ich mag Whodunnits, aber keine Howdunnits. Ich mag Spannung, aber kein Blut. Giftpflanzen sind darum die perfekten Protagonisten. Sie lassen mehr Raum für die Handlung, sich zu entfalten, als das Geschichten von Axtmördern tun. Ein Mensch mit abgehacktem Kopf ist tot, darüber brauchen wir nicht zu rätseln. Bei Gift sind die Folgen nicht nur weniger absehbar, sondern auch vielfältiger.
Ein Beet weiter mahnt John die Gäste, ihre Hände nun dicht am Körper zu halten, denn die Blätter der nächsten Pflanze, dem Riesen-Bärenklau, wirken phototoxisch. Bei der bloßen Berührung gelangt Gift auf die Haut und baut deren UV-Schutz ab. An diesem sonnigen Junitag ist das besonders gefährlich, denn wenn Sonnenlicht auf die infizierte Haut gelangt, können sich faustgroße Blasen bilden. Bei einer Infektion steigt das Risiko, an Hautkrebs zu erkranken, um fünfundzwanzig Prozent. »Vor einigen Jahren«, erzählt John, »arbeitete eine unserer Gärtnerinnen an diesem Beet. Sie trug Handschuhe, um sich zu schützen, aber weil es ein warmer Sommertag war, hatte sie die Ärmel hochgekrempelt. Ein Besucher stolperte über sie und schubste sie mitten in den Riesen-Bärenklau!« John macht eine dramatische Pause. »Am nächsten Tag hatte sie riesige Blasen am Arm. Seither kann sie nur noch mit bedeckten Armen nach draußen gehen.«
Der Riesen-Bärenklau stammt ursprünglich aus dem Kaukasus und wurde im 19. Jahrhundert in Mittel- und Westeuropa eingeschleppt. Er kommt oft entlang von Flüssen und Kanälen vor und kann mehrere Meter hochwachsen. Seine Größe hat dem Riesen-Bärenklau seinen lateinischen Namen Heracleum mantegazzianum eingebracht, der an den griechischen...
| Erscheint lt. Verlag | 28.1.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Literatur ► Krimi / Thriller / Horror | |
| Sachbuch/Ratgeber ► Geschichte / Politik ► Allgemeines / Lexika | |
| Technik | |
| Schlagworte | Alraune • Atropin • Bern • Berühmte Kriminalfälle • berühmte mörder • berühmte Vergiftungen • Botanik • Cozy Crime • Eibe • Eisenhut • Garten • Gartenkrimi • Gärtnern • Geschichte der Medizin • Giftgärten • Giftglossar • Giftmorde • Giftpflanzen • Herzogin von Northumberland • Hintergründe Krimi • Hobbygärtner • Horror • Jane Percy • kirschlorbeer • Krimi • Medizingeschichte • Pflanzen • Pflanzengifte • Pflanzengiftmorde • Pflanzenkrimi • Pflanzenwissen • poison garden • Rache • Rizinusbäume • spannend • Stechapfel • The Alnwick Garden • tödliche pflanzen • Tollkirsche • toxisch • True Crime • Unterschätzte Mörderinnen • Wahre Kriminalfälle • Wahre Verbrechen |
| ISBN-10 | 3-7499-0650-5 / 3749906505 |
| ISBN-13 | 978-3-7499-0650-5 / 9783749906505 |
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