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Die Mondtänzerin (eBook)

Roman

(Autor)

eBook Download: EPUB
2024
396 Seiten
Heyne Verlag
978-3-641-29892-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die Mondtänzerin - Petra Grill
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Die bewegende Geschichte einer Gemeinschaft von Außenseitern und des legendären Zirkus Krone

Januar 1887: In einer eiskalten Winternacht kommt in einem notdürftig mit Stroh gepolsterten Eisenbahnwaggon Pipa zur Welt. Ihr Status als Findelkind spielt keine Rolle in der ungewöhnlichen Familie, die sich ihrer annimmt: Die bärtige Jungfrau Rosalia und der sanfte Gewichtheber Antonio ziehen sie groß wie ihre eigene Tochter. Sie alle sind Teil der »Menagerie Continental«, die sich auf dem Weg befindet, der große Zirkus Krone zu werden. Und Pipa wird ihr Star sein: Als gefeierte Artistin wird sie sich in schwindelnden Höhen vor jubelnden Menschenmengen durch die Lüfte schwingen. Dabei hört die Frage nach ihrer wahren Herkunft nie auf, an ihr zu nagen. Endlich zu Hause fühlt sie sich bei Henry, ihrer großen Liebe. Doch die Schrecken des Zweiten Weltkriegs reißen die beiden auseinander und drohen auch den Zirkus für immer zu zerstören.

Petra Grill wohnt in ihrer Heimatstadt Erding. Mit ihrem Debüt »Oktoberfest 1900« gelang ihr auf Anhieb der Sprung auf die SPIEGEL-Bestsellerliste. In ihrem neuen Roman rückt Petra Grill erneut zwei unterschiedliche facettenreiche Frauen ins Zentrum, die auf ihre ganz eigene Weise für ihr Glück kämpfen.

1.

Am Anfang war das Fliegen.

In Pipas frühesten Erinnerungen packten zwei grobe Hände sie an den Schultern, rissen sie fort von den Gitterstäben, an denen sie sich hochziehen wollte. Zu diesem Bild gehörten scharfer, durchdringender Raubtiergeruch und grelle Angst, als Pipa ohne Vorwarnung durch die Luft sauste und mit den Beinen hilflos im Nichts strampelte.

»Rosalia! Halt das Gör von den Käfigwagen fern, oder ich schick’s zurück zur Negertruppe!«

Dann fühlte Pipa sich ebenso plötzlich aufgefangen, in die Arme genommen, eingehüllt in Weichheit und Wärme, und der scharfe Gestank der Wölfe wurde abgelöst von Mamma Rosalias dick aufgetragenem englischem Parfüm.

»Bitte nicht, Herr Krone! Ich schau schon auf die Kleine, versprochen!«

Die Gestalt des Mannes mit der durchdringenden, heiseren Stimme knurrte zur Antwort etwas Böses und wandte sich ab. In Pipas Erinnerung hatte der Mann kein Gesicht, alles, was sie im Gedächtnis behielt, waren der gewaltige Schnurrbart, dessen Spitzen nach oben gezwirbelt waren, und die schmalen, tief liegenden Augen, die sie zornig anfunkelten.

»Du darfst Herrn Krone nicht böse sein«, erklärte Mamma ihr später, als sie allein, oder vielleicht mit Pappa Antonio, im Wagen saßen, auf der rot und gelb gestrichenen hölzernen Bank, die sich am Abend in Pipas Bett verwandelte. Es roch nach Holz und Rauch und nach der Suppe, die Mamma Rosalia mittags und abends auf dem kleinen Bollerofen kochte. »Er hat Angst um dich, verstehst du? Und zu Recht. Wie oft habe ich dir gesagt, du darfst die Hand nicht zwischen die Gitterstäbe stecken? Wie oft? Warum gehorchst du nicht?« Und dann folgte die grausame Erzählung, die Pipa später immer wieder hören sollte, wie eines Morgens, nur ein paar Monate nach Pipas Geburt, der junge Sohn von Herrn Krone in den Wagen zu seinen Bären gegangen war, um ihnen Kunststücke beizubringen.

»Das tat er jeden Tag, doch dieses Mal … Wir haben ihn gehört. Vom ganzen Jahrmarkt, aus allen umliegenden Buden sind die Leute zusammengelaufen, so hat der arme Fritz geschrien, aber die Ersten am Käfig waren Herr Krone und dein Pappa. Einer der Bären hat Fritz das Bein zerfleischt und ihn mit seinen Pranken fast erdrückt. Herr Krone hat durchs Gitter mit einem Jagdmesser nach dem Bären gestochen, und dein Pappa ist in den Wagen gestiegen und hat den Jungen herausgeholt.«

»Weil der Pappa der stärkste Mann der Welt ist«, sagte Pipa stolz. So viel wusste sie damals schon, hatte sie bereits von dem begriffen, was Herr Krone vor den Vorstellungen den Leuten zurief, die über den Jahrmarkt gingen. Und weil Pappa Antonio der stärkste Mann der Welt war, brauchte Pipa auch keine Angst zu haben, wenn er sie übermütig in die Höhe warf und wieder auffing und sie dabei »Uccelina« nannte, einen kleinen Vogel, den er fliegen ließ. Mit Pappa Antonio war Fliegen nicht furchteinflößend, sondern lustig und aufregend.

Mamma nahm Pipa lächelnd in den Arm und küsste sie in rascher Folge auf die Stirn, auf die Wangen und die Augen. Ihr Bart kitzelte Pipa dabei im Gesicht, bis Pipa lachen musste.

»Der stärkste Mann der Welt, genau. Aber auch wenn dein Pappa Antonio den armen Fritz aus dem Käfig gezogen hat, konnte ihm niemand mehr helfen. Sie haben ihn auf einem Karren ins Krankenhaus geschafft, und dort ist er gestorben. Kannst du verstehen, warum Herr Krone nicht will, dass du in die Nähe der Wölfe gehst? Er ist nicht böse, er möchte nur nicht, dass du verletzt wirst. Seit dem Unglück mit dem armen Fritz lässt er die Tiere immer nur im Käfig, und niemand darf ihnen mehr Kunststücke beibringen.«

Pipa nickte und sagte ja, sie verstehe es. Aber ganz verlor sie ihre Angst vor dem grimmigen, wortkargen Mann mit dem riesigen Schnurrbart nie.

Obwohl sie oft Mühe hatte, ihn überhaupt als denselben Mann zu erkennen. Denn wie alle Mitglieder der kleinen Reisegesellschaft in den Wohnwagen konnte Herr Krone sich verwandeln. Wenn Pipa ihm tagsüber zwischen den Wagen begegnete, wenn er wortlos die Tiere fütterte, sah er aus wie ein Bauer oder Knecht, in Hemdsärmeln und Weste und mit einem abgerissenen Strohhut auf dem Kopf, von dessen Rändern einzelne Halme abstanden. Abends jedoch, wenn sie in einem Dorf haltmachten, trat er aus seinem Wohnwagen im schimmernden dunklen Anzug, einen Zylinder auf dem Kopf und ein seidenes Einstecktuch in der Tasche, und führte zwischen den Tierkäfigen Zuschauer herum, die dafür vorher bei Frau Krone ein Billett am Kassenhäuschen gekauft hatten.

Niemand, nicht einmal Pappa Antonio, war dann so elegant wie Herr Krone.

Doch so freundlich er sich Pipa gegenüber später gab, die Drohung mit der »Negertruppe« konnte Pipa nicht vergessen. Sie kannte solche Gruppen; auf den Jahrmärkten, auf denen die Menagerie Continental aufbaute und Mamma Rosalia und Pappa Antonio auftraten, sah sie immer wieder welche. Die Angst, ihren Eltern weggenommen und in eine solche Truppe gegeben zu werden, verließ Pipa lange Zeit nicht, obwohl sie nicht begriff, weshalb Herr Krone die Macht haben sollte, so etwas zu entscheiden.

Wenn er sich neben dem Kassenhäuschen aufbaute und den Leuten zurief, sie sollten in seine Menagerie kommen, verwandelte Herr Krone sich nicht nur äußerlich. Seine Stimme, sonst rau und heiser, war dann voll und angenehm und trug weit. Führte er die Zuschauer von Käfig zu Käfig, wurde er auf einmal gesprächig, sogar witzig, er erfand die tollsten Geschichten zu seinen Tieren, um das Publikum zu unterhalten, rühmte die Gefährlichkeit der Wölfe und der einzelnen Löwin, die einsam in ihrem Käfigwagen saß. In Wahrheit waren die Wölfe alt, an Menschen gewöhnt und so zahm, dass einer, der einmal unbemerkt aus dem Käfigwagen entwischt war, danach stundenlang auf den hölzernen Stufen des Käfigwagens saß, mit den Pfoten an den Dielenbrettern vor dem geschlossenen Gitter scharrte und winselnd darauf wartete, dass jemand ihm das Tor öffnete. Die Löwin war blind und schlief außerhalb der Vorstellungen friedlich auf einer alten Decke, Herr Krone musste sie zwischen den Käfigstangen hindurch mit seiner Reitgerte anstoßen oder ihr einen Fleischbrocken hinwerfen, damit sie das Maul aufriss und die Leute sich über das Gebiss und das Brüllen gruseln konnten. Doch wenn Herr Krone erzählte, tat er es so überzeugend, dass sogar Pipa sich beinahe vor der blinden Seida fürchtete.

Auch die Geschichte seines toten Sohns erzählte Herr Krone, am Wagen mit den Braunbären. Den größten unter ihnen nannte er stets den »Mörderbären« und behauptete, er sei derjenige, der Fritz umgebracht hatte.

»Das stimmt natürlich gar nicht«, erzählte Frau Krone, wenn Mamma Rosalia mit Pipa zu Besuch in ihren Wohnwagen kam, »den Bären hat damals der Jagdwächter von Neuruppin erschossen.« Sie zwinkerte Pipa zu. »Aber das ist unser Geheimnis. Die Leute kommen zu uns, um etwas Besonderes zu sehen, etwas Wunderbares, Gefährliches oder Entsetzliches. Das müssen wir ihnen auch geben.«

Vielleicht lag darin tatsächlich ein Geheimnis, dachte Pipa, ein Geheimnis das ein bisschen so war wie Zauberei. Während der Vorführungen an den Käfigwagen verwandelte Herr Krone nicht nur sich, sondern sogar die Tiere. Solange Herr Krone sprach, wurden sie die Monster, von denen er erzählte, und der dicke Bruno schaute tatsächlich so bösartig und gefährlich drein, als hätte er den armen Herrn Fritz auf dem Gewissen.

Die kleine, spitznasige Frau Krone mit ihrem unmerklichen Lächeln und ihrer vornehmen Art mochte Pipa viel lieber als Herrn Krone. Nachdem sie am Abend an der Kasse gesessen hatte, zählte sie am nächsten Vormittag stets sorgfältig die Münzen auf dem schwarz lackierten Damensekretär ihres Wohnwagens zu kleinen Säulen. Sie hatte sehr schlanke, schmale Hände mit langen Fingern, ihre Nägel glänzten mehr als viele der abgegriffenen Kupfermünzen. Außerdem gab es noch drei Töchter, die aber älter als Pipa waren und außerdem nicht immer mit ihren Eltern reisten, sondern oft Monate oder sogar Jahre bei Verwandten in Berlin blieben. Frau Krone stammte aus gutem Haus, erzählte Mamma Rosalia, ihr Großvater war ein berühmter Zauberkünstler gewesen, dessen Familie in einem prächtigen Haus in Berlin lebte. Frau Krone legte deshalb Wert darauf, dass ihre Töchter mehr lernten, als Bärenkäfige zu reinigen oder ein Lama zu füttern. Wenn sie da waren, halfen sie freilich mit und passten auch manchmal auf Pipa auf, damit Pipa sich nicht heimlich zu Mamma Rosalia in die Vorstellung schlich.

Noch jemand verwandelte sich zu den Vorstellungen: Mamma und Pappa. Pappa Antonio trug dann ein enges Trikot und eine kurze Hose, die seine Muskeln frei ließen, darin stemmte er Gewichte und zog ganz allein einen schweren Wagen wie ein Pferd. Und Mamma legte eines der wunderschönen Kleider an, die sie in einer eigenen, mit Messingbeschlägen versehenen Truhe im Wohnwagen verstaut hatte. Wenn Pipa brav gewesen war, öffnete Mamma Rosalia diese Truhe für sie und erlaubte Pipa, mit der Hand über die glatten, glänzenden Stoffe zu streichen. Die Farben dieser Stoffe trugen Namen, die Pipa sich von Mamma Rosalia immer wieder vorsagen ließ, weil sie geheimnisvoll und fremdartig klangen, Purpur, Safran, Scharlach, Azur, Turmalin. Am Ausschnitt und an den Nähten hatten diese Kleider immer viele glitzernde Steinchen und Bänder in Gold und Silber. Wenn Mamma Rosalia eines dieser Kleider trug, bemalte sie Lippen, Wangen und Augenlider mit viel Farbe, steckte sich das Haar mit einem funkelnden Kamm zu einem Knoten in die Höhe, hängte sich zwei große Ringe an die Ohrläppchen, kämmte ihren Bart sehr sorgfältig und benutzte Bartwichse, um ihn zu formen. Manchmal...

Erscheint lt. Verlag 1.10.2024
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Historische Romane
Schlagworte 2024 • eBooks • Historische Romane • Neuerscheinung • Roman • Romane
ISBN-10 3-641-29892-X / 364129892X
ISBN-13 978-3-641-29892-0 / 9783641298920
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