Die Abende in der Buchhandlung Morisaki (eBook)
253 Seiten
Insel Verlag
978-3-458-78137-0 (ISBN)
Satoshi Yagisawa erzählt in seinem Bestseller schnörkellos, leichtfüßig und charmant von Menschen, die durch Bücher und einen wunderbaren Buchladen miteinander verbunden sind und sich gegenseitig durch schwere Zeiten begleiten.
Takako, die in Die Tage in der Buchhandlung Morisaki ihren Liebeskummer nach einer schlimmen Trennung überwunden hat, im Antiquariat ihres Onkels Satoru und ihrer Tante Momoko, umgeben von Büchern, ist nun frisch verliebt: Seit Kurzem ist sie mit Wada zusammen, der an einem Roman arbeitet, in dem es um die Buchhandlung Morisaki gehen soll. Und dort wird Takako nun wieder gebraucht, denn Momoko ist erneut schwer erkrankt. Takako unterstützt Satoru, wo sie kann, und packt wieder im Buchladen mit an. Mit ihrer Hilfe und der von Stammkunden und Freunden fasst Satoru neuen Mut ...
Satoshi Yagisawa wurde 1977 im japanischen Chiba geboren. Er studierte an der Nihon University in Tokio. Sein Debüt, <em>Die Tage in der Buchhandlung Morisaki</em>, wurde mit dem Chiyoda Literature Prize ausgezeichnet und ist ein internationaler Bestseller.
Eines freien Tages
Eines freien Tages lief ich eine mir wohlbekannte Strecke entlang. Es war ein ruhiger, friedlicher und warmer Nachmittag im Oktober. Unter meinem dünnen Schal, den ich mir lose um den Hals gewickelt hatte, begann ich zu schwitzen.
Hier kamen mir selbst tagsüber an einem Wochentag Menschen entgegen, die genau wie ich gemütlich die Straße entlangspazierten. Gelegentlich hielten sie vor einer Buchhandlung inne und verschwanden still darin, als ob sie von ihr verschlungen wurden.
Ich war in Jinbocho. Es liegt mitten in Tokio und ist ein etwas kurioser Ort, da hier fast alle Geschäfte Antiquariate sind. Seien es Kunstbände, Dramen, historische oder philosophische Sachbücher bis hin zu seltenen Objekten wie im japanischen Stil gebundene Bücher oder alte Karten – jedes der aneinandergereihten Antiquariate hat einen besonderen Schwerpunkt und versprüht sein eigenes Flair. Es soll hier über hundertsiebzig solcher Läden geben. Der Anblick einer Straße, auf der sich nichts als Buchhandlungen erstrecken, ist wirklich eindrucksvoll.
Obwohl sich auf der anderen Seite der Hauptstraße Bürogebäude auftürmen, gelingt es diesem Viertel, mit seinen Reihen an hübschen Häusern, dem umliegenden Trubel zu entfliehen. Man wird von einer ruhigen Atmosphäre umschlossen und fühlt sich, als ob die Uhr hier anders ticken würde. Und bevor man sich versieht, hat man jede Menge Zeit verbummelt.
Auch mein Ziel lag in dieser Ecke. Etwas abseits der Hauptstraße, kommt es bereits in den Blick, wenn man in eine Seitenstraße abbiegt.
Es handelt sich um das Antiquariat Morisaki, ein auf die japanische Literatur der Frühmoderne spezialisiertes Antiquariat.
»Hey, Takako-chan, hier, hallo!«
Als ich in die Straße einbog, hörte ich, wie eine fröhliche Stimme meinen Namen rief. Ein zierlicher Mann mittleren Alters mit schwarzer Brille winkte mir kräftig zu.
»Mensch, ich hab dir doch am Telefon gesagt, dass du nicht auf mich zu warten brauchst. Ich bin doch kein Kind mehr!«, protestierte ich leise, während ich mich hastig näherte.
Typisch! Immer behandelte er mich wie ein Kind. Dabei bin ich eine erwachsene Frau von bald achtundzwanzig Jahren. Ganz schön peinlich, wenn jemand einfach so auf der Straße den eigenen Namen brüllt.
»Du hast eben so lange gebraucht. Ich dachte schon, du hast dich vielleicht verlaufen, und hab mir Sorgen gemacht.«
»Deswegen musst du doch nicht vor dem Laden warten. Ich war doch schon dutzende Male hier. Als ob ich mich verlaufen würde!«
»Na, mag sein. Aber ein bisschen verträumt bist du schon, Takako-chan.«
Das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen und antwortete prompt: »Das sagt gerade der Richtige. Schau lieber mal gründlich in den Spiegel. Da würde dann ein verträumter Onkel über den Brillenrand zurückstarren.«
Der Mann war Morisaki Satoru. Mein Onkel mütterlicherseits und Inhaber des Antiquariats Morisaki in dritter Generation. Der ursprünglich von seinem Urgroßvater in der Taisho-Zeit errichtete Buchladen hatte sich nicht lange gehalten, aber das jetzige Antiquariat Morisaki gab es nun bereits seit etwa vierzig Jahren.
Schon vom Aussehen her wirkte mein Onkel Satoru etwas eigenartig. Er trug nur schäbige Klamotten und Sandalen, und seine Haare waren so struppig, als hätten sie noch nie einen Kamm aus der Nähe erlebt. Obendrein faselte er allerlei komisches Zeug und sagte wie ein Kind immer, was ihm gerade in den Sinn kam. Kurz gesagt, ein ziemlich schräger Vogel.
Nichtsdestotrotz, zu einem so besonderen Ort wie Jinbocho schienen schrulliges Aussehen und Benehmen überraschend gut zu passen, und mein Onkel war recht beliebt. Man würde hier kaum jemanden finden, der ihn nicht kannte.
Sein Geschäft befand sich in einem traditionellen zweistöckigen Holzgebäude und sah genauso altmodisch aus, wie man sich ein Antiquariat vorstellt. Innen war es eng und es hatten gerade mal fünf Kunden gleichzeitig Platz. Da außerdem in den Regalen nicht ausreichend Raum war, stapelten sich darauf, entlang der Wände und sogar hinter der Kasse alte Bücher, deren unverkennbarer, muffiger Geruch in der Luft lag. Überwiegend reihten sich günstige Bücher von hundert bis fünfhundert Yen aneinander, aber das Sortiment umfasste auch einige wertvolle Erstausgaben berühmter Autoren.
Es gab nicht mehr so viele Leute, die nach antiquarischen Büchern suchten, wie zur Zeit meines Großvaters, und ich hatte gehört, dass es wohl einige harte Zeiten gegeben hatte. Dass es den Laden noch gab, verdankte er den vielen Kunden, denen er am Herzen lag und die hier regelmäßig etwas kauften.
Es war bereits drei Jahre her, dass ich das Antiquariat zum ersten Mal besucht hatte.
Zu dieser Zeit hatte mir mein Onkel ein Zimmer im ersten Stock des Ladens überlassen und mir gesagt, dass ich dort so lange bleiben könne, wie ich wolle.
Ich erinnere mich noch sehr gut an das Leben hier. Aus Gründen, die mir rückblickend albern vorkommen, hatte ich meine Tage hier in großer Verzweiflung verbracht. Anfangs hatte ich meine Frustrationen oft an meinem Onkel ausgelassen oder mich wie die Protagonistin einer Tragödie in meinem Zimmer eingeschlossen und geweint. Er hat mir jedoch viel Geduld und Verständnis geschenkt. Außerdem hat er sich mit aller Kraft dafür eingesetzt, mir zu zeigen, wie anregend und spannend das Lesen sein kann und wie wichtig es fürs eigene Leben ist, sich seinen Gefühlen zu stellen.
Natürlich hat er mir auch eine Menge über Jinbocho beigebracht. Als ich bei meinem ersten Besuch in dieser Gegend nur voller Verwirrung die Straße mit nichts als Buchläden entlanggestarrt hatte, sagte er mir stolz, als ob er sich damit auf sich selbst etwas einbildete: »Auch die großen Schriftsteller haben Jinbocho immer geliebt und es gilt nicht umsonst als das Bücherviertel der Welt.« Um ehrlich zu sein, damals war der Groschen bei mir noch nicht gefallen und ich hatte nicht verstanden, worauf man hier so stolz sein könnte.
Nachdem ich hier eine Zeitlang gelebt hatte, konnte ich meinen Onkel aber sehr gut verstehen.
So ein spannendes, atmosphärisches Viertel gibt es wahrlich auf der Welt kein zweites Mal.
»Hey, was macht ihr beide da eigentlich?«
Eine laute Stimme unterbrach unser Geplänkel vor dem Eingang. Als ich ins Antiquariat hineinsah, erblickte ich eine Frau mit adrettem Kurzhaarschnitt, die hinter dem Tresen saß und mich missmutig anstarrte. Momoko.
»Meine Güte, dass ihr da draußen nicht in die Gänge kommt. Jetzt aber zack, zack.«
Mit ungeduldigem Gesichtsausdruck winkte sie mich zu sich. Offenbar war sie nicht erfreut darüber, alleine drinnen warten zu müssen.
Satorus Ehefrau, also meine Tante. Obwohl sie im gleichen Alter wie Onkel Satoru war, sah sie deutlich jünger aus und war mit einer Direktheit bewaffnet, die ihresgleichen suchte. Da konnte selbst er nicht mithalten und gehorchte ihr meistens brav wie ein Haushund. So zeigte er sich eigentlich nur, wenn Tante Momoko dabei war.
Tatsächlich hatte sie aus gewissen Gründen fünf Jahre lang getrennt von Onkel Satoru gelebt und war erst vor etwa einem Monat wohlbehalten zurückgekehrt. Seitdem führten sie das Antiquariat wieder zusammen.
»Na, Takako-chan, wie geht es dir in letzter Zeit?«, fragte Tante Momoko fröhlich.
Da sie sich immer ganz gerade hielt, strahlte sie selbst in Pullover und langem Rock eine gewisse Eleganz aus. Auf menschlicher Ebene wollte ich vielleicht nicht so imposant werden wie sie, aber die Anmut ihrer Körperhaltung bewunderte ich.
»Hm, alles in Ordnung. Auch die Arbeit läuft gut. Wie ist es bei dir?«
»Mir geht es wieder richtig gut!«
Tante Momoko spannte beide Arme an, als sei sie Popeye.
»Ach, das freut mich zu hören.«
Es beruhigte mich, sie so zu sehen. Vor einigen Jahren hatte sie an einer schweren Krankheit gelitten und stand immer noch unter Beobachtung. Auch Onkel Satoru machte sich große Sorgen um ihre Gesundheit, was seinen Hang zum Überdramatisieren zu sehr zum Vorschein kommen ließ und ihn nur besonders anstrengend machte.
»Wir haben Erdbeer-Mochi, möchtest du eins?«
»Oh, ja, warum nicht.«
»Mit Momoko hier...
| Erscheint lt. Verlag | 15.10.2024 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Bücherliebe in Tokio |
| Übersetzer | Charlotte Scheurer |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | aktuelles Buch • Antiquariat • Bestseller Japan • Bibliophil • Booklover • bookshop • Booktok • booktown • Buchcafé • Buchclub • Bücher • Bücherfreunde • Bücherliebe • Bücherliebe in Tokio • Bücher Neuererscheinung • Bücher Neuerscheinung • Bücherviertel • Bücherwurm • Buchhandel • Buchhändler • Buchhändlerin • Buchhandlung • Buchladen • Buchliebhaber • Buchliebhaberin • Die Tage in der Buchhandlung Morisaki • Familiengeschäft • feel-good-romance • Frida Skybäck • Happy End • healing fiction • insel taschenbuch 5129 • IT 5129 • IT5129 • Japan • japanischer Roman • Jenny Colgan • Jimbō-chō • Jinbocho • Kanto • Leidenschaft • Lesefreude • Leselust • Liebe zu Büchern • Manuela Inusa • Matt Haig • Neuererscheinung • neuerscheinung 2024 • Neuerscheinung 2025 • neues Buch • Ostasien Ferner Osten • Petra Hartlieb • Rachael Lucas • Roman aus Japan • Roman bibliophil • Roman über Bücher • Roman über Buchhandlung • Sarah Jio • Takako • Tokio • wohlfühlen • Wohlfühl-Roman • Zoku. Morisaki shoten no hibi deutsch |
| ISBN-10 | 3-458-78137-4 / 3458781374 |
| ISBN-13 | 978-3-458-78137-0 / 9783458781370 |
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