Biberbrugg (eBook)
352 Seiten
Emons Verlag
978-3-98707-211-6 (ISBN)
Silvia Götschi, Jahrgang 1958, zählt zu den arriviertesten Krimiautorinnen der Schweiz; 2023 war sie die erfolgreichste Schweizer Autorin. Ihre Krimis landen regelmäßig auf den vordersten Plätzen der Schweizer Belletristik-Bestsellerliste. Für zwei ihrer Krimis wurde sie mit dem GfK No 1 Buch Award ausgezeichnet. Sie hat drei Söhne und zwei Töchter und lebt heute mit ihrem Mann im Kanton Aargau. www.silvia-goetschi.ch
Silvia Götschi, Jahrgang 1958, zählt zu den arriviertesten Krimiautorinnen der Schweiz; 2023 war sie die erfolgreichste Schweizer Autorin. Ihre Krimis landen regelmäßig auf den vordersten Plätzen der Schweizer Belletristik-Bestsellerliste. Für zwei ihrer Krimis wurde sie mit dem GfK No 1 Buch Award ausgezeichnet. Sie hat drei Söhne und zwei Töchter und lebt heute mit ihrem Mann im Kanton Aargau. www.silvia-goetschi.ch
EINS
Von Osten her schob sich ein blasses Blau über den Himmel. Das Dorf schlüpfte aus einem ruhigen Schlaf. Enthusiastisch begrüßten die Vögel den Morgen mit ihrem Konzert. Die Temperaturen lagen über dem Nullpunkt, und ein feines Lüftchen wehte über das Feld.
Um halb acht holten Livio und Silvano den Wagen aus der Tenne. Es gab noch ein paar Kleinigkeiten zum Anbringen. Bei der Treppe am Wagen fehlten zwei Tannen und an der Tür zum Gartenhaus zwei beschriftete Messingschilder, welche sie erst spät am Abend fertiggestellt hatten. Sie waren stolz auf ihre Arbeit, rechneten sie doch damit, am diesjährigen »Sühudiumzug« aus der Masse zu stechen.
Livio sah skeptisch nach oben, als er das Tor zur Tenne aufschloss. »Was meinst du, wird Petrus heute die Gießkanne drinnen lassen?«
»Siehst du irgendwo Wolken?«, erwiderte Silvano. »Ich denk nicht, dass es regnen wird.«
»Ich bin dafür, den Plastiküberzug mitzunehmen. Für alle Fälle. Wäre doch schade um die tollen Dekorationen.«
»Und wie willst du das bewerkstelligen? Die Leiter am Wagen installieren? Ohne Leiter können wir die Plane nicht anbringen. Aber die Leiter hat definitiv keinen Platz. Nicht einmal im Wageninnern.«
»Wollen wir es ausprobieren?«
»Nein!«
»Erinnerst du dich an letztes Jahr?«, fragte Livio, während er den gebauten und geschmückten Wagen aus der Distanz noch einmal ansah. Den Traktor hatten sie bereits angekoppelt. Nun mussten sie damit nur noch über die schmale Zufahrt balancieren. Die Achse mit den Reifen am Wagen war fast so breit wie die Brücke. Es würde ein kniffliges Unterfangen werden.
»Und ob, es war schön bei frühlingshaften Temperaturen, und das Mitte Februar.«
»Heuer wird das Wetter krasser, du wirst sehen. Da sind wir mit unserem Thema goldrichtig. Sommerliche Gartenidylle wie in den Schweizer Schrebergärten, und das Anfang März. Fährst du und ich schaue, oder fahre ich, und du passt auf den Wagen auf?«
Livio war nicht wohl bei dem Gedanken. Würden sie es schaffen, den Wagen unversehrt auf die Straße zu bringen? »Wir hätten das bereits gestern Abend tun sollen, als wir mehr Zeit hatten. Was, wenn es schiefgeht?«
»Hey, wird es nicht. Es ist unsere Jungfernfahrt, hast du selbst gesagt. Warte mal, ich werde mit dem Handy ein paar Fotos machen.« Silvano holte sein Smartphone hervor und lichtete den Wagen aus verschiedenen Perspektiven ab.
»Na klar, solange der Wagen ganz ist.« Livio ging am Traktor vorbei. Er wusste, wenn beim kleinsten Schwenker eines der Wagenräder über den Rand gelangte, würde das Zurücksetzen schwierig sein, und man durfte sich deshalb von Anfang an keinen Fehler erlauben. »Auf geht’s.«
»Wie du willst.« Silvano murmelte etwas vor sich hin. »Hast du die Tannen?«
Livio ging zum Wagenende. »Ich stecke sie gleich in die Vorrichtung. Die Messingschilder werde ich später anbringen. Wir sollten uns beeilen, sonst werden wir nicht pünktlich auf dem Klosterplatz sein.«
Livio und Silvano mochten es, sich als Frauen zu verkleiden, ganz zum Leidwesen ihrer Mutter, die fand, das sei sexistisch und die Fasnacht keine Ausrede für solcherlei Auftritte. Vater hingegen meinte, es sei ein lustiges Thema. Beide trugen einen fleischfarbenen, weiblich üppig geformten, mit Tüchern ausgestopften Overall. Darauf hatten sie einen Bikini genäht. Eine blonde Perücke umrahmte eine Maske mit Schmollmund und langen Wimpern.
»Ich schwitze schon jetzt wie ein Bär«, beklagte sich Silvano und schwang sich auf den Traktor. Er setzte sich auf den Sitz, schob Maske und Perücke auf und startete den Motor. Er drehte den Kopf nach hinten. »Bist du ready?«
»Ja, alles okay.« Livio hatte die Tannen befestigt und die Messingschilder in seine Siebziger-Jahre-Strandtasche gesteckt, die er auf dem Dachboden gefunden hatte. Ein Überbleibsel aus Mutters Jungmädchenzeit. Für das fasnächtliche Sujet hatte es großer Phantasie und Geduld bedurft, bis alles zusammengetragen war. Mit dem Aufbau des Wagens hatten sie nach den Sommerferien im letzten Jahr bereits begonnen und in jeder freien Minute daran gearbeitet. Sie hatten mit Schaltafeln ein Gartenhaus auf einen flachen Ladeanhänger gebaut und mit einem Schrägdach versehen. Allein die Ziegel hatten ein beachtliches Gewicht. Zwei Fenster, eine Tür, sogar einen Kamin hatten sie angebracht. Um das Haus hatten sie mit Bäumchen, Plastikpflanzen, Gartengeräten und einem Vogelhaus dekoriert. Im Wageninnern gab es zwei Sitzbänke und einen Tisch, auf dem mit Kaffee gefüllte Thermosflaschen in einem Harass bereitstanden. Der Ausschank für die Zuschauer. Dazu würde es Kuchen geben. Es war Silvanos Idee gewesen. Er meinte, mit Speck fange man Mäuse oder die Zeitungsreporter, die an einer Fasnacht wie dieser in Einsiedeln dabei waren. Die würden bestimmt ein Foto von ihnen machen.
»Jetzt ganz langsam auf die Brücke.« Livio sprang über eine Mauer auf ein Podest und von dort auf den Vorplatz unterhalb der Tenne. Von da aus hatte er eine gute Sicht auf das Gefährt.
»Schneller geht sowieso nicht.« Silvano fuhr an. Zentimeter um Zentimeter schob sich der Wagen über die Brücke. Einen halben, einen, zwei Meter nach unten. »Verdammt!« Silvano bremste ab. »Der Wagen mit dem Gartenhaus stößt zu stark. Der Traktor wird der Last nicht mehr lange standhalten.«
»Wir hätten nicht so viel laden sollen.« Livio äugte nach oben. »Die Räder befinden sich in der Mitte der Kante. Perfekter könnte es nicht sein. Hey, du schaffst das.«
»Und wenn der Wagen kippt?« Silvano verkrampfte sich, ließ die Bremse los, fuhr wieder ein Stück.
»Wird er nicht. Komm, mach schon. In einer Stunde müssen wir in Einsiedeln sein.«
***
Es fiel ihm auch an diesem Morgen schwer, die Wohnung zu verlassen. Seit Sophie im Babysitz am Tisch saß, konnte sich Colin Lehmann kaum von seiner acht Monate alten Tochter losreißen. Meistens stellte er den Wecker früher als üblich, um fünf Minuten anzuhängen, bevor er nach Hitzkirch zur Interkantonalen Polizeischule fuhr. Dann stand er im Türrahmen, schaute auf seine kleine Familie, und ein warmes Gefühl der Zuneigung und des Stolzes erfüllte ihn. Seine Freundin Lea und sein Mädchen Sophie, das nach Mamans verstorbener Mutter benannt war. Sophie Bender, seine Großmutter, die Colin nie kennengelernt hatte.
Wider alle Vorhersagen hatten Colin und Lea uneingeschränkte Hilfe ihrer beider Eltern erfahren dürfen. Nie war die Schwangerschaft der damals Achtzehnjährigen und Studienanfängerin hinterfragt worden. Man hatte von Anfang an zu ihnen gestanden, sie unterstützt und sich so arrangiert, dass Lea die Ausbildung zur Architektin nach dem Mutterschaftsurlaub weitermachen konnte. Leas Mutter hatte sich sogar bereit erklärt, sich dem Baby anzunehmen, wenn ihre Tochter außer Haus war.
Die Schwangerschaft war einfach gewesen. Lea hatte bis kurz vor der Geburt das erste Studienjahr an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich komplikationslos überstanden. Seit zwei Wochen studierte sie wieder. Alles war bis anhin reibungslos verlaufen, fast zu schön, um wahr zu sein. Das Einzige, was Colin an der Situation bemängelte, war Mamans seltenes Engagement. Ihr Beruf bei der Kriminalpolizei Schwyz verlangte ihr viel ab. Freizeit war ein Fremdwort für sie. Oft fragte sich Colin, ob der Entscheid, zur Polizei zu gehen, richtig gewesen war. Der Job in der IT hatte ihm ein regelmäßiges Einkommen gesichert. Heute musste er gut einteilen, und wenn Leas Eltern und seine Maman sie nicht finanziell unterstützt hätten, hätte er es sich zweimal überlegen müssen.
»Willst du warten, bis meine Mam eintrifft?« Lea versuchte, Sophie mit Hilfe eines Löffels Brei einzugeben, was ihr nicht gelang. Die Kleine legte schon jetzt ein Temperament an den Tag, das die jungen Eltern manchmal überforderte. Sophie kleckerte, und der Brei landete überall, nur nicht im Mund.
Colin konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. »So lange kann ich nicht warten. Richte ihr schöne Grüße von mir aus.«
Er zog sich Schuhe und Jacke an, griff nach dem Autoschlüssel und verließ die Wohnung, nachdem er seinen Liebsten einen Kuss auf die Wange gedrückt hatte. Im letzten Herbst waren sie von Zug nach Sins umgezogen, nachdem Colin sowie Lea einen den Umständen angepassten Kompromiss eingegangen waren. Wohnen auf dem Land war, nebst den fehlenden Annehmlichkeiten, welche die Stadt bot, überwiegend vorteilhaft. Mit der Kleinen sowieso. Durch Zufall hatten sie eine Bleibe mit einer erschwinglichen Miete im Zweifamilienhaus eines betagten Ehepaars gefunden. Nicht den Luxus, den sie sich vorgestellt hatten, aber die Wohnung war sauber und hell. Sah man aus dem Küchenfenster, fiel der Blick auf einen Bauernhof. Der kommende Frühling versprach viel Schönes: blühende Apfelbäume, saftige Wiesen voll von gelbem Löwenzahn, die erste Pusteblume für Sophie, weidende Kühe, Glockengeläute. Seit Colin Vater war, hatte sich sein Gefühlsleben in eine sensitive Richtung entwickelt. Er sah vor allem die Natur mit anderen Augen an als früher. Fast hätte er behaupten können, ehrfürchtiger geworden zu sein. Mit seinem Vater pflegte er kaum mehr Kontakt. Willy Lehmann hatte ihm zu Sophies Geburt eine Karte geschrieben. Für einen Besuch hatte seine Zeit nicht gereicht. Das Interesse an seinem Sohn war mit Colins Volljährigkeit verschwunden. Colin wusste nicht einmal, wo sein Vater wohnte. Auch gut. In Emilio Zanetti, Mamans Lebenspartner, hatte er eine gute Ansprechperson für Männergespräche gefunden.
Colin ging zum Carport neben dem Haus, wo sein Subaru Impreza stand. Eigentlich hatte er...
| Erscheint lt. Verlag | 26.11.2024 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Valérie Lehmann |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | bestialische Morde • Biberbrugg • dramatisch • Drogen • Exit • hart-realistisch • Mord • Neid • Polzeiroman • Rache • spannend • Spannung • Sterbehilfe • Thriller • Todessehnsucht • Trauer • Traurig • Unterhaltungssucht |
| ISBN-10 | 3-98707-211-3 / 3987072113 |
| ISBN-13 | 978-3-98707-211-6 / 9783987072116 |
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