Stefanie Lasthaus wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach dem Studium zog es sie nach Australien, England sowie in die Schweiz. Zurück in Deutschland, widmete sie sich zunächst dem Dokumentationsfilm und schließlich ganz dem Schreiben – ob für Zeitungen, Zeitschriften, Onlinespiele, dem PR-Bereich oder als Autorin ihrer Romane. Da sie nur noch temporär durch die Welt reisen kann, besucht sie in ihren Büchern Gegenden, die sie faszinieren. Stefanie Lasthaus schreibt auch unter dem Pseudonym Hannah Luis und lebt in Essen.
1
Hit and run
Mit einem dumpfen Geräusch landete ein Käfer außen an der Fensterscheibe. Einen Moment lang rührte er sich nicht, aber als Flo den Kopf bewegte, faltete er die braunen Flügel zusammen und krabbelte los.
Flo blickte wieder weg, und selbst diese Bewegung war anstrengend. Am liebsten hätte sie eine Hand ausgestreckt und das Fenster geöffnet, weil die Luft im Wohnzimmer inzwischen so schwer geworden war, dass sie bald vielleicht nicht mehr atmen konnte. Aber der Griff war zwei Armlängen entfernt, und sie hatte keine Ahnung, wie sie die überwinden sollte.
Sie fühlte sich, als wäre sie nicht mehr Teil der Welt, könnte sich nicht in ihr bewegen, nichts anfassen. Alles um sie herum lebte, lief und krabbelte weiter, nur sie war in dieser Starre gefangen, von der sie nicht wusste, ob sie irgendwann wieder verschwinden würde. Das einzig Gute daran war, dass sie auch alles Negative von ihr fernhielt, so wie Trauer und Fassungslosigkeit. Oder die Gewissheit, hilflos und allein zu sein.
Nur wie lange?
Ihr Blick fiel auf die Erdbröckchen, die der Officer auf dem alten Teppich zurückgelassen hatte. Dunkelbraun auf verwaschenem Blau. Sie verliefen in gerader Linie zur Tür und hatten das Leben aus der Wohnung mit sich genommen.
Flo konnte sich nicht an den Namen des Polizisten erinnern, dabei hatte er ihn mehrmals erwähnt – bevor und nachdem er fragte, ob sie Florie Deverell sei. Da hatte sie bereits gewusst, dass es um Sam ging, denn der Officer mit den grauen Schläfen, dem Seitenscheitel und dem süßlichen Geruch nach E-Zigarette hatte die Pappkarte in der Hand gehalten, die Sam in seinem Portemonnaie aufbewahrte. Die, auf der seine Adresse, die Blutgruppe und ihr Name als Notfallkontakt verzeichnet waren.
Kurz hatte sie sich gewundert, warum niemand sie angerufen hatte. Warum der zweite Polizist im Flur wartete und mit mitleidigem Gesicht umherstarrte. Oder warum er und der Officer mit den schmutzigen Schuhen persönlich bei ihr auftauchten – bis ihr aufgegangen war, dass sie ihr Handy unten im Tattooshop liegen gelassen haben musste, als sie für die Pause hoch in ihre Wohnung gegangen war, und man vermutlich zuvor versucht hatte, sie darüber zu erreichen. An diesen Bildern hatte sie sich festgeklammert, weil es viel leichter war, über ein Handy oder die eigene Vergesslichkeit nachzudenken. Im Kopf war sie die Termine für den Nachmittag durchgegangen und hatte sich an Stevens letzten Entwurf für das Blumentattoo von Michelle Watts erinnert, der so kitschig gewesen war, dass sie Lust auf Kakao mit Marshmallows bekommen hatte. Ihre Gedanken waren gewandert, damit sie nicht hören musste, was der Mann in Uniform sagte, während er redete und redete und redete.
Trotzdem hatte sie alles mitbekommen, und jetzt, in der Stille, kehrte es zu ihr zurück, während sie beobachtete, wie der Käfer die Flügel ausbreitete und losflog.
Sam dagegen würde nie mehr zurückkehren. Man hatte seine Leiche ins Valgate Central Hospital gebracht und mittlerweile wohl auch seine Eltern informiert, die Flo die Schuld geben würden, so wie sie es mit allem taten, was ihren Sohn betraf. In ihren Augen lag es ausschließlich an ihr, dass er in dieser WG lebte und kein großer Künstler geworden war, sondern als Radkurier arbeitete.
Gearbeitet hatte.
Der Autofahrer, der den Unfall verursacht hatte, wurde noch gesucht.
Das machte ihr am meisten zu schaffen. Dort draußen gab es einen Menschen, der das Leben ihres besten Freundes beendet hatte, einfach so, und er fuhr weiter durch die Gegend, als wäre dies ein Tag wie jeder andere. Als wäre alles völlig normal.
Aber das war es nicht. Das würde es nie wieder sein.
Der Officer hatte geklungen, als hätte er heute schon mehrere solcher Nachrichten überbracht. Möglich war es. In der Stadt veränderten sich Dinge, und das nicht nur zum Positiven. Trotzdem waren sie in Valgate geblieben, sie und Sam, und Flo hatte zu glauben gewagt, dass sie alles Negative hinter sich gelassen hatten und nicht mehr weiterziehen mussten. Sie waren ein gutes Team.
Gewesen, verdammt, sie waren ein Team gewesen!
Sogar ein noch besseres, seitdem sie beschlossen hatten, kein Paar mehr zu sein, sondern Freunde. In ihrer Beziehung hatte es zum Schluss ziemlich gekriselt, doch die Spannungen waren auf wundersame Weise verschwunden, nachdem sie neu definiert hatten, was sie füreinander waren – und was nicht. Sam kannte Flo in- und auswendig, und sie ihn. Sie hätten sich vermutlich auch weiterhin regelmäßig gesehen, wenn einer von ihnen einen neuen Partner gefunden hätte, aber das würde sie nun nie erfahren.
Nach einer Weile setzte sie einen Schritt vorwärts, dann noch einen, bis sie mit dem Schienbein gegen das Sofa prallte und sich darauffallen ließ. Sams Name füllte ihren Kopf, aber sie schwieg. Ihre Stimme hatte sich verhakt, irgendwo zwischen ihrem Herzen und ihrer Kehle.
Sie wusste nicht, wie lange sie dort saß, doch irgendwann hämmerte Steven von unten gegen die Zimmerdecke – ihren Fußboden – und kurz darauf an die Wohnungstür.
»Flo? Wo steckst du, verdammt noch mal? Dir ist klar, dass du deine Pause hoffnungslos überziehst, oder? Dein Termin wartet seit einer halben Stunde, beweg deinen Hintern nach unten!« Noch mehr Gehämmer. »Florie? Pennst du etwa? Ich schmeiß dich raus, ich schwör es dir!«
Sie öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder. Was musste sie jetzt eigentlich tun? Um die Beerdigung würden sich Sams Eltern kümmern. Das war nicht gut. Sie kannten ihn doch kaum noch.
Steven hämmerte noch eine Weile, fluchte, und dann erklangen seine Schritte auf der Treppe und wurden leiser. Das Licht veränderte sich, und Flo schaffte es, sich auf die Seite kippen zu lassen. Ihre Wange traf auf das Kissen, das noch immer nach Pizza roch, weil Sam gestern ein Stück darauf gefallen war. Die Fernbedienung drückte sich durch die Jeans, und ein dumpfer Schmerz zog über ihre Hüfte, dort, wo sie gestern im Supermarkt mit diesem Typen zusammengeprallt war. Er hatte die Kapuze seines Hoodies tief in die Stirn gezogen getragen, sich entschuldigt, etwas von Eile und einem Bus gemurmelt und war weitergehetzt.
Der Kapuzenmann lebte bestimmt noch.
Flo schloss die Augen, riss sie aber wieder auf, da sie nicht schlafen und von Sam träumen wollte. Sie wollte vergessen. In der Küche standen eine halb volle Flasche Rotwein und eine mit wenigen Fingerbreit Whisky darin, aber das war keine Option. Sie mochte die Wirkung von Alkohol nicht und hatte irgendwann aufgehört, welchen zu trinken. Also drehte sie sich auf den Rücken und starrte an die Decke, wo die Schatten länger wurden. Sie verwandelten sich in Finger. Vielleicht würden sie nach ihr greifen, wenn sie weiter wartete, weil die Grenze zwischen Leben und Tod dünner geworden war. Flo befand sich auf der einen Seite und der wichtigste Mensch in ihrem Leben auf der anderen.
Oder weil der Tod ihr einfach folgte wie ein hungriger Straßenköter. Ausgerechnet Sam hatte ihr immer wieder gesagt, dass sie sich das nur einbildete und die Vorfälle in ihrem Leben in keiner Verbindung zueinander standen. »Das sind Zufälle, und jeder einzelne lässt sich erklären. So was wie Menschen, die den Tod anziehen, gibt’s nicht, Flo.«
Er hatte betont, dass sogar heute noch Frauen bei oder kurz nach der Geburt starben, so wie ihre Mutter. Dass nicht nur alte Menschen einen Schlaganfall nicht überlebten, sondern auch welche in den besten Jahren, wie ihr Vater, damals, als sie zwölf gewesen war. Oder dass Mrs. Wilkins, bei der sie als Waisenkind wohnen durfte, schlicht und einfach alt gewesen und friedlich eingeschlafen war. Und dass durchaus Teenager an einem gewanderten Blutgerinnsel sterben konnten, so wie ihre Freundin Conny.
Flo hatte versucht, ihm zu glauben, aber ein Teil von ihr war trotzdem wachsam geblieben und hatte jeden Tag damit gerechnet, dass der Tod wieder aus einer dunklen Ecke hervortrat.
Jetzt hatte er sich ausgerechnet Sam geholt, und die Schatten flüsterten ihr zu, dass es nur eine Frage der Zeit gewesen war. Sie zuckten, da die Straßenbeleuchtung flackernd ansprang, und zogen sich zurück, nur um dann wieder vorzupreschen, als ein Auto vorbeifuhr. Unter ihr polterte es; vermutlich schloss Steven das Infinity Ink soeben ab. Er würde stocksauer sein – heute Nachmittag hatte sie mehr als einen Termin für kleinere Tattoos gehabt. Zwei? Drei? Ein Teil von Flo lauschte darauf, ob er noch einmal die Treppe hochkommen und sie offiziell durch die Tür feuern würde, ein anderer sorgte dafür, dass sie endlich die Augen schloss, weil der Schlaf anklopfte.
Es dauerte nicht lange, bis sie ihm nachgab.
»Natürlich werden wir unseren Sohn nicht in Valgate beerdigen. Wie lange hat er an diesem Ort gewohnt? Vier Monate?« Die Stimme von Sams Mutter erinnerte Flo an Mixed Pickles, säuerlich und verblasst nach zu langer Zeit unter Glas.
»Über ein Jahr«, sagte sie heiser und umklammerte ihr Handy fester.
Steven warf ihr einen besorgten Blick zu, während er die schwarze Liege desinfizierte. Es war warm hier im Hinterzimmer des Infinity Ink, aber Flo fror auf einmal in ihrem Shirt. Sie tastete über das Feuermal, das sich von ihrer Schulter bis zum Oberarm zog, fuhr die vertrauten Umrisse mit einem Fingernagel nach, aber es half nicht.
»Er wird selbstverständlich in Fleeds seine letzte Ruhe finden«, sagte Mrs. Barnes, »schließlich ist es sein Zuhause.«
Flo schüttelte den Kopf, doch die Worte stockten in ihrer Kehle. Das war allerdings nicht weiter schlimm, denn Sams...
| Erscheint lt. Verlag | 13.11.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Schlagworte | 2024 • Christina Henry • Die Chroniken von Alice • Dunkle Magie • düstere Märchen • eBooks • fairy-tale-fantasy • Fantasy • Gebrüder Grimm • Hexen • Märchenadaption • Märchenbuch • Neuerscheinung • Rapunzel • seelenmagie • tiktok trend |
| ISBN-10 | 3-641-32013-5 / 3641320135 |
| ISBN-13 | 978-3-641-32013-3 / 9783641320133 |
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