Mordsärger (eBook)
320 Seiten
Emons Verlag
978-3-98707-215-4 (ISBN)
Barbara Edelmann ist in Mindelheim geboren und aufgewachsen. Seit Jahrzehnten lebt sie glücklich und zufrieden im Allgäu. Ihre Erfahrungen und Beobachtungen verarbeitet sie in ihren Allgäu-Krimis. Außerdem liebt sie Rothenburg ob der Tauber und widmet der Stadt ihre zweite Krimireihe.
Barbara Edelmann ist in Mindelheim geboren und aufgewachsen. Seit Jahrzehnten lebt sie glücklich und zufrieden im Allgäu. Ihre Erfahrungen und Beobachtungen verarbeitet sie in ihren Allgäu-Krimis. Außerdem liebt sie Rothenburg ob der Tauber und widmet der Stadt ihre zweite Krimireihe.
3
Schon längst waren die meisten Lichter in Legau erloschen. Wer jetzt nicht schlief, amüsierte sich noch im Bierzelt oder spekulierte über die Festnahme von Patrick Brandstetter und den tragischen Tod von Julian Weidner.
Gelegentlich hörte man auf einer Weide das melodische Läuten einer Kuhglocke. Leise plätscherte die Iller in ihrem Flussbett vor sich hin, wie sie das seit Jahrtausenden tat. Still ruhte die Nacht.
Nur in einem Fenster der luxuriösen Seniorenresidenz Moserhof, die sich nicht weit entfernt von Legau in die hügelige Landschaft schmiegte, brannte noch Licht. Imposant zeichnete sich die Silhouette des weitläufigen, vor etlichen Jahren zum Ruhesitz für solvente Rentner und Pensionäre umgebauten ehemaligen Bauernhofs zwischen saftigen Weiden und blühenden Feldern ab.
Die breiten, mit teuren Teppichböden ausgelegten Gänge wurden um diese Uhrzeit lediglich von wenigen Energiesparlampen mit Bewegungssensor erleuchtet und waren menschenleer. Hinter jeder schlichten, nur mit einer Nummer versehenen Zimmertür verbarg sich ein prätentiöses Appartement für den gehobenen Geschmack mit jedem erdenklichen Luxus: Smart-TV, italienisch gefliestem barrierefreiem Bad mit Dampfdusche, elektrisch verstellbarer Couchgarnitur und vollwertig ausgestatteter Küche inklusive hochwertiger Geräte.
Wer im Moserhof residierte, durfte das Beste von allem erwarten und bekam es auch – und dazu an klaren Tagen einen atemberaubenden Blick auf die Alpen. Hier wohnte ausschließlich zahlungskräftige Klientel vorwiegend aus dem Norden Deutschlands, und ein Appartement war mittlerweile schwerer zu bekommen als eine Privataudienz beim Papst. Wenn man es denn überhaupt auf die Warteliste schaffte. Diese wurde von der klapperdürren rothaarigen Renate Reismann, ihres Zeichens gar nicht so stille Mitinhaberin und ebenfalls Bewohnerin der Anlage, und ihrer Freundin Frauke unbarmherzig überwacht.
Es war ein herrlicher Sommertag gewesen. Etliche Bewohner des Moserhofs hatten das Festzelt besucht und lagen nun, müde geschunkelt und abgefüllt mit König Ludwig Dunkel, in ihren bequemen Boxspringbetten, wo sie den Schlaf der Gerechten schliefen und einem neuen, unaufgeregten Tag entgegendämmerten.
Inmitten des gepflegten Gartens spiegelte sich der Mond im gekräuselten Wasser des Pools. Auf einem der massiven Liegestühle aus Teakholz, die allmonatlich mit Öl poliert wurden, lag zerknittert ein vergessenes, noch feuchtes Handtuch. Jeder einzelne der bequemen Korbsessel, auf denen die Bewohner morgens auf der riesigen Terrasse ihr opulentes Frühstück einnahmen, stand vor einem mit einer Glasplatte versehenen Tisch akkurat an seinem Platz. Alles wirkte aufgeräumt und idyllisch. Das Quaken der Frösche in dem großen Zierteich am Ende des Gartens war mittlerweile verstummt.
Nur aus einem gekippten Fenster im Erdgeschoss drang gedämpft das Jaulen einer Bassgitarre, gefolgt von einem langen Schlagzeugsolo. Die Töne bildeten mit den Geräuschfetzen der Stimmungsmusik vom einige Kilometer entfernten Bierzelt, die durch die laue Sommernacht waberten, ein surreales, atonales Gemisch, während ein paar verirrte Glühwürmchen über dem Pool einen Tanz aufführten.
Auch die geräumige Edelstahlküche im Moserhof lag im Dunkeln.
»Na warte.« Helga Exner, eine stämmige Mittfünfzigerin mit halblangem grau meliertem Haar, das zu einem strengen Dutt frisiert war, drückte sich, bewaffnet mit einer schweren gusseisernen Pfanne, in die schmale Nische neben dem doppeltürigen Kühlschrank. Angestrengt versuchte sie, durch die Nase zu atmen, was angesichts ihrer Gräserallergie um diese Jahreszeit aussichtslos und bei ihrer Tätigkeit als Köchin des Moserhofs oft hinderlich war.
In ihrer schwarzen Jerseyhose und dem kurzärmeligen, ebenfalls schwarzen T-Shirt, kombiniert mit dem grimmigen Gesichtsausdruck eines englischen Fleischerhundes, wirkte sie wie eine CIA-Agentin, die sich demnächst mit Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone zu einer allerletzten Mission aufmachen würde, um einen gefangenen Armee-Kumpel in Nordkorea zu befreien.
Während sie in ihren praktischen Halbschuhen nervös von einem Fuß auf den anderen tippelte, wurde sie immer wütender. Das Maß war voll.
Seit Monaten verschwanden aus dem Kühlschrank in der Küche und der Kühlkammer nebenan Vorräte, wobei die dreisten Diebe nicht einmal vor einem für den nächsten Tag vorbereiteten Vanillepudding mit kandierten Walnüssen zurückschreckten. Sie nahmen einfach alles mit, klauten Biskuitrollen mit handgerührter Erdbeercreme, geeiste Kokosriegel an Kiwimus, selbst gemachtes köstliches Stracciatellaeis – ja, sogar Helgas geheimer Privatvorrat an Keksen und Schokolade wurde regelmäßig dezimiert, obwohl sie sich ständig neue Orte ausdachte, an denen sie ihre Schätze deponierte. Einmal hatten die Diebe wie zum Hohn die leere Verpackung einer großen Tafel Milka-Schokolade in einem solchen Versteck zurückgelassen und Helga damit an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht.
Heute krieg ich euch, ihr Bazis, dachte sie zornig und erschrak trotzdem, als sich endlich leise Schritte näherten. Die Tür öffnete sich sehr langsam mit einem unmerklichen Quietschen.
Helga hielt unwillkürlich die Luft an, als auch schon ein dürrer Schatten an ihr vorbeischlich. Sie drückte sich noch tiefer in die Nische, die Pfanne fest umklammert.
Die Gestalt schlüpfte in die Kühlkammer. Man hörte ein Klirren und Scheppern, dann kehrte sie wieder zurück. Deutlich konnte Helga erkennen, dass sie eine Auflaufform in den Händen hielt.
»Stehen bleiben!«, rief sie und betätigte den Lichtschalter.
Der Dieb erstarrte mitten in der Bewegung.
»Schau an, schau an.« Grimmig musterte sie den Eindringling. »Sie sind des also, der mir seit Monaten mein Essen klaut.«
Hans-Joachim Münnemann, Universitätsdozent im Ruhestand, ein dünner Mann Mitte siebzig mit schulterlangem schneeweißem Haar, der aussah wie ein Ex-Mitglied der Kommune 1, strahlte sie durch eine runde Nickelbrille aus rot geränderten Augen an. Die Auflaufform hielt er weiter fest umklammert.
»Hallo.« Mit verwirrtem Gesichtsausdruck erkannte er die Pfanne in ihrer Hand. »Es gibt schon Frühstück? Wow. Wie lange war ich denn da drin?« Er drehte sich in Zeitlupe zur Kühlkammer und schien nicht zu begreifen.
»Ham Sie einen Schlaganfall?« Hastig stellte Helga die Pfanne ab, um die Auflaufform mit der kostbaren Nachspeise auffangen zu können, falls der dürre Mann, der kaum merklich schwankte, umfallen sollte.
»Keine Panik. Alles gut.« Ein breites Grinsen überzog sein Gesicht. »Wie sind Sie denn drauf? Sie sind ja vielleicht verkniffen. Ich habe mir nur einen Nachtisch geholt.«
»Essen gibt’s von achtzehn Uhr dreißig bis zwanzig Uhr«, fauchte Helga. »Und wenn ich mich recht erinnere, ham Sie zweimal Dessert gehabt gestern Abend. Das da drin …«, sie deutete auf die Form, die Münnemann offensichtlich nicht loszulassen gedachte, »… hab ich für morgen vorbereitet. Her damit.«
»Aber ich hab jetzt Hunger, nicht morgen«, jammerte Münnemann und platzierte die Form im Schneckentempo neben der Edelstahlspüle. »Wahnsinn, wie egoistisch Sie sind. Was ist das? Kokoscreme? Mousse? Haben Sie wenigstens noch irgendwo Schokolade? Eigentum verpflichtet.«
Helga lachte bissig. »Meine Schokolade ist an einem sicheren Platz, die finden Sie nie. Sind Sie net vor ein paar Tagen mit einer Tüte vom EDEKA an mir vorbeigegangen? Warum kaufen Sie sich net selber was Süßes?«
»Tja.« Münnemann hob die Schultern. »Ich hatte sieben Packungen Oreo-Kekse. Aber die sind weg. Alle aufgegessen.«
»Und dann rumjammern, wenn man Diabetes kriegt«, sagte Helga bissig. »Typisch.«
»Tiramisu vielleicht?« Münnemann zeigte auf die Auflaufform. »Verraten Sie es mir?«
»Tirami… was?« Misstrauisch kniff Helga die Augen zusammen. »Sind Sie betrunken? Sie waren doch gar net im Festzelt.«
»Steh da nicht so drauf.« Er schüttelte den Kopf. »Besoffene Proleten, die sich an reaktionärem Liedgut berauschen. Dafür war ich 69 nicht auf der Straße. Na gut, gehe ich jetzt eben mit leerem Magen ins Bett. Ihre Schuld.«
»Sie geben also zu, dass Sie mir seit Monaten den Nachtisch aus der Kühlkammer klauen?«, versuchte Helga es noch mal. Diese Unterhaltung ähnelte dem Versuch, in der Badewanne ein glitschiges Stück Seife zu fangen.
Er warf ihr einen verschmitzten Blick zu. »Das ist eine hypothetische Annahme von Ihnen, die Sie keinesfalls mit validen Beweisen unterlegen können, nicht wahr? Nun ja, ich gehe jetzt. Gute Nacht.« Er schickte sich an, den Raum zu verlassen.
»Von wegen.« Helga stellte sich ihm in den Weg. »Mir klären des jetzt.«
»Jetzt kommen Sie doch bitte mal runter«, riet ihr Münnemann in vertraulichem Ton. »Heute schon gelebt?«
»Ich bin ein anständiger Mensch und mach so was nach Feierabend«, erklärte ihm Helga bissig. »Warum grinsen Sie eigentlich so blöd?« Ihr kam ein Verdacht.
Münnemann gähnte ausgiebig, ohne sich die Hand vor den Mund zu halten. Er hatte tadellose Zähne. »Mann, Mann, Mann, Sie sind ja kein bisschen Zen.«
Helga dämmerte allmählich, dass diese Debatte an Sinnlosigkeit nicht zu überbieten war. »Wissen S’ was? Sie gehen jetzt in Ihre Suite. Und mir reden morgen drüber.«
»Suite«, wiederholte Münnemann gedankenverloren. »Suiiiite. Ein Wahnsinnswort. Wie ein Geigenstrich. Haben Sie da schon mal drüber nachgedacht?«
»Ich bring Sie hin.« Kurz entschlossen packte Helga ihn am Arm und schob ihn auf den Flur. »Zweihundertsiebzehn, gell?«
Münnemann...
| Erscheint lt. Verlag | 22.8.2024 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Sissi Sommer, Klaus Vollmer |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | Allgäu • Drogenhandel • Ermittlerteam • Humoristischer Krimi • humorvoll • Krimi mit Humor • Kriminalroman • Leichte Lektüre • Mord • Unterallgäu • Urlaubskrimi • weibliche Ermittlerin |
| ISBN-10 | 3-98707-215-6 / 3987072156 |
| ISBN-13 | 978-3-98707-215-4 / 9783987072154 |
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