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Pink Elephant (eBook)

Roman

(Autor)

eBook Download: EPUB
2024
389 Seiten
Karl Blessing Verlag
978-3-641-32197-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Pink Elephant - Luca Kieser
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»Ebenso gekonnt wie behutsam ... Diese Geschichte ist ein Aufreger, aber im allerbesten Sinne.« SWR Kultur

Alles beginnt mit einer Kopfnuss. Während Deutschland bei der WM 2006 von seinem Sommermärchen träumt, findet der vierzehnjährige Vincent in denen, die ihn verprügelt haben, neue Freunde. Bald schon nennt er sie Brüder, raucht mit ihnen Shisha, hängt auf der Straße ab – und hockt doch jeden Abend wieder im Einfamilienhaus seiner Eltern. Als es ernst wird, muss er feststellen, dass bisher alles nur ein Spiel war. Zumindest für ihn. Während er sich Bräunungscreme ins Gesicht schmiert, fällt Ali nach einem Sprung aus dem Fenster ins Koma, Tarek ist nicht mehr zu erreichen – und eine Realität schlägt zu, in der es Probleme gibt, die Vincent sich bisher nicht vorstellen konnte.

Luca Kieser, der mit seinem Debütroman »Weil da war etwas im Wasser« für den Deutschen Buchpreis nominiert war, erzählt in seinem zweiten Roman eine rasante, eindringliche Geschichte über Freundschaft, Zugehörigkeit und die oft unsichtbaren Grenzen, die unsere Gesellschaft durchziehen.

Luca Kieser wurde 1992 in Tübingen geboren. Er studierte Philosophie sowie Sprachkunst in Heidelberg, Leipzig und Wien, wo er heute lebt. Ausgezeichnet wurde er unter anderem mit dem Wortmeldungen Förderpreis, dem Lyrik-Lichtungen-Stipendium und dem FM4 Wortlaut. Sein Debütroman »Weil da war etwas im Wasser« stand drei Mal in Folge auf der ORF-Bestenliste und war für den Deutschen Buchpreis 2023 nominiert.

STATISTISCH GESEHEN WIRD DEUTSCHLAND IN DEUTSCHLAND IMMER WELTMEISTER


Das rote Werbeplakat mit der weißen Schrift fliegt vorbei.

Meine Mutter wechselt auf den linken Fahrstreifen und schaltet hoch. Sie fährt bestimmt 20 km/h zu schnell und redet auf mich ein.

Als sie Luft holt, sage ich: »Wir waren das nicht.«

»Dann waren es eben eure Kumpels«, und ihr Monolog geht weiter. Ich starre aus dem Fenster.

Was ist mit Ali?

Tarek habe ich noch am Ende des Gangs sitzen sehen, als meine Mutter mit mir das Präsidium verlassen hat. Wahrscheinlich ist noch nicht einmal ganz klar gewesen, wie das jetzt mit seinem Pass ist. Von Ali aber habe ich seit dem Funkspruch nichts mehr gehört. Ist es da überhaupt um ihn gegangen? Ich bekomme dieses seltsame Gefühl im Bauch. Irgendwie bin ich mir sicher, dass er im Polizeifunk gemeint gewesen ist.

Die Bremsung, als wir von der Bundesstraße abfahren, holt mich zurück. Meine Mutter ist in ihrer Kindheit angekommen: »Wenn man mich von der Polizei hätte abholen müssen, ich weiß nicht, was mein Vater –«

»Dein Vater war ein Scheißnazi«, schreie ich, und sie schlägt aufs Lenkrad. Die Hupe knallt.

Jetzt hältst du aber den Mund!

Das Abblendlicht strahlt die Lavendelsträucher vor unserem Haus an, und im Auto ist es auf einmal still, so still wie noch nie. Irgendwer hat mir erzählt, dass man, wenn um einen herum alles leise ist, das Blut hört, das einem durchs Ohr pumpt. Für mich klingt es jetzt, als ob wir noch immer fahren würden, nach dem Rauschen auf der Straße. Ich wünsche mir, dass meine Mutter etwas sagt, irgendetwas über meine Zukunft oder ihren Vater. Von mir aus auch etwas über ihren Boris. Aber nur die Lüftung knackt, irgendwo im Motor knistert es.

Dann dreht meine Mutter das Licht ab, die Lavendelsträucher verschwinden, und sie steigt aus. Ich warte und starre die schwarzen Umrisse an. Ich muss an Tarek denken, der wahrscheinlich noch immer in diesem Scheißgang hockt. Ihn haben die Bullen nicht gleich seine Eltern anrufen lassen. Und selbst wenn: Irgendwie bin ich mir sicher, dass er, als sie ihm dann den Hörer hingehalten haben, nur die Arme verschränkt hat.

Meine Mutter ist bereits auf dem Weg, der durch den Vorgarten Richtung Haus führt. Ich steige aus, und neben mir blinkt der SUV auf. Ich gucke in die Scheibe, aber mein Gesicht ist nur ein dunkler Fleck, ein Fleck mit einer Nase und Haaren, die im Schein der nächsten Laterne glänzen.

Goldblond

In meinem Zimmer lege ich mein Handy neben mich auf die Bettdecke und bleibe auf der Bettkante sitzen. Ich höre, wie im Gästezimmer nebenan meine Mutter mit ihrer Schwester telefoniert. Mir gegenüber an der Wand hängt das Cover von Electro Ghetto, Bushido steht da mit gesenktem Kopf, seine Lederjacke schimmert. Daneben hängt Tupac, Oberkörper frei, über dem Bauch Thug Life tätowiert. Eine Waffe steckt im Hosenbund. In der einen Hand hält er einen Joint, mit der anderen zeigt er den Mittelfinger: Fick dich.

Das sagt er: Fick dich, Vincent.

Fick dich, weil du auf deinen Freund geschissen hast.

Fick dich, weil ihr ihn im Stich gelassen habt. Weil ihr einfach gegangen seid.

Ich nehme den Blick von Tupac und schaue in meine Hände. Das Orange, das die Handinnenflächen angenommen haben, verblasst, je länger ich in die Furchen und Rillen starre.

Ihr seid mit seinem letzten Gras abgehauen und habt ihn sich selbst überlassen. Ihr hättet auch bleiben können, dann wäre er nicht – nebenan beendet meine Mutter das Gespräch.

Eine Sekunde ist es still, dann beginnt das nächste Telefonat, und an ihrem Hallo, das viel zu laut und viel zu hoch ist, erkenne ich gleich, dass es sich jetzt um Boris handeln muss. Ihren Boris, den sie zu seinen Fototerminen begleitet und dem sie den Kaffee in einem Mehrwegbecher hinhält. Den sie aus Stuttgart abholt, wo er im Landtag sitzt, ihn dann zu irgendwelchen Veranstaltungen begleitet. Im Herbst sind nämlich Wahlen, und da will Mamas Boris dann Oberbürgermeister werden. Wofür er sie dabei genau braucht, verstehe ich nicht wirklich. Einmal hat sie mich mitgenommen zu einem Frühstück mit Arbeitslosen, und wir haben den ganzen Morgen dagestanden und Traubensaft ausgeschenkt, pur oder als Schorle, das war’s. Mein Verdacht ist, dass ihr Boris einfach irgendjemanden braucht, der ihm rund um die Uhr das Gefühl gibt, der Schlauste zu sein. Bei jeder Gelegenheit sagt meine Mutter: Ich habe darüber mit dem Boris geredet, und der Boris hat gesagt, dass. Oder sie sagt: Der Boris hat das ganz genau analysiert. Oder: Der Boris ist ja so ein Käpsele. Oder: Der ist so weit für sein Alter. Wenn ich lernen soll, sagt sie: Der Boris hat das Abitur als Jahrgangsbester gemacht. Wenn wir streiten: Der Boris hat gelernt sich zu kontrollieren. Zu meinem Vater sagt sie oft: Der Boris besitzt einen so feinen Humor.

»Der Boris, der ist sich
Ja für nichts zu schade«

Bevor ich höre, was sie ihm von mir erzählt, stehe ich auf und schleiche aus dem Zimmer.

Als ich an dem Durchgang zu Küche und Wohnbereich vorbeikomme, bin ich besonders leise. Der Fernseher läuft, ich kann die Füße meines Vaters auf dem Hocker vor dem Sofa liegen sehen. Dann bin ich bei der Garderobe und schlüpfe in das Klo, das hier gleich neben der Eingangstür liegt und sozusagen mir gehört, weil meine Eltern oben ihr eigenes haben. Trotzdem sperre ich ab. Erst dann knipse ich das Licht an und drehe mich zu Waschbecken und Spiegel: Meine Nase ist richtig braun. Um den Mund, auf den Wangen und an den Schläfen habe ich dunkle Flecken, manche gehen ins Orange.

Ich streiche mir das Haar aus der Stirn. Man sieht ganz genau, bis wohin ich die Creme aufgetragen habe. Ein bisschen wirkt es, als ob der Haaransatz schimmeln würde.

Ich hebe das Kinn, und dort ist es noch schlimmer. Als ob ich mein Gesicht irgendwo hineingetunkt hätte.

Ich senke das Kinn wieder und schaue mir in die Augen, diese graublauen Augen, die mir auf einmal krank vorkommen, wie die Augen eines Vampirs oder so. Was, wie ich glaube, davon kommt, dass die Haut unter den Wimpern richtig krass weiß ist. Und das, obwohl ich die Creme dort hineingerieben habe, bis mir die Tränen kamen.

Ich schließe die Augen
Und muss an Ali denken

Sami machte uns auf. Während wir aus den Schuhen schlüpften, fragte Tarek: »Ihr seid allein?«

Sami nickte nur in Richtung von Alis Zimmer und ließ sich dann wieder aufs Sofa fallen. Bis auf seine Mähne verschwand er vollständig hinter der Rückenlehne. Über den Fernseher flimmerte das Standbild eines pausierten Rennens.

»Wieso spielst du Underground?«, fragte ich im Vorbeigehen.

»Most Wanted hat Ali doch wieder verkauft«, murmelte er, dann setzten Motorengeräusche ein.

Als wir in Alis Zimmer traten, schlug uns als Erstes ein modriger Geruch entgegen. Die Vorhänge waren zugezogen, und ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass hier ein furchtbares Durcheinander herrschte. Der ganze Boden war mit irgendwelchem Zeug bedeckt, der Schrank stand ausgeräumt und mit offenen Türen da. Ali selbst saß reglos auf dem Bett, in schwarzer Fila-Jogginghose und weißem Unterhemd.

Irgendwie war es unvorstellbar, dass das derselbe Junge sein sollte, der sich eigentlich ständig Sonnenblumenkerne zwischen die Zähne schob, sie im Mund knackte und sich dann ihre Schalen von der Zunge pustete. Der, wenn er keine Sonnenblumenkerne hatte, alle paar Sekunden schnalzte und dabei Spucke durch die Lücke zwischen den Schneidezähnen drückte. Der mir mit der Hand in den frisch rasierten Nacken klatschte und lachend rief: Mashallah, hundert Jahre Segen.

»Was geht«, sagte Tarek.

Ali blickte auf und sah uns einen Moment an. »Ihr müsst leise reden«, flüsterte er.

»Es ist doch nur dein Bruder da«, sagte ich.

Ali deutete nur stumm nach oben.

»Alter, was laberst du«, mischte sich Tarek ein. »Komm jetzt, wir haben nicht ewig Zeit.«

Ali zuckte zusammen, sagte aber nichts und stieg aus dem Bett. Dann kniete er sich vor dem Schrank hin, griff unter die Bodenplatte und holte den Schuhkarton vor.

»Der letzte Rest, den ich habe«, sagte er leise und nahm eine Knolle Gras und eine Packung Alufolie heraus.

Er riss ein Stück Alufolie ab, wickelte damit das Gras ein und hielt, ohne wieder aufzustehen, Tarek den Klumpen hin.

Ohne die Miene zu verziehen, zog Tarek seine Lederjacke aus und kniete sich ebenfalls hin. Er steckte den Klumpen in seine Socke. Sonst verarschten wir ihn, wenn er das machte. Heute sagte keiner was. Er stand wieder auf. Die Lederjacke behielt er unter dem Arm.

»Bleibt ihr ein bisschen?«, fragte Ali plötzlich, und es sah aus, als ob er zu lächeln versuchte.

»Geht nicht«, sagte ich und suchte Tareks Blick.

»Ist so, ich schwöre«, sagte der. »Die bringen uns um, wenn wir nicht gleich wiederkommen. Seine Schuld.« Er nickte in meine Richtung. »Dafür bist du jetzt nicht mehr der Einzige, der Stress mit O hat.«

Ali guckte wieder zu mir. Ich sah weg und betrachtete stattdessen das Zeug am Boden. Kopfhörer. Ein Spiralblock. Eine Dose Copix, die zwischen Gläsern und Tassen verteilt lag. Auf einem Teller vertrocknete eine angebissene Brotscheibe. Das meiste aber waren Klamotten. Socken und Shirts, die Jacke, die zu der Fila-Jogginghose gehörte.

»Bitte«, sagte Ali. Er hatte den Kopf wieder gesenkt.

Kurz glaubte ich,...

Erscheint lt. Verlag 28.8.2024
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte 2024 • Coming-of-age • eBooks • Familie • Felix Lobrecht • Freundschaft • Jugendkriminalität • Kulturelle Aneignung • lesemotiv auseinandersetzen • Literatur • Longlist Deutscher Buchpreis 2023 • Migration • Mutter-Sohn-Beziehung • Neuerscheinung • Pubertät • Rassismus • Roman • Romane • Schullektüre • weil da war etwas im wasser • Wolfgang Herrndorf
ISBN-10 3-641-32197-2 / 3641321972
ISBN-13 978-3-641-32197-0 / 9783641321970
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