Die kurze und schreckliche Regentschaft von Phil (eBook)
123 Seiten
Luchterhand Literaturverlag
978-3-641-28105-2 (ISBN)
Willkommen in Innen-Horner, einem Land, das so klein ist, dass darin nur eine einzelne Person Platz hat. Der Rest der Bevölkerung muss in der Kurzzeitaufenthaltszone des umliegenden Landes Außen-Horner warten, bis getauscht wird - so haben es die sonderbaren, nicht ganz menschlichen Bürgerinnen und Bürger des Landes vereinbart. Doch als Innen-Horner eines Tages plötzlich schrumpft und drei Viertel seines aktuellen Bewohners über die Grenze in das Gebiet von Außen-Horner ragen, sehen die Außen-Horneriten eine Invasion im Gange und geraten in den Bann des machthungrigen und autoritären Phil. Es ist der Beginn seiner kurzen, dafür umso schrecklicheren Regentschaft...
George Saunders erzählt mit unvergleichlichem Witz eine zutiefst seltsame und doch seltsam vertraute Geschichte über Macht und Ohnmacht und die ewig verführerische Kraft der Demagogie - ein 'Animal Farm' für unsere Zeit.
George Saunders wurde 1958 in Amarillo, Texas, geboren, lebt heute mit seiner Frau und zwei Töchtern in Oneonta, New York, und ist Dozent an der Syracuse University. Er hat mehrere Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht, erhielt u.a. 2013 den PEN/Malamud Award und 2014 den Folio Prize. Das Echo auf seinen ersten Roman 'Lincoln im Bardo' war überwältigend: Man Booker Prize 2017, Shortlist für den Golden Man Booker Prize, Premio Gregor von Rezzori 2018, New York Times-Nr.1-Bestseller, SWR-Bestenliste Platz 1 und SPIEGEL-Bestseller.
»Mein Gott, schau sich einer diese Leute an«, sagte Melvin.
»Pöbel«, sagte Larry.
»Tiere«, sagte Melvin. »Wie kann man nur so leben?«
»Ich meine, schaut uns an«, sagte Freeda. »Stapeln wir uns vielleicht so auf?«
»Die wirken irgendwie gefangen in ihren eigenen dunklen Trieben«, sagte Larry.
Alle sahen Larry beeindruckt an.
»Kein Wunder, dass wir sie so unfair behandeln«, sagte Melvin, der Larry kontern wollte.
»Wobei wir sie ja nicht unfair behandeln, Melvin«, sagte Phil mit einer gewissen Strenge.
»Nein, wir behandeln sie fair«, sagte Melvin. »Ich mein doch nur, denkt mal, wie fair wir sie behandeln würden, ja, wenn sie sich nicht wie pöbelhafte Tiere benehmen würden, die in ihrem eigenen dunklen Trüben gefangen sind.«
»Ihren Trieben«, korrigierte Larry.
»Was treibt ihr Dödel überhaupt da oben?«, rief Leon der Grenzwächter.
»Solang wir nicht in der Kurzzeitaufenthaltszone sind, müssen wir auch keine Steuern bezahlen«, rief jemand aus dem Haufen. »Stimmt doch, oder?«
Die Außen-Horneriten sahen Phil an, den kürzlich ernannten Sondergrenzeinsatzkoordinator.
»Ja, natürlich stimmt das«, sagte Phil. »Warum sollten wir euch mit einer Aufenthaltssteuer für unser Land belegen, wenn ihr euch gar nicht in unserem Land aufhaltet, ihr Idioten?«
Und genau da brach der große Stapel aus Innen-Horneriten zusammen, mit voller Wucht nach Außen-Horner rein.
So etwas war noch nie passiert. Nie zuvor waren so viele Innen-Horneriten so weit nach Außen-Horner eingedrungen. Leon betätigte panisch den lauten Alarmsummer, der »Invasion im Gange« meldete, und die Miliz von Außen-Horner (Freeda, Melvin und Larry) umzingelte mit raschem Flankenmanöver die gesamte Bevölkerung von Innen-Horner.
»Dies ist empörend!«, brüllte Phil. »Halt! Keinen Schritt weiter! Schluss mit der Invasion! Kapituliert ihr? Kapituliert auf der Stelle! Lasst die Waffen fallen! Seht ihr alle, wie energisch ich mich durchsetze? Als Sondergrenzeinsatzkoordinator gebe ich euch den Befehl!«
Die Innen-Horneriten hatten keine Waffen und auch keinerlei Lust auf eine Invasion von Außen-Horner, ihnen war noch schwindlig von ihrem Sturz, allerdings warfen ein paar Innen-Horneriten, denen weniger schwindlig war, unwillkürlich benommene, neugierige Blicke auf das Café Zum Außen-Horner.
»Wir machen bei niemandem eine Invasion«, sagte Elmer. »Wir sind einfach umgekippt.«
»Geht sofort zurück in die Kurzzeitaufenthaltszone!«, brüllte Phil. »Mit erhobenen Händen!«
So hoben die Innen-Horneriten die Hände und traten über die grüne Kordel zurück in die Kurzzeitaufenthaltszone.
»Jetzt, wo wir euch voll und ganz überwältigt haben«, brüllte Phil, »darf ich euch daran erinnern, dass ihr uns immer noch vier Smolokas schuldet.«
»Tja, die haben wir immer noch nicht«, sagte Elmer. »Das weißt du ganz genau.«
»Larry«, brüllte Phil. »Inventarisiere ihre Ressourcen.«
Larry sah Phil mit leerem Blick an.
»Ich dachte, wir hätten schon alles genommen«, flüsterte Larry.
»Sieh genauer nach, Larry«, sagte Phil. »Leg mal etwas mehr Wachsamkeit an den Tag.«
Larry sah genauer nach, legte etwas mehr Wachsamkeit an den Tag.
»Tja, Sir«, sagte er schließlich, »das Einzige, was ich finden konnte? Außer noch mehr Erde? Und ich bin mir nicht sicher, ob das zählt? Also, sie tragen Kleider, Sir, am Leib, Sir.«
»Gut gemacht, Larry«, sagte Phil. »Eine hervorragende Beobachtung. Kleider sind absolut eine Ressource.«
»Moment mal«, sagte Cal. »Du schlägst doch nicht vor, uns unsere Kleider abzunehmen?«
»Wenn ihr uns unsere Kleider abnehmt«, sagte Wanda, »sind wir ja nackt.«
»Aber immerhin habt ihr dann eure Steuern bezahlt«, sagte Phil und gab Leon einen Wink, der sich in die Kurzzeitaufenthaltszone drängte und daran machte, dem alten Gus das Hemd auszuziehen.
»Hey, aufhören!«, rief der alte Gus. »Dann sieht man ja meine Narbe!«
»Er ist sehr empfindlich mit seiner Narbe«, sagte Wanda.
Aber Leon zerrte weiter an Gus’ Hemd herum, und schon bald konnten beide Nationen die Narbe des alten Gus klar und deutlich sehen und das Sirren hören, das aus seinem Enthwistle-Schlitz drang und anzeigte, dass er sprachlos vor Ärger war und jeden Augenblick in Tränen ausbrechen und schwarze Rauchwolken aus seinem Untersten Lüftungsloch ausstoßen würde.
»Jetzt reicht’s aber«, sagte Wanda und verpasste Leon einen Klatscher auf seinen spitzen Hut.
»O Gott, Leon wird angegriffen!«, rief Larry und stürzte sich in die Kurzzeitaufenthaltszone, was dazu führte, dass Carol und Cal unabsichtlich wieder nach Außen-Horner eindrangen und sich Leon die rechte Brauenklammer in den eigenen spatenartigen Schwanz rammte. Entsetzt und ohne Hut, dafür mit einer geschwollenen blutenden Brauenklammer, sprang Leon, der es nicht geschafft hatte, die Steuern einzutreiben, aus dem Loch heraus und zog sich nach Außen-Horner zurück, während Phil heldenhaft Larry rettete, indem er ihn an seinen Gürtelschlaufen aus der Kurzzeitaufenthaltszone riss.
Beide Parteien standen keuchend auf ihrer jeweiligen Seite der grünen Kordel, schockiert über diesen plötzlichen Ausbruch von Gewalt.
Phil stampfte mit dem Fuß auf, und sein Gehirn rutschte an seiner Ablage entlang und rollte über den Boden, seine Zentralblase blähte sich bis zum Berstpunkt auf, und sein Phalen-Verlängerer klatschte hin und her, immer gegen seine Zweittülle.
»Euer schändliches Auftreten!«, blökte er die Innen-Horneriten mit seiner Stentorstimme an, »das Resultat von jahrhundertelanger Undankbarkeit unserem Volk gegenüber, das ihr für selbstverständlich haltet, äußert sich immer wieder in Arroganz, deren Kern die offenkundige Überzeugung ist, wir wären weniger wert als ihr und müssten daher unterworfen werden. Aber wir lassen uns nicht unterwerfen! Wir sind ein edles Volk mit langer Erblinie und haben das Recht zu leben und zu gedeihen, während ihr, die ihr uns das Recht zu leben und zu gedeihen absprechen wollt, bei euch bin ich mir gar nicht so sicher, ich bin mir gar nicht so sicher, dass ihr nicht über die langen Jahre, seit ihr unser unkompliziertes großzügiges Wesen ausnutzt, gewisse Rechte verwirkt habt, die mit eurem weiteren Dasein zusammenhängen!«
Larry kannte Phil ja aus der Highschool, und er wusste, je länger sein Gehirn ohne Anschluss blieb, desto sinnloser redete er, bis sich seine Hirnablage am Ende verkrampfte und er völlig saft- und kraftlos zusammenbrach. Einmal, bei einem Schwimmtreffen, war Phil völlig saft- und kraftlos an den Boden des Beckens gesunken, wonach er mit einer Winde aus dem Wasser gehoben und an einen Farley-ReMotivator angeschlossen wurde. Noch Wochen danach hatten die beliebten Kids Phil gnadenlos gehänselt, sogar einen Tanz namens Der Phil erfunden, in dem eine unbeholfene, verzweifelt zuckende Bewegung des Oberkörpers vorkam, angeblich hatte er das gemacht, als er am Farley-ReMotivator hing.
»Phil, Sir?«, sagte Larry jetzt sanft, »dürfte ich Ihnen das Gehirn wieder anbringen?«
»Hier geht’s nicht um mein Gehirn!«, brüllte Phil. »Diese Idioten hier haben ein Problem mit ihrem Gehirn. Die schulden uns Steuern! Und sie haben sich via Gewalt geweigert, diese Steuern zu bezahlen! Im Lichte der abscheulichen Ereignisse dieses empörenden Tages, der von nun an als der Dunkle Dunkle Donnerstag in die Geschichte eingehen wird, aber auch im Lichte der Tapferkeit, die wir Außen-Horneriten an diesem denkwürdigen und historischen Tage an denselben gelegt haben, der von nun an als der Erstaunliche Heroische Donnerstag in die Geschichte eingehen wird, rufe ich hiermit einen Bundessteuer-Barmherzigkeits-Anlass aus. Einen BBA. Ja, einen BBA als Feierlichkeit. Genau. Und diesen BBA rufe ich nicht aus Angst aus, keineswegs, sondern aus Stolz, Stolz auf unsere Stärke! Kehren wir an diesem frohen BBA in die Hauptstadt zurück und feiern wir unseren erstaunlichen Sieg!«
Und so führte Phil, Gehirn unterm Arm, seine verdatterte Miliz von der Grenze fort, nur ab und zu zischte er sie an, sie sollten nicht so furchtsam über die Schulter zurückschauen.
*
Am selben Abend stürmte Phil aufgebracht durch den ekelhaften südlichen Teil von Außen-Horner City. Sein Gehirn hatte von dem heftigen Hin und Her vor kurzem einiges abgekriegt und saß nun unrund und schief auf seiner Ablage, ab und zu schoss ein Blitz aus seinem Nasenloch hervor, und sein Phalen-Verlängerer klappte anscheinend grundlos hoch. Diese dämlichen Innen-Horneriten! Wie er sie hasste! Typisch, dass sie träge wie die Schnecken auf geliehenem Land saßen und auf einmal, unerklärlich, in sinnlose Gewalt ausbrachen! Endlich hatte er es geschafft, mal einen kleinen Erfolg für sich zu verbuchen, und da wagten sie es, offen die Autorität des präsidialen Sondergrenzeinsatzkoordinators zu verhöhnen, indem sie Leons Brauenklammer blutig schlugen? Wie ärgerlich war das denn! Würde es Innen-Horner überhaupt nicht geben, dann könnte das Grenzgebiet so hübsch aussehen, und er könnte zu viel grundlegenderen Grenzangelegenheiten übergehen, etwa, wie sich das Grenzgebiet noch viel hübscher gestalten ließe. Und er malte es sich aus, ganz ohne Innen-Horneriten, aufgewertet durch ein Museum, ein Museum der Kultur Außen-Horners, und vor dem Museum stünde ein Denkmal von ihm, Phil, und rings um das Denkmal sah er eine Gruppe schwärmerischer Mädchen aus...
| Erscheint lt. Verlag | 16.10.2024 |
|---|---|
| Übersetzer | Frank Heibert |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | The Brief and Frightening Reign of Phil |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 2024 • Animal Farm • Besondere Illustrationen • Besonderes Geschenkbuch • Diktatur • Donald Trump • Dystopie • dystopie fantasy • eBooks • Fuchs 8 • George Orwell • Gewinner des Man Booker Prize • Neuerscheinung • Rechtspopulismus • Roman • Romane • US-Präsidentschaftswahlen |
| ISBN-10 | 3-641-28105-9 / 3641281059 |
| ISBN-13 | 978-3-641-28105-2 / 9783641281052 |
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