Ihr ganzes Leben steht Bria, Prinzessin der Diebe, im Schatten ihrer berühmten Mutter. Um endlich ernst genommen zu werden, macht sie sich auf, um den Siegelring eines gefährlichen Clanführers zu stehlen. Dabei gerät sie in einen Schmelzkessel aus Intrigen, Ungerechtigkeiten und Machthunger. Doch sie erfährt auch Freundschaft, Mitgefühl und Liebe. Und mehr über sich selbst, als sie je hatte wissen wollen. Schließlich muss Bria sich entscheiden, ob sie als gefeierte Heldin zu ihrer Gilde zurückkehrt oder alles riskiert und ihrem Herzen in ein Abenteuer folgt, das mit irdischen Waffen nicht zu bestehen ist.
Jennifer Benkau wurde im April 1980 in der Klingenstadt Solingen geboren. Nachdem sie in ihrer Kindheit und Jugend Geschichten in eine anachronistische Schreibmaschine hämmerte, verfiel sie pünktlich zum Erwachsenwerden in einen literarischen Dornröschenschlaf, aus dem sie im Dezember 2008 von ihrer ersten Romanidee stürmisch wachgeküsst wurde. 2013 erhielt sie den DeLiA-Literaturpreis für die Dystopie »Dark Canopy«. Sie lebt mit ihrem Mann, vier Kindern, zwei Hunden und einem Pferd zwischen Düsseldorf und Köln.
III
Crocell staunte schon seit Jahren über die Arglosigkeit, die wie eine Plage über die Erde gekommen war.
In der Neuen Welt erinnerte sich kaum jemand an Dämonen. Nicht einmal an ihn, den Duke über die Höllenwasser und einen Dämon des ersten Lichts – einen Dämon, der älter war als die Erde selbst. Dass die Menschen rasch und nur allzu willig vergaßen, hatte er gewusst. Da waren sie ihren Schöpfern, den Engeln, ganz ähnlich. Wie schnell jedoch auch die Fairies ihn vergessen hatten, war verblüffend, floss in ihren Adern doch noch ein Tropfen dämonisches Blut. Aber kaum, dass die Herrscher über Himmel und Hölle die Irdischen einmal ein paar Jahrhunderte nicht spürbar heimsuchten, hieß es gleich, es gäbe sie nicht mehr – es habe sie womöglich nie gegeben, man fand schließlich keinerlei Beweise für ihre Existenz.
Crocell gab sich selten Mühe, seine Natur zu verbergen. Er hinterließ deutliche Spuren, aber für die fand man andere Erklärungen und machte sich keine Sorgen. Die wenigen, die auf der richtigen Spur waren, wurden verlacht.
Wobei Crocell zugeben musste, dass das Wissen, wer die Knaben und Mädchen verschwinden ließ, dem Feenvolk am Fluss natürlich auch nicht geholfen hätte. Vielleicht aber wäre seine kleine Fee dann nicht hergekommen, weil sie auf die Warnungen der Alten gehört hätte. Sie wäre Crocell dann niemals aufgefallen. Niemals begegnet. Wie schade …
Er suchte nicht nach gewöhnlichen Feen wie ihr. Nicht nach verarmten Heilermädchen oder heruntergekommenen Kräutersammlerinnen, von denen es seit dem Krieg Tausende auf jedem Kontinent gab.
Was ihn interessierte, waren Heldinnen und Krieger, Waffenschmiede und Meisterinnen an den Schwertern. Unzählige von ihnen hatte er in den Jahrtausenden mit sich genommen, die meisten davon hatte er auf Schlachtfeldern gefunden. Nur ein winziger Bruchteil war gut genug gewesen, die Prüfungen zu bestehen, um von ihm der Sterblichkeit entbunden und zum Dämon gemacht zu werden, damit er ihm fortan dienen konnte.
48 Legionen befehligte der Duke über die Höllenwasser. Und nur die allerbesten derer, die er mit sich nahm, fanden in einer davon ihren Platz. Alle anderen dienten seinen Soldatinnen und Soldaten als Futter und Zeitvertreib in den langen Jahrhunderten des Friedens. Man musste sie bei Laune halten und trainieren – wer wusste denn schon, wann ein neuer Dämonenkrieg ausbrach? Nicht einmal Gott selbst hatte eine Ahnung. Crocell bezweifelte, dass es ihn interessierte.
Die Fee mit dem Weidenkörbchen war weder eine Anwärterin auf einen Platz in einer von Crocells Legionen, noch wollte er sie verfüttern.
Irgendetwas hatte sie an sich. Etwas, das Crocell anlockte. Ihn neugierig machte.
Er wollte sie für sich. Einfach so. Nur, um den Geschmack ihrer harmlosen Naivität zu schmecken. Nur, um nicht zu vergessen, wie es war, selbst ein Leben auszulöschen.
Und weil er ihr nichts Böses wollte – nichts unnötig Böses jedenfalls – würde er sie schnell töten. Ein liebes und argloses Ding wie sie hatte es nicht verdient, länger zu leiden, als es unvermeidlich war, wenn man nun mal unfreiwillig aus dem Leben schied.
Langsam schwamm er näher, tauchte durch die Untiefen in die seichteren Bereiche des Flusses und glitt hinter das Schilf, um sie nicht zu erschrecken. Das Wasser plätscherte sanft, als sein Kopf die Oberfläche durchbrach.
Wie alle Fairies hatte auch diese hier einen unruhigen Geist und dafür gute Ohren. Sie wandte sich blitzschnell in seine Richtung und lauschte.
»Bist du es?«, fragte sie in das Rauschen der Strömung.
Wen mochte sie meinen? Sie hatte nicht ein einziges Mal jemanden hier getroffen oder sich nach einer zweiten Person auch nur umgesehen.
»Sag schon, mein schönes Flusswesen.« Ihre Stimme klang hoch, aber ein wenig rau dabei. »Bist du es wieder?«
Ein Lächeln breitete sich ungewollt auf Crocells Gesicht aus. Sie schien ihn bereits zuvor bemerkt zu haben. Das wurde immer besser.
»Ich bin es, kleine Fee. Darf ich näherkommen?«
Sie lachte auf, überraschend laut und ausgelassen. Die Sonne spielte dabei in ihrem Haar und ließ das Licht Wellen darin schlagen wie in einem rotgoldenen Meer. »Darauf warten wir doch beide seit Tagen, in denen wir uns heimlich beobachtet haben. Also, ja. Warum denn nicht?«
Er lugte am Schilf vorbei, sodass sie einen kurzen Blick auf sein schwarzes Haar, sein schmales Gesicht, die hohe Stirn und eines seiner großen, dunklen Augen erhaschen konnte. Seine Gestalt wirkte attraktiv auf Männer und Frauen, auf Menschen wie Fairies. Auch wenn die Vorlieben sich jedes Jahrhundert änderten, blieb die Faszination seiner Erscheinung immer bestehen. »Du weißt doch nicht, wer ich bin.«
Sie stellte ein Bein vor das andere. Was bei manchen aussah wie ein Versuch, besonders anziehend zu wirken, erinnerte bei ihr eher an die verlegene Bewegung eines Kindes, das nicht stillzustehen vermochte. »Ich weiß genug.«
»Wirklich? Was glaubst du zu wissen?« Er tauchte unter und schwamm zu ihr ans Ufer, wo er langsam erneut den Kopf aus dem Wasser hob. »Und warum nennst du mich dein Flusswesen?«
»Du bist ein Wesen«, sagte sie schlicht. »Und du kommst aus dem Fluss. Was bist du, wenn kein Flusswesen?«
»Was macht mich zu deinem Flusswesen?«
Sie lachte wieder. Leiser dieses Mal. »Ist denn außer uns noch jemand hier?«
»So einfach machst du es dir, meine kleine Fee?«
»So einfach ist es.«
Er legte die Hände auf einen warmen Stein am Ufer und verschränkte die langen Finger. Sie alle liebten seine Hände. Sie waren schmal und gleichmäßig, mit unscheinbaren Perlmuttnägeln, ohne den geringsten Hinweis auf seine dämonische Art. Auch seine Rückenlinie war unauffällig und sein Po teilte sich in zwei schlanke Beine. Durch die glitzernde Wasseroberfläche ließ er sie einen Blick darauf werfen. Zeigte sich ihr verführerisch und aufreizend, um dann eine Spur seiner dunklen Seele in sein Lächeln zu legen. Und dazu eine Idee seiner Gefährlichkeit in seine raunende Stimme. »Du weißt nicht, was ich bin.«
»Ich sagte schon«, erwiderte die Fee, »dass ich genug weiß. Du bist meine Freiheit.«
Er hob den Kopf. Was für eine interessante Antwort. Er wollte mehr hören, wollte eine Erklärung, wollte eine Lösung für das Rätsel, das sie war.
Natürlich hatte sie recht! Er würde sie in eine Freiheit führen, die kein irdisches Leben jemals geben konnte. Aber das konnte sie unmöglich meinen. Sie war keine von denen, die sich nach dem Tod verzehrten.
»Das musst du mir erklären.«
»Ich heiße Rory.« Kurz huschte ihr Blick zu einem Vogel, der im Sand am gegenüberliegenden Ufer nach einem Wurm pickte und dann aufflog und über den Fluss davonsegelte. Sie schaute ihm mit einem Lächeln hinterher. Dann erinnerte sie sich offenbar wieder an das Gespräch, denn sie sah Crocell an – mit demselben weichen Blick wie den kleinen Vogel.
Damit hatte sie im Grunde recht. Auch Crocell pickte eigentlich nur im Sand nach Würmern.
»Du«, sagte sie, »bist der Grund, warum ich an diesem Ort allein bin, nicht wahr?«
»Ja, das bin ich.«
»Und dadurch bin ich frei.«
»Frei … wovon?«
»Von den Frauen, die sagen, ich müsse einen Mann nehmen. Von den Männern, die sagen, sie müssten mich nehmen, damit ich eine Frau werde. Aber wenn Frauen Mädchen einreden, sie dürften nicht frei sein, dann will ich keine Frau sein.«
Arme, kleine Fee. Wie alle Dämonen neigte Crocell nicht zu Mitleid, auch wenn ihm Mitgefühl nicht fremd war. Aber mit ihr litt er.
Er fand die Vorstellung, ein Mann würde seine kleine Fee nehmen, um mit ihr zu machen, was immer er wollte, ganz und gar abscheulich.
So weit würde es nicht kommen. Er würde sie töten. Rasch und mit wenig Schmerzen. Vielleicht würde er ihr die Kehle herausreißen. Dann verblutete sie in Sekunden. Schon war sie frei. Für immer.
»Hast du denn gar keine Angst?«, fragte er leise.
»Ich bin sehr vorsichtig.« Sie sank in die Hocke, um ihm noch näher zu sein, und senkte die Stimme, bis sie flüsterte. »Ich kenne das Geheimnis.«
Crocell neigte den Kopf und legte die Wange auf seinen Händen ab. Die Strömung streichelte seine nackte Haut. Der Tag war herrlich, er fühlte sich wundervoll. »Verrätst du es mir?«
Rory nickte. »Es sind die Schuhe.«
»Die … Schuhe? Bist du dir sicher?«
»Ja!« Begeisterung leuchtete aus ihren blauen Augen und aus der Röte ihrer Wangen. »Die Fairies, die herkamen und nie zurückkehrten, verschwanden ohne ihre Schuhe. Wir haben die Schuhe in den Stromschnellen wiedergefunden. Demnach muss ich nichts anderes tun, als meine Schuhe anzulassen. So kann mir nichts geschehen.«
Güte brannte in diesem Feenkind. Sie war so naiv, so vertrauensselig, dass es ihn fast schmerzlich anrührte.
Es wäre eine Schande, sie in dieser schlechten Welt zurückzulassen. Er tat etwas Gutes, indem er sie mitnahm, die Engel würden ihn dafür segnen.
Nun, das vermutlich nicht – aber sie müssten es eigentlich tun, würden sie sich einmal an ihre eigenen Gesetze halten.
Aber er wollte ihren Körper nun nicht länger zerstören. Ihr weder das Herz noch die Kehle herausreißen. Er würde sie in die Arme nehmen und ins Wasser tragen, tief hinab zum Grund, wo der Fluss am schönsten war, und dort fest an sich drücken, bis sie für immer schlief.
»Meine kleine Fee.« Crocell stemmte...
| Erscheint lt. Verlag | 1.2.2025 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Fairiegolden Town-Reihe |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2024 • Babylon Berlin • Diebe • eBooks • enemies to lovers • faieries • Fantasy • Magie • Neuerscheinung • New Adult • not like other girls • Peaky Blinders • Romantasy • Serien • Spiegel-Bestsellerautorin • Urban Fantasy |
| ISBN-10 | 3-641-32128-X / 364132128X |
| ISBN-13 | 978-3-641-32128-4 / 9783641321284 |
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