Raubtiere wie wir (eBook)
356 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7583-4866-2 (ISBN)
Christian Gehring wurde 1978 in Bonn geboren, wo er aufwuchs und die Schule besuchte. Nach seinem Abitur arbeitete er beruflich im Rettungsdienst und studierte Bildungswissenschaft und Erwachsenenbildung. Christian Gehring arbeitet heute als Erziehungswissenschaftler in der Erwachsenenbildung.
X
Ruhe. Leiser als gewohnt, schwebend über allen Problemen. Das Gefühl tiefer Entspannung. Kein hektischer Traum, keine quälende Verarbeitung von Eindrücken, gefolgt von Ratlosigkeit nach dem Erwachen. Nur tiefe, unendliche Dunkelheit.
Der schlichte Satz „Das muss raus!“ hatte mich in diese Ruhe geführt. Kühl, fast beiläufig ausgesprochen durch eine junge Ärztin auf einem runden Lederhocker mit Rollen, in einem Hin und Her zwischen Monitoren und meiner Liege, jeder Richtungswechsel begleitet durch das Ächzen der kleinen Plastikrollen des Hockers auf einem wasserabweisenden Bodenbelag. Geduldig, aber angespannt hatte ich auf der mit Papier bedeckten Liege mit einem grünen Kunstlederbezug ausgeharrt, mich bis zu diesem Moment unbesiegbar gefühlt. Aber es war nur eine erste Meinung gewesen, gestützt durch ein Gesundheitssystem, welches einem medizinischen Laien wie mir eine ärztliche Meinung anlasslos in Zweifel stellen ließ. Sollte das Ergebnis nicht meinen Vorstellungen entsprechen, könnte ich weitere Ärzte konsultieren, gebilligt und ohne Gegenwehr bezahlt durch meine Krankenkasse.
Oder rührte mein Misstrauen aus der Annahme, dass Ärztinnen und Ärzte letztlich auch nur die gleichen Jungs und Mädchen waren, mit denen man zu Schulzeiten an der Bushaltestelle gestanden hatte, verunsichert im Bestreben, sich möglichst nicht zu blamieren, cool zu wirken?
Viele Dinge hatten durch das Erwachsenwerden einen Entzauberungsprozess erfahren. So auch Berufe, deren Ausübung man als Kind ehrfürchtig einer anderen Art Mensch zuschrieb, intelligenter, kompetenter als man selbst, irgendwie unerreichbar und exklusiv. Doch auf dem Weg des Erwachsenwerdens hatte man die Menschen hinter den Berufen erkannt, die gleichen Schwächen wie bei einem selbst bemerkt, die man nur zu gut kannte. Herr Gauß hatte wohl auch bei der Verteilung von menschlichen Stärken und Schwächen recht behalten sollen. Vielleicht war für das Infrage stellen einer ärztlichen Meinung aber auch nur die Kompatibilität zwischen der Botschaft und der eigenen Hoffnung entscheidend. Verblüffend kompatibel hatten sich jedoch die Aussagen Nummer zwei und drei der weiteren Ärztinnen und Ärzte gezeigt, welche ich in den folgenden Wochen konsultiert hatte. Keiner hatte es „dabei belassen“ wollen, es „erst einmal beobachten“, „abwarten, wie es sich entwickelt“, „einen Termin für eine Kontrolle in drei Monaten“ vorgeschlagen. All diese Aussagen, auf welche ich mich noch eingelassen hätte, zwar nicht wünschenswert, dennoch kompromissfähig, blieben aus. Alle hatten sich festgelegt, „es muss raus“. Ob es schlimm sei, mich gar umbringen würde? Hierzu waren alle einhellig ausgewichen, hatten keine eindeutige Einschätzung abgeben wollen. Vielmehr wurde auf ausstehende Laboruntersuchungen verwiesen, auf Begriffe wie Biopsie und histologischer Befund verwendet. Worte, oft verwendet, ohne jemals eine tiefere Kenntnis über deren Bedeutung erlangt zu haben.
„Wahrscheinlich sei es aber gutartig, jedoch müsse es dennoch entfernt werden, sonst mache es mir früher oder später Probleme! Es sei gut, dass es so früh entdeckt worden sei“. Wieso etwas Gutartiges entfernen? Warum bedienten sich die Ärzte einer derartigen Nomenklatur und beschrieben etwas, was dringend durch einen operativen Eingriff entfernt werden müsse, als gutartig?
Die großen fünf Buchstaben „Krebs“, im Alltag mit einer gewissen Distanz gegenüber der eigenen Person wahrgenommen, es auf andere beziehend, aus dem empfundenen Schutz des „Nicht-betroffen-seins“ heraus.
„Gesundheit ist der Zustand unentdeckter Krankheiten“ hatte einmal ein Freund festgestellt. Eine nebenbei zitierte, kluge, wenn auch düstere Feststellung, welche in der Lage war, Störungen des inneren Gleichgewichts bei entsprechend anfälligen Persönlichkeitsstrukturen auszulösen. Für mich plötzlich realer, als es mir zu dem damaligen Zeitpunkt hätte bewusst sein können.
Aber was sollten wir Menschen denn machen? Uns ständig um alle möglichen Erkrankungen sorgen, uns einem kontinuierlichen Stress hingeben, jedes Ziehen und Zwicken, jeden Schmerz und jede Auffälligkeit unmittelbar ärztlich abklären lassen? Ist nicht gerade auch Stress bestens dazu geeignet, Erkrankungen einen fruchtbaren Boden zu bereiten? Bot das Leben in unserer Konsumgesellschaft nicht schon genug Anlass für andauernden Stress?
„Arbeite viel, dann bekommst Du das große Haus und den großen Wagen“ hatte einer meiner Lehrer zu Schulzeiten gemahnt, welchem das Etikett „Privatschule“ besonders schmückend erschien.
„Lebe viel, dann bekommst Du die wahren Freunde und die große Liebe“ hatte ich entgegnet, mir dabei die Verachtung der reichen Söhnchen und Töchterchen meiner Klasse gesichert. Welch Luxus es für die die Menschheit doch früher gewesen sein muss, Dinge und Umstände einfach nicht zu wissen. Andererseits würden die uns nachfolgenden Generationen vermutlich das Gleiche über uns sagen werden, obgleich wir uns, wie alle Generationen vor uns, immer auf dem Zenit der Erkenntnis und des Wissens wähnten, schmunzelnd über die Einfältigkeit und Ahnungslosigkeit der Vorfahren und ihren niedlichen Annahmen. Letztlich wird es wohl das Schicksal sein, was zuletzt schmunzelt, uns schon immer als das wahrgenommen hat, was wir wirklich sind, kleine, zufällig angeordnete Atomketten in einem endlosen Raum, den wir Universum nennen.
Wie schön musste es zu früheren Zeiten gewesen sein, sich weniger zu sorgen, den Begriff „Karriere“ nicht zu kennen, seine Arbeit als nützlichen Beitrag zur Gesellschaft zu wissen, im Hier und Jetzt zu leben? Vermutlich eine zu romantische Vorstellung, welche ihren Reiz bei Wörtern wie Wurzelentzündung oder Fraktur schnell verliert.
Plötzlich wurde es für mich real, als diese fünf Buchstaben die Lippen der Ärzte verließen und meiner Lebensplanung einen Haken versetzten. Sollte mich das wirklich beruhigen, dass es gut sei, dass es früh festgestellt worden sei? Ich wertete es als Beruhigung, besonders weil es mit meinem Prozess des Vaterwerdens deutlich besser harmonierte als eine ungeplante Auseinandersetzung mit der eigenen Begrenztheit.
„Es würde wohl eine kleine Narbe unterhalb des Bauchnabels zurückbleiben, hier wäre die Operationstechnik sehr fortgeschritten!“ hatte sie gesagt. Eine kleine Narbe, der kleinste gemeinsame Nenner des einseitigen Informationsaustausches. Eine kleine Narbe würde mich nicht um den Schlaf bringen. „Sport, Ernährung… alles könnte wieder so werden wie zuvor“. Also stimmte ich dem Eingriff schließlich zu.
Vollnarkose… wieder so ein Wort! Vieles, zu dem ich mein Einverständnis am Vortag des Eingriffs abgegeben hatte, hinterfragte ich nicht. „Ich kann es ja eh nicht ändern“ vereinfachte ich die Situation. Warum also nachfragen? Die Ärztin würde wohl wissen, ob es gut geht, oder nicht. Schließlich sei die Aufklärung und die damit verbundene Aufzählung von Risiken gesetzlich vorgeschrieben und für mich gleichzusetzen mit der Verpflichtung zum Lesen eines Beipackzettels von Medikamenten.
Bisher war mein Leben immer gut verlaufen, hatte ich unangenehme schlimme Schicksale nur aus der Beobachterrolle wahrnehmen dürfen. Warum sollte sich das ausgerechnet jetzt ändern? Nach dem Eingriff würde ich wohl erleichtert und tapfer zu meiner werdenden Familie zurückkehren, bald mein Kind willkommen heißen können, mit ihm oder ihr Burgen am Strand bauen, oder Fußbälle auf der Wiese treten. Auffällig erschien mir nur das Beschwichtigen sämtlicher Risiken. Sie müsse mich halt über vieles informieren, aber ich sei in einem Alter und einer körperlichen Verfassung, welche das Auftreten von Komplikationen unwahrscheinlich erscheinen lasse.
Der Morgen auf dem Weg zum Krankenhaus, wunderschönes Wetter. Es war eine dieser sommerlichen Morgen, dessen Geruch mich immer an das „Erster-Tag-der-Sommerferien“-Gefühl erinnerte, als Kind als reine Emotion und durch ein undefinierbares Gefühl im Solarplexus wahrgenommen. Dieses Gefühl, vor Glück zu platzen, sechs ewig wirkende Wochen Sommerferien, die Freibäder geöffnet, die Fahrradreifen aufgepumpt. Die Luft des Sommers, die Geräusche der Stadt… eigenartig, dass dieses reine Glück nur retrospektiv empfunden werden kann, verbunden mit Wehmut und Melancholie. Vielleicht war dies auch eine Folge des Entzauberungsprozesses, welchen man Erwachsenwerden nennt. Wie schön wäre es, wenn man sich des Glücks doch in dem Moment des Erlebens bewusst sein könnte, anstelle sich später nur daran zu erinnern. Hatte Goethe in seinem „Faust“ nicht hierüber geschrieben? Ich ärgerte mich, dass ich es als Schüler zu meiner inneren Haltung hatte werden lassen, die Sekundärliteratur den eigentlichen Werken vorzuziehen. Der Konsum von komprimiertem Wissen führt eben nur zu komprimiertem Wissen.
Die ältere...
| Erscheint lt. Verlag | 28.2.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Apokalypse • Dystopie • Gesellschaftskritik • Postapokalyptisch • Unterhaltung |
| ISBN-10 | 3-7583-4866-8 / 3758348668 |
| ISBN-13 | 978-3-7583-4866-2 / 9783758348662 |
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