Am Fluss der Zeiten (eBook)
416 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7517-6113-0 (ISBN)
1551: Elze wächst mit ihren Geschwistern als Eigenbehörige auf dem großen Hof Kalmule auf. Die harte Arbeit auf den Feldern ist ihr Alltag. Doch ihr Leben wandelt sich von Grund auf, als sie ihre Familie verlassen muss und ihren Pflichtdienst als Küchenmagd in der Stadt Münster antritt. Eines Tages wird sie jedoch mit einer Magd der Herren von Oer getauscht und muss künftig auf der Wasserburg Kakesbeck leben, auf der ein Fluch liegt. Dort trifft sie auch Jacob wieder. Aber um den Müllerssohn ranken sich geheimnisvolle Gerüchte. Soll sie diesen Glauben schenken? Und wird Elze nun Teil der alten Prophezeiung werden, um den Fluch der Familie von Oer zu brechen?
Auftakt eines historischen Mehrteilers von Ulrike Renk vor dem Hintergrund des Spanisch-Niederländischen und des Dreißigjährigen Krieges
Dieser eindrucksvolle Roman basiert auf der eigenen Familiengeschichte der SPIEGEL-Bestseller-Autorin.
<p><strong>Ulrike Renk,</strong> Jahrgang 1967, studierte Literatur- und Medienwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Krefeld. Familiengeschichten haben sie schon immer fasziniert, und so verwebt sie in ihren erfolgreichen Romanen Realität mit Fiktion. Die <i><b>SPIEGEL</b></i>-Bestseller-Autorin greift dabei wahre Begebenheiten auf und schreibt über Menschen, deren Leben nie in Vergessenheit geraten soll.</p>
8
»Du bist Drees vom Hof Kalmule?« Amtmann Wilhelm Valcke runzelte die Stirn. »Wo ist Heinrich?«
»Mein Vater lässt Euch die allerbesten Grüße ausrichten.« Drees räusperte sich, und Elze spürte seine Verlegenheit. Es war das erste Mal, dass er ohne den Vater zum Amtmann kam, um den Hof zu vertreten. Elze war mitgekommen, damit er es nicht alleine tun musste. »Unsere junge Stute hat beim Holzrücken ausgetreten und ihn getroffen.«
»Hat es ihn schlimm erwischt?«
»Eine Wunde am Kopf, doch sie heilt gut.« Drees stockte. »Nur sein Bein … Er hatte es bei dem großen Unwetter schon gebrochen und nun wieder …«
»Das tut mir leid. Ich hoffe, es wird schleunigst heilen. Heinrich ist ein fähiger Mann, eine wertvolle Arbeitskraft.« Der Amtmann hatte sein großes Buch aufgeschlagen, suchte die Spalte des Hofes Kalmule und trug dort etwas ein. »Aber das ändert ja nichts an den Abgaben, die ihr hoffentlich leisten könnt.«
»Nun, das Unwetter …« Drees schluckte, versuchte sich zu sammeln. »Wir hatten große Schäden …«
»Jaja, das sagen alle«, murrte der Amtmann. »Als ob es das erste Unwetter gewesen wäre, das wir mitgemacht haben.«
»Wie Ihr sicher wisst, liegt unser Hof unterhalb des Zusammenschlusses vom Kleuterbach und der Stever. Dort ist der Damm gebrochen, und das Wasser hat einen großen Teil der Felder geflutet …«
»Der Roggen war aber schon geerntet?«
»Ja, doch das Frühjahr ist zu trocken und der Sommer zu heiß gewesen. Die Ernte ist nicht gut ausgefallen.«
»Zehn Scheffel Roggen werdet ihr zu Martini bringen müssen. Zwölf Gänse und acht Schweine. Die Schweine sind in der Mark zur Mast?« Drees nickte. »Dann werden sie im November dick und fett sein«, sagte der Amtmann zufrieden. »Zwei Fässer Butter zu Martini zusätzlich zur üblichen Menge. Dafür braucht ihr nur zehn Hühner zu bringen. Zwei Schillinge jetzt, zwei Schillinge zu Mariä Lichtmess.«
»In Ordnung.« Drees senkte den Kopf.
»Zwei Scheffel Weizen und zwei Scheffel Gerste, einen Scheffel Malz.«
»Ja, Herr.«
»Meine Genesungswünsche an deinen Vater. Ich hoffe, spätestens zu Lichtmess wird er selbst wieder erscheinen.«
»Das hoffen wir alle.«
Der Amtmann sah Drees an, blickte dann wieder in sein Buch. »Ihr habt eine alte Mühle auf dem Hof, richtig?«
»Ja, eine kleine Mühle, aber schon seit Jahren stillgelegt.«
»Du weißt sicher, dass die Kleutermühle schwer beschädigt ist. Es ist eine große Mühe, all das Getreide aus der Bauerschaft nach Lüdinghausen zur Mühle zu bringen und dann wieder zu verteilen. Es bringt auch nur Unmut und Unruhe mit sich, wenn ein für die Bauern fremder Müller das Korn mahlt.« Der Amtmann holte tief Luft, stockte, sah Drees an.
»Das stimmt«, sagte Drees.
»Eure Mühle, tut sie es noch?«
»Ja. Aber …« Drees biss sich auf die Lippen.
»Aber was?«
»Es ist eine unterschlächtige Mühle mit viel weniger Kraft als die Kleutermühle.«
»Sie muss doch nur Korn zu Mehl mahlen. Kann sie das?«
»Ja, Herr.«
»Und es gibt jemanden, der sie betreiben kann auf eurem Hof?« Der Amtmann kniff die Augen zusammen.
»Mein Bruder Claes. Er … er hat bei meinem Vater gelernt. Er hätte gerne noch mehr Erfahrung gesammelt …«
»Hmm … Aber das Mahlwerk betreiben wird er schon können, oder?«
»Ja, Herr.«
»Claes … er würde gerne die Mühle in der Burg Kakesbeck besuchen und sich dort noch einmal schlaumachen«, sagte Elze schnell.
Der Amtmann musterte sie. »Du bist die Schwester? Hmm … Schlaumachen. Hmm … Kann er müllern oder nicht?«
»Das kann er wohl, Herr.« Drees räusperte sich verlegen.
»Dann ist es abgemacht. Ihr nehmt die Mühle wieder in Betrieb.«
Drees nickte und wollte gehen.
»Moment. Sagtest du, dass ihr Holz gerückt habt?«
»Ja, Herr. Zwei Buchen, die mein Großvater vor Jahren an die Gräfte gepottet hat. Der Sturm hat sie entwurzelt.«
Elze sah, dass Drees’ Wangen rot wurden. Sie wusste, dass er gehofft hatte, diesem Teil des Gesprächs zu entgehen. Ihr Vater hätte sicher geschickter argumentieren können.
»Von euch gepottete Bäume?«
Drees nickte wieder. »Wir mussten sie fällen, sie drohten umzustürzen. Der ganze Boden war aufgeweicht, die Wurzeln hatten keinen Halt mehr.«
»Nun gut. Ich werde über ihre Verwendung nachdenken.«
»Aber … wir haben sie auf unserem Grund selbst gepottet. Es sind Setzlinge aus unserer Schonung gewesen, keine Markbäume.«
»Es ist Holz. Und euch steht nur Feuerholz zu.«
»Es ist ja Feuerholz.« Jetzt hob Drees trotzig das Kinn.
»Ach so. Stämme, die man mit dem Pferd rücken muss, klingen größer als nur Buschwerk. Ich werde mit deinem Vater an Mariä Lichtmess darüber sprechen.«
Amtmann Valcke wedelte mit der Hand, sie waren entlassen.
Als sie kurz darauf in Richtung Markt gingen, wischte sich Drees den Schweiß von der Stirn.
»Du hast dich gut geschlagen«, versuchte Elze, ihren Bruder zu loben.
»Nicht gut genug. Ich bin mir sicher, Vater hätte mehr herausgeholt.«
»Beim nächsten Mal wirst du es besser machen.«
»Beim nächsten Mal wird Vater das Gespräch wieder übernehmen. Er kennt Wilhelm Valcke schon sein Leben lang und kann klüger mit ihm verhandeln, als ich es schaffe.«
»Irgendwann wirst du den Hof führen, dann musst du alleine diese Gespräche führen.«
»Vielleicht ist bis dahin jemand anderes im Amt. Jemand, der mehr Verständnis für uns Bauern hat.«
Sie waren auf dem Marktplatz angekommen, wo Gesa einen kleinen Tisch aufgebaut hatte und Käse und Hartwurst zum Kauf anbot. Das Tuch hatten sie schon am Morgen einem Schneider verkaufen können, der die gute Qualität ihrer Ware seit Jahren schätzte.
Neben Gesa stand Käthe, sie hatte den kleinen Hans im Arm und sprach mit einer Frau, die ihnen den Rücken zuwandte.
Elze blieb stehen und zupfte Drees am Ärmel. »Das ist Gesche vom Berenbrockhof. Käthes Mutter.«
Auch Drees blieb stehen. Er hielt für einen Moment den Atem an. »Diese Frau hasst mich«, sagte er fast tonlos. »Und sie verachtet Käthe für … für … unsere Übereiligkeit. Bei Gott, ich wünschte, ich hätte mich damals beherrscht und Käthe nicht beigeschlafen. Andererseits hätte ich dann heute weder diese wunderbare Frau noch das herzige Kind.« Er sah sich um, sein Blick wirkte gehetzt. »Oh, sieh nur, dort drüben ist Odo von der Burg.«
Drees war schneller weg, als Elze hätte Amen sagen können. Du feiger Hund, dachte sie amüsiert.
»Er lächelt ja schon«, hörte sie Gesche sagen, als sie zu ihrer Mutter und Käthe trat. »Gib ihn mir.«
Käthe reichte ihrer Mutter den gepuckten Säugling. Das Kind gurrte zufrieden, so wie es das häufig tat, wenn es satt war.
»Was für ein hübscher Kerl. Sieh nur, er hat unsere Augen, die Augen vom Berenbrockhof. Er wird dunkles Haar bekommen, so wie wir es haben. Kein helles wie das der Kalmules.« Gesche schien vor Entzücken außer sich zu sein. »Nein, was bist du für ein Hübscher. So ein prächtiges Kind.« Sie kniff die Augen zusammen. »Hast du auch genügend Milch, Käthe?«
»Käthe könnte zwei Kinder stillen«, sagte Gesa und klang stolz, so als wäre es ihr Verdienst. »Die Geburt war leicht, sie wird dem Hof eine Menge Nachfahren bescheren.«
»Vermutlich, dein Sohn scheint ja ziemlich fruchtbringend zu sein.« Nun war das Bissige in Gesches Stimme wieder zu hören. »Wo ist er überhaupt?« Sie sah sich suchend um.
»Er steht dort hinten, beim Stand der Leute von Burg Kakesbeck.« Elze deutete vage in die Richtung. Sie wollte Gesche nicht dazu ermutigen, mit dem Kind über den Markt zu marschieren.
»Ach ja? Was hat er denn mit denen zu tun?«
»Sie sind unsere Nachbarn«, sagte Gesa freundlich. »Du bist doch sicherlich noch eine Weile hier, es wird sich bestimmt eine Gelegenheit ergeben, Drees zu beglückwünschen. Wir alle sind froh, Käthe bei uns zu haben. Sie ist eine wahre Bereicherung, was sicherlich mit daran liegt, wie gut du sie in alle Belange eines Hofes eingewiesen hast.«
Elze schaute ihre Mutter überrascht an. Bisher hatte sich Käthe nicht dadurch ausgezeichnet, besonders findig in Hofbelangen zu sein. Sie war eher ungeschickt und verschüchtert gewesen, hatte sich jedoch nie gescheut nachzufragen, was ihr alle hoch anrechneten. Sie wollte helfen und mitarbeiten, wusste jedoch oft nicht, wie.
Käthe schien ob der Worte ihrer Schwiegermutter ebenfalls erstaunt zu sein, sagte aber nichts, so wie sie die ganze Zeit kaum ein Wort herausgebracht hatte.
Nun gähnte der kleine Hans ausgiebig, fing leise an zu greinen.
»Gib ihn mir.« Käthe streckte die Arme aus. »Er ist müde.«
»Aber nicht doch. Er möchte bei seiner Muttersmutter sein. Sieh nur, wie er mich ansieht.«
Die dunklen Augen des Kleinen hatten sich mit Tränen gefüllt, und er begann bitterlich zu weinen.
»Gib ihn mir«, wiederholte Käthe lauter und eindringlich, in einem für sie ungewöhnlich harschen Ton.
Gesche schaute sie verblüfft an, reichte ihr schließlich das Kind.
»Du kannst ihn jederzeit sehen. Und Drees und mich auch. Der Weg ist nicht weit, und du bist uns immer herzlich willkommen.«
Käthe nahm das Kind, drückte es an sich, wiegte es und...
| Erscheint lt. Verlag | 27.9.2024 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Hof Kalmule | Hof Kamule |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Achtzigjähriger Krieg • Dienstmagd • Eigenbehörige • Generationenroman • Historische Romane • Leben auf einem Gut • Liebe • Münsterland • Neuzeit • Starke Frauen • Wahre Geschichte(n) |
| ISBN-10 | 3-7517-6113-6 / 3751761136 |
| ISBN-13 | 978-3-7517-6113-0 / 9783751761130 |
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