Nach uns das Leben (eBook)
198 Seiten
Penguin Verlag
978-3-641-30976-3 (ISBN)
Es ist der letzte Auftritt des einst so stattlichen Männerchors im Dorf. Der Nachwuchs fehlt, und die verbliebenen Mitglieder sind zu alt und zu müde, um weiterzumachen. Auch Hugo, Otto, Hans und Carl beschließen, dass es nun mal gut ist. Nichts hat ihnen in den letzten Jahrzehnten so viel Halt gegeben wie ihre Freundschaft. Nun steht das Ende dieses großen Kapitels bevor. Doch so sehr die Männer dieser Abschied schmerzt, ist er auch die Chance, das Leben noch mal zu drehen und sich die Wünsche, die sie so lang als unerreichbar abgetan haben, endlich zu erfüllen.
Gudrun Eiden, Jahrgang 1974, hat Kulturwissenschaften und Germanistik studiert und arbeitet im Kommunikationsbereich. Ihr Handwerkszeug zum Kreativen Schreiben hat sie in diversen Schreibwerkstätten und Fortbildungen erworben, in deren Zuge auch ihr Debütroman 'Nach uns das Leben' entstanden ist. Gudrun Eiden lebt und schreibt in Bremen.
Otto Reepmann beugt seinen Oberkörper im Rollstuhl vor und versucht, sein schwarzes Sakko anzuziehen. Bei ihrer letzten Probe machen sie sich alle fein, so haben sie es verabredet. Der Futterstoff aus Viskose ist im Ärmel eingerissen; seine Hand, zur Faust gekrümmt, rutscht ab. Drei Versuche braucht Otto, bis die Jacke sitzt. Drei Versuche, die ihn körperlich anstrengen. Bei jeder Bewegung spürt Otto seine zweiundneunzig Jahre. Die rote Krawatte hat er seit Jahren nur so weit gelockert, dass er sie über den Kopf ziehen kann. Sie neu binden zu müssen, würde ihn bloß entmutigen. Er erinnert sich, wie ihm als junger Mann der Knoten stets auf Anhieb gelang. Selbst dann, wenn er sich vor dem Spiegel verbiegen musste, weil der Zigarettenqualm ihn ins Auge biss. Das Rauchen hatte er sich nicht abgewöhnt, obwohl sie ihm das linke Bein amputiert hatten. Das war vor zwölf Jahren gewesen. Die Ärzte meinten, so zugeteert, wie er sei, wäre es egal, ob er aufhöre oder nicht. Seine Zeit sei absehbar. Also rauchte er im Sitzen weiter und weilte nach wie vor unter den Lebenden.
Otto nimmt den blauen Wollschal von der kleinen Kommode. Den hatte seine Frau vor einer Ewigkeit für ihn gestrickt. Tage später gab es diesen Unfall, der das Leben mit Ruth mit einem großen Knall zum Stillstand brachte und Otto zu einem mürrischen Kerl werden ließ.
»Bin fertig, wir fahren jetzt. Junge, komm!«
»Geht klar, Vaddern!« Robert, längst kein junger Mann mehr, vor zwei Tagen sechsundsechzig Jahre alt geworden, öffnet die Haustür, kippt den Rollstuhl leicht nach hinten und lässt ihn die fünf Stufen der steinernen Treppe hinab. Die Pläne für eine Rampe vertagen sie wieder und wieder. Otto meint, das lohne nicht mehr, und Robert ist zu müde zum Kämpfen, weil er weiß, dass sein Vater das Organisatorische in seinem Hause nie anderen überlassen würde.
Seit der Amputation liegt die Pflege seines Vaters bei ihm. Gefragt hatte ihn nie jemand. Seither fährt er ihn jeden Donnerstag zur Probe, bis auf jenen Tag, als er auf Karins Frage »Dein Vater oder ich?« geschwiegen und die Trennung bei Rosalie am Tresen ertränkt hatte. Am nächsten Morgen stellte Otto klar, ein Mann habe nicht zu jammern, weg sei halt weg, und tüchtig sei Karin auch nie gewesen. In der ewigen Wiederholung hatte Robert diese Einstellung mit der Zeit angenommen und fühlte sich mehr denn je an sein Elternhaus gekettet.
Die Fahrt ist kurz und beide kennen jeden Zentimeter des Weges: Da ist das einst stattliche Haus des ehemaligen Zahnarztes. Die Fassade staubig, der Gehweg übersät mit matschigen Vogelbeeren. In der Auffahrt der bunt beklebte Kleinwagen eines Pflegedienstes, der dreimal am Tag für eine kalkulierte Kurzzeit dort steht. Ein paar Häuser weiter: ein zugemauerter Eingang, sauber verputzt, die Umrisse von einst sind erkennbar geblieben wie eine Schweißnaht. In dem Laden hatte Robert als Kind Lakritz in kleinen Papiertüten gekauft und mit den Augen gerollt, wenn Frau Düsseldorf ihm lachend durch die Haare wuschelte. Es folgt die kleine Imbissbude mit der wackligen Handschrift auf neongelben Pappschildern, die mit der Zackenschere zu unglücklichen Ovalen geschnitten sind. An der Kreuzung das nackte Ladenlokal mit den zwei Geldautomaten der Sparkasse. Der lamentierende Aushang erklärt, dass persönliche Beratungen nur online möglich seien. Schräg gegenüber die Metzgerei mit den Präsentkörben im Schaufenster – Landjäger und Wurstkonserven fesch auf Bastelmoos drapiert.
Robert fährt rechts ran. Hans Nowak steigt ein. Im oberen Flurfenster seines Hauses stehen Plastikorchideen in schlanken Vasen. Hans war einst Postbote und hat das Laufen geliebt. Heute mit seinen zweiundachtzig Jahren ist ihm die Treppe zu steil, um echte Blumen zu pflegen, und seine Frau Anni kann schon seit vielen Jahren nichts mehr ruhig in der Hand halten. Stattdessen sitzt sie den ganzen Tag vor dem Fernseher, und Hans kümmert sich um das, was im Alltag alter Leute anfällt und was seine morschen Gelenke zulassen. Vor einem halben Jahr hatten seine Tochter und das Schicksal derart gemeinsame Sache gemacht, dass sich Hans’ Körper seitdem ein Stückchen mehr der Erde entgegenneigt. Es dauert, bis er im Wagen sitzt und seine Finger den Sicherheitsgurt ertastet haben.
»Guten Abend, die Herren. Glückwunsch nachträglich, Robert. Haste es wieder überstanden, so ganz ohne Partnerin?«
»Geht schon.« Robert schaut zu, wie seine offene Handfläche auf den Schaltknauf pocht, seine Lippen sind fest aufeinandergepresst.
»Da kannst du nicht viel machen, wenn die Damenwelt aus der Reihe tanzt. Jetzt fahr weiter, Junge!« Ottos Worte branden wie trübe Galle ans Armaturenbrett, und Robert wünscht sich an einen anderen Ort, einen wärmeren Ort.
Carl Donner sitzt am Küchentisch. Vor sich Brettchen, Messer, Graubrot, saure Gurken, Leberwurst und eine dampfende Tasse Kräutertee. Carl ist ausgehungert, Carl ist appetitlos, Carl ist traurig. Seine Frau Hilde sitzt ihm gegenüber und redet ohne Unterlass: »Ich möchte nicht wissen, wie viele Berge Salat und Kuchen ich in all den Jahren für den Verein gemacht habe. Die anderen haben sich gedrückt, wo sie nur konnten. Und für was war es gut? Für nichts!« Sie verschränkt die Arme vor ihrem massigen Bauch und schnauft verächtlich durch die Nase. »Gut, dass es endlich ein Ende hat.«
Carl erwidert nichts. Das ist in ihrer Ehe nicht vorgesehen. Innerlich schnauzt er sie an, sie möge – verdammt noch mal – ihren Rand halten und verschwinden. Seit den 1970er-Jahren wünscht Carl sich das.
Nächste Woche ist sein achtzigster Geburtstag und die Gesundheit hat es gut mit ihm gemeint: Er wird die zwei Kilometer zu Fuß gehen, wie die letzten fünfundfünfzig Jahre auch. Der übliche Schwung in seinem Gang wird fehlen, das Wort »Schleichen« den Nagel auf den Kopf treffen, als ob sich so das nahende Ende hinauszögern ließe.
»Bin jetzt los, du brauchst nicht auf mich zu warten.«
Hilde verfolgt ihn bis zur Haustür, wettert unentwegt, er hört nicht hin. Die Tür schließt sich hinter ihm. Ruhe. Für ein paar Stunden ist er frei.
Hugo Reinbach hat Ärger mit seinen Zähnen. Die obere Gebissreihe scheuert am Zahnfleisch und unten tut ihm einer der letzten Echten weh. Er denkt an den Spruch der jungen Arzthelferin, dass Altwerden nichts für Feiglinge sei, und nimmt noch eine Schmerztablette.
»Was machst du da?« Die kleine Frieda kommt rein und verlangt wie selbstverständlich, dass Hugo sie auf den Schoß nimmt.
»Der Opaopa hat Aua am Zahn.«
Sie lehnt sich an ihn. »Guckst du deshalb so traurig?«
»Tue ich das?«
»Ja, schon so lange.« Frieda spannt ihre Arme aus und streckt die Zeigefinger.
»Heute Abend gehe ich das letzte Mal zur Probe und treffe meine Freunde.« Sie schaut ihn fragend an, Hugo atmet tief ein. »Weil keiner von uns die Zeit anhalten kann, wenn es am schönsten ist.«
»Ich schon.« Frieda dreht ihr Gesicht zu Hugo. »An meinem Geburtstag mache ich, dass der Tag so lang ist.« Wieder zeigt sie ihre größte Armspanne.
»Und dennoch gehst du abends ins Bettchen und am nächsten Tag hast du keinen Geburtstag mehr.« Frieda denkt darüber nach, und Hugo drückt sie ihrer Mutter, seiner Enkelin, in die Arme. Sechsundsiebzig Jahre ist er nun alt. Auf seinem großen Hof leben vier Generationen. Er war einer der Ersten in der Gegend, der auf Bio umgestellt hat. Aus dem Bauernhof seiner Eltern hat er gemeinsam mit seiner Frau Linda einen profitablen Vorzeigebetrieb gemacht. Der Hofladen mit dem Café, in dem an kalten Tagen ein offener Kamin wohlig wärmt, läuft wie geschnitten Brot. Sein Zuhause, gesäumt von uralten Linden, ist ein wunderschönes Fleckchen Erde. Hugo indessen ist des Lebens müde.
* * *
Die drei Männer verlassen den Parkplatz. Die Sonne ist bereits untergegangen, die beginnende Dämmerung zeigt ihr klarstes Blau. Eine schwarze Katze läuft die Mauer entlang. Robert schiebt den Rollstuhl über das Kopfsteinpflaster, aus dessen Fugen Sand und Unkraut quellen. Ottos Kopf baumelt leicht nach rechts und links, so grob ist der Gehweg. Hans geht ungelenk nebenher, die Hüfte quält ihn und der Oberkörper neigt sich steif nach vorn. Der speckige Griff und der abgewetzte Gummipuffer seines Gehstocks zeugen vom täglichen Kampf um jeden Meter.
Eines der Lenkräder des Rollstuhls verklemmt sich in einer Fuge. »Junge, pass doch auf, Herrgott noch mal!«
Robert rüttelt am Stuhl. Kastanienblätter segeln durch die Luft.
»Es wird doch möglich sein, dass wir pünktlich ankommen! Schaffst du das, Junge?« Otto knurrt wie ein Hund.
Hans legt seine freie Hand auf Roberts Schulter, sein kurzer Blick spricht Sätze des Mitgefühls, dann geht er weiter. Er will nicht Teil dieses Konflikts sein, empfindet die mürrischen Pfeilspitzen Ottos gegenüber Robert als ungerecht und schwer zu ertragen, ohne sich einmischen zu können. Die Glocken beginnen zu läuten, es ist Punkt sieben.
»Junge, nun mach hin.« Otto legt seine Hände an die Greifreifen, drückt sie und seinen Oberkörper vor. Der Stuhl bewegt sich nicht, Otto knurrt vor sich hin.
Ein junges Mädchen kommt vorbei, ihr heller Gruß bleibt unerwidert. Robert schaut ihr nach, fragt sich, wann sein Vater das letzte Mal nett zu ihm war, und zieht am Rollstuhl. Das Vorderrad kommt frei und er schiebt den alten Mann zum Proberaum.
Die Männer proben in der uralten Dorfschule, einem Fachwerkhaus mit roten Ziegeln, in dem ihre Eltern das ABC gelernt, mit Griffeln auf einer Schiefertafel geschrieben und manch bange Stunde wegen der strengen Regeln des damaligen...
| Erscheint lt. Verlag | 24.7.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 2024 • Alltag • Alter • Älterwerden • Chor • Contergan • das leben eben • Depression • Dorfleben • Dörte Hansen • eBooks • Eltern • Ewald Arenz • Familie • Freundschaft • Geschenkbuch • literarische Unterhaltung • Männerchor • Männerfreundschaft • Mariana Leky • Neuerscheinung • Norddeutsch • Norddeutschland • Roman • Romane • Suizid • Tiefe |
| ISBN-10 | 3-641-30976-X / 364130976X |
| ISBN-13 | 978-3-641-30976-3 / 9783641309763 |
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