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Jugenderinnerungen des Geheimrathes Hoefer (eBook)

Eine wahre Geschichte aus der Zeit von 1851-1871

(Autor)

Otmar Hoefer (Herausgeber)

eBook Download: EPUB
2024 | 2. Auflage
480 Seiten
BoD - Books on Demand (Verlag)
978-3-7597-6386-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Jugenderinnerungen des Geheimrathes Hoefer - Otto Hoefer
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Geheimrat Otto Hoefer schrieb 1905 seine Jugenderinnerungen in deutscher Kurrentschrift nieder. Der historisch aufschlussreiche Text gibt Einblicke in das ganz normale Leben der Menschen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Otto beschreibt darin die unterschiedlichsten Zeitgenossen, ihre Einstellungen und Denkweisen. Er berichtet ausführlich von seiner Schulzeit. Einen großen Teil widmet er seinen Erlebnissen, die er 1870/71 als freiwilliger Soldat bei der Belagerung von Paris und im französischen Umland gemacht hat. Sein Urenkel Otmar Hoefer hat nun gemeinsam mit seinem Bruder Joachim diesen historischen Schatz für die Nachwelt gesichert.

Otto Hoefer (1851 - 1928) wuchs in einer Pfarrersfamilie mit sechs Geschwistern auf. Während seiner Gymnasialzeit entschloss er sich bei einer Versammlung auf dem Kyffhäuser zur freiwilligen Kriegsteilnahme in Frankreich. Die dabei gemachten Erfahrungen bewegten ihn dazu, nach seiner Ausbildung zum Jurist, sich als Militärintendant für die Versorgung der deutschen Armee zu engagieren. Wegen seiner Verdienste wurde er 1900 von Kaiser Wilhelm II zum "Wirklichen Geheimen Kriegsrath" ernannt. Während seines Ruhestands fand er die Zeit, seine Jugenderinnerungen zu Papier zu bringen.

3. Großmutter Hoefer


Die Ehe meiner Großeltern war nach den Begriffen der damaligen Zeit eine durchaus mustergültige. Getragen von wechselseitiger Hochschätzung, einer von des andern Pflichtbewußtsein und Tüchtigkeit überzeugt und gestützt, so ergänzten sich die beiden Eheleute trotz der Verschiedenartigkeit Ihrer Charactere in erfreulicher, ersprießlicher Weise, wenn-schon beide für äußerliche Liebesbeweise und Zärtlichkeiten gänzlich unzugänglich waren.

Es wird mir nicht schwer, ein zutreffendes Bild von der Großmutter Hoefer zu entwerfen, da ich von meiner frühesten Kindheit bis zum Eintritt ins Heer in ihrer Nähe, theilweise unter demselben Dache mit ihr gewohnt habe. Freilich hatte sie damals die Höhe des Lebens überschritten und wirtschaftlicher Thätigkeit entsagt. Sie lebte als Wittwe erst in Gross-Wechsungen, nachher in Nordhausen. Aber aus ihren Erzählungen, aus ihrem Verhalten und Treiben im Ruhestande kann ich mir ein lebensvolles Bild von ihr als schaltende Hausfrau auf dem Gutshofe in Obergebra gestalten.

Wie ich schon andeutete, war sie im Gegensatz zu ihrem Manne eine resolute Frau, die nur in reger Thätigkeit Befriedigung fand und der nichts widerwärtiger war wie Trägheit, zumal wenn sich diese bei ihrem weiblichen Unterpersonal ergab. Wie alle in einer Mühle erzogenen Menschen, so verfügte auch sie über beträchtliche Stimm-Mittel, ein lautes accentuiertes Organ, das wie ein Mühlrad dem Strome der Rede Geltung verschaffte. Ihr Leben im Elternhause mag ein recht freundliches gewesen sein, denn sie hatte eine große Anzahl lieber Brüder und Schwestern, auf die ich im Laufe meiner Erzählung hie und da zurückkommen werde; die Ammermühle selbst, die damals nur Mehl- und Ölmühle war und erst später dank der Betriebsamkeit der Neffen durch einen Anbau zur Werkstätte der Textilindustrie vergrößert wurde, bot bei ihrer freundlichen Lage mancherlei Kurzweil und nachbarlichen Verkehr nach dem nahe gelegenen Städtchen Bleicherode und der Kreisstadt Nordhausen. Herrschaft und Dienstpersonal bildeten nach echt patriarchalischer Sitte eine große Familie, Andachten und Mahlzeiten fanden gemeinschaftlich statt.

Ein Müllerknappe Namens Beelitz war dafür bekannt, daß er Abends ungern zur Ruhe ging und Morgens nicht aus dem Bette finden konnte. In Erinnerung an diesen Knecht im Elternhause pflegte Großmutter uns Knaben, wenn wir Abends den Wunsch äußerten, über die feststehende Stunde hin aus im Kreise der Erwachsenen zu weilen, zuzurufen: „du büst Beelitz, lät sich nich gerne hän und stieht nich gerne uff“.

Ich bemerke, daß Großmutter, obwohl sie sich sehr gut hochdeutsch ausdrücken konnte, mit Vorliebe im hohensteiner Dialekt sprach, den auch mein Vater noch gern anwandte, namentlich wenn er einen lustigen Schwank zum besten gab, oder einer abfälligen Kritik eine freundschaftliche Form geben wollte.

So ganz friedlich scheint es übrigens in der Ammermühle zur Zeit als Großmutter Hoefer noch ein Kind war, doch nicht immer zugegangen zu sein, eine Begebenheit, die in der Familie erzählt wurde, läßt im Gegentheil darauf schließen, daß Großmutters Eltern derb an einander gerathen konnten:

Als seine Frau einst auf Besorgungen in die Stadt gefahren war, hatte der alte Hirschfeld, also Großmutters Vater eine Anzahl trunkfester Freunde aus der Umgegend zu sich geladen und es entwickelte sich, ohne daß die abwesende Hausfrau eine Ahnung von dem Besuche hatte, bald ein wüstes Zechgelage in der Mühle. Als die Zechgenossen im besten Zuge waren und im tollen Übermut der Hausfrau durch Absingung des Spottliedes: „ein Kreuz, ein Leid, ein böses Weib hat mir der Herr beschieden, nimm’s Weib zu dir, nimms Kreuz von mir, dann hab’ ich Ruh’ und Frieden“ freundlich gedacht hatten, trat diese selbst zornbebend in den verblüfften Zecherkreis, schlug mit dem sog. Rührscheite, einem ruderähnlichen Instrumente, womit sie soeben das Spülichtfaß umgerührt hatte, wuchtvoll auf den Kredenztisch, sodaß die Wischplempe den Gästen ins Gesicht hagelte, und bereitete damit dem feuchtfröhlichen Gelage ein jähes Ende. Der als Spaßmacher bekannte Allerweltsonkel Fritz Rüdiger aus Bleicherode berichtete später über diesen Vorfall: „8 Tage mußten wir klubbern, bis wir das Dreckzeug aus dem Bart hatten“. Ein wenig von dem schlagfertigen Wesen ihrer Mutter scheint ja auf meine Großmutter übergegangen zu sein, wenn sich das bei ihr auch niemals in der drastischen Form Kund gab wie in der vorher berichteten Begebenheit. Immerhin hatte sie, wenn schon sie klein von Gestalt, dabei aber etwas vüllig war, einen starken Willen und eine besondere Gabe, ihr Dienstpersonal zu dirigieren, zur Arbeit anzuhalten und zu kommandiren. „Ein guter Kumtör (Kommandeur) ist besser wie zwei fule Arbeiter“, pflegte sie noch in ihrem Alter zu versichern, wobei sie an die von ihr unzertrennliche, an der rechten Taillenseite befestigte Geldtasche, die zur Aufnahme von Silbergroschen und Kupfergeld, aber auch eines Wassers, diente, behaglich klopfte. Ein scharfes Wasser und eine scharfe Zunge müsse eine junge Frau stets bei sich haben, war eine von den Lebensregeln, die sie ihren Enkelinnen einschärfte, wenn diese im Begriff standen, einen eigenen Hausstand zu begründen. Die Redensarten, die sie zur Anfeuerung ihrer Dienstmägde wählte, waren freilich nicht immer salonmäßig. Es setzte auf Seiten der letzteren häufig Thränen und Trotz, der sich durch Verweigerung der Nahrungszufuhr äußerte. Das rührte aber die Großmutter wenig, die schleuderte ihnen dann Bemerkungen ins Gesicht wie: „Was de hühlt, das brucht de nich zu schwitze“, oder „wenn de nischt üßt, da kniepts uch nich im Leibe“. Dabei war sie aber sehr gutmütig und wußte, Fleiß und Accuratesse in der Arbeit durch Wort und That zu belohnen. Die Schätze in der ledernen Geldtasche, mit denen sie gern klimperte, boten ihr reichlich Mittel, um ihrer Zufriedenheit materiellen Ausdruck zu verleihen. Auch bedürftige Leute: Bettler, fahrende Spielleute, Bärenführer, Knaben, die Affen oder Murmelthiere produzirten, gingen nie unbeschenkt von ihrer Thür. Hatte sie einen solchen „Künstler“ belohnt, so pflegte sie im Hinblick auf das Instrument, das jener als Erwerbsquelle benutzte, scherzend zu bemerken: „Wänn der Kerl das Ding nicht hätte, do mitt’e betteln gähn“.

So gern sie bedürftigen und würdigen Leuten, ob jung ob alt, materiell unter die Arme griff, so verlangte sie andrerseits von den Geringeren, daß sie ihr stets mit dem nöthigen Respecte begegneten und war unnachsichtig abweisend, ja argwöhnisch gegen solche, von denen sie sich nicht gebührend honoriert sah. So hatte sie lange Zeit hindurch einen halbwüchsigen zerlumpten Jungen, dessen Eltern als arbeitsunfähige Ortsarme im Hirtenhause (So hieß die als Armenhaus dienende Lehmkathe) wohnten, aus Mitleid dadurch unterstützt, daß sie ihm allwöchentlich einige Kupferdreier zur Anschaffung von Brot schenkte. Diese zur lieben Gewohnheit gewordene Mildthätigkeit nahm aber ein plötzliches Ende durch ein unvorsichtiges Wörtchen, das dem Almosenempfänger offenbar ohne jede Absicht der Kränkung seiner Wohlthäterin entschlüpft war. In der Absicht, seinen wöchentlichen Obolus einzuheimsen, hatte Barfüßle beim Eintritt ins Haus gefragt: „üß dänn de ohle Frau derheime“? Diese nach ihrer Auffassung despectirliche Bezeichnung hatte Großmutter, die sich gerade auf dem Treppenflur aufhielt, gehört, sie ergrimmte ob solcher Achtungswidrigkeit und fertigte für diesmal den kleinen Bettler mit der Zurechtweisung ab: „Wänn de nich oolt wärde willst, mußt de dich jung an den Galgen hängen looße“!

Sie war kindlich fromm und verfügte über einen für ihre Verhältnisse reichen Schatz an Lebensweisheit. Liebeleien und ein unabsehbar langer Brautstand waren ihr verhaßt, sie pflegte sich mit den Worten dagegen auszusprechen: „die lange Zieherei kann ich nich liede“. Für allzureichen Kindersegen hatte sie stets ein bedenkliches Kopfschütteln.

Als meine Schwester Marie Schulz und ziemlich gleichzeitig meine Cousine Marie Ranoch geb. Kuntze wiederholt nach ziemlich kurzen Intervallen die Geburt von Kindern anzeigten, äußerte sie mit süßsauerm Humor: „De beiden Mariens hans met dese veelen Kingern“. Wenn aber eine Frau in der Ehe ihre Stellung zu wahren wußte und nicht alles geduldig von ihrem Eheherrn hinnahm, so fand das ihren vollen Beifall. Mit den Worten: „de üptöchtig die schwiet nich“ pflegte sie sich anerkennend über Marie Rawiz auszusprechen, die ihrem lieben Schnapsbrenner Rawiz tüchtig eins aufzutrumpfen verstand, im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester Emilie, die von Natur...

Erscheint lt. Verlag 19.7.2024
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Schlagworte 1870/71 • Frankreich • Frieden • Historische Begebenheiten aus dem 19. Jahrhundert • Leben im Südharz um Nordhausen und im Eichsfeld • Lebensweise • Lebensweisen in Deutschland im 19. Jahrhundert • Lebenweise in Paris und Frankreich 1870 / 1871 • Nordhausen • Schulausbildung in er Gegend von Nordhausen um 1860
ISBN-10 3-7597-6386-3 / 3759763863
ISBN-13 978-3-7597-6386-0 / 9783759763860
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