Vom Leben und Streben der Eissturmvögel (eBook)
545 Seiten
epubli (Verlag)
978-3-7598-3619-9 (ISBN)
Der Autor lebt im Raum Stuttgart und veröffentlicht unter Pseudonym.
Der Autor lebt im Raum Stuttgart und veröffentlicht unter Pseudonym.
2.
Oberregierungsrat Beck saß am Schreibtisch, sah aus dem Fenster und gönnte sich eine Pause. Der Schneefall war am Vormittag in Regen übergegangen und übertünchte die schmucklose Fassade auf der gegenüberliegenden Seite des Innenhofs mit einem düsteren Grau. Obwohl es auf die Mittagszeit zuging, blieb es draußen noch so dunkel, dass in etlichen Büros das Licht brannte. Einige unbeleuchtete Zimmer erinnerten Heinrich daran, dass nicht wenige der Kollegen die Faschingswoche für einen Skiurlaub nutzten. Er hätte sich besser ebenso freigenommen, um auf der Baustelle nach dem Rechten zu sehen. In diesem Jahr gab es kaum Brückentage. So war er gezwungen, mit dem Urlaub hauszuhalten, denn in den Sommermonaten würde er viel freie Zeit für eigene Renovierungsarbeiten zu opfern haben. Heinrich kämpfte mit dem Entschluss, noch vor der Mittagspause mit der Bearbeitung einer neuen Akte zu beginnen. Eine leichte Arbeitswoche erwartete ihn. Zwischen Aschermittwoch und dem Wochenende standen nur drei Verhandlungstermine auf dem Plan. Die jeweiligen Stellungnahmen hatte er bereits in der Vorwoche verfasst und er kannte Richter und Anwältin, auf die er jedes Mal von Neuem treffen würde. Ebenso war er ihnen nicht fremd. Überraschungen sollte es für niemanden geben. Heinrich Beck stellte sich ohnehin nicht als ein Mensch dar, der sich zu unerwarteten oder gar außerordentlichen Aktionen hinreißen ließe. Seine Vorgesetzten schätzten an ihm diese Berechenbarkeit im Mittelmaß. Bei Kollegen hingegen galt er als Langweiler und Aktenfresser sowie bei Richtern und Rechtsanwälten als seelenloser Bürokrat. Wann immer ein Entgegenkommen notwendig wurde und Verfahren mit Vergleichen abgeschlossen werden sollten, handelte Heinrich stets nach dem gleichen Muster: Einmal festgezurrte Grundsätze hatten für die Ewigkeit zu bestehen. Seit fünfzehn Jahren, länger als jeder andere Kollege, ging er dieser Arbeit nach. Sie bereitete ihm keine Freude, bot ihm keine Herausforderungen, sorgte nicht für Abwechslung, führte nicht zu Erfolgserlebnissen und brachte ihm wenig, eigentlich keine Bestätigung seiner selbst. Das Gemenge an Trostlosem kümmerte ihn kaum, denn nach dem Besonderen suchte er nicht. Er war damit zufrieden, als Jurist im gelernten Beruf zu arbeiten und dafür ein sicheres, regelmäßiges und angemessenes Gehalt zu erhalten. Heinrich kannte Studienkollegen von früher, die als Notare, Wirtschaftsprüfer, Steueranwälte oder Geschäftsführer ein Vielfaches verdienten. Diese besaßen Ferienhäuser und Jachten und hielten sich in Zweitwohnungen Geliebte wie bescheidenere Normalverdiener Kanarienvögel. Kehrseitig erfuhr Heinrich von zwei Studienfreunden, die sich umgebracht hatten. Er hingegen verstand es, mit der Mittelmäßigkeit gut zu leben. Anfangs und in einer kurzen Ehrgeizphase war ihm der berufliche Aufstieg noch leicht gefallen und hatte ihn mit allen Verheißungen des gesellschaftlichen Vorteils gelockt. Bald verloren die Verlockungen den Reiz und Heinrich hatte mit der Karriereleiter nichts weiter anzufangen gewusst. Warum und wozu hätte er sich für einen andauernden Gipfelsturm schinden oder verstellen sollen? Sicherlich begünstigte eine ausgeprägte Antriebslosigkeit seinen eher steten, wenn gleich nicht unüblichen Entwicklungsweg. Er wurde zu einem Menschen, der andere weder um ihr Glück beneidete noch um ihr Unglück bedauerte. Offenbar zeichnete gerade diese Eigenheit ihn für die Arbeit als Jurist in einer höheren Ausländerbehörde besonders aus. Persönliche Gefühle oder gar Anteilnahme am Schicksal anderer wären hierbei nur hinderlich. Im Tagesgeschäft des Ausweisens, Abschiebens, Duldens oder Anerkennens zählten vor allem Routine und Berechenbarkeit. Heinrich Beck blieb es verborgen, dass ihm bereits vor Jahren ein damaliger Vorgesetzter Gefühlsblindheit und emotionale Führungsschwäche attestiert hatte. Ein entsprechender Vermerk war in die Personalakte nicht eingegangen. So lag es wohl an dieser geheimen Beurteilung, die dazu führte, dass er niemals für eine Beförderung zum Ressortleiter vorgeschlagen wurde. Allerdings hatte Heinrich sich nicht nach einem Aufstieg in eine Führungsposition gesehnt. Ihn plagte kein Misstrauen, weil er sich längst hätte übergangen fühlen müssen, und er sah keinen Grund, Nachforschungen anzustellen.
Heinrich blickte hinüber zum Kollegen und beobachtete, wie der junge Assessor sich mit einer abschließenden Textpassage mühte. Ihm fehlten eindeutig Erfahrung und etwa zwei Dutzend Textbausteine, über die hingegen Heinrich wie ein Jongleur verfügte. Im Handumdrehen konnte er juristische Standardphrasen auf nahezu jeden nur denkbaren Einzelfall anpassen. Ottmar von Mannwitz hieß der Nachwuchsbeamte. Er hatte im letzten halben Jahr, seitdem er in das Ressort versetzt worden war, kaum ein Verfahren für sich entscheiden können. Bei den Richtern galt er als eloquentes, wenngleich auch als ziemlich unfähiges Großmaul. Die Anwaltschaft begann, auf von Mannwitz herabzusehen, und kaum würde er den Respekt der Anwälte wiedererlangen. Vor Wochen hatte der Abteilungsleiter Heinrich gedrängt, den Assessor unter die Arme zu greifen und ihn für die Dienstprüfung besser vorzubereiten. Die Hilfe hatte nicht viel gebracht, außer eine Art von Alibi, und Ottmar von Mannwitz erwies sich noch immer als vollkommen unbelehrbar. Ungeachtet seiner unzureichenden Eignung für den Staatsdienst sollte der Nachwuchsbeamte am frühen Nachmittag in einer kleinen Feierstunde zum Regierungsrat ernannt werden. Dieser offizielle Akt würde anschließend in eine amtsinterne Rosenmontagsfestlichkeit mit ausgiebigem Umtrunk übergehen, wovor es Heinrich bereits grauste.
»Lust auf einen Kurzen?« Der Assessor zerknüllte das Blatt mit dem Textentwurf und beförderte es mit sportlicher Leichtigkeit zielsicher in den gemeinsamen Papierkorb. Übung machte den Meister. Dann holte er aus einer Schublade zwei Whiskeyfläschchen hervor und warf eines davon Heinrich zu, der es mit sicherer Hand fing. Auch hier machte Übung den Meister. Sie prosteten einander zu und tranken in einem Zug.
»Putz Dir nachher die Zähne und nimm Mundwasser!«, mahnte Heinrich den Assessor. »Der Regierungspräsident ist empfindlich. Als trockener Alkoholiker befindet er sich gerade auf einem Kreuzzug gegen Suchtgefahren im Amt. Anstatt Dir die Ernennungsurkunde zu überreichen, wird er Dich in eine Therapie schicken.«
Ottmar von Mannwitz lachte unbekümmert über den Rat, obwohl er einzuordnen hätte, dass die Warnung durchaus nicht als Scherz gemeint war. Heinrich lächelte milde zurück. Mehr konnte er für seinen Schützling nicht bewirken und beinahe bedauerte er, ihn bald als Zimmergenossen zu verlieren. Längst hatte er aufgehört, die Nachwuchskräfte zu zählen, die an ihm vorbei in die Beamtenlaufbahn der höheren Ränge weit nach oben geschleust wurden. Er vermutete, dass er Ottmar nach einigen Monaten vergessen hätte und ihm dessen Stimme oder Gesicht entfallen wären. Nach einem Jahr legte er sich auch auf den Namen nicht mehr fest. Er käme eher auf Edgar von Gallwitz oder auf einen ähnlichen Namen, wenn er auf den ehemaligen Kollegen angesprochen werden würde. Am Morgen hatte ihm der Assessor ein Rundschreiben herübergereicht, in dem auf eine Ausschreibung für die Besetzung einer freien Position im Baurechtsamt hingewiesen wurde. Warum er sich nicht ebenfalls darauf bewerben möchte, hatte von Mannwitz ihn gefragt. Nach fünfzehn Jahren Ausländerbehörde müsse schließlich jeder den Wunsch nach einer beruflichen Veränderung hegen. Sicher bestünden für ihn beste Aussichten, für die Baurechtsstelle berücksichtigt zu werden. Heinrich schüttelte über den Vorschlag den Kopf und sagte nichts dazu. Er schätzte, dass diese Position dem werdenden Regierungsrat von Mannwitz längst zugeschoben war. Nichtsdestominder würde dieser auch dort jämmerlich versagen. Heinrich wünschte von Mannwitz einen Mentor, der ihn wenigstens vor dem gröbsten Unfug bewahrte. Er hingegen brauchte nur aus dem Fenster zu blicken, um sich bestätigt zu fühlen, dass berufliche Veränderungen für ihn einen Alptraum bedeuteten. Über nasse Baustellen zu waten, sich beinahe die Füße abzufrieren, mit abgehobenen Architekten und verschlagenen Bauherren zu streiten, widerstrebte ihm zutiefst. Es ginge stets um viel Geld und er hätte sich mit erstklassigen Rechtsanwälten herumzuschlagen. Im Vergleich dazu schien ihm der Umgang mit Asylanten ein Kinderspiel. Die Anwälte, mit denen er sich auseinandersetzen musste, hielt er zumeist für Idealisten und Gutmenschen, die nicht viel auf Streitwert und außerordentliche Honorarabrechnungen gaben. Aus Mangel an Gier blieben diese zahnlos. Sie bissen ihn nicht und Oberregierungsrat Heinrich Beck lernte, sein Arbeitsumfeld in jedem Fall von Neuem zu schätzen. Der Whiskey wärmte ihn von innen auf. Ottmar von Mannwitz schlug eine zweite Runde vor, die aus Heinrichs Schubladenvorrat bestritten werden sollte. Dieser lehnte ab und sah auf die Uhr. Er würde noch eine halbe Stunde warten müssen, bis er in die Mittagspause gehen durfte. Dennoch räumte er den Schreibtisch leer, stand auf und griff an der Garderobe nach dem Mantel. Heinrich hatte es eilig. Bis zur Mittagsstunde war er mit der Anwältin der drei aktuellen Fälle für ein kurzes Gespräch in einem Café verabredet. Anschließend hatte er vor, einen Bankberater von seinen Plänen zu überzeugen.
»Wir sehen uns auf Deiner Ernennungsfeier. Wenn jemand nach mir sucht, sage einfach, ich wäre auf der Toilette«, bat Heinrich den Assessor um eine Ausrede. Verstohlen warf er einen prüfenden Blick in den Stockwerksgang, denn niemand sollte bemerken, dass er ging. Er verließ das Gebäude des Präsidiums an...
| Erscheint lt. Verlag | 5.7.2024 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Entwicklung • Gesellschaft • Leuchtturm |
| ISBN-10 | 3-7598-3619-4 / 3759836194 |
| ISBN-13 | 978-3-7598-3619-9 / 9783759836199 |
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