Die Rache der Natalie Sanchez (eBook)
315 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-384-21698-4 (ISBN)
Donnerstag, 14. März 2013
Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen. Doch nicht irgendeine Geschichte. Meine Geschichte. Eine Geschichte über Lüge und Intrigen, über Leid, Schmerz und Verzweiflung. Die Geschichte, wie ich zur Mörderin wurde.
Alles begann an jenem Donnerstag, dem 14. März 2013, dem Tag, an dem ich Raymond Keaton traf. Es war ein kühler, grauer und verregneter Wintertag, wie sie in dieser Jahreszeit nicht selten sind. Eisige Schneeflocken und kleine, perlenförmige Regentropfen fielen gleichzeitig vom Himmel, sodass die Straßen mit einem weißen, breiartigen, eisigen Matsch bedeckt wurden. Meine Schritte schmatzten geräuschvoll, als ich aus meinem Auto stieg und den Bürgersteig betrat. Der Lärm des Verkehrs, der hier in Nashville, der Hauptstadt Tennessees, nie zum Stillstehen kam, dröhnte auf der Hauptstraße und schmerzte in meinen Ohren. Allerdings hatte ich kaum Zeit, mich darüber zu beklagen, denn mir blieben nur noch wenige Minuten, bis ich endgültig zu spät zu meinem Vorstellungsgespräch kommen würde. Ich hatte erst vor wenigen Monaten meinen Abschluss in Eventmanagement an der NYU absolviert und mein Herz schlug schon jetzt wie verrückt. Natürlich hatte ich mich schon oft auf zahlreiche, verschiedene Praktika beworben und Vorstellungsgespräche mit den Geschäftsführungen geführt, doch zwischen einem Praktikum und einer Festanstellung, die meine Zukunft nicht unerheblich beeinflussen würde, lagen Welten. Adrenalin pulste durch meinen Körper und ich warf hektisch einen Blick auf meine schlichte Armbanduhr, die unter meiner fliederfarbenen Bluse hervorlugte. 9:23 Uhr. Mir blieben also noch 7 Minuten, um den gesamten Bürokomplex zu durchqueren, zweiunddreißig Stockwerke zu überwinden und schließlich in dem Besprechungszimmer der Personalabteilung einzutreffen. Ich machte mir keine Gedanken darüber, wie gut meine Chancen standen, das zu schaffen, sondern eilte rennend auf die automatische Glastür zu, die den Eingang des Gebäudes markierte. Die erhöhten Absätze meiner High Heels klapperten auf dem feuchten Pflasterstein, während ich im Gehen auf meinen Autoschlüssel drückte und die Verriegelung aktivierte. In einer Großstadt wie dieser vertraute ich nicht blindlings auf die Gutherzigkeit der Menschen. Ich hatte den Eingang noch nicht erreicht, als die Schiebetüren quietschend auseinanderglitten und den Durchgang freigaben. Ein edler, weißgeäderter Marmorboden, hüfthohe Blumenvasen mit teuren Zierpflanzen und einem Mahagoni-Empfangstresen erwarteten mich, nachdem ich keuchend in die Eingangshalle gestolpert war. Die Decken waren eindeutig angehoben worden, denn ihre Höhe betrug mindestens drei Meter! Der Raum wirkte riesig! War ich hier wirklich richtig? Ohne weiter darüber nachzudenken, stürzte ich auf den Empfangstresen zu und lehnte mich unauffällig gegen das Holz der Theke, bis ich wieder zu Atem gekommen war.
»Natalie Sanchez.«, stieß ich angestrengt hervor und rang nach Luft, »Ich habe einen Termin bei Mrs. Rodriguez.«
»33. Etage. Fragen Sie an der Rezeption, dort wird man Ihnen weiterhelfen.«, erklärte mir eine Dame, deren kastanienbraunes Haar zu einem strengen Dutt aufgesteckt war und deren Augen von dunklen Schatten eingerahmt wurden.
Sie wirkte nicht im Mindesten sympathisch und weckte in mir sofort die Erinnerung an eine griesgrämige Bibliothekarin. Die große Brille, die ihre eigentlich schmale Nase zierte, verstärkte diesen Eindruck nur noch. Ich bedankte mich knapp und machte augenblicklich auf dem Absatz Kehrt. Noch 5 Minuten. Schon jetzt brannten meine Fersen angesichts der unbequemen, doch eleganten Schuhe, und sicherlich würde ich blaue Flecken an der Hüfte davon tragen, dort, wo der Gürtel an meiner Haut rieb, der meinen Rock taillierte. Dennoch setzte ich meinen Weg fort und passierte etliche Riesenorchideen und Monstera-Pflanzen. Die exotischen Gewächse reihten sich in regelmäßigen Abständen aneinander und wiesen mir die Richtung zum Fahrstuhl. Eine beigegestrichene, gut zehn Meter breite Wand schloss die prunkvolle Empfangshalle ab und beherbergte drei Fahrstühle. In der Hoffnung, auf diese Weise Zeit zu sparen, drückte ich wahllos auf die Knöpfe aller drei Lifts, bis endlich ein leises Klingeln ertönte. Die metallenen Türen öffneten sich und ich stieg in den mittleren Fahrstuhl, der überraschenderweise vollkommen verlassen war. Was würde mich wohl auf der 33. Etage erwarten? Was würde Mrs. Rodriguez von mir denken? Es war verwunderlich, dass ich überhaupt die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch in einer dermaßen bekannten Firma erhalten hatte! Ich hatte keinerlei Berufserfahrung vorzuweisen und trotzdem würde ich gleich mit der Personalbeauftragten von Keaton & Son sprechen! Endlich war mir das Glück wohlgesonnen! In meine freudigen Gedanken vertieft, tippte ich unsicher auf den Knopf mit der leuchtenden Zahl 33 und wartete angespannt, bis sich der Stahlkäfig in Bewegung setzte. Unruhig verlagerte ich mein Gewicht von einem Bein auf das andere. Verdammt, warum hatte ich meinen zurechtgelegten Text nicht öfter geübt? Hatte ich mich ausreichend vorbereitet? Würde ich den Ansprüchen der Personalchefin entsprechen? Oder wäre ihre Enttäuschung über meine Unerfahrenheit ausschlaggebend und würde mich unvermittelt zurück nach New York verbannen? Dann ertönte der Signalton erneut und riss mich zurück in die Realität. Die Fahrstuhltüren schwangen auf und ehe ich mich versah, fand ich mich in einem freizügigen Foyer mit edlen Teppichböden wieder. An den Wänden hingen schwere Ölgemälde von berühmten Künstlern und vermutlich kosteten die Exponate mehr, als einige Amerikaner in einem Jahr verdienten.
»Miss Sanchez?«, fragte eine freundliche, melodische Stimme.
Irritiert drehte ich mich zu der älteren Frau um, die zu mir gesprochen hatte, und musterte sie. Sie war schlank, groß, vielleicht 40 Jahre alt und trug ihr brünettes Haar in einem kinnlangen Bob. Ihre zierliche Figur wurde von einem engen, schwarzen Designerkleid betont und jeder ihrer Schritte strotzte vor Ehrgeiz und Souveränität. Doch obwohl Mrs. Rodriguez einschüchternd wirken mochte, umgab sie zugleich eine Aura der Sympathie.
»Ja?«, erwiderte ich verunsichert und konnte mich noch immer nicht vom Erscheinungsbild der Personalbeauftragten lösen.
»Schön, dass Sie hier sind!«, begrüßte sie mich nun offiziell und ergriff meine Hand, »Ich bin Emilia Rodriguez, die Personalchefin von Keaton & Son. Folgen Sie mir! Mister Keaton erwartet Sie bereits.«
»Mister Keaton?«, fragte ich perplex.
»Ja. Unser letzter Eventmanager stand Mister Keaton, dem Geschäftsinhaber, wie Sie sicherlich bereits wissen, äußerst nahe und deswegen ist ihm sehr daran gelegen, bei der Auswahl seines Nachfolgers persönlich anwesend zu sein.«, erklärte Mrs. Rodriguez in einem pausenlosen Redeschwall.
Erst jetzt ließ sie meine Hand los und drehte sich um. Ihre Stilettoabsätze wackelten gefährlich auf dem hohen, weißen Teppich, doch Emilia schien dies gar nicht zu bemerken. Selbstsicher lief sie an dem langen, gebogenen Rezeptionstisch vorbei, der ebenfalls aus Mahagoni gefertigt war. Ich beeilte mich, zu ihr aufzuschließen, und umklammerte den Griff meiner Handtasche noch fester. Meine Aufregung wuchs ins Unermessliche. Ich sollte nicht nur Mrs. Rodriguez von meinen Fähigkeiten überzeugen, sondern auch noch Mister Keaton! Den Mister Keaton, der zwar das millionenschwere Unternehmen seines Vaters übernommen, es aber innerhalb kürzester Zeit in ein regelrechtes Imperium des Eventmanagements verwandelt hatte? Jenen Mister Keaton, dessen Veranstaltungen sogar die jährliche Met-Gala in den Schatten stellten, der Empfänge für Staatsoberhäupter organisierte und einen Großteil der Länder der Welt bereist hatte? Und das in einem Alter von bescheidenen 37 Jahren? Wie sollte mir das gelingen?
»Hier entlang.«, wies Emilia mir den Weg, als wir einen langen Korridor durchquerten und noch weitere Kunstgemälde passierten.
Schließlich erreichten wir eine milchgläserne Tür am Ende eines langen Flures, auf der in silbernen Lettern Titel und Name des Geschäftsinhabers eingraviert waren: Raymond Keaton, CEO.
»Ich kann nicht glauben, dass das gerade wirklich passiert.«, flüsterte ich, mehr zu mir selbst, als zu Emilia.
»Atmen Sie tief durch.«, riet diese mir und schenkte mir ein beruhigendes Lächeln, »Sie schaffen das.«
Meine Lippen formten stumm das Wort ‚Dankeschön‘, doch Mrs. Rodriguez enthielt mir ihre Antwort vor. Stattdessen legte sie eine ihrer bleichen Hände, an deren Ringfinger ein silberner Ehering glänzte, auf die Klinke der Bürotür. Lautlos glitt das gläserne Türblatt in seinen Angeln und schwang nach innen, wobei sich mein Puls noch weiter beschleunigte. War es wirklich eine gute Idee gewesen, mich auf dieses Vorstellungsgespräch einzulassen? Was, wenn ich versagte? Wenn ich Mister Keaton und Mrs. Rodriguez enttäuschte? Ich war erst vierundzwanzig Jahre alt und meinen Lebenslauf galt es nur bedingt als makellos zu beschreiben. Wie real waren meine Chancen denn wirklich, diesen Job zu bekommen? Gewiss hatten sich schon Dutzende, sich gegenseitig mit ihren Erfahrungen übertrumpfende, Bewerber auf die freie Stelle gemeldet. Warum sollte also ausgerechnet ich eine solch unvergleichliche Möglichkeit erhalten? Diese Fragen hatte ich mir seit eben jenem Zeitpunkt oft gestellt. Erst Jahre später sollte ich eine Antwort auf all diese Ungewissheiten finden.
»Mister Keaton? Die Bewerberin, die Sie gerne selbst empfangen wollten, ist hier.«, kündigte Emilia soeben an und betrat das Büro.
Mit einem aufmunternden Nicken bedeutete sie mir, ihr zu folgen, wobei ihre braunen Haare um...
| Erscheint lt. Verlag | 30.12.2023 |
|---|---|
| Verlagsort | Ahrensburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Schlagworte | Angst • Ehe • Frau • Gewalt • Mann • Psychothriller • Rache • Recht • Spannung |
| ISBN-10 | 3-384-21698-9 / 3384216989 |
| ISBN-13 | 978-3-384-21698-4 / 9783384216984 |
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