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Übererfüllt -  Anselm Daniel

Übererfüllt (eBook)

Lebenswege der Apotheker Daniel 1894 bis 2023
eBook Download: EPUB
2024 | 1. Auflage
208 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7583-4179-3 (ISBN)
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15,99 inkl. MwSt
(CHF 15,60)
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Anselm Daniel schildert in seinen Erinnerungen zum einen den Lebensweg seines Vaters, des zu Unrecht als Naziaktivist gescholtenen Apothekenbesitzers Wilhelm Daniel, und zum anderen vor allem seine eigene Lebensgeschichte. ... Angesichts der Tatsache, dass Anfragen zum Städtischen Klinikum Berlin-Buch an das Landesarchiv Berlin ins Leere laufen, stellen seine Aufzeichnungen nicht zuletzt auch eine pharmaziehistorisch wichtige Schilderung dar.

Anselm Daniel ist Jahrgang 1936 und lernte den Beruf des Apothekers von der Pike auf. Nach dem Studium der Pharmazie fand er eine Anstellung in der Krankenhausapotheke des Städtischen Klinikums Berlin-Buch, das in den 1970er und 80er Jahren nicht nur das größte Klinikum der DDR, sondern auch der größte Krankenhauskomplex Europas war. Als Chefapotheker der Apotheke I war er federführend an deren Modernisierung beteiligt.

II

Der schwierige Neuanfang

Nach dem Abschluss unserer Oberschulzeit im Jahr 1955 gab es für uns Zwillinge keine Studienplätze in den Fachrichtungen Mineralogie, spezielle Botanik oder Frühgeschichte. Ja, selbst für Pharmazie bot sich in Jena vorläufig keine Chance.

Vater bewog uns daraufhin zu einer Apothekenlehre. Er hatte die beschwerliche Fahrerei zur Löwenapotheke nach Gotha inzwischen wieder aufgegeben und die Stelle des Landesberatungsapothekers der Thüringer Sozialversicherung in Jena angenommen. Seine Erfahrung, seine Unparteilichkeit und seine Integrität machten es ihm leicht, Mittler zwischen Sozialversicherung, Ärzteschaft und den Kollegen in den Apotheken zu sein. Mit der Umwandlung der Länder in Bezirksverwaltungen anerkannte der Bezirk Gera Vaters Leistungen nun mit einem Intelligenzeinzelvertrag. Der enthielt zwar wichtige Passagen zur Förderung der Kinder des Vertragspartners, Vater entschied für uns jedoch den schwierigeren Weg mit einer echten Apothekenlehre vor dem Studium. Dabei handelte es sich keineswegs um eine Apothekenhelferlehre mit Berufsschule, sondern um eine völlig unbezahlte Tätigkeit. Dafür suchte er aus der Kenntnis seiner Beratungsapothekertätigkeit Apotheken aus, die ihm besonders geeignet erschienen.

Mein Zwillingsbruder Gotwin trat seine Ausbildung in der Betriebspoliklinikapotheke der HESCHO-Hermsdorf an. Mich verschlug es in die Marktapotheke nach Saalfeld, die von Herrn Gehring als Chef und Verwalter für die Besitzerin Frau Arnold geleitet wurde. Mich nahm Herr Bräuning, „erster Herr“ und Rezeptar der Apotheke, unter seine Fittiche und weihte mich in alle Geheimnisse und Kniffe der Apothekerei ein.

Von der Pike auf lernte ich nun das Handwerk eines Apothekers. Ich lernte, Filter und Tekturen zu falten, Pulver zu mischen und auszuwerfen, Zäpfchen und Pillen in großen Mengen herzustellen. Im Galenischen Labor wurden von uns noch defekturmäßig Hustensäfte hergestellt, aber auch Himbeersirup. Phosphorlatwerge (ein bewährtes Rattengift) und das Abtöten von Quecksilber in Schweineschmalz zur Grauen Salbe gegen Filzläuse standen ebenfalls auf dem Lehrplan. An aromatischen Ölzucker erinnere ich mich und an Zinkoxid, das für die Lotio Zinci (zur Behandlung von Hautkrankheiten) zu sieben war. Große Mengen von Borax, das die Hausfrau früher als Weichmacher zusammen mit Waschblau verlangte, wurden zu Borsäure chemisch umgesetzt, um daraus Borwasser zum Spülen von Augenentzündungen herzustellen.

Stets frisch zubereitet wurden Tinktura pepsini und Mixtura solvens RF. Sie waren der große Renner am Handverkaufstisch. Ein einträgliches Geschäft blühte auch mit Rabro-E-Tabletten (gegen Magenulzera und Gastritiden), die allerdings trotz Tablettol und Gleitolzusätzen allergrößte Schwierigkeiten beim Tablettieren mit der Handhebelpresse bereiteten. Ein Inhaltsstoff, Succus Liquiritiae pulvis, neigte zum Kleben. Feingefühl beim Pressdruck vermied das gefürchtete „Deckeln“. Mein galenischer Trick sei hier verraten: Nach einem erstmaligen Pressen und grobem Zerstoßen, dem Brikettieren, gelang nach erneutem Gleitolzusatz das Pressen der 2-Gramm-Riesentabletten, die als Kautabletten ja nicht geschluckt werden mussten.

Doch es blieb auch Zeit für Schabernack. Die Apotheke bezog regelmäßig Äther als Fassware. Ein Rollreifenfass von 200 Liter Fassungsvermögen konnte aber nicht einfach über die steile und gewendelte Treppe in den Feuerkeller der Apotheke transportiert werden. Auf dem freien Hof lag eines Tages mein „Schicksalsfass“ und ich als Apothekenstift musste, wie beim Weinabhebern, am langen Gummischlauch saugen, um das Abfüllen des Inhalts in Transportkannen in Gang zu setzen. Der Chef beobachtete schmunzelnd meine Versuche. Erst ein kräftiger Schluck brachte die Sache voran. Zeit zum Ausspucken dieser Portion blieb mir jedoch nicht mehr. Durch seine rasche Verdunstung explodierte der Äther förmlich in meinem Mund und ich schluckte das Zeug hinunter, um den Erfolg der Abfüllung nicht zu gefährden. Mund, Hals und Magen brannten höllisch und kurz darauf sank ich mit einer Vollnarkose zu Boden. Die Damen der Apotheke, die Pharmazieschulabsolventin Ute Penzold und die Pharmazieassistentin Regina Fischer, bemühten sich redlich um mich und irgendwann schlug ich dann im Nachtdienstzimmer der Apotheke meine Augen wieder auf. Noch Tage darauf war mir speiübel. Der Chef aber hatte seinen Spaß gehabt und das wollte ich ihm bei passender Gelegenheit vergelten.

Ganz unerwartet sollte sich hierzu schon bald eine Möglichkeit bieten: Die ehemals der Marktapotheke auch räumlich angeschlossene Drogerie hatte eine Unzahl von Werbematerialien in ihren toten Räumen zurückgelassen. Darunter befand sich auch ein überlebensgroßer Fuß mit martialischen Hühneraugen. Nicht selten, wenn die Bierflaschenbatterie neben dem Chefschreibtisch fast geleert war, thronte der Chef mit etwas glasigem Blick in seinem Armlehnstuhl und schaute auf uns herab. Während sich nun, bei einer dieser Gelegenheiten, in der Offizin ein Vertreterbesuch ankündigte, platzierte ich den rasch herbeigeholten Kunstfuß so unter dem Schreibtisch, dass er geradewegs aus dem Kontor hinunterschaute.

Der Chef saß schwer in seinem Sessel und empfing den Vertreter. Ein vernünftiges Gespräch wollte gar nicht erst in Gang kommen. Der Vertreter konnte seine Heiterkeit nicht bändigen. Wir beobachteten die Szenerie ganz unbeteiligt und Herrn Gehring wurde immer unbehaglicher. Er konnte sich die Heiterkeit des Vertreters offensichtlich nicht erklären. Schließlich entdeckte er doch noch das corpus delicti und schwarze Wut sprang aus seinen Augen. Den Übeltäter hätte er sicher auf der Stelle erschlagen. Die Urheberschaft blieb aber unser wohlgehütetes Geheimnis und mein Mütchen war gekühlt.

Unterm Dach der Apotheke gab es neben dem Flaschenboden auch eine Wattekammer. Hierher zog ich mich zu ruhigen Zeiten, wenn der Chef seine Runde durch die Stadt machte, gerne zurück. Durchs Giebelfenster hatte man einen schönen Blick über den Marktplatz, zum Rathaus, zum Rundbau des Gefängnisses, der Hutschachtel, weiter zum „Gasthof zum Goldenen Anker“ bis hinauf zum Stadttor und der bergansteigenden Straße nach Arnsgereuth. Manch ein Mitarbeiter hat in der Wattekammer sicher das eine oder andere Schläfchen gewagt. Überrascht werden konnte man dabei kaum. Wurde die Kugelmühle im Raum davor in Gang gesetzt, wusste man, der Chef ist zurück.

In meinem Arbeitstagebuch hatte ich, unter den kritischen Blicken des „ersten Herrn“, täglich niederzuschreiben, was an Wissensgewinn in der Praxis herauskam. Ein Phänomen war für mich die Wasserfiltration durch einen Berkefeldfilter, der in dieser Apotheke noch seine Berechtigung hatte. Das Wasser destillierten wir selbst und holten es in Spitzenzeiten im Glasballon auf dem Handwagen aus einem Vorort an der Saale. Dort betrieb ein Privatunternehmer eine Wasserturbine und es gab billigen Strom zur Wasserdestillation. Im Aufgussbereich des Berkefeldfilters entwickelte sich ein grünlicher Algenbelag. Um das durch die Keramiksinterplatte filtrierte Wasser dennoch keimfrei zu halten, wurde eine Silbermünze hineingelegt. Die sich im Aqua destillata besser lösenden Silberionen arbeiteten hier stets zuverlässig. Eine einmal hier erlebte Apothekenrevision brachte keine Beanstandungen.

Bei der Herstellung der Ungt. cinerium, der Grauen Salbe, erhielt ich ein weiteres Lehrstück. Schon beim Einwiegen des metallischen Quecksilbers spritzten Teile durch die Gegend auf den Rezepturtisch. Ich hatte die Vorratsflasche in zu großer Höhe gehalten. Nun musste ich mit einer Kugelzange und zuletzt mit Kartenblättern die davoneilenden Quecksilberkügelchen fangen. Offensichtlich war auch ein kleines Quantum des „lebendigen“ Metalls an den Wägesatz geraten. Mit einem Tuch wischte ich schließlich das ganze Schlachtfeld ab. Nachdem alles wieder bereinigt schien, stellte ich mit Schrecken fest, dass aus einem 500-Milligramm-Gewicht aus Aluminium ein tannenbaumartiges Gebilde herauswuchs und sich zusehends vergrößerte. Alles weitere Wischen half wenig. Ich versuchte, diese Merkwürdigkeit mit einem feuchten Tuch mit Wasser und Spiritus, zuletzt mit Vaseline zu beenden. Nichts half und sehr betreten beichtete ich meine Unachtsamkeit meinem Lehrherren. Keine Oxidation sei das, klärte er mich auf, sondern eine Amalgambildung, und ich sollte schleunigst das infizierte Gewichtsstück vernichten, um den Rest des Gewichtssatzes zu retten.

Doch ein Missgeschick kommt selten allein und ein echtes Trauerspiel stand mir noch bevor. Das Quecksilber überführte ich mit der größten Vorsicht in eine riesige Porzellanreibeschale und brachte es mit einer gehörigen Menge Schweinefett zusammen. Unter der persönlichen Anleitung meines Chefs begann ich, unter kraftvollem Reiben mit dem Pistill das quirlige Quecksilber mit dem Fett zu vermischen.

Ich startete damit in den Vormittagsstunden. Das Porzellanpistill knackte im Fett. Es hatte ein ordentliches Gewicht und konnte nur mit beiden Händen gehalten werden. Nach kurzer Zeit schon erlahmten mir...

Erscheint lt. Verlag 20.6.2024
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
ISBN-10 3-7583-4179-5 / 3758341795
ISBN-13 978-3-7583-4179-3 / 9783758341793
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