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Tote Zeilen -  Melanie Reba

Tote Zeilen (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2024 | 1. Auflage
508 Seiten
united p.c. (Verlag)
978-2-00-000039-6 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
26,99 inkl. MwSt
(CHF 26,35)
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Ein Verbrechen, das sechs Jahre zurückliegt. Ein geständiger Täter, welcher seine Haftstrafe bereits verbüßt hat. Und doch sucht Anna noch immer verzweifelt nach Antworten. Als sie Jahre später plötzlich Briefe von ihrer toten Schwester erhält, gerät sie in einen Strudel, der nicht mehr aufzuhalten scheint. Sie kämpft für Gerechtigkeit und gerät dabei selbst ins Visier des Täters. Gelingt es Anna, die Wahrheit doch noch ans Licht zu bringen? Und was zählt am Ende mehr - Gerechtigkeit oder ein Leben? Das Katz-und-Maus-Spiel kann beginnen.

PROLOG


Die Dämmerung setzt langsam ein.

Schneeflocken rieseln leise neben ihr zu Boden. Es ist Freitagabend, halb fünf. Ein Freitagabend wie so viele im November.

Sie hört den einsetzenden Feierabendverkehr in der Ferne, die Straßenbahn, die nur wenige 100 Meter entfernt von ihr in die herannahende Dunkelheit rauscht. Sie stellt sich die Gesichter der Reisenden vor. Männer und Frauen in Anzügen und Kostümen, die sich nach einer anstrengenden Woche auf das lang herbeigesehnte Wochenende freuen.

Junge Studenten und Studentinnen, die geschäftig in ihre Bücher blicken, um dabei möglichst klug zu wirken und letztlich doch heimlich mit ihren EarPods im Ohr ihrer Lieblingsband lauschen. Das frühe Partyvolk, junge Menschen, die es in ihrer kleinen Einzimmerwohnung nicht mehr ausgehalten haben und sich auf den Weg zum Vorglühen bei Freunden machen. All diese Leute, die unbekümmert und sorglos in den Abteilen sitzen, Menschen, die im Großstadtdschungel untergehen und verblassen - mitgerissen von der Gleichgültigkeit, die sich über die Landeshauptstadt bis in die Berliner Vororte zieht. Gleichgültigkeit, die ihren Schleier über das gesamte Stadtgebiet wirft und hunderte von Verbrechen und Abscheulichkeiten in ihrem Schatten unter sich begräbt. Die Welt dreht sich weiter, hier am Rande Berlins. Hier vor diesem kleinen beschaulichen Einfamilienhaus Ende November.

Verborgen im Schutz der einbrechenden Dunkelheit steht sie an diesem Abend unter der großen Tanne und blickt auf das große Grundstück ihr gegenüber, welches nur spärlich umzäunt ist und somit den Blick freigibt auf die Menschen, die dort leben.

Das Haus ist klein, aber von der gemütlichen Sorte. Keine charakterlose Bestellware aus dem Katalog. Kein charakterloser Abklatsch, wie es so viele andere heutzutage in den ganzen Neubaugebieten der Republik sind. Hier in Mahlsdorf herrscht noch Individualität vor. Keine Häuser, die all den anderen gleichen und es den stolzen neuen Besitzern sicherlich hin und wieder schwer machen, auch den richtigen Eingang nach einer langen Partynacht finden zu können.

Dieses spezielle Häuschen hier wirkt ein wenig in die Jahre gekommen, zugegebenermaßen. Vielleicht ein Bau aus den frühen 90ern. Die Fassade ist ergraut und bröckelt an der einen oder anderen Stelle bereits leicht ab. Doch das große Grundstück rundherum zeugt von besseren Zeiten, als der Platzmangel und die Wohnungsnot noch nicht in aller Munde waren und Grundstücke noch nicht die Größe von Schuhkartons angenommen hatten. Trotz seines älteren Baujahres wirkt es durch seine Größe beinahe anmutig, einladend familiär. Es schreit geradezu nach Wohlbefinden und Zufriedenheit - es schreit nach Freiheit.

Anna studiert aufmerksam die Bewohner des Hauses. Einen Mann und eine Frau mittleren Alters, die sie seit nunmehr einer halben Stunde von ihrem Versteck aus beobachtet. Es herrscht reges Treiben. Sie treffen Vorkehrungen, bereiten ihren Garten für die anstehende Weihnachtszeit vor. Der Mann hält die letzte Lichterkette zwischen seinen Händen, die sie nach langem Hin und Her nun um die kleine Brüstung rund um ihre Terrasse schlingen.

Ein kurzer Blick zwischen den beiden, ein anerkennendes Nicken als Zeichen einer stummen Übereinkunft. Beide scheinen den Anblick, der sich ihnen bietet, ansprechend zu finden.

Der ältere Mann ist groß, mindestens 1,85m und füllig. Sein Bauch lässt sich selbst unter der dick wattierten Jacke nicht mehr verstecken. Er hat lichtes, hellbraunes Haar und grobe Hände. Mit entsprechender Kostümierung würde er sicherlich selbst einen guten Weihnachtsmann abgeben. Sein Bauch wölbt sich über den Hosenbund und lässt die Jacke noch enger wirken. Eine Jacke, die ihr seltsam vertraut ist nach all der Zeit. Die Frau neben ihm hingegen ist klein und zierlich. Ihr langes, dunkelbraunes Haar fällt in leichten Wellen offen über den überdimensional groß wirkenden Pelzkragen ihres Wintermantels.

Erste graue Strähnen durchziehen ihr Haar, was ihre Attraktivität jedoch nicht schmälert. Sie hat sich gut gehalten für eine Frau über 50. Ihrem Akzent nach ist sie osteuropäischer Abstammung, polnisch oder russischstämmig vielleicht. Doch die Frau interessiert sie nicht weiter, wegen ihr war sie nicht hergekommen.

Anna neigt ihren Kopf und blickt wieder hinüber zu dem Nikolausverschnitt. Sie fixiert ihn, beobachtet jede seiner Bewegungen. Der Mann löst sich aus seiner Starre, dreht sich einmal um die eigene Achse und ist nach wenigen, aber groß ausfallenden Schritten an der Terrassentür angekommen. Nur Sekunden später erstrahlt der Garten wortwörtlich in neuem Glanz.

Die Lichterketten flackern kurz auf und erhellen das feierliche Szenario vor ihr.

Neben kleinen und großen Figuren unterschiedlichster Ausführungen, bunten Schneemännern,Bethlehem Sternen und Lichtschweifen winden sich Lichterketten und schlangenartige Kunstlichter durch den gesamten Vorgarten.

Durch die plötzlich einsetzende Helligkeit wirkt die nun folgende Situation beinahe skurril. Das Ehepaar strahlt vor Glück, wirkt sichtlich erfreut über ihr getanes Werk. Anna kann ihre Gesichter sehen - glänzend und gerötet von der klirrenden Kälte. Der Atem, der sich wegen der anhaltenden Minustemperaturen zu kleinen Rauchwölkchen aufbläht, das breite Lachen auf ihren Gesichtern in freudiger Erwartung auf die bevorstehende Weihnachtszeit. -Familienzeit- schießt es ihr durch den Kopf. Anna muss unweigerlich an vergangene Zeiten zurückdenken, als sie selbst noch im Kreise ihrer Liebsten ihr Zuhause schmücken und sich auf die anstehenden Festtage freuen konnte – unbekümmert und sorglos. Doch die Erinnerung verblasst so schnell wie sie gekommen war.

Sie spürt wieder die aufsteigende Wut in sich, die sich bei dem Anblick augenblicklich in ihrem gesamten Körper ausbreitet. Langsam, schwelend und doch intensiver als je zuvor. Anna greift in ihre rechte Manteltasche und spürt das kalte Metall zwischen ihren Händen. Sie streicht vorsichtig über den Griff ihrer Pistole und nähert sich mit ihren Fingern behutsam dem Abzug. In Gedanken visiert sie bereits den Kopf des Mannes an. Nur ein paar Meter Entfernung, lediglich ein Schuss wäre nötig, das weiß sie genau. Sie ist zielsicher, da Anna beinahe ihre gesamte Kindheit und Jugend gemeinsam mit ihrem Vater auf der Jagd verbracht hat.

Sie umschließt den Griff nun fester.

Nimmt die Waffe aus ihrer Jackentasche und reckt ihren Arm der Dunkelheit entgegen.

Sie kann noch immer das Lachen sehen, kann es hören. Das Gesicht des alten Mannes, der sich ahnungslos in ihrem Schussfeld befindet, verzieht sich in ihrem Geiste zu einer teuflischen Fratze. Und doch erkennt sie das Glück darin, sie kann die Freude der beiden greifen. Vertrautheit und Liebe. Die Welt dreht sich weiter - für das Paar und für den Rest der Welt. Als wäre nichts geschehen. Sie dreht sich weiter – auch für den Mörder ihrer Schwester, der sich nun exakt in ihrem Schussfeld befindet.

Anna seufzt leise und presst die kalte Abendluft tief in ihre Lungen als letzten symbolischen Akt. 1, 2, …3 sind die letzten Gedanken, die ihr durch den Kopf gehen, bevor sie abdrückt.

1


Anna Funke sitzt an diesem Morgen wie üblich an ihrem Küchentisch. Ihr gegenüber kauert gedankenverloren ihre 10-jährige Tochter Clara. Die langen, blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, einen Ellbogen auf den Tisch gestützt und gähnend, hält sie den Löffel nun seit ϭϯ

Minuten wie in Trance in ihrer rechten Hand. Sie hat Kopfhörer im Ohr und stochert lustlos in ihren Cornflakes herum. Gegessen hat sie bisher lediglich einen halben Löffel. Das weiß Anna so genau, da es jeden Tag das Gleiche ist -

das gleiche Bild, die gleiche andauernde Diskussion. Lediglich das von ihr angebotene Essen ändert sich von Zeit zu Zeit, in der Hoffnung, doch noch auf die eine goldene Mahlzeit zu stoßen, welche ihre Tochter zum Essen vor der Schule bewegen könnte. „Clara?“, keine Reaktion.

„Claaara!!“, noch immer keine Antwort.

Anna greift über den Tisch hinweg nach dem langen Kabel, welches von den Kopfhörern zu dem Handy ihrer 10jährigen Tochter führt. Ein Handy für eine 10jährige denkt sie genervt. Anna war dagegen gewesen, wie so oft. Warum sollte eine 10jährige auch ein Handy besitzen? Wofür? Doch wie viele Male zuvor hatte sich ihr Mann Tom, trotz vorheriger Absprachen, nicht darangehalten und seiner Tochter zu ihrem 10. Geburtstag ein nigelnagelneues Handy geschenkt. Tom, der große Held. Tom der Superdaddy. Wieder einmal hatte er es geschafft, sich die hingebungsvolle Liebe seiner Tochter zu ergaunern. Anna hätte es ihr wegnehmen können, hätte ein riesiges Fass aufmachen und darauf bestehen können, dass sie es beide einbehielten, bis Clara wenigstens die Grundschule hinter sich gebracht hatte. Doch einer Vorpubertären ein Mobiltelefon wieder wegzunehmen ist kein leichtes Unterfangen. Anna kann sich den Tobsuchtanfall lebhaft vorstellen, der daraufhin folgen würde, aber das wahre Ausmaß konnte sie wahrscheinlich trotzdem nur erahnen. Und für was auch? Was wäre das Ergebnis? Tom wäre wieder einmal der Gute und sie die Böse, wie so oft. Nein falsch, nicht wie so oft, wie immer! Und so hatte Anna es einfach hingenommen und ihren Ärger still und leise runtergeschluckt. Sie saß abwesend daneben, während Tom seiner kleinen Prinzessin das Handy erst sorgsam eingerichtet und ihr es im...

Erscheint lt. Verlag 12.6.2024
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
ISBN-10 2-00-000039-8 / 2000000398
ISBN-13 978-2-00-000039-6 / 9782000000396
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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