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Tucholsky -  Mariam Kühsel-Hussaini

Tucholsky (eBook)

Der Roman
eBook Download: EPUB
2024 | 1. Auflage
240 Seiten
Europa Verlag GmbH & Co. KG
978-3-95890-612-9 (ISBN)
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Der große Roman der 1920er-Jahre Es ist der Vormittag des 24. Juni 1922 in Berlin: Außenminister Walther Rathenau lässt sich im offenen Wagen über die Königsallee in sein Amt fahren, als er von Attentätern erschossen wird - die Stadt steht Kopf. Politische Morde sind an der Tagesordnung, doch mit Rathenau verliert das Land einen seiner Feinsten - wäre er Deutschlands Retter geworden? Kurt Tucholsky, die schwungvollste Stimme der Wochenzeitung Weltbühne, will ergründen, wie es jetzt mit Deutschland weitergehen wird. Er begibt sich auf die innere und äußere Suche nach Antworten, nach Menschen, nach Zeichen. Von hier an tanztaumelt das Buch mit dem Charleston alle Schrecken fort: 1923, 1924, 1925. Mit dem Weltbühne-Herausgeber Jacobsohn verbindet Tucholsky nicht nur eine dynamische Freundschaft, sondern auch der ständige Antrieb für Tucholskys scharfrandige, literarisch metallene, politisch mitreißende Beobachtungen der Echtzeit. Das Land ist seit dem Ersten Weltkrieg im Ausnahmezustand, Deutschland im Fieber! Zunächst geschwächt und erniedrigt vom Würgegriff des Versailler Vertrags und der Inflation, scheint sich nun aber etwas aus der Tiefe der Gesellschaft aufzuschwingen, scheint gegen alles Bisherige aufzubegehren. Da ist der junge Otto Krause, der Zuflucht bei der SA findet. Da ist der unbestechliche Maler Max Beckmann, der sich den Albtraum des Krieges in Farben von der Seele streicht. Da ist der letzte deutsche Kaiser, der vom Exil aus den Nervenkitzel einer zerbrechenden Weimarer Republik bezeugt. 1926, 1927, 1928. Auch in der Redaktion der Weltbühne kollidiert man mit dem ganzen Sturm der Zeit, Carl von Ossietzky - Pazifist, Solitär und literarischer Hochkaräter - übernimmt die Leitung und spitzt das Blatt noch einmal auf das Verhängnisvollste zu. Die Presse der NSDAP, einer noch überschaubaren Partei, die sich auch mithilfe Hindenburgs Zutritt in den Reichstag verschafft, liefert sich mit der Weltbühne publizistisch eskalierende Mensuren, die die Menschen im ganzen Land unaufhaltbar aufladen. Die Fronten kristallisieren, versteinern und links und rechts, Kommunist und Nazi werden zu Zuordnungen, von denen zunehmend Leben und Tod abhängen. 1929, 1930 und schließlich 1931 - Weimar regiert seine Krisen und seine Menschen längst mit Notverordnungen und Tucholsky geht. Er geht für immer.

Mariam Kühsel-Hussaini wurde 1987 in Kabul geboren und stammt aus einer Familie von Dichtern und Kalligraphen, die bis ins 7. Jahrhundert zurückreicht. Sie war noch keine drei Jahre alt, als sie nach Deutschland kam. 2010 debütierte die deutsche Schriftstellerin mit dem Roman Gott im Reiskorn. Es folgten 'Abfahrt' (2011), 'Attentat auf Adam' (2012), 'Tschudi' (2020), 'Emil' (2022) und '57' (2023).

Mariam Kühsel-Hussaini wurde 1987 in Kabul geboren und stammt aus einer Familie von Dichtern und Kalligraphen, die bis ins 7. Jahrhundert zurückreicht. Sie war noch keine drei Jahre alt, als sie nach Deutschland kam. 2010 debütierte die deutsche Schriftstellerin mit dem Roman Gott im Reiskorn. Es folgten "Abfahrt" (2011), "Attentat auf Adam" (2012), "Tschudi" (2020), "Emil" (2022) und "57" (2023).

Leuchten Sie mir ein bisschen in meine Einsamkeit.

Walther Rathenau

*

Das Schiff namens Berlin


Mehrere His Master’s Voice und Nadelschachteln lagen durcheinander neben dem Sofa herum.

Paul Whiteman and his Orchestra. Das Feinste vom Feinsten halt. Whiteman war der Schärfste, und die Nachahmer häuften sich. Das war kein gewöhnlicher Nutten-Fox-Trott. Dieser war gut zum Tanzen, noch besser zum Schreiben, und zum Träumen reichte es auch. Aus der Riesenmuschel des Grammofons zog ein Strom aus anblasenden Trompeten und quirligem Klavier vorbei. Mit der Feder kratzte Kurt Tucholsky übers Papier, und die sommergolden durchäderten Hände segneten ab, ja, so konnte es bleiben.

Alle Welt auf einmal und mittendurch. Nichts war schließlich schlimmer, als wenn es mucksmäuschenstill war. Wer konnte da schon arbeiten? Summend erhob er sich, um ans plärrende Telefon zu gehen.

»Was soll’n das jetzt schon wieder?«, wollte er wissen, eine Hand in der Hosentasche, im milchteefarbenen Nadelstreifenanzug, mit leicht vorgestrecktem Durchaus-Bauch, lauschend, als sei er mit dem Mond verbunden. »Is wohl als Scherz gemeint, wie? Wo erschossen? Wann denn?«

Er legte auf. Sofort verließ er seine Wohnung. Er musste raus, jetzt gleich, raus an die frische, an die irre Luft. Er nahm die Bahn von Friedenau aus, weiter in die Stadt rein, wie in einen ihn zu sich flüsternden Steinwaldkern, ohne den er nicht konnte. Schon bald war es in aller Munde. Ratheno achossn! Ratheno tot! Dit Neueste vom Neuest’n!

Alles vermischte sich in Tucholsky, wie in einem Ölbild. Hoffnung, dass es nicht so sei. Unruhe, dass es wahr ist. Schließlich Gewissheit, Traurigkeit, Entsetzen, Kribbeln, Reiz und Wut. Und Sommer und Schweiß und Lust aufs Leben und Schlaflosigkeit in schönen Augen in der Masse! Wie auf einem Schiff, auf dem plötzlich das Gerücht umging, dass es sinken würde, fand sich die Menschenmenge neu. Berlin hatte einen unsichtbaren Dirigenten, der immer und immer wieder alles in Erregung versetzte, und man kippte nach links und man rutschte nach rechts, und jeda globte, dit keeme von ihm alleene, aber nein, so war ja nur Berlin.

Rathenau tot. Einverstanden. Und wie sollte es jetzt weitergehen? Zurück. Zurück zu Rathenau, dachte Tucholsky. Was hatte er zuletzt gedacht? Komm schon, Kurt, sagte er sich, was hat unser Außenminister zuletzt gedacht? Du musst es doch wissen! War der seiner Zeit voraus gewesen oder zu spät gekommen für Deutschland? Komm schon, befahl sich Tucholsky, und dann fieberte sich Berlin um ihn herum zusammen wie in einem Zauberunheil, die Sonne kam durch, wild und heiß, seine Füße legten an Geschwindigkeit zu, und er lief und er lief und lief immer weiter hinein und blieb auf den Linden stehen, blickte geradeaus, in einen Korridor, den er deuten wollte. Seine dunklen Augen hoben sich zu den hellen Brauen, wölbten sich über die Stirn hinweg ins dichtfellige Hasenhaar hinein. Komm schon, Pausbacke, was hat er zuletzt gedacht? Nun, ein Bonze war der nicht, nein. Aber ein Zuseher, ja. Mit großem Herzen und voller Hose. Ach, du Verspotteter, warum hast du nicht zugeschlagen? Warum hast du nicht gekämpft?

Tucholsky legte den Kopf in den Nacken, blinzelte in die Sonne, die durch das zitternde Pastell der Kronen die dicken Wolken auffraß – jetzt mal von Jude zu Jude, fragte er, warum hast du nicht für dieses beknackte Land gekämpft? Jetzt kriegste ein großes Begräbnis und dann? Dann doch nur Hundefriedhof! Mensch Rathenau! Warum hast du nicht gekämpft?

In der Klosterstraße machte er halt in Landrés Weißbierstuben, eine der ältesten weit und breit. Alles war hölzern getäfelt, Modelle von Segelschiffen schmückten die oberen Leisten in den Kojen, Bierkrüge, dicht aneinandergereiht. Die Wirtin, reizend. Sie war klein und trug silbrige Strümpfe, die ihre schmalen Beine fest umglitzerten, wahrscheinlich ihr ganzer Besitz. Ihr Haar war kraus vom Schmutzdampf Berlins und schüttete sich über ihre grauen Linsen. Ihre Schürze war die Unschuld selbst, die Augen nicht.

Am Kachelofen nahm er Platz, hier, in seiner Stadt, konnte er sich immer verstecken. Er kannte überhaupt die besten Verstecke. Niemand, auch keiner von der vorlauten Weltbühne, wusste dann, wo er war. Tucholsky verstand es, in seiner Stadt verloren zu gehen und sich selbst wiederzufinden – einen Weg ins Schreiben zu bahnen –, keine Kabarettchen, sondern etwas vom Wahren. Den Abrieb der Sekunden in Wortflakons aufzufangen, die Haut der Ereignisse langsam abzuziehen, brennend und lustvoll.

Das Bier kühlte seinen Gaumen hinab, es regnete wieder ein wenig, doch das Sonnenlicht wollte nicht recht verschwinden und schnellte an der Tür Landrés hin und her von den Himmelslaunen. Es war das Gleißen einer bösen Vorsehung, so viel stand fest. Diese böse, böse Stadt! Dieser dumme, dumme Rathenau!

Plötzlich nahm Jacobsohn vor ihm Platz, tupfte sich die Oberlippe, raufte sich das prachtvolle Haar: »Scheißhitze heute, Kalwunde!«

»Wie zur Hölle hast du mich gefunden, Kalwunde?«, tobte Tucholsky.

»Als ob das nicht schon längst jeder wüsste, wo du dich immer volllaufen lässt«, entgegnete Jacobsohn. »Im Übrigen langweilen mich Nachrufe, wie du weißt, auf Rathenau musst du ein Gedicht schreiben, aber ein pralles … vier Zeilen, höchstens sechs. Fräulein, ein Helles bitte!«

»Bin ja schon dabei!«, beteuerte Tucholsky und räusperte sich. »In Berlin am helllichten Tage, na sage na sage, da ises geschehn … se ham unsern Walther, viernfümzig’s doch keen Alter …–«

Jacobsohn strich übers Holz des runden Tisches. Dann sah er Tucholsky an, ihre Pupillen, die in den Linsen versanken, dachten dasselbe, fühlten das Gleiche – wo stürzen wir hin? Und sie sahen einander an, wie es Menschen einzig 1922 machten – direkt und weich, ein wenig geplagt, hellwach.

Zurück, dachte Kurt Tucholsky. Zurück. Noch weiter und weiter zurück. Wer warst du, Walther Rathenau? »Man hat nicht übel Lust, sich selbst in tausend Stücke zu reißen«, murmelte er. »Ich kann’s noch nicht ganz fassen und will’s auch nicht glauben.«

Jacobsohn malte die blauen Blumen mit seinen Fingerkuppen nach, die sich auf dem Senfkrug rankten, der zwischen ihnen thronte.

»Und tot ist eben nun mal tot«, sagte Tucholsky. »Tot heißt tot, und wer tot ist, der ist halt dann tot.«

Jacobsohn nippte am Bier.

»Als befänden wir uns in einem kosmischen Witz«, fuhr Tucholsky fort. »Jemand oder irgendwas lacht sich kaputt über uns. Von weit oben, von hoch unten und es geht immer weiter und töten is en vogue und töten und töten und töten muss sein und immer weiter töten!«

Jacobsohn bestellte nach.

Wind hauchte sich bis in die Ecken der Schenke. Ein Geruch von Vergessen und Bangen, und doch von anmutigsten Erinnerungen, Ahnungen, von großen und klarfeinen Vorstellungen durchrauschte sie beide. Diesen Duft gab es nicht anderswo. So schmeckte nur die Mitte der Welt und die war hier.

In Jacobsohns Gesicht lag die ganze angestrengte, jung verwelkende Intelligenz und Kraft dieser Zeit. Theaterkritiken zu schreiben in der Weltbühne kam Krieg gleich. Überall wurde Krieg geführt, ständig und unbarmherzig wurde die Deutungshoheit über Literatur, Geschmack und Talent wie ein Feuerball hin und her geworfen. Alles war Krieg. Jedes Kostüm, jede Rolle, das Naserümpfen eines Schauspielers. Krieg! Berlin war Krieg. Jede Kritik war Krieg. Jede Kritik auf eine Kritik löste einen aus. Jedes Wort war Krieg, reichte bis ins Ausland und wieder zurück.

Kopfschüttelnd fragte Tucholsky: »Sag uns, Walther, wer warst du hinter deinem Rathenau?«

Auch Rathenau war Krieg. In der Weltbühne wurde er zwar gerade in dem letzten halben Jahr vor seinem Tod mehr als anständig behandelt, aber als Person bedeutete er nichts als Krieg. Als er das Amt des Außenministers antrat, hieß es nämlich in dieser Wochenschrift:

Brief an Herrn Rathenau, etwas merkwürdig waren die Vorgänge bei Ihrer Ernennung zum Reichsminister des Äußern, Herr Rathenau. Die sind vielleicht von keiner Seite ganz korrekt wiedergegeben worden. Es ist ja ein törichter Irrtum, dass nur ein beamteter Minister in der Lage sei, Deutschland bei den Reparationsverhandlungen würdig zu vertreten. Nicht auf den Titel kommt es an, sondern auf die Person: und grade Ihr stärkster Trumpf ist bisher eigentlich gewesen, dass Sie auch ohne Ministerrock bei den Gegnern Beachtung, ja sogar Achtung gefunden haben.

Sie werden sich um Kleinigkeiten kümmern müssen und dürfen sich doch nicht in Kleinigkeiten verlieren. Die Ernennungen, Beförderungen und Versetzungen dürfen Sie nicht der...

Erscheint lt. Verlag 13.6.2024
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Aufkeimender Nationalsozialismus • Berlin • Deutschland • Exil • Kurt Tucholsky • Lulu • Walther Rathenau • Weimarer Republik
ISBN-10 3-95890-612-5 / 3958906125
ISBN-13 978-3-95890-612-9 / 9783958906129
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