Otto (eBook)
236 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7583-3847-2 (ISBN)
Dorothea Storch wurde 1972 in Jena geboren. Sie schreibt seit ihrer Kindheit. Otto ist ihr erster Roman.
2
Ich trete vor die Haustür und schaue in den Himmel.
Regenstimmung in Leestö und auf den Höhen, doch in meinem Leben gibt es wieder rote Punkte.
Carl pflanzt Stiefmütterchen in seinen Blumenkasten.
Er dreht sich nicht um, aber er nickt zum Gruß.
Die Enten watscheln herbei, doch sie interessieren mich nicht sonderlich – meine treuen Gefährten. Ein Traum und eine Tafel Schokolade haben mich aus meinem sicheren Hafen der vergessenen Leben gespült. Und es gibt zu wenig Farbe in meinem Leben, als dass ich beiden keine Beachtung schenken könnte.
Ich bin Großvaters Lindenschwärmer und noch ist mein Leben nicht zu Ende, auch wenn ich wahrscheinlich nichts mehr ändern kann und nichts mehr ausrichten. Doch ich verspüre den Wunsch, mich zu erklären und verstanden zu werden. Einfach verstanden. Nur so oder damit unsere Geschichte nicht verloren geht.
Wir hatten uns vorgenommen, am Ende des Lebens einen gemeinsamen Roman zu erzählen; eine Familiensaga, keine Episoden. Und ich habe mich immer bemüht, den Kelch des Lebens gut zu füllen, damit ich sie nicht langweilen muss. Langweilen mit den ewig gleichen Geschichten, nur weil wir nichts erlebt haben und nun nicht mehr laufen können.
Liebe sind Erinnerungen. Keine Kurzgeschichten.
Ich bin kein Kurzgeschichtentyp. Bei diesem Gedanken muss ich schmunzeln: Schließlich bin ich einhundert Jahre alt.
Ich gehe zurück, so schnell ich eben kann. Die Tür zum Nachbarhaus steht offen, obschon es seit einem Jahr keinen Eigentümer mehr kennt. Radiomusik weht herüber. Ansonsten ist alles ruhig.
Zu Mittag gibt es Nudeln mit Gulasch. Es bleibt ein Resthunger, wie immer, wenn es Fleisch gibt, da ich es nicht mehr beißen kann.
Ich setze mich in meinen Sessel und schlafe sofort ein.
Kurz bevor Britta kommt, werde ich munter. Ihr Schlüssel kratzt im Schloss. Ich richte meine Haare.
Sie geht in die Küche.
„Herr Meynert!“, ruft sie.
Ich brumme zurück, als Zeichen, dass ich noch lebe.
„Ich putze heute Ihr Küchenfenster!“, ruft sie. „Es wird Frühling!“
Ich höre, wie sie meine Leiter holt, noch ehe ich antworten kann. Als sie Wasser in den Eimer lässt, mache ich mich auf den Weg in die Küche. Britta bemerkt mich nicht. Doch dann fährt sie erschrocken herum.
Ihre Locken haben die Farbe von Wut.
„Ist die Schokolade von Ihnen?“, frage ich, ohne ihr Zeit zu lassen, sich zu sammeln. In jeder Beziehung gibt es ungeschriebene Gesetze. Normalerweise verharre ich in meinem Sessel, bis der Eingriff in mein Leben überstanden ist.
„Wenn Sie Schokolade mögen, schreiben Sie es bitte auf den Einkaufszettel“, sagt sie und stellt das Wasser ab. Ihre Locken leuchten, doch um Mund und Augen haben sich erste Fältchen gebildet.
„Ich meine das Geschenk“, sage ich zögerlich. „Die Schokolade im roten Geschenkpapier.“ Mein Mut hat mich verlassen.
„Sie haben ein Geschenk bekommen?“ Sie hängt den Eimer an die Leiter. „Wie schön.“
Britta spielt an den Sendern meines alten Radios.
Plötzlich trällert es dieselbe Musik, die jetzt auch das Nachbargrundstück kennt. Ich setze mich an den Tisch. Britta putzt im Takt der Musik. Der Eimer baumelt taktlos an der Leiter. Der Moderator im Radio verkündet, dass gleich Feierabend ist. Er preist ihn an, als stehe ein neues Jahr bevor. „Gleich kommt der Feierabendgong – und Sie wissen, was das heißt.“
Ich weiß es nicht.
„Und hier ist der Glückliche.“
Ich lausche gespannt.
„Ronny ist auf unserer kostenlosen Hotline direkt zu uns ins Studio durchgekommen. Ronny“, fragt der Moderator, „sind Sie bereit?“
„Jo.“ In Ronnys Stimme schwingt Stolz.
„Sie wissen, wie es geht?“, fragt der Moderator.
„Jo.“
„Na, dann los! Sie zählen rückwärts von drei auf eins und dann ertönt unser Gong.“
„Jo“, sagt Ronny und beginnt zu zählen. „Drei, zwei, eins …“ Und tatsächlich: Es ertönt ein Gong.
„Hat Ronny beim Radio angerufen, um bis drei zu zählen?“, frage ich Britta.
„Jo“, sagt sie.
Plötzlich ist mein Mut zurück. „Habe ich Ihnen schon einmal von Großvater erzählt?“ Ich will vorn beginnen. Der Anfang ist unverfänglich wie die Steinzeit im Geschichtsunterricht der DDR.
„Sie haben mir noch nie irgendetwas erzählt“, sagt Britta und lässt den Lappen sinken.
„Er ist am Tag meiner Geburt gestorben. Ich trage seinen Namen.“
Britta kommt die Leiter herunter, klappt sie zusammen und geht den Eimer ausleeren.
Das war eine sehr kurze Kurzgeschichte, denke ich und sinke in mich zusammen. Meine Hände zittern nicht, sie klappern. Und meine Knie sind viel zu weich, als dass ich aufstehen könnte. Aufstehen, um ihr nachzugehen. Ich sitze fest; gefangen zwischen meinen windschiefen Küchenschränken, die einander stützen müssen wie Betrunkene. Küchenschränke, die meiner Misere ein Bild geben. Ich hätte 1990 eine neue Küche kaufen sollen, als alle eine kauften. Aber wer hätte gedacht, dass ich noch so lange lebe. An der Wand hängen unsere Teller. Blau mit weißen Punkten. Auf dem einen steht: Charlotte, auf dem anderen: Otto. Wenn man es weiß, sieht man, dass noch Platz für vier weitere Teller ist. Wir hatten nie den Mut, sie zu kaufen. Doch zur Geschichte der fehlenden Teller werde ich auch nicht mehr kommen. Ich höre Britta im Bad hantieren und ich weiß, ich interessiere sie nicht.
Doch dann kommt sie wieder, stellt das Radio aus und meinen Teekessel auf den Herd.
Als der Tee fertig ist, füllt sie zwei Tassen, setzt sich zu mir und legt eine Hand auf meine zitternde Faust.
„Ihr Großvater“, sagt sie.
„Müssen Sie nicht nach Hause?“, frage ich, obwohl ich von mir sprechen wollte.
Sie umfasst ihre Tasse mit beiden Händen, sieht in den Dampf und darüber hinaus und weiter über den Rand der Welt: „Es gibt niemanden, der auf mich wartet“, sagt sie und ihr Satz klingt nach, erzeugt Stille ohne Eile, ohne Eimerklappern. Eine ratlose Stille. Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergeht, wo ihre Grenzen liegen, die ich nicht überschreiten darf.
Britta nimmt ihren Löffel und klimpert in ihrer Tasse.
„Ihr Großvater“, sagt sie. „Sie wollten mir von Ihrem Großvater erzählen.“
„Wissen Sie, was ein Lindenschwärmer ist?“, frage ich. Es gibt zu viel, was erklärt werden muss, da es nicht mehr wahr ist oder nicht mehr wichtig.
Sie schüttelt den Kopf.
„Ein Lindenschwärmer ist ein Schmetterling. Seine Raupen haben ein blaues Horn auf dem Kopf. Man könnte denken, ihnen steht die Männlichkeit ins Gesicht geschrieben.“
Britta dreht ihre Tasse so, dass sie den Henkel in der linken Hand hält. Sie weiß, dass ich alle Gegenstände ausrichte. Und sie weiß, dass es mich stört, wenn sie die Tasse links hält. Vielleicht hat sie Angst, ich könne mich als Lepidopterologe entpuppen und ihr Vorträge über Schmetterlinge halten. Dabei haben mich eine Tafel Schokolade und ein Traum mitten in meine Seele katapultiert; an den Anfang meiner Geschichte, wie ich sie noch nie erzählte - nicht einmal Ewa oder gar Charlotte. „Es ist nicht leicht, jemandem sein irgendwas zu sein“, versuche ich mich erneut. „Es geht mit Erwartungen einher. Erwartungen, die man nicht erfüllen kann.“
Britta nickt. Das macht mir Mut.
Nichts ist unverfänglich. Kein Geschenk und kein erster Atemzug. Nicht einmal die Steinzeit im Geschichtsbuch der DDR. Ich bin Großvaters Lindenschwärmer und ich weiß, ich habe versagt.
„Lange hatten sich meine Eltern ein Kind gewünscht“, sage ich. „Unser Gut brauchte einen Stammhalter.“
Britta sieht mich an. „Sie hatten ein Gut?“
„Der Kronleuchter im Entree wog 300 Kilogramm.“
Doch darum geht es jetzt nicht. Und es ist merkwürdig, fast befreiend, ging es doch schon viel zu oft um unser Gut. Aber nicht jetzt. Jetzt nicht mehr. Jetzt geht es um das Leben. Um das, was die Seele füllt und womit sie dann auskommen muss in der Ewigkeit.
„Als Mutter schwanger wurde, war es ein Wunder.
Ein Wunder für alle. Mutter war zart wie ein Schmetterling und ebenso flatterte ihr Herz. Aber dann lag Großvater im Sterben und Mutter in den Wehen. Vater wusste nicht, vor welches Zimmer er gehörte.“
Britta dreht ihre Tasse und fasst den Henkel wieder mit der rechten Hand an. Sie sieht müde aus. Ihre Augen haben Ringe.
„Über den Tag meiner Geburt gab es viele Geschichten. Als Kind dachte ich, es sind so viele, wie Menschen auf unserem Hof lebten. Aber keiner erzählte mir von der Farbe des Himmels am Tag meiner Geburt. Nur Dr. Ziólek erwähnte sie einmal. Aber das war viel...
| Erscheint lt. Verlag | 13.5.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| ISBN-10 | 3-7583-3847-6 / 3758338476 |
| ISBN-13 | 978-3-7583-3847-2 / 9783758338472 |
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