Schlaflos Nachts (eBook)
380 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7597-3973-5 (ISBN)
Jens Van den Borre (geb. Mandel) wurde 1968 in Ahaus geboren und ist in Norddeutschland aufgewachsen. Nach einer Kochlehre absolvierte er über den zweiten Bildungsweg ein Wirtschaftsstudium in Düsseldorf und Los Angeles. Seit Ende der 1990er-Jahre lebte und arbeitete er bis zu seiner Erkrankung im Rhein-Main-Gebiet. Heute lebt er mit seiner Familie im Hunsrück und in Niederbayern, wo er sich dem Schreiben, der Fotografie und dem Kochen und Backen widmet.
2. WIR SIND AUF ODYSSEUS
Aus den anfänglichen Kopfschmerzen und der Übelkeit wird eine Nacht des absoluten Horrors. Die Kopfschmerzen werden stündlich stärker und Ron bringt mir alles, was der Arzneimittelschrank an Schmerzmitteln zu bieten hat. Von Aspirin bis Ibuprofen, in allen erdenklichen Stärken. Sobald ich die Medikamente einnehme, erbreche ich sie auch schon wieder. Ich habe heftigste Brechanfälle bis zur Atemnot und kann irgendwann nur noch Galle spucken und japse nach Luft. Mit hochrotem Kopf, schweiß überströmt. Zwischendurch beruhigt sich der Magen immer wieder und ich schlafe immer wieder ein. Die Kopfschmerzen werden nicht besser.
Am Abend des dritten Januars, nach dem dieser Zustand bereits etwas mehr als 24 Stunden andauert und keine Besserung in Sicht ist, ruft Ron den Notarzt. So eine Entscheidung zu treffen ist schwer, wenn man so gar nicht weiß, was mit einem Menschen los ist. Von außen sieht man eine Person, die viel schläft, sich immer wieder übergibt, aber generell nur Ruhe zu suchen scheint. Einerseits möchte man nicht überreagieren und wegen einer möglichen Lappalie die 112 rufen. Anderseits möchte man auch keinen schwerwiegenden Fehler begehen. Der Krankenwagen kommt nach ungefähr 30 Minuten. Die Rettungssanitäter legen sofort einen Zugang in die Venen, um diverse Medikationen zur ersten Hilfe zu verabreichen. Ich bekomme das alles in einem Dämmerzustand mit. Mir werden unzählige Fragen gestellt, die ich versuche, zu beantworten. Seit wann, was ungefähr anhält. Wann ich zuletzt gegessen habe. Ich weiß nicht mal welcher Tag oder wie viel Uhr es ist. Ein Notarzt kann vorerst nur telefonisch konsultiert werden. Dieser ordnet den sofortigen Abtransport in die Klinik in das ca. 15 km entfernte Meisenheim an.
Mit der Hilfe von Ron und eines Sanitäters gehe ich vorsichtig die alte Holztreppe vom ersten Stock ins Erdgeschoss herunter. Vorbei an der Küche. Die Hunde sitzen alle im Flur und sind still. Maylo, unser jüngster Wolfsspitz, schaut mich traurig mit seinen großen braunen Augen an, als ich das Haus verlasse. Ich werde liegend transportiert. Während der Fahrt muss der Rettungswagen mehrfach anhalten, da ich mich im Fahrzeug bis zur Bewusstlosigkeit übergeben muss. Der Kopf fühlt sich an, als würde er platzen. Ron fährt direkt hinter uns her. Die Fahrt in die Glantalklinik nach Meisenheim dauert eine gefühlte Ewigkeit. Die Sanitäterin ist total freundlich und fürsorglich und erinnert mich an jemanden Positives. Namen fallen mir jetzt nicht ein. Aber das Gefühl sich in guten Händen zu befinden ist instinktiv vorhanden und fühlt sich gut an. Meine Gedanken drehen sich nur noch um Schmerzen und dass das alles schnell aufhören möge. Jemand muss dem Ganzen ein Ende bereiten, der Schmerz bohrt sich durch die Augen in den Schädel.
In der Glantalklinik gibt es keine Notaufnahme. Es gibt eine Stroke Unit und die ist rund um die Uhr besetzt. Ich werde am Rettungswagen bereits von einer Ärztin und einem Pfleger in Empfang genommen und mit Fragen überhäuft, die ich zum Großteil nicht mehr beantworten kann. Es ist spätabends, 22–23 Uhr und ich habe eine gefühlte Ewigkeit nicht richtig geschlafen. Ich werde auf eine Station gebracht, in ein Einzelzimmer. Ron ist auch da. Ich nehme seine Anwesenheit wahr. Eine Ärztin, mit strengen osteuropäischen Akzent, stellt Fragen, leuchtet mir mit einer Taschenlampe in die Augen. Ich bekomme etwas intravenös gegen die Schmerzen eingeflößt, was aber nur die Übelkeit verstärkt. Also bekomme ich nun intravenös etwas gegen die Übelkeit.
Die Ärztin möchte Hirnwasser aus dem Rücken entnehmen. Sie versucht, mich über diesen Eingriff und dessen Risiken aufzuklären. Es scheint mit Risiken verbunden zu sein. Welche Wahl habe ich? Mir ist ohnehin fast alles egal. Ich bekomme 2 mg Tavor zur Beruhigung. Die Ärztin erwähnt immer wieder, wie gefährlich die Untersuchung sei und dass ich wirklich stillhalten müsse. Sie macht mich noch nervöser, als ich es jetzt ohnehin schon bin. Lumbalpunktion steht auf dem Aufklärungsbogen, den ich im Halbschlaf unterschreibe. Als es los geht, sitze ich auf der Bettkante und stütze mich bei einem Pfleger auf und die Ärztin entnimmt mit einer langen Spritze das Hirnwasser aus dem Rücken, was sehr unangenehm ist. Dann habe ich auch das hinter mir. Ich bin in der Lage 2–3 Stunden zu schlafen. Ron fährt nach Hause und packt die nötigsten Sachen für mich zusammen und schläft auch ein paar Stunden.
Der Pfleger holt mich im Morgengrauen aus dem Bett und fährt mich im Rollstuhl durch die Klinik, um ein MRT machen zu lassen. Die Schmerzen sind inzwischen so ausgeprägt, dass ich das linke Auge gar nicht mehr öffnen kann und das rechte Auge nur mit Mühe. Das linke Auge hängt zudem deutlich tiefer als das rechte. Es wird ein MRT vom Kopf gemacht. Danach geht es auf demselben Flur im Rollstuhl zu einer EEG-Untersuchung. Die Angestellte, die das EEG macht, ist auch aus Bremen und fragt mich freudig überrascht, was denn einen Bremer in die Pfalz verschlägt. Die Frau hat Nerven. Ich hänge halb tot im Rollstuhl und will nur liegen, schlafen, was gegen die Schmerzen bekommen. Die Fragen und den Small Talk muss ich ignorieren. Ich beantworte keine Fragen mehr. Es ist zu anstrengend. Jedes Wort kostet enorme Kraft und verursacht noch mehr Schmerzen. Die Frau erkennt ziemlich schnell den Ernst der Lage, erledigt ihre Arbeit und ruft den Pfleger, der mich dann auf mein Zimmer zurückbringt. Inzwischen habe ich komplett das Gefühl für Raum und Zeit verloren. Ein völlig fremdes und neues Gefühl für mich. Bin ich es doch gewohnt, immer in Kontrolle über mein Handeln und mich zu sein. Jetzt bestimmen andere.
Die Oberärztin kommt in mein Zimmer. Offensichtlich hat sie die Ergebnisse des MRT. Mit starkem russischem Akzent stellt sie mir Fragen, die ich zum Teil nicht richtig verstehe. Sie herrscht mich an „Beantworte Sie fragen akkurat“. Ich bemühe mich und erkläre so gut es geht, was vorgefallen ist. Sie schimpft ungeduldig weiter: „Rede sie nicht über Sachen, die ich nicht gefragt habe, ja, hören Sie, nur Fragen beantworten, ja, so kommen wir hier nicht weiter, ja, Sie sind zum Verzweifeln.“ So eine Oberärztin hat mir jetzt gerade gefehlt. Sie bespricht meine MRT-Aufnahmen mit einer Kollegin im Gang vor dem Zimmer. Ich höre nur Bruchstücke und schlafe scheinbar auch immer wieder kurz ein. Dann kommt die Oberärztin ins Zimmer zurück. „Aufnahmen von MRT nicht eindeutig. Aber was zu sehen, ja, verstehen Sie, ist Katastrophe. Können wir hier nicht beurteilen, ja, oder behandeln, ja, verstehen Sie.. Haben MRT-Aufnahme in die Telefonkonferenz nach Mainz in Uniklinik gegeben, ja. Müssen wir warten auf Ergebnis, ja, was Kollegen sagen, verstehen Sie, ja.“
Ron kommt im Laufe des Vormittags mit Kleidung und meinem Kulturbeutel. Auch er wurde unterrichtet, dass auf den MRT-Aufnahmen etwas Unbekanntes zu sehen ist, was nicht gut ist und dass man die Aufnahmen in die Mainzer Uniklinik in die Telefonkonferenz gegeben habe und wir deren Beurteilung abwarten müssen. In der Zwischenzeit ist mir ohnehin alles egal. Ich habe nur noch Schmerzen, kann die Augen nicht mehr öffnen und übergebe mich in regelmäßigen Abständen. An Essen oder Trinken ist gar nicht zu denken. Ich bekomme Flüssigkeit jetzt ebenfalls intravenös. Die Ärzte probieren alle möglichen intravenösen Schmerzmittel aus. Nichts wirkt bisher. Nichts lindert nur annähernd diese Kopfschmerzen. Inzwischen habe ich Wahnvorstellungen davon, wie mein Kopf aussehen könne. Ich sehe zerfetzte Fußbälle, Grimassen aus Horrorfilmen. Die visuelle Selbstwahrnehmung geht ins Absurde. Das Gefühl dafür, was real ist und was nur Einbildung, kommt abhanden. Wenn Ron nicht zugegen wäre und mir ständig sagen würde, welcher Tag ist und wie spät es ist, wüsste ich all das nicht mehr.
Um 17 Uhr kommt die Oberärztin zu uns ins Zimmer und verkündet, dass die Kollegen eine sofortige Verlegung in die Uniklinik nach Mainz angeordnet haben. Warum wieso weshalb sagt die Oberärztin nicht. Papiere werden angefertigt, meine Akte zusammengestellt. Nach einiger Zeit werde ich liegend in einen Krankenwagen gebracht. Zwei Frauen stehen rauchend vor dem Krankenwagen und unterhalten sich mit ihren Kollegen. Beide Frauen sind Ende Zwanzig bis Anfang Dreißig, tätowiert und haben flotte Sprüche drauf. Eine der beiden setzt sich ans Steuer des Rettungswagens und die andere gesellt sich zu mir und fängt ein Gespräch an und fragt mich was ich habe und ob mir warm genug sei. Dann öffnet sie die Glasschiebetür zum Fahrerhaus, wo ihre Kollegin sitzt, damit sie sich unterhalten können. Snickers Schokoriegel werden durch die offene Scheibe gereicht, da die Damen noch nichts gegessen haben. Und dann setzt sich das Fahrzeug in Bewegung.
Es ist dunkel und schneit, als wir uns gegen 18 Uhr in Richtung Mainz in Bewegung setzen. Ron folgt dem Krankenwagen. Die Fahrerin fährt mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit bei schwierigen, fast gefährlichen...
| Erscheint lt. Verlag | 6.6.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| ISBN-10 | 3-7597-3973-3 / 3759739733 |
| ISBN-13 | 978-3-7597-3973-5 / 9783759739735 |
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