Hochhaus (eBook)
215 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-384-13854-5 (ISBN)
Wenn es in der Schule hieß: Aufsatz schreiben, dann war ich in meinem Element bei fast jedem Thema. Zweimal, bis es auffiel, habe ich auch den Aufsatz meines Tischnachbarn geschrieben, während er meine Schreibfehler berichtigte. Somit hatte jeder ein Heft vor sich. Während meiner beruflichen Tätigkeit, ich war über vierzig Jahre in Japan, bin ich kaum zum Schreiben gekommen. Allerdings, die Chronik meiner hundertjährigen Firma wurde in einer Zeitschrift veröffentlicht. Nach meiner Rückkehr nach Deutschlanf schreibe ich wieder, auch manchmal für andere.
Wenn es in der Schule hieß: Aufsatz schreiben, dann war ich in meinem Element bei fast jedem Thema. Zweimal, bis es auffiel, habe ich auch den Aufsatz meines Tischnachbarn geschrieben, während er meine Schreibfehler berichtigte. Somit hatte jeder ein Heft vor sich. Während meiner beruflichen Tätigkeit, ich war über vierzig Jahre in Japan, bin ich kaum zum Schreiben gekommen. Allerdings, die Chronik meiner hundertjährigen Firma wurde in einer Zeitschrift veröffentlicht. Nach meiner Rückkehr nach Deutschlanf schreibe ich wieder, auch manchmal für andere.
Kapitel 5
Sommer
Endlich, nach einer knappen Woche, war ein neuer Fahrer gefunden worden und Renè Thomsen machte sich auf den Weg, um die Stelle zu besuchen, an der sein Schachpartner überraschend verschieden war. Am Ausgang der U-Bahnstation kaufte er einen Strauß Veilchen. Es war nicht mehr so heiß, wie noch vor etwa einer Woche, dennoch musste er sich seine Anzugsjacke ausziehen und über die Schulter legen. Er kam leicht ins Schwitzen, als er den Hügel im Park hinaufmarschierte. Nur einmal hatte er seinen Schachpartner besucht. Sie hatten sich am Bahnhof getroffen und damals auch den Umweg durch den Park genommen, so wie er heute. Drei kleine Kinder, von ihren Müttern bewacht, spielten im Sandkasten, sonst war niemand zu sehen. Es sind Schulferien, erinnerte er sich, und sicherlich vergnügten sich alle im Freibad.
Als Herr Thomsen auf dem Hügel angekommen war, wischte er sich den Schweiß von der Stirn und überblickte die Gegend.
Es war friedlich und der etwas heruntergekommene Park sicherlich ein angenehmer Rückzugsort für die Anwohner, kam es ihm in den Sinn.
Links reihten sich dreistöckige Häuser dicht an den abschüssigen Parkweg und dahinter erhob sich ein Hochhaus, das mit seinen achtzehn Stockwerken nicht recht in die Gegend passen wollte. Nach einem kurzen Verschnaufen, begann Herr Thomsen mit dem Abstieg und passierte dabei ein so schiefstehendes Schild ‚BITTE LANGSAM FAHREN‘, als hätte jemand dagegengetreten. Zunächst war der Weg noch flach, aber schon bald wurde das Gefälle stärker und ob er wollte oder nicht, seine Beine bewegten sich automatisch schneller und er musste sich bemühen, nicht in einen Trab zu fallen. Als er außer Atem an einem der dreistöckigen Häuser vorbeikam, erblickte er eine ältere Frau mit weißgrauem halblangem Haar. Sie hatte ihre stämmigen Arme auf ein Kissen gelegt und schaute mit alles aufsaugender Neugier aus dem Fenster ihrer Wohnung auf ihn herab. Als er sie passierte, hörte er ihr freundliches „Guten Tag.“ Herr Thomsen erwiderte den Gruß mit einem leichten Kopfnicken und ging weiter, bis er vor dem Hochhaus stand.
„Hier ist es also gewesen“, murmelte er in sich hinein. „Hier ist Paul Heinze gestorben.“ Wie aus dem Nichts war ihm als fühlte er einen Windstoß. Er nahm eine Bewegung wahr und im gleichen Augenblick rasten, wie durch die Luft, drei Jungs auf ihren Fahrrädern mit einem gekreischten: „Ey, Vorsicht Mann! Zur Seite!“, dicht an ihm vorbei. Er glaubte die Berührung eines Armes zu spüren, im gleichen Augenblick waren die drei verschwunden. Beinahe hätten sie ihn angefahren.
Der Schreck ließ sein Herz heftig schlagen und er musste sich an der Hausmauer abstützen.
Es dauerte einen Augenblick, bis Herr Thompson sich mit einem gemurmelten, „das war aber knapp“, wieder gefasst hatte.
Er begann die Namen über den Klingelknöpfen zu studieren. Schließlich fand er ihn.
Paul Heinze stand darunter. Automatisch drückte er auf die Klingel, aber es geschah nichts. Wie sollte es auch, sein Freund lebte nicht mehr. Er legte die Finger seiner rechten Hand auf das Namensschild und nahm stillen Abschied. Im Hals fühlte er ein Würgen und er versuchte die Tränen zurückzuhalten. Er dachte daran, zum Abschied etwas zu beten, aber er war schon zu lange aus der Übung. Ihm fiel nichts ein außer, Paul, wir sehen uns bestimmt dort oben wieder, Amen. Gerade als er die Blumen niederlegen wollte, öffnete sich die Haustür und ein untersetzter älterer Herr im Blaumann mit Schiebermütze und einem Rohrschneider in der rechten Hand, trat heraus.
„Guten Tag der Herr, zu wem wollen Sie?“ Der Ton war nicht unhöflich aber doch barsch. Tiefblaue Augen im runden, leicht aufgedunsenen Gesicht, musterten ihn.
„Wenn es noch ginge, gerne zu Herrn Paul Heinze, aber er ist leider vor einigen Tagen verstorben.“
„Das war eine furchtbare Sache und ein Schock für uns alle hier. Sie bringen Blumen, war der Verstorbene ein Bekannter von Ihnen?“ Die Stimme zeigte Anteilnahme und in den Augen lag Trauer.
„Er war ein sehr guter Freund von mir. Ich möchte die Blumen zum Abschied auf die Stelle legen, wo er verstorben ist.“
„Am Sonntag habe ich immer meinen freien Tag. Ich war damals nicht im Dienst, aber es war genau hier vor dem Eingang, wo sie jetzt stehen. Wenn wir eine Außenkamera gehabt hätten, wäre alles dokumentiert worden. Doch Rücksicht auf ihre Privatsphäre ist leider vielen Bewohnern hier im Hochhaus wichtiger. Bis vorgestern gab es noch Blutspuren, ich habe sie entfernt. Legen Sie doch die Blumen besser hier in den Eingang, sonst werden sie noch von den Fahrradreifen der verdammten Kids zerquetscht, die hier wie die Weltmeister brutal herumrasen.“ Für einen Augenblick hielt er inne. „Es gab schon viele Beschwerden, aber es wird ja nichts gemacht, bis einmal etwas passiert. Und nun ist es passiert.“ Er stockte. „Entschuldigen Sie bitte, es ist mir nur so herausgerutscht“, schob er schnell hinterher. “Ich habe einen Aushang hier in der Halle und in den beiden Fahrstühlen angebracht, dass man auf Radfahrer achten soll, wenn man das Gebäude verlässt. Mehr kann ich auch nicht machen. Es gibt nämlich keinen Bürgersteig. Man ist sofort auf der Straße, wenn man aus der Haustür tritt.“
„Glauben Sie, mein Bekannter ist etwa mit einem Fahrradfahrer kollidiert?“ René Thomsen steckte noch der Schreck von eben in den Gliedern. Bisher hatte er nichts über die Todesursache erfahren, auch sein Sohn nicht. Es hieß von der Polizei nur, dass Paul Heinze vor der Haustür zusammengebrochen und verstorben sei. War es ein Unfall? Kein natürlicher Tod, wie er bisher angenommen hatte.
„Natürlich hat ihn einer der Jungs überfahren, was sonst, und der ist darauf einfach abgehauen. Es kann gar nicht anders gewesen sein. Mich hätte auch beinahe so ein Lausejunge letztes Jahr über den Haufen gefahren, als ich gerade dabei war, vor dem Haus sauber zu machen.“ Zornröte stieg ihm ins Gesicht. „Die Bengels schneiden hier die Kurve wie Verrückte, nur um als Erster an der Hauptstraße anzukommen. Na, der Kerl hat von mir eins ordentlich hinter die Löffel bekommen.“
„Herr Heinze arbeitete in der Firma meines Sohnes und von der Polizei haben wir nichts über einen Zusammenstoß mit einem Fahrradfahrer, noch von einem Jungen gehört.“
„Nun, das ist allerdings so eine Sache. Wahrscheinlich war es ein Minderjähriger und genau gesehen hat es ja keiner. Aber anders kann es gar nicht gewesen sein. Bei Minderjährigen muss die Polizei sehr vorsichtig an die Sache herangehen. Wissen Sie“, dabei zog er eine Schachtel WEST aus der Tasche, fummelte sich eine Zigarette heraus und steckte sie sich zwischen die Lippen. „Rauchen sie?“ Als Herr Thomsen den Kopf schüttelte, zündete er sie sich mit einem Feuerzeug an und fuhr fort: „Wissen Sie, ich war viele Jahre bei der Polizei, ehe ich nach der Rente in diesem Kasten hier den Hausmeisterjob angenommen habe.“ Obwohl er Kasten gesagt hatte, schien es Herrn Thomsen, als ob er stolz auf seine Arbeit war. „Kommen Sie doch einen Augenblick herein, sonst fährt uns doch noch einer von den verfluchten Bengels über den Haufen. Ich kannte Paul, ich meine Herrn Heinze, sehr gut, wir haben oft zusammen Schach gespielt.“ Damit zog er mit der freien Hand Herrn Thomsen ins Haus und dort in eine Art Pförtnerloge.
„Ich möchte aber nicht stören. Sie haben sicher viel zu tun.“
„Ach was, sie stören nicht. Wissen Sie, der Tod ist mir an die Nieren gegangen. Ein so adretter und freundlicher Mann und von einem Fratz einfach so rücksichtslos umgefahren und dann auch noch Fahrerflucht. Ich kann es immer noch nicht fassen. Wenn Herr Heinze sprach, schwang immer so ein Hauch von Heiterkeit mit. Das werde ich niemals vergessen.“ Der Hausmeister wies auf einen Stuhl, womit er seinen Gast zum Hinsetzten aufforderte und ließ sich hinter einem leicht eingestaubten Schreibtisch nieder.
„Es ist eine furchtbare Sache. Sicher auch für das Kind und seine Eltern, wenn es sich bewahrheiten sollte.“ Herr Thomsens Miene spiegelte sein ehrliches Bedauern wider.
„Es ist wirklich entsetzlich, da haben Sie Recht. Also, die Polizei tappt noch im Dunklen, aber wie ich von meinem Bekannten im Revier gehört habe, soll es einen Augenzeugen geben. Das wird jetzt untersucht. Die Jugend ist heutzutage schlecht erzogen“, und damit löschte er mit Nachdruck seine Zigarette im Aschenbecher. „Vielen Eltern ist es egal, wo sich ihre Bälge auch nachts noch herumtreiben. Es ist wirklich manchmal nicht auszuhalten. Erst neulich habe ich im Bus gehört, wie so ein vierzehnjähriger Schnösel zu einer älteren Frau ‚halt die Schnauze Oma‘ zischte und ihr den Stinkfinger zeigte, nur weil sie ihn bat, leiser zu telefonieren. Der Kerl hat seelenruhig einfach genauso laut weitergesprochen. So eine Frechheit.
Keiner im Bus hat etwas gesagt, alle nur weggeschaut. Ich wollte schon eingreifen, aber ich musste leider aussteigen. Ich hoffe nur, dass der Mörder von Paul Heinze ins Zuchthaus kommt und dort für lange Zeit weggeschlossen bleibt.“
Der Hausmeister hatte sich in Rage geredet, einen roten Kopf bekommen und sich von seinem Stuhl erhoben. Für einen Augenblick herrschte Stille in dem engen Zimmer.
„Das ist leider so, wie Sie sagen. Ich möchte Sie nun nicht weiter von Ihrer Arbeit abhalten, lieber Herr…“
„… Schneider, Karl Schneider“, fiel ihm sein Gegenüber ins Wort.
„Ich freue mich, Sie kennengelernt zu haben. Aber wie gesagt, ich möchte Sie keinesfalls in Ihrer Arbeit stören. Ich wollte nur kurz vorbeischauen, um von meinem Freund Abschied zu nehmen. Wenn es Ihnen recht ist, Herr Schneider,...
| Erscheint lt. Verlag | 5.2.2024 |
|---|---|
| Verlagsort | Ahrensburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Schlagworte | Berliner Kriminalroman • Berlin Krimi • Deutscher Krimi • Deutscher Kriminalroman • Drogen • Fahrrad • Herbert Feid • Junge Mörder • Krimi • Kriminalroman • Merkwüdige Gestalten • Mordermittlung • Mordfall • Mord in Berlin • Tod |
| ISBN-10 | 3-384-13854-6 / 3384138546 |
| ISBN-13 | 978-3-384-13854-5 / 9783384138545 |
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