Von keiner Macht gezwungen (eBook)
226 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7597-7106-3 (ISBN)
Albrecht Josef Schmitt, ein Enkel des jüngeren Bruders von Alois Grimm, wurde 1949 in Külsheim geboren und ist dort aufgewachsen. Mit zehn Jahren trat er wie sein Großonkel und sein im Krieg gefallener Onkel in das Erzbischöfliche Studienheim St. Michael ein und besuchte das Matthias-Grünewald-Gymnasium in Tauberbischofsheim. Er studierte Theologie, Slavistik und Germanistik in Freiburg/Br., Paris und Tübingen und war bis zum Ruhestand Lehrer und Stellvertretender Schulleiter am Gymnasium Unterrieden in Sindelfingen.
Unbarmherziger Terror
„Heute waren wieder 16 Hinrichtungen. Jeden Montag derselbe unbarmherzige Terror“, so schrieb der norwegische Pastor Olav Brennhovd unter dem Datum vom 26.09.1944 in sein Tagebuch, das er in der Gefängnisbibliothek des Zuchthauses Brandenburg-Görden zwischen Büchern versteckt hatte. Die Notiz bezog sich auf den Vortag, als er wie jede Woche die Schläge des Fallbeils mitzählte, das im 3-Minuten-Takt einen Menschen enthauptete.
Jeden Montag derselbe unbarmherzige Terror. Zwei Wochen vor dieser Tagebuchnotiz starben unter der Brandenburger Guillotine 25 Menschen. Es war der 11. September, ein Datum, das sich den Heutigen als Nine-Eleven ins Gedächtnis gegraben hat und an den fatalen Tag im Jahr 2001 erinnert, als islamistische Terroristen mit vier entführten Flugzeugen das New Yorker World Trade Center in Schutt und Asche legten, das Pentagon schwer beschädigten und ein weiteres Flugzeug mit 33 Passagieren und 7 Besatzungsmitgliedern am Boden zerschellen ließen. Annähernd 3.000 Menschen kamen bei den Anschlägen zu Tode. Sie waren willkürliche, zufällige Opfer des blindwütigen Hasses fanatisierter Islamisten gegen die USA.
Die Enthaupteten des 11. September 1944 waren keine Zufallsopfer. Bei aller Willkür, der auch sie ausgesetzt waren, hatte der nationalsozialistische Staat sehr genaue Vorstellungen, wer unter seiner Herrschaft leben durfte und wer verfolgt und vernichtet gehörte. Man hielt eine formaljuristische Fassade aufrecht und verstieß doch gegen die elementarsten Menschenrechte und Gerechtigkeitsvorstellungen.
Unter den 25 – man kann mit Fug und Recht das Wort gebrauchen – Ermordeten war der 57-jährige Jesuitenpater Alois Grimm. Vier Wochen zuvor war er vom so genannten Volksgerichtshof unter dem Vorsitz von Roland Freisler zum Tod verurteilt worden. Die Anklage lautete auf Wehrkraftzersetzung. Der tiefere Grund: Als Jesuit gehörte er einem Orden an, den die Nationalsozialisten fürchteten und abgrundtief hassten. Originalton Freisler:
Kein Deutscher kann doch einen Jesuiten auch nur mit der Feuerzange anfassen!
Dass der Anklagepunkt „Defaitismus und Wehrkraftzersetzung“ von der NS-Justiz sehr frei und weit ausgelegt wurde, zeigt der Fall des am gleichen Tag auf demselben Schafott hingerichteten katholischen Priesters Joseph Müller, der wegen des Erzählens eines regimekritischen Witzes verhaftet wurde. Das war ein willkommener Anlass, um einen missliebigen Widersacher der NS-Ideologie aus dem Weg zu räumen. Bei einem Krankenbesuch beim Vater des NSDAP-Ortsgruppenleiters hatte Pfarrer Müller diesen Witz erzählt:
Ein Verwundeter liegt im Sterben und will wissen, wofür er stirbt. Er lässt die Krankenschwester rufen und sagt ihr: ‚Ich sterbe als Soldat und möchte wissen, für wen ich sterbe.‘ Die Schwester antwortet: ‚Sie sterben für Führer und Volk.‘ Der Soldat fragt: ‚Kann dann nicht der Führer an mein Sterbebett kommen?‘ Die Schwester antwortet: ‚Nein, das geht nicht, aber ich bringe Ihnen ein Bild des Führers.‘ Der Soldat bittet dann, dass ihm das Bild zur Rechten gelegt wird. Weiter sagt er dann: ‚Ich gehöre der Luftwaffe an.‘ Da bringt ihm die Schwester das Bild von Reichsmarschall Göring und legt es zur Linken. Daraufhin sagt der Soldat: ‚Jetzt sterbe ich wie Christus.‘
(Für alle, die nicht bibelfest sind: Jesus von Nazareth wurde zusammen mit zwei Verbrechern gekreuzigt, einer zu seiner Rechten, der andere zur Linken.)
Pater Grimm war kein Witzeerzähler, aber auch er war wegen seiner regimekritischen Haltung früh ins Visier der Nationalsozialisten geraten. Da er als Lehrer und Erzieher großen Einfluss auf die Jugend hatte, erschien er dem Regime besonders gefährlich, so dass man nach einer Gelegenheit suchte, ihn zu vernichten. Doch alles Material, das man gegen ihn zusammengetragen hatte, reichte für eine Anklage nicht aus. Da griff die Gestapo zu einem ganz perfiden Mittel: Man schickte einen Soldaten zu ihm, der angeblich zum katholischen Glauben konvertieren wollte und um Glaubensunterweisung bat. Als Seelsorger ließ Pater Grimm sich trotz Warnungen auf den Unterricht ein. Der Spitzel lenkte das Gespräch bewusst auf die Besprechung der Kriegslage und hielt die Äußerungen des Paters in einem Protokoll fest. Zu den letzten „Glaubensgesprächen“ im Sommer 1943 brachte er einen „Freund“, einen verkappten Gestapo-Offizier, mit. Schließlich hatte die Gestapo, was sie wollte, und die Maschinerie der Vernichtung konnte in Gang gesetzt werden.
Jeden Montag derselbe unbarmherzige Terror. Im Jahr 1944 lief die Tötungsmaschine des nationalsozialistischen Staates auf Hochtouren. Je näher die Rote Armee von Osten und die Alliierten vom Atlantik gegen die deutschen Grenzen und schließlich gegen Berlin vorrückten, desto wilder gebärdete sich Freisler, desto fanatischer propagierte er als unbeirrbarer Gefolgsmann seines Idols Adolf Hitler den deutschen Endsieg. Seit der „größte Führer aller Zeiten“ Anfang des Jahres 1943 die in Stalingrad eingekesselte 6. Armee ans Messer geliefert hatte, wusste jeder klar denkende Mensch, dass der Krieg verloren war und die Niederlage nach der verlustreichen, aber letztlich geglückten Invasion der Alliierten im Juni 1944 nicht mehr verhindert werden konnte.
Dass die Todesmaschinerie kein Verzweiflungsakt der letzten Kriegsphase, sondern von Anfang an geplant war, zeigt die Tatsache, dass Adolf Hitler bereits Ende 1933 zwanzig Guillotinen bestellte, die in der Schlosserei des Gefängnisses Berlin-Tegel hergestellt und bis 1937 an die zentralen Hinrichtungsorte im Deutschen Reich verteilt wurden.1
Das Zuchthaus Brandenburg-Görden war die zweitgrößte Hinrichtungsstätte der NS-Justiz. Insgesamt wurden hier 2.743 Hinrichtungen vollzogen, davon waren mindestens 1.722 politisch motivierte Tötungen.2 Noch mehr Hinrichtungen, nämlich 2.891, fanden in Berlin-Plötzensee statt.
In der Weimarer Republik war das Zuchthaus ab 1927 als Musteranstalt des „humanen Strafvollzugs“ erbaut worden, da das alte an der Neuendorfer Straße wegen katastrophaler hygienischer Zustände nicht mehr tragbar war. Dieses wurde 1931 vorübergehend geschlossen, von 1933-1934 aber als eines der ersten Konzentrationslager wieder genutzt. Heute beherbergt das ehemalige Hauptgebäude nach einem Umbau Teile der Stadtverwaltung.
Das neue Zuchthaus Brandenburg-Görden galt bei seiner Eröffnung als eines der modernsten Gefängnisse Europas. Die Häftlinge sollten hier nicht einfach weggesperrt, sondern für die Wiedereingliederung in die Gesellschaft vorbereitet und resozialisiert werden. Dazu gab es Schulungsräume und eine Bibliothek. Der nationalsozialistische Strafvollzug räumte jedoch schnell mit solchen Privilegien auf. Kriminelle und politische Gefangene galten als „Volksschädlinge“, die für ihre Taten büßen sollten. Für Resozialisierung war da kein Platz.
Modell der Haftanstalt Brandenburg-Görden
Von 1937-1945 verbüßte der spätere Staatsratsvorsitzende der DDR Erich Honecker den größten Teil seiner Zuchthausstrafe in Brandenburg-Görden. Am 27. April 1945 wurde das Zuchthaus von der Roten Armee besetzt. Heute erinnert ein sowjetischer T-34-Panzer gegenüber dem Eingang an den Tag der Befreiung. Ca. 600 Gefangene wurden freigelassen; unter ihnen Pastor Brennhovd.
Auch für ihn war die Todesstrafe vorgesehen gewesen, weil er als Mitglied einer norwegischen Widerstandsgruppe auf konspirativen Wegen zahlreiche Menschen aus dem von der deutschen Wehrmacht besetzten Norwegen nach Schweden gebracht hatte. Es ist durchaus möglich, dass unter den auf diese Weise Geretteten auch der spätere deutsche Bundeskanzler Willy Brandt war.3
1942 wurde Brennhovd verraten, von der Gestapo verhaftet und gefoltert. Im Prozess soll er auf den Vorwurf, er würde die Deutschen hassen, gesagt haben:
Ich kann nicht hassen. Ich verehre Deutschland als das Land von Goethe, Schiller und Bach. Aber ich liebe mein Vaterland, so wie Sie Ihres lieben. Meine Liebe muss sich so ausdrücken. Wir wehren uns gegen eine Besatzung, nicht gegen Deutschland.
Den Staatsanwalt haben diese Worte offenbar bewogen, statt des vorgesehenen Todesurteils eine achtjährige Zuchthausstrafe zu beantragen. Brennhovd kam nach Brandenburg und wurde als Häftling ab August 1944 in der Gefängnisbücherei beschäftigt.
Nach seiner Befreiung ging er nach Norwegen – im Reisegepäck sein Tagebuch, kehrte aber im Auftrag des Schwedischen Roten Kreuzes nach Deutschland zurück, um eine nachhaltige Struktur der Versöhnung aufzubauen. In Göttingen war er 1948 Mitbegründer der „Gesellschaft internationaler Studentenfreunde“, mit der er zahlreiche Friedensfahrten, bevorzugt auch in den Ostblock, organisierte.
Andere hatten nicht das Glück, auf einen fühlenden Staatsanwalt zu treffen. Sie fielen dem unbarmherzigen Terror zum Opfer.
1 Vgl. Harald Poelchau: Die letzten Stunden. Erinnerungen eines Gefängnispfarrers, Volk und Wissen, Berlin, 1949, S....
| Erscheint lt. Verlag | 29.5.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Schlagworte | Drittes Reich • Jesuit • Märtyrer • Nationalsozialismus • Religion |
| ISBN-10 | 3-7597-7106-8 / 3759771068 |
| ISBN-13 | 978-3-7597-7106-3 / 9783759771063 |
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