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Die Neudenker (eBook)

eBook Download: EPUB
2024 | 1. Auflage
196 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7597-1632-3 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die Neudenker -  Wolfgang Sanden
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Eine in weinseliger Stimmung abgeschlossene Wette über 1.000 Euro hat für Sven Torsten Arnold ungeahnte Folgen. Denn seine leichtfertige Behauptung, er werde mit einer neuen Partei schon bei der nächsten Bundestagswahl erfolgreich sein, wird wegen seiner wichtigen Rolle in der Anti-Corona-Bewegung und der unerwarteten Unterstützung durch ein Beratungsinstitut Wirklichkeit. Die etablierten Parteien versuchen, die "Neudenker" in die rechte Ecke zu stellen, und gehen nach der für sie verlorenen Bundestagswahl eine fragile Vierfarbenkoalition ein. Damit erreichen sie allerdings das Gegenteil. Die Neudenker werden angesichts der chaotisch handelnden Regierung immer populärer. Der Plan des geheimnisvollen "Council of Global Welfare", der hinter der Parteigründung steckt, scheint aufzugehen.

Wolfgang Sanden, 1946 in Hildesheim geboren, übte nach Abitur und Mathematikstudium dreißig Jahre lang verschiedene Berufe in der IT-Branche aus. Unter anderem war er als Programmierer, Systemanalytiker, Berater, Qualitätsmanager und Ausbilder tätig. In jener Zeit konnte er sich dem Schreiben nur sporadisch widmen. Heute arbeitet Wolfgang Sanden als freier Schriftsteller.

2


Sven Torsten Arnold ging die Sache zügig an, immerhin galt es, eine gewagte Wette zu gewinnen. Mit dem Internet kannte er sich aus, als selbständiger Berater war er in den sozialen Medien eifrig unterwegs. Seinen offiziellen Internet-Auftritt hatte er sich zwar von einem Profi machen lassen, aber Änderungen daran nahm er selbst vor – allerdings waren es auch nicht sehr viele. Wie überhaupt die Resonanz auf seine Bemühungen, an Aufträge zu kommen, leider sehr mäßig war.

Seit Gründung von STAR vor zwei Jahren hatten sich tatsächlich nur fünf Interessenten an ihn gewendet. Mit den drei größeren mittelständischen Firmen war er nicht ins Geschäft gekommen, weil man ihm bedeutet hatte, daß sein Standardvorschlag, nämlich als erstes Bleistifte und Papier einzusparen, um so schnell aus den roten Zahlen zu kommen, doch wohl etwas mager sei. Bei dem metallverarbeitenden Betrieb (ca. 350 Angestellte) konnte er zumindest aus der matten Erinnerung an die fachlichen Erzählungen seines Vaters etwas Honig saugen, was ihm den bescheiden dotierten Auftrag einbrachte, eine Umstrukturierung zu konzipieren. Das Geld hatte er tatsächlich erhalten, wenn auch mit einem Abschlag, die Umsetzung allerdings, die in Wahrheit gar nicht auf seinem Plan beruhte, wurde an eine andere Beratungsfirma vergeben. Geblieben war ihm Lust auf schöne Schuhe, eine regionale Kette, für die er eine Machbarkeitsstudie zur Erweiterung des Filialnetzes erstellt hatte. Daß seine Dienste dort immer noch von Zeit zu Zeit in Anspruch genommen wurden, war Nathalie zu verdanken. Das einzige Kind des Inhabers pries ihren Liebhaber – Sven hatte schnell erkannt, daß der Weg zu Aufträgen hier über Herz und Bett (für ihn zählte eigentlich nur letzteres) führen würde –unablässig bei Papa an, und der konnte seiner vergötterten Tochter einfach nichts abschlagen.

Da Arnold jedoch bei seiner Mutter eine ähnliche Stellung einnahm, bereitete ihm das sehr dünne Auftragspolster kein großes Kopfzerbrechen. Mama würde immer einspringen, wenn er knapp bei Kasse wäre. Angesichts des ererbten Vermögens stand dies allerdings in keiner Weise zu befürchten. Er hatte ein schönes Leben!

Nun also rief Arnold unter #kinderschänder zu entschlossenem Handeln gegen Pädophilie auf. Er verfaßte einen Text, der sehr engagiert, aber nicht nach Schaum vor dem Mund klang. Auf das Wort „Schwein“, das ihm durchaus auf der Zunge lag, verzichtete er, ebenso auf irgendwelche Forderungen nach drakonischen Strafen. Er plädierte vielmehr für das konsequente Anwenden bereits existierender Gesetze. Daran ließen es, so schrieb er, deutsche Gerichte, wie bei anderen Strafsachen übrigens auch, leider häufig fehlen.

Die Antworten ließen nicht lange auf sich warten. Innerhalb von drei Tagen erhielt er mehrere hundert Kommentare, nach einer Woche hatte er bereits über tausend Follower. Las er die ersten Zuschriften noch allesamt sorgfältig durch, so mußte er sich rasch auf Stichproben beschränken. Die überwältigende Mehrheit der Tweets stimmte seinem Anliegen zu.

Wie in diesem Medium nicht anders zu erwarten, nahmen viele Schreiber dabei kein Blatt vor den Mund. Sehr treffend fand er die Bezeichnung Pädokriminelle für die, die der Kinderseele unermeßlichen und kaum zu heilenden Schaden zufügten. Das von Arnold vermiedene Wort feierte fröhliche Urstände und war bei weitem nicht das ausfallendste. Auch Kastrieren, Schwanzabschneiden (besonders von Frauen gewünscht) und Umlegen wurden nachdrücklich empfohlen. Auf einige Tweets reagierte er seinerseits wieder, diejenigen, die übelste Beschimpfungen und Schlimmeres enthielten, ignorierte er.

Tatsächlich gab es auch ein paar wenige Verteidiger der Pädophilie, angefangen bei einfühlsam Argumentierenden: „Der Pädophile kann seine Veranlagung zwar bekämpfen, aber dieser Kampf ist mit unsäglichen seelischen Leiden verbunden. Denn er kann nicht er selbst sein. Wer aber kann so etwas verlangen? Handelt es sich dabei nicht letztlich um einen Angriff auf die ungehinderte Persönlichkeitsentwicklung, einem Menschenrecht?“ – Damit, kam es Arnold in den Sinn, konnte man auch jedes andere Verbrechen weißwaschen. Das konsequent zu Ende gedacht, brauchte man eigentlich kein Strafgesetzbuch mehr ... – „Die Grünen waren in dern 80ern schon sehr viel weiter“, meinte @kinderfreund, „damals haben sie Straffreiheit für einvernehmlichen Sex zwischen Kindern und Erwachsenen gefordert. Jetzt aber haben verklemmte Spießer das Sagen. Die Liebe ist jedoch allemal stärker als jedes Verbot.“ Sehr deutlich wurde @kidsforfun: „Du überhebliches Arschloch. Du fickst Frauen und findest das normal. Ich finde es normal, kleine Mädchen zu ficken. Triebgesteuert sind wir beide. Halt also dein ungewaschenes Maul und diskriminiere nicht unbescholtene Bürger!“

Auch manche unter denen, die Pädophilie verabscheuten, offenbarten Ansichten, die Arnold merkwürdig bis abstrus vorkamen. Eine Petra Mikosch beispielsweise schrieb von Kleinkindern, die heimlich in Container-Schiffen von Asien nach Europa und Amerika verschleppt und dort an Kinderschänder verkauft würden. Das funktioniere nur deshalb so reibungslos, weil dieser Handel von ganz oben gedeckt würde. Damit hatte die Frau eine Lawine losgetreten, die vom eigentlichen Anliegen zunehmend wegführte.

In einer nicht enden wollenden Reihe von Beiträgen, einem ellenlangen Thread, ging es Schlag auf Schlag. Nicht nur die Reichen, Berühmten und Verdorbenen seien Kunden bei diesem schmutzigen Geschäft, nein, noch viel schlimmer, auch die Reptiloiden, die Echsenmenschen, würden solche Kinder kaufen und danach auf rituelle Weise töten, weil sie deren Blut benötigten, um ihr menschliches Aussehen, das uns alle täusche, immer wieder zu erneuern. Und die Haut der hingeschlachteten Kinder würde zu teuerem Leder verarbeitet, wußte ein anderer zu berichten. Die roten Schuhe des Papstes seien daraus gefertigt – möglicherweise, und das sei zu dessen Gunsten einmal angenommen, wisse der davon gar nichts.

Arnold hatte erst einmal bei Wikipedia nachlesen müssen, was es mit diesen Reptiloiden auf sich hatte. Er wollte gar nicht glauben, daß derartiger Unsinn überhaupt von irgend jemandem ernst genommen wurde. Da erlaubte sich ein Brite namens Icke, der darüber ein ganzes Buch geschrieben hatte, wohl einen Scherz nach dem Motto: Mal sehen, wie viele Menschen selbst Hanebüchenes für die Wahrheit nehmen. Es waren offensichtlich doch ziemlich viele, die glaubten, daß Bill und Hillary Clinton, Bill Gates, die beiden Bushs, Barack Obama, Elisabeth II. und sogar, welche Ehre, die dröge Merkel in Wirklichkeit solche Echsenmenschen waren. Wobei sich dank weiterer Tweets herausstellte, daß es gerade die Bundeskanzlerin faustdick hinter den Ohren hatte. Sie sei nämlich – Arnold brach spätestens an dieser Stelle in ein wieherndes Gelächter aus – Adolf Hitlers späte Tochter. Hitler sei nämlich zusammen mit Eva Braun aus dem Führerbunker entkommen. Schon vorher habe die Braun dem Führer heimlich einen Sohn und eine Tochter geschenkt. Und diese Tochter sei die Mutter von Barack Obama, dieser also Hitlers Enkel! Was der Opa wohl dazu in seinem angedichteten südamerikanischen Exil gesagt, besser geschrien haben mochte? Rassenschande!?

Jetzt endlich, so rief Arnold voller Ironie aus, verstehe er manches, was auf ihn in der Politik bisher befremdlich gewirkt habe. Daß eine Tante, in diesem Fall Tante Angela, ihrem Neffen gegenüber Zuneigung zeigte, war doch nur zu natürlich. „Was mir aber daran doch widersprüchlich vorkommt“, kicherte er, „ist der Spruch, daß es sich bei Merkel um Honeckers Rache handeln soll.“

Daneben tauchten Verschwörungstheorien auf, die schon seit Jahrzehnten im Umlauf waren: UFOs, Poltergeister, Kontakte ins Jenseits, Telepathie und so weiter und so fort. Noch nie gehört hatte er von den Protokollen der Weisen von Zion. Laut Google handelte es ich um einen längeren Text, kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende anonym auf Russisch verfaßt, in dem es um eine jüdische Verschwörung ging, die die Weltherrschaft anstrebe. Dieses Machwerk sei eine folgenreiche Fälschung, habe sie doch den Antisemitismus, im Holocaust gipfelnd, erheblich gefördert. Augenscheinlich wurden diese Protokolle trotz dieses wissenschaftlichen Urteils in bestimmten Kreisen sehr ernst genommen. Man war hier fest davon überzeugt, daß irgendwo, sozusagen in einem Hinterzimmer, ein paar wenige Menschen säßen, die heimlich die Geschicke der Welt in ihrem Sinne steuerten. Wieder tauchten die Namen der üblichen Verdächtigen auf: Gates, Clinton, Soros, Obama, Buffet, Bezos, Musk.

Spaßeshalber folgte Arnold einem Video-Link, den einer, der sich „der Historiker“ nannte, dem Tweet über irgendwelche Illuminati beigefügt hatte. Zu seiner großen Verblüffung saß da plötzlich jemand, den er von der Schule her kannte:...

Erscheint lt. Verlag 29.5.2024
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Krimi / Thriller
Schlagworte Corona • Deutschland • Intrigen • Parteigründung • Politik
ISBN-10 3-7597-1632-6 / 3759716326
ISBN-13 978-3-7597-1632-3 / 9783759716323
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