Mit Magellan (eBook)
404 Seiten
Kulturmaschinen Verlag
978-3-96763-240-8 (ISBN)
Die schwarzen Schiffe
Bu iza – o – dio,
ayuta noy – o – que somo,
servi soy – o – voleamo,
ben server – o – la fede,
de cristiano – e – malmeta.
(Was wir Schiffskinder auf den spanischen Karavellen beim Segelsetzen und Ankeraufholen singen. Man muss die Gesänge der Mannschaft nicht verstehen, Hauptsache auf – o – wird angepackt, damit gebrasst wird oder die Ankertrosse einkommt. Im Großen und Ganzen ist es der übliche Wunsch, dass Gott uns helfen möge, denn so wie wir dem Segel dienen, so auch dem Glauben, heißt es da.)
Am Montag, den 10. August, dem Tag des Heiligen Laurentius, im Jahr 1519 nach unserer Erlösung, ich tue noch vier Glasen dazu – also gegen zehn Uhr morgens nach den Schlägen der Kirchenglocken gezählt – wurden die Laufplanken eingezogen. Dann warfen wir die Leinen los, um den Hafen von Sevilla zu verlassen. In den Mienen der Mannschaften mischten sich Stolz und Ungläubigkeit und eine bange Erwartung. Frau Sehnsucht und ihre magere Stiefschwester, der Abschiedsschmerz, waren an Bord, das ist geschenkt. Frau Hoffnung grüßte, doch war sie ein wenig hohlwangig und schaute grämlich drein, weil sie von den Buben zu oft betrogen wurde. Lange vor meiner Ankunft in dieser Stadt hätte die Armada bereits in See stechen sollen, so war es zwischen dem Generalkapitän und dem Kaiser vereinbart gewesen. Kaum mag ich mir vorstellen, was das für mich bedeutet hätte, um wie viel gradliniger mein Leben verlaufen wäre, bei allen Bögen, die es bis zu diesem Zeitpunkt bereits genommen hatte. Längst würde ich wieder hoch und trocken auf der Roten Klippe sitzen, und von meinen Schiffsreisen in Europa – von der Elbe bis zum Guadalquivir – würde ich gewisslich keine einzige Periode zu Papier bringen, allein schon deshalb nicht, weil ich die Mönchskunst erst auf der Fahrt mit Magellan erlernen sollte, als wir unterwegs unser Winterlager im kalten Süden von Amerika aufschlugen und mein Meister al Gharb seinen Rohrstock schwang.
Ich tue einen Eid zum Schöpfer aller Dinge und zu den Heiligen Evangelien, dass ich nichts von dem gewollt habe, was auf den folgenden Seiten steht. Ja, warum habe ich es dann überhaupt festgehalten? Die erzählte Geschichte ist die Mutter der Wahrheit, so sie nicht mutwillig erstunken und erlogen ist – was meine liebe leibliche Mutter auf dem Hilligen Eylandt sehr missbilligen würde – eine Geschichte ist die artige Nebenbuhlerin der Zeit, wenn sie die Taten aufbewahrt, uns damit belehrt und uns für künftiges Handeln eine Warnung mitgibt.
Ihr Lieben auf der Roten Klippe, auch ohne Eidschwur könntet ihr darauf vertrauen, das ich mir die größte Mühe mit der Stimmigkeit gegeben habe, um Lug und Trug und einfach dummes Geschwätz fernzuhalten. Im Verlaufe meiner Bemühungen musste ich jedoch feststellen, dass die Wahrheit recht sperrig beschaffen ist, und überdies als ein wirklicher Gestaltwandler daherkommt, von dem ich später auf den Philippinen Kenntnis erlangte. Manchmal wehrt sie sich wie ein Krebs, der alle Achte, samt den Kneifern, von sich streckt, wenn man ihn packt. Dann wieder gibt sie sich glitschig wie ein Aal und lässt sich gar nicht erst festhalten, sobald man ihrer gewahr wird. Seid also so gütig, und nehmt meine arme Bemühung als das Ganze.
Nicht jedermann verträgt den Strich auf dem Prüfstein der Wahrheit. Ihr habt euren eigenen freien Verstand und seid mir überdies herzlich zugeneigt, was ich von fremden Lesern nicht unbedingt erwarten dürfte, insofern habe ich Glück und die Zuversicht, bei euch mit meinem Buchstabengemälde in den rechten Händen zu sein, damit ihr ohne Missgunst Kenntnis von den Vorgängen nehmen könnt, die eines seligen Angedenkens würdig sind.
Betrug und Verrat und allerlei Verwicklungen am spanischen Königshof mussten geschehen, um mich endlich auf die Schwarzen Schiffe zu bringen und rund um die Welt zu schicken. Wenn die Diplomaten, Durchstecher und Purpurträger mich um meine Meinung gebeten hätten – ach, du mein Heiland, viel zu viel Aufhebens um meine Person. Doch ein gemeines Schiffskind fragt niemand.
Erst hatte es bei der Ausrüstung der Expedition eine nicht enden wollende Reihe von Pleiten gegeben, auch Sabotage und politische Missliebigkeit waren im Spiel gewesen, das allgegenwärtige Beutelfüllen der Amtsträger oder verschiedene Unterfangen, mit dem Judenspieß um die Wette zu rennen, was in Sevilla die Umschreibung für Wucher treiben ist. Und nicht zu vergessen die Agententätigkeit portugiesischer Spione. Die Beamten des Indienhauses und der Versorgungstross, der die schwarzen Schiffe ausrüstete, waren die Ameisen der Geschichte, und wie die Ameisen in Wald und Wiesen waren sie nützlich und lästig zugleich. Ja, auch sie konnten beißen und spritzten ihr Gift.
Am Ende hatte sich Don Fernando gegen alle Hindernisse und Widrigkeiten des Geschäftes, und mehr noch der spanischen Politik, durchgesetzt. Das Wichtigste scheint mir – dem Seemann – gewesen zu sein, dass der Kaiser in allen Konflikten zu ihm gehalten hat, was fast zum Verwundern ist, wenn man bedenkt, dass die Majestät noch ein Jahr jünger war als ich, erst bannig kurz im Amt, als Kaiser sozusagen ein Moses und umgeben von widerborstigen, bösen und intriganten Männern, denen die Jahre auf dem Buckel lagen und die Hummersuppe im grauen Barte hing. Bis ich da klug wurde, das hat geraume Zeit gedauert, und ich musste viele Stunden Nachhilfe nehmen, bei wem, da war ich nicht wählerisch. Irgendwann erfuhr ich, dass der mächtigste dieser widrigen alten Männer, seines Zeichens ein Kirchenmann, einen Sohn gezeugt hatte, sagen wir gleich einen eitlen und hochmütigen Bastard, den hatte er nun im Mannesalter unserer Armada der Molukken untergeschoben, und dieser Bastard auf hohem Posten sollte sich im Verlauf der Reise als Magellans größter Widersacher entpuppen. Es geht traurig zu in einer Welt, in der sich Bastarde und Konvertiten stets zum Äußersten beweisen müssen, und niemand achtet stärker auf Etikette als sie, niemand ist besser gekleidet und niemand wird leichter durch ein Wort gekränkt; ich meine, in Wahrheit sind sie untröstlich.
Soll ich noch hinzufügen, dass ich diesem adligen Bastard längst in einem Badehaus in Amsterdam begegnet war? Das ist natürlich für niemanden wichtig, außer für mich selber. Und für Qivitoq, meinen Schicksalsgenossen und Blutsbruder von der Frostinsel. Und für Nimmersatt, meinen vierbeinigen Gefährten durch dick und dünn. Denn Don Juan de Cartagena, der illegitime Bischofssohn, hatte mich wiedererkannt. Und er hatte uns in Sevilla auf Magellans Schiffe befohlen.
Aus Anlass unserer Abfahrt hatte der Generalkapitän eine neue Weltkarte in der Studierstube und Werkstatt des Bakkalaureus Falero herstellen lassen. Zwei Details waren entscheidend: die Lage der Gewürzinseln, die er im Fernen Osten in der spanischen Welthälfte verortete, und der Paso, die amerikanische Meerenge, wieder einmal nur ungenau markiert, denn der Herr Magellan wollte sein Geheimnis nicht vorzeitig preisgeben. Aber das Wichtigste: Es gab ihn, den Paso! Die Karte bewies es. Magellan betrachtete sie als Geschenk für seinen großen Gönner, er hatte das neue Pergament der Welt zusammen mit ein paar goldenen Zirkeln – zum Abstecken der Breitengrade – an den Kaiser in Valladolid gesandt.
Und ich? Wenn ich innehalte und lese, was ich gerade aufgeschrieben habe, kommt es mir fremd vor, das soll alles von meiner Hand stammen? Dieser Haufen an Buchstaben mit vielerlei Bedeutungen und ebenso vielen Stolpersteinen? Ich muss erst noch die Knoten lernen, sagt das frischgebackene Schiffskind, den Palstek und den Webeleinstek – und welchem davon ich in luftiger Höhe der Masten mein Leben anvertraue. Gewiss, es macht Spaß, die Feder zu führen, beinahe so, wie eine verbotene Kunst auszuüben, schließlich ist die Schrift für mich daheim auf der Insel ein Buch mit sieben Siegeln gewesen, aber nun gleich lange Sätze über das Weben und Wirken in der weiten Welt? Mein Lebtag hatte ich kein Wort über einen Kaiser verloren, oder habe ich doch mal ein Märchen meiner Amme Gintje nachgeplappert? Mag sein, sie schwatzte viel; und wenn ich auch hinzufüge, dass mein Leben noch nicht lange währt, kaum zwei Dutzend Jahr’, und mein Lehrer in Sevilla mich kürzlich noch Bursche und Jungmann genannt hat, weil er ein Ironiker ist, wenn auch mit Herz, so habe ich mir bereits ein weiteres Märchen angelacht, denn ich besitze als Resultat meiner bisherigen Irrfahrt sogar die Locke eines Kaisers, jedenfalls wurde mir das von der ehrbaren Frau Jaqueline Mette in Amsterdam glaubhaft versichert. Abgeschnitten habe ich sie dem gesalbten Haupt des Fürsten nämlich nicht selber, wie sollte sich das auch zugetragen haben? Aber Frau Mette hat’s getan. Das macht die Liebe oder vielmehr die Liebelei. Sie ist wahrlich eine Himmelsmacht, die alles einzuebnen vermag, jedenfalls für den Moment. Es steht schon bei dem alten Judenkönig Salomon, was sie vermag.
Also ich, mit Verlaub? Ach, du meine Güte! Was soll ich zu mir sagen, liebe Jungfer Peerke, die du an meiner Statt hoch und trocken zu Hause auf der Roten Klippe sitzt? Du bist mir der wahre Hafen, das Vorbild und eine große Sehnsucht, das schwöre ich bei den Meereswesen der Jungfrauengrotte, die wir gemeinsam aufgesucht haben, unten am roten Klippenfuß, und wo wir uns das erste Mal küssten, und, ja, denke auch du an mich. Lies ein letztes Mal drei Kreuze als Pay Edel. Das ist ein Abschied und ein Aufbruch. … +++ … Das bin ich. also, ich...
| Erscheint lt. Verlag | 14.4.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| ISBN-10 | 3-96763-240-7 / 3967632407 |
| ISBN-13 | 978-3-96763-240-8 / 9783967632408 |
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