Anna und Josef - ein Drama in Waldsassen (eBook)
224 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7597-4440-1 (ISBN)
Eva Steinherr, geboren 1963 in München, studierte Philosophie und Lehramt und promovierte in Pädagogik. Sie lehrt als Akademische Oberrätin an der Ludwig- Maximilian-Universität München. Von ihr erschienen Fachbücher zum Thema Werteerziehung. Im vorliegenden Band setzt sie sich als Enkelin von Anna und Josef mit ihrer Familiengeschichte auseinander.
1. Anna
Annas Erscheinung war streng, sie hatte eigentlich ein feines Gesicht und einen leichten Höcker auf der Nase, die Haare glatt nach hinten gekämmt, eine Physiognomie, die keinen freundlichen Ausdruck zuließ, geschweige denn ein Lachen; unter dunklen Haaren blickten sehr dunkle Augen streng und abweisend, unterstrichen von abstrus unmoderner Kleidung, möglichst in Schwarz. Sie hatte absolut nichts Mütterliches an sich.
Am Begräbnistag kam eine schmale Erscheinung aus einiger Entfernung auf mich zu. Sie verschwand in einem schwarzen Rock bis an die Knöchel, einem dreiviertel langen Mantel, trug einen schwarzen Hut mit breitem Rand kerzengrade auf dem Kopf, flache Männerschuhe: Ich erstaune über die Gestalt eines römischen Priesters auf dem Friedhofsvorplatz. In fünf Meter Entfernung bleibt die Gestalt stehen und sagt: Guten Tag, Peter.
Diese Erinnerung schildert Peter, der Sohn von Annas Bruder Karl. Er traf seine Tante Ännchen im Jahr 1970 auf der Beerdigung seines Vaters wieder, als er sie lange nicht mehr gesehen hatte. Anna war damals schon 67 Jahre alt und lebte seit über dreißig Jahren in Waldsassen.
Im Februar 1936 fiel Anna, Abteilungsleiterin im Krefelder Kaufhof, Friedrichstr., in der Fachzeitung Der Papierhändler eine Heiratsannonce ins Auge.
Fräulein oder Witwe aus der Branche, ohne Anhang, 35-50 Jahre, katholisch, mit Herzens- und Geistesbildung und viel Mut und gutem Willen, die allzu früh verstorbene liebevolle Frau und Mutter zu ersetzen, von Lokalblattverleger mit großem Hauswesen, Druckerei und Ladengeschäft baldigst gesucht. Vertrauensvolle Zuschriften mit Lichtbild unter Nr. 977 an den ‚Papierhändler‘, Berlin, erbeten. Diskretion Ehrensache.
Krefeld, 1. März 1936
Sehr geehrter Herr!
Zunächst muss ich Ihnen gestehen, dass mir der Entschluss, Ihnen auf Ihre Annonce im ‚Papierhändler‘ zu schreiben, nicht leicht geworden ist. Ich fasste ihn an meinem 33. Geburtstag, den ich vor wenigen Tagen im Kreise meiner Kolleginnen im Irmingardisheim, einer Wohnstätte für berufstätige Damen hier in Krefeld, verbrachte. Doch der gesetzte und wohlgebildete Ton Ihrer Annonce ließ mich Mut schöpfen.
Ich selbst wohne hier im Irmingardisheim und bin Abteilungsleiterin bei der Westdeutschen Kaufhof AG. Meine Abteilung für Schreibwaren und Fotoartikel beschäftigt achtzehn Damen. Ich stamme aus Düren im Rheinland und habe das dortige Lyceum mit dem Abitur abgeschlossen. Sprachen, Literatur und die Schönen Künste gehören seit damals zu meinen besonderen Interessengebieten. Studienpläne scheiterten leider an dem Plan meines Vaters, mich später in die Leitung seiner Buch- und Schreibwarenhandlung nebst Buchbinderei in Düren zu übernehmen. Nach einigen Jahren Tätigkeit im väterlichen Geschäft wurde mir meine jetzige Position geboten, die ich bisher zur Zufriedenheit meiner Chefs ausfüllte. Ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Angestellten und genieße einen tadellosen Ruf. Meine Ferien verbrachte ich regelmäßig in Bruxelles (mein Großvater stammt aus Belgien) und spreche fließend Französisch und Englisch. Die Förderung von Herzens- und Geistesbildung war immer das bedeutsame Ziel meiner Bestrebungen. Lebensmut und Selbstständigkeit werden mir in meiner Position abverlangt.
Ich könnte mich nur schwer entschließen, diese meine – auch sehr lukrative – Position aufzugeben und hätte dabei auch dem Widerstand meiner Eltern zu begegnen, auf deren Urteil ich sehr viel Wert lege.
Ich hoffe daher sehr auf eine nähere Nachricht über Ihre Person und Lebensumstände und grüße
Hochachtungsvoll
Anna Peters
P.S. Als Anlage finden Sie zwei fotografische Aufnahmen: Das erste ist ein Portraitbild, aufgenommen vor etwa einem halben Jahr. Auf dem zweiten sehen Sie meine Abteilung im Krefelder Kaufhof; ich stehe rechts hinter der Theke.
Anna 1935
Krefelder Kaufhof, Foto- und Schreibwarenabteilung 1935
Anna ist die Dritte rechts
Anna kam 1903 als drittälteste Tochter des Papierwarenhändlers Peter Peters und seiner Frau Berta in Düren zur Welt. Ihre Mutter Berta Peters, geb. Karl, wurde 1875 in Grusbach, Südmähren, geboren. Deren Vater Georg Karl war Bestandwirth1, Mutter Theresia, geb. Kaufmann, in Hörensdorf gebürtig und zu Ehrendorf wohnhaft, war Tochter des dortigen Gastwirthes Martin Kaufmann und der Theresia Kaufmann, geb. Mitterhofer.
Die Heirat von Annas Eltern kam auf etwas abenteuerliche Weise zustande. Peter Peters, 1870 geboren, ging noch als Handwerksgeselle auf die Walz. Im niederösterreichischen Laa an der Thaya lernte er Berta kennen. Die Wirtsfamilie führte dort eine Bäckerei mit Café. Berta war die einzige Tochter. Sie hatte noch drei Brüder, Ludwig, Viktor und Georg. Die Familie Karl war gegen eine Heirat, doch Berta gehorchte nicht. Man sprach später sogar von heimlicher Flucht und Entführung nach Düren. Die Heirat fand, nachdem Berta schwanger geworden war, 1897 in der später vollständig zerstörten St.-Anna-Kirche2 statt. Erst vier Jahre später, im Jahr 1901, besuchte das Ehepaar Peters mit seinen beiden erstgeborenen Kindern Peter und Helene (Lenchen) die Familie in Laa.
Familientreffen in Laa an der Thaya 1901
Obere Reihe:
Georg Karl jun., Ludwig Karl, Berta Peters (geb. Karl), Peter Peters, Viktor Karl
Untere Reihe:
Theresia Karl (geb. Kaufmann, *1841), Georg Karl sen. (Bestandwirth, *1840),
zwischen ihnen die beiden erstgeborenen Kinder von Berta und Peter Peters,
Karl und Lenchen
Anna kam nach Karl und Lenchen auf die Welt, gefolgt von Christine (Christel), Elisabeth (Lisbeth) und Maria (Mia). Zu ihrem ältesten Bruder sah sie auf. Doch die Schwestern waren ihr alle zu leichtfertig. Später erzählt man in der Familie von den vier Mädchen, sie seien hauptsächlich daran interessiert gewesen, gut situierte Ehemänner zu bekommen, je nach Umständen sogar mehrmals im Leben. Von Lenchen hieß es, sie habe das Papierwarengeschäft des Vaters fast ruiniert, indem sie das Geld ins Casino nach Bad Neuenahr trug. Ihr Pech im Spiel habe ihre Lebenslust aber nicht beeinträchtigen können: Noch als alte Frau habe sie bei abendlichen festlichen Zusammenkünften auf dem Tisch getanzt, habe den Rock dabei gehoben, ihre Beine geschmissen und dabei gesungen.
Die Geschwisterreihe Peters – noch ohne das jüngste Kind Mia – am 27.09.1908
Von links: Karl, Lenchen, Anna, Christel, Lisbeth
Mutter Berta versteckt sich hinter der Glastür, weil sie schwanger ist mit Mia,
so hieß es in der Familie
Die sechs Geschwister mit ihren Eltern; Anna ist die Zweite von rechts
Die sechs Geschwister mit unbekanntem Herrn; oben Karl, darunter von links: Lenchen, Christel, Anna, Lisbeth, unten Mia
Familie Peters beim Ausflug in die Eifel zu Ostern 1914;
Anna hat den Hut abgenommen
Anders als ihren Schwestern war Anna Übermut fremd. Ihre Neigungen gingen eindeutig in Richtung Kunst und andere geistige Dinge. Sie interessierte sich sogar für den Anfang des 20. Jahrhunderts aufgekommenen Spiritismus. In einem ihrer Briefe schrieb sie:
Ich glaube mich manchmal in der Lage, anhand eines persönlichen Briefes eine geistige Verbindung zu dessen Autor herstellen zu können. Sie müssen wissen, dass ich vor einigen Jahren dem großen Hellseher Hanussen bei einer Demonstration seiner Fähigkeiten als Medium gedient habe und er mit Hilfe meiner Konzentration und Gedankenübertragung im Saal versteckte Gegenstände auffand, von denen er nicht einmal wusste, was es war. (30. März 1936)
Anna war die Einzige von den Geschwistern, die das Abitur machte. Ihre Busenfreundin an der katholischen höheren Mädchenschule (später Lyzeum) zu Düren war Meta Frankl. Anna erzählte später noch, wie sie beide von einer Lehrerin auseinandergesetzt wurden, weil Meta zu stark von Annas Leistungen profitierte. Doch Meta bekam weiterhin gute Noten, die Lehrerin sprach von einer Fernwirkung Annas. Die beiden Freundinnen fassten jedenfalls den Beschluss, gemeinsam die Reifeprüfung zu machen. Dazu mussten sie ans städtische Oberlyzeum zu Düren wechseln, wo sie die einzigen Mädchen in der Klasse waren.
Dazwischen nahm die Mutter ihre Tochter Anna, etwa 15-jährig, als Begleitung auf eine Reise nach Österreich mit. Berta wollte eine endgültige Aussöhnung mit ihren Brüdern Ludwig, Viktor und Georg erreichen. Alle drei waren, ähnlich wie schon die Eltern Karl, als Gastwirte und Hoteliers noch in der langen Epoche des Kaisers Franz Josef zu bürgerlichem Ansehen und Wohlstand gekommen. Ludwig war Pächter eines Kaffeehauses am Stock-im-Eisen-Platz nahe dem Stephansdom in Wien, Viktor des Kurhauses in Meran. Georg führte ein Wirtshaus auf der mährischen Seite. Als neutraler Treffpunkt wurde jedoch ein Hotel am Semmering südlich von Wien gewählt, das einer...
| Erscheint lt. Verlag | 8.4.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Schlagworte | Drama • Ehe • Intrige • Liebesbriefe • NS-Zeit • Tragödie • Waldsassen |
| ISBN-10 | 3-7597-4440-0 / 3759744400 |
| ISBN-13 | 978-3-7597-4440-1 / 9783759744401 |
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