Evas Kinder (eBook)
336 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7583-3878-6 (ISBN)
Ralf Volke ist Redakteur beim RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), der gemeinsamen Mantelredaktion zahlreicher Tageszeitungen in ganz Deutschland. Neben historischen Themen hat er sich in seiner journalistischen Laufbahn vor allem mit dem Klimawandel und anderen Themen des Umweltschutzes beschäftigt. Neben Germanistik und Publizistik hat er auch Geschichte studiert.
Prolog
Rechts lag Zypern, links schlief ihr Vater. Katja betrachtete die Küstenlinien der großen Mittelmeerinsel, die aus 10.000 Metern Höhe aussahen wie auf einer Karte von Google-Maps. Dann warf sie wieder einen Blick auf ihren Vater, der umgehend eingeschlafen war, als die Lufthansa-Maschine Reiseflughöhe erreicht hatte. Viereinhalb Stunden würde der Flug von Tel Aviv nach Frankfurt dauern. Ihn zu verschlafen war nicht das Schlechteste. Aber Katja konnte im Flugzeug nicht gut schlafen.
Sie schnallte sich ab und holte ihren Rucksack aus dem Gepäckfach über dem Sitz. Sie wühlte kurz darin und zog schließlich den Stein heraus, den sie am Ausgrabungsort gefunden hatte. Erst jetzt fiel ihr ein, dass sie den vielleicht gar nicht mit ins Handgepäck hätte nehmen dürfen. Jemand hätte auf die Idee kommen können, ihn als Waffe zu bewerten. Katja musste lächeln, als sie den länglichen Stein betrachtete. Eine Waffe? Naja, er sah schon irgendwie aus wie ein Messer. Allerdings konnte sie sich nicht so recht vorstellen, dass dieser seltsam geformte Stein irgendjemanden ernsthaft gefährden könnte.
Als das Flugzeug die türkische Küste überflog, gab es ein paar Turbulenzen, und ihr Vater wurde wach. Etwas benommen sah er Katja an und betrachtete den Gegenstand in ihren Händen.
„Was hast du da?“, fragte er.
„Einfach nur einen Stein“, entgegnete sie. „Ich habe ihn in der Nähe eures Ausgrabungsortes gefunden.“
„Einfach nur ein Stein?“, murmelte der Archäologe und nahm ihr den Gegenstand aus der Hand.
Plötzlich war er hellwach und betastete Katjas Fundstück von allen Seiten. Vorsichtig ließ er seine Finger über die Kanten gleiten.
„Das ist nicht einfach nur ein Stein“, sagte er.
„Sondern?“
„Das ist ein Messer.“
„Sagen wir, es sieht aus wie ein Messer. Aber es ist wohl doch eher eine Laune der Natur.“
„Von wegen! Das ist Flint. Das hat jemand gemacht.“
„Flint?“
„Ja, Flint. Auch Feuerstein genannt.“
„Du meinst, damit hat mal jemand in grauer Vorzeit ein Feuer entzündet?“, fragte Katja und bekam große Augen.
„Nein, damit sicher nicht. Das ist ein Messer. Das war für den Besitzer viel zu wertvoll, um es gegen Katzengold oder einen anderen eisenhaltigen Stein zu schlagen und damit Funken zu erzeugen. Damit hätte er sein Messer zerstört. Mit Feuerstein haben die Menschen der Steinzeit nicht nur Feuer gemacht, sondern auch Werkzeuge und Waffen hergestellt.“
„Wie dieses Messer?“
„Wie dieses Messer.“
„Das würde zumindest die Fundstätte erklären“, überlegte Katja laut.
„Wo hast du es denn gefunden?“
„Zwischen ein paar versteinerten Knochen.“
„Wie groß waren die?“
Katja zog ihr Smartphone aus dem Rucksack und zeigte ihrem Vater die Fotos, die sie von dem Fund gemacht hatte, bevor sie das Steinmesser an sich genommen hatte.
„Denkst du, es waren Menschenknochen?“, fragte sie.
„Nein, das sieht mir eher aus wie die Rippen eines mittelgroßen Tieres. Vielleicht eine Ziege oder ein Wolf oder etwas in der Größe.“
„Ein Glück, ich dachte jetzt schon, ich wäre einem prähistorischen Mordfall auf die Spur gekommen.“
„Eher einer missglückten Jagd, bei der der Jäger sein Messer eingebüßt hat, würde ich sagen. Das ist ein fantastischer Fund! Warum hast du mir davon nichts erzählt?“
„Ich wollte. Aber da hattet ihr gerade diese Sandalenschnalle eines römischen Legionärs entdeckt. Da warst du ganz aus dem Häuschen und nicht ansprechbar. Später habe ich dann einfach nicht mehr daran gedacht.“
„Sei froh, dass das am Flughafen niemand entdeckt hat. Das hätte Ärger geben können.“
„Weil man es für eine Waffe hätte halten können?“
„Deshalb vielleicht auch. Aber vor allem, weil das ein archäologischer Fund ist. Den darfst du ohne Erlaubnis nicht einfach so mitnehmen.“
„Dann war es ja vielleicht ganz gut, dass ich das Ding in meinem Rucksack wieder vergessen hatte.“
„Ja, vielleicht“, bestätigte er und betastete das Steinzeitmesser mit wachsendem Interesse und größer werdenden Augen. „Es ist noch immer ganz scharf. Und das nach all der Zeit. Erstaunlich!“
„Kein schlechter Brieföffner, was?“, entgegnete sie lachend.
„Brieföffner? Bist du wahnsinnig? Das bekommt einen Ehrenplatz im Institut, wo wir …“
„Vergiss es!“, unterbrach Katja ihren Vater und nahm ihm das Messer wieder ab. „Das habe ich gefunden. Und das behalte ich!“
Sein Blick schwankte zwischen Enttäuschung und Tadel. Eigentlich ging es nicht, dass seine Tochter einen solchen historischen Fund einfach so im Bücherregal ihres Jugendzimmers verschwinden lassen wollte. Andererseits hatte sie recht: Es war ihr Fund. Auch wenn es seiner Archäologenseele wehtat, dies einzugestehen.
Katja hatte ihn in diesen Sommerferien zum ersten Mal zu einer Ausgrabung nach Israel begleitet – und dann gleich ein solches Artefakt entdeckt. Allerdings fehlte ihr noch die richtige Einstellung zu derlei Funden. Aber immerhin schien das Interesse der 17‑ Jährigen für die Archäologie geweckt zu sein. Ob sie vielleicht einmal in seine Fußstapfen treten würde? Eine schöne Vorstellung.
„Wem das wohl mal gehört hat?“, fragte sie eher sich selbst als ihren Vater.
„Auf jeden Fall ist es alt – sehr alt! Möglicherweise hat das nicht einmal ein moderner Mensch gemacht, sondern ein Neandertaler.“
„Ein Neandertaler? Die haben in Israel gelebt?“
„Ja, haben sie. Und vermutlich über mehrere Tausend Jahre hinweg gemeinsam mit unseren Vorfahren, den Homo sapiens.“
„Glaubst du, die sind sich begegnet?“
„Mit Sicherheit sind sie das.“
Katja sah ihren Vater mit großen Augen an. Darüber wollte sie mehr erfahren.
Leipzig (Deutschland), eine Woche später
Der erste Schultag begann mit den üblichen Rüpeleien.
„Na Katja, was hast du in den Ferien gemacht? Heimaturlaub in Afrika?“, rief Samuel ihr über den halben Pausenhof entgegen.
Seine beiden Freunde, die er stets im Schlepptau hatte, lachten. Katja konnte die drei nicht ausstehen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit versuchte das Trio, sie wegen ihrer eher dunklen Hautfarbe zu mobben – während sie sich bemühte, das bestmöglich zu ignorieren. Manchmal gelang ihr das, meist aber nicht.
„Nein, ich war in Israel“, entgegnete sie, während sie den dreien ausweichen wollte – was aber misslang. „Und zu Hause bin ich in Leipzig.“
„So siehst du aber nicht aus“, entgegnete Samuel.
Sprachs und begann mit seltsam hüpfenden Bewegungen, kratzte sich mit beiden Händen an den Seiten und gab Laute von sich, die entfernt an Testobjekte im Primatenzentrum erinnerten.
„Ah, und du hast ein Praktikum im Zoo gemacht, wie ich sehe“, sagte sie und versuchte möglichst gelassen zu bleiben – obgleich sie innerlich bebte. „Erstaunlich, dass sie dich wieder rausgelassen haben. Da bestand doch akute Verwechslungsgefahr.“
„Sag das noch mal!“, fauchte er, griff ihr unter das Kinn und drückte sie mit einer plötzlichen Bewegung an die Wand des Schulgebäudes.
Dabei sah er sie sehr ernst an. Katja hielt dem Blick stand – auch wenn sie es mit der Angst zu tun bekam. Was für ein Idiot er doch war. Samuel und seine Clique hielten sich für die Hüter der abendländischen Kultur an dieser Schule – was auch immer sie darunter verstehen mochten. Alles, was ihnen auch nur im Entferntesten fremdländisch erschien, war verdächtig. Dazu zählten alle Zuwandererkinder, Juden und Menschen, deren Hautfarbe nicht zum nordischen Ideal passte, das sich in ihren verschwurbelten Hirnen festgesetzt hatte. Ob Samuel eigentlich je darüber nachgedacht hatte, dass er selbst einen jüdischen Vornamen trug? Vermutlich nicht. Trotz seiner grotesken Ausländerfeindlichkeit hatte er ja auch kein Problem damit, sich regelmäßig beim Dönerimbiss mit seiner türkischen Lieblingsverpflegung einzudecken.
„Lass mich gefälligst los!“, fauchte sie und trat ihm gegen das Schienbein – was durchaus die erhoffte Wirkung zeigte.
Tatsächlich lockerte sich umgehend sein Griff und sie konnte sich ihm entwinden. Offenbar hatte er nicht mit ihrer Gegenwehr gerechnet. Doch zu seiner Verblüffung über ihren schmerzhaften Tritt kam nun auch Wut:
„Niemand nennt mich einen Affen! Schon gar nicht so ein dunkelhäutiger Mischling wie du!“, brüllte Samuel und versetzte ihr einen Faustschlag ins Gesicht.
Benommen ging sie zu Boden. Einer der drei wollte nach ihr treten, aber sie konnte im letzten Moment ausweichen. Zur Überraschung der drei war sie umgehend wieder auf den Beinen. Statt zu flüchten, sah...
| Erscheint lt. Verlag | 8.3.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Geschichte der Menschheit • Homo sapiens • Naher Osten • Neandertaler • Steinzeit |
| ISBN-10 | 3-7583-3878-6 / 3758338786 |
| ISBN-13 | 978-3-7583-3878-6 / 9783758338786 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich