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Slawischer Frühling -  Nicolina Trunte

Slawischer Frühling (eBook)

Ein historischer Roman. Band I
eBook Download: EPUB
2024 | 1. Auflage
446 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7583-7645-0 (ISBN)
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9,49 inkl. MwSt
(CHF 9,25)
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Der vorliegende erste Band des Romans setzt im Jahre Jahre 856 ein und umfasst die Zeit bis zum Beginn der Slawenmission 862, an die sich der fiktive Ich-Erzähler Grigorij 917 in hohem Alter rückblickend erinnert. Als 16jähriger lernt er, obwohl nur Sohn eines slawischen Fischers vom Nikäa-See in Bithynien, den späteren Slawenlehrer Konstantinos-Kyrillos kennen und begleitet ihn wie dessen Bruder Methodios und weitere Mitstreiter als Schreiber, Sekretär und Vertrauter auch auf ihren Reisen. Eine zentrale Rolle spielt im Roman die Erfindung einer Schrift für die Slawen. Auf dem Hintergrund dieses Bemühens wird Grigorij Zeuge von Hofintrigen in Konstantinopel, des Überfalls skandinavischer "Russen" auf die Kaiserstadt und Begleiter der Slawenlehrer über die Chersonesos, wo er an der Bergung der Reliquien des heiligen Clemens von Rom beteiligt ist, und durch den Kaukasus an den Hof des Chagans der Chazaren, wo er eine religiöse Disputation mit Juden und Muslimen miterlebt. Der Roman besticht durch ungewöhnliche Detailtreue. Fast alle auftretenden Personen und geschilderten Ereignisse sind historisch bezeugt oder zumindest wahrscheinlich. Der Roman ist damit nicht nur eine spannende Lektüre, sondern für Leserinnen und Leser zugleich eine lehrreiche Erweiterung ihrer historischen Kenntnisse für eine Zeit und einen Raum, der sonst in deutscher Sprache so gut wie keine Aufmerksamkeit gefunden hat.

Die Verfasserin ist Slavistin im Ruhestand. Nach dem Studium der allgemeinen und vergleichenden Sprachwissenschaft, der Slavistik mit Schwerpunkt der Südslavistik und der Islamkunde, daneben, wenn auch jeweils ohne Abschluss, der Romanistik, Byzantinistik, Neogräzistik, Jiddistik, der Wissenschaft vom Christlichen Orient und der Orthodoxen Theologie, wurde 1980 am Slavistischen Seminar der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn angestellt und konnte neben der wissenschaftlichen Tätigkeit stets auch und mit großer Freude unterrichten. Nach der Auflösung des Slavistischen Seminars und dem Eintritt ins Rentenalter konnte sie 2014 als Lehrbeauftragte für Kirchenslavisch ihre Aktivitäten am Slavischen Institut der Universität zu Köln bis heute fortsetzen.

Kapitel 1


Die Begegnung


Heute früh überkam mich während des Morgengottesdienstes eine plötzliche Schwäche, die mich nötigte, die Kirche auf eine Weile zu verlassen, um Luft zu schöpfen. Ich trat hinaus an die Brüstung, die den Klosterbereich an der Nordseite, wo der Fels gefährlich steil zum See abfällt, begrenzt. Hier weht stets ein frischer Luftzug. An diesem heiteren Märzmorgen lag der See unter noch blassem Morgenlicht, im Osten umsäumt von Bergesriesen, die oberhalb der waldigen Steilhänge hoch in den schon blauenden Himmel ragten; gen Norden ging der sich glatt weithin erstreckende See am Horizont, hinter dem Ochrid verborgen liegt, unmerklich in milchiggraue Wolkenschleier über.

Ich setzte mich und ließ den Blick über die ruhige Weite schweifen. Ich fühlte mich wie benommen. Vielleicht hatte ich zu streng gefastet. Unter mir im Gesträuch, das erste Blütenknospen zeigte, tschilpten unermüdlich die Spatzen, und von weiter weg drang jubilierender Lerchensang an mein Ohr. Alle Welt preiset den Herrn in eigener Zunge, gerade so, wie wir es drinnen in der Kirche halten, wo die Chöre im Wechsel auf Slawisch und auf Griechisch singen. Neues Leben erwacht: wir gehen auf Ostern zu, und die Gottesgebärerin schmückt ihren Garten neu mit oft gesehener und doch stets neuer Blütenpracht. „Siehe, Ich mache alles neu“, spricht der Herr.

Ich versank in Gedanken, während mein Blick über den See strich und zu der Brüstung zurückkehrte, um dort auf meiner Hand ruhen zu bleiben, mit der ich mich abgestützt hatte. Ihre Haut war rauh und zerfurcht durch die Arbeit vieler Jahre und von Altersflecken bedeckt. Gott allein weiß, wie lange noch ich in diesem Garten ausharren soll, bevor Er mich heimruft.

Alt bin ich geworden, und doch entsinne ich mich wie des gestrigen Tages eines anderen, fernen Frühlingsmorgens. Ich zählte gerade sechzehn Lenze, als ich an einem Morgen wie diesem an einem anderen Gewässer jenem Manne begegnete, der mein Schicksal wie das so vieler anderer bestimmen sollte.

Es war im Frühjahr des Jahres 6364 seit Erschaffung der Welt oder – wie manche im Westen rechnen – 856 seit der Fleischwerdung unseres Herrn Jesus Christus, am späten Vormittag eines Frühlingstags wie diesem. Ich saß bei unseren Booten am Südufer des Sees von Nikäa und flickte – zusammen mit meinem Vater und meinen jüngeren Brüdern Andreas und Leon, die damals dreizehn und elf Jahre alt waren – die Netze, als ein Mönch mittleren Alters und von hoher Gestalt auf uns zukam. Längst hatten ihn die Hunde im Dorf verbellt, bevor er für uns sichtbar geworden war und sein Maultier an einer nahen Esche angebunden hatte.

Wir schauten erwartungsvoll von unserer Arbeit auf, denn nicht oft kamen Fremde zu uns.

„Seid gegrüßt, der Herr gebe euch Gesundheit und guten Fang!“ Die Stimme des Fremden war fest und sicher wie die eines Herrn. Mein Vater erwiderte den Gruß und legte die Nadel beiseite.

„Womit kann ich dir dienen?“

„Bist du Dimitrios der Slawe?“ fragte der Mönch. Der Name Dimitrios war unter den Fischern im Dorfe verbreitet, und so nannte man meinen Vater um der besseren Unterscheidung willen ,den Slawen‘. Natürlich waren wir Christen und gewiß nicht schlechtere Romäer als die anderen, hatte doch mein Großvater sogar – obwohl in seinem Herzen noch ein halber Heide – während des Aufstandes Thomas’ des Slawen tapfer für den Kaiser gekämpft. Aber die Menschen vergessen nur schwer, was sie für einen Makel beim Nächsten halten, und so rief man uns noch immer ,Slawen‘.

Dabei ist eigentlich nichts Ehrenrühriges an der Tatsache, daß wir von Barbaren abstammen. Waren denn die Franken, die sich jetzt so groß gebärden, oder die Agarener, die noch vor wenigen Jahrzehnten unsere asiatischen Provinzen verwüstet haben, etwas anderes als Barbaren, bevor sie mächtig wurden und anfingen, Gott in ihrer eigenen Sprache zu preisen? Daß beider Glaube nicht richtig ist, tut dem keinen Abbruch; es steht dem Menschen nicht an zu richten, Gott allein weiß, wer erlöst werden wird.

Doch das sind Gedanken, die dem Jungen, der ich damals noch war, fern lagen, und ich schämte mich, slawischer Herkunft zu sein. Alle unsere unmittelbaren Nachbarn waren Griechen; überhaupt gab es im Dorfe nur wenige Slawen, denn mein Großvater war zugewandert. Als jüngster Sohn einer vielköpfigen Familie hatte er dereinst sein Glück in der Fremde gesucht. Hier im Dorf hatte er meine Großmutter kennengelernt, eine junge Witwe griechischer Abstammung, die ihn durch den Reiz ihrer feinen Züge bezauberte. Sie hatte vor der Zeit ihren Gatten verloren, der Fischer gewesen war wie mein Großvater. Zunächst um Lohn, dann um der Liebe willen war er ihr zur Hand gegangen bei dem schweren Tagwerk; er errang ihr Herz, schwor dem Glauben unserer Vorfahren ab, ließ sich taufen und heiratete meine Großmutter. Ob nun aus Neid oder weil der Mensch allezeit danach trachtet, Unterschiede zwischen sich selbst und seinem Nächsten zu finden – der Beiname ‚Slawen‘ hing an uns wie ein übler Geruch.

Der fremde Mönch aber, der sich Konstantinos nannte, hatte sichtlich nicht die Absicht, uns zu kränken. Seine Erscheinung zog meine ganze Aufmerksamkeit auf sich: er war hochgewachsen, schlank, wie es einem Mönch wohl ansteht, mit schmächtigem Antlitz, dessen asketische Züge von der großen, geschwungenen Nase, die seine mir damals freilich unbekannte Herkunft vom Kaukasus verriet, noch unterstrichen wurden. Meine Aufmerksamkeit wurde aber vornehmlich von den graublauen Augen gefesselt, die in Liebe und Weisheit strahlten. Dieser Mönch hatte nicht nur der Versenkung in Gott gepflogen, sein wacher Blick offenbarte Wissen und Weltläufigkeit, zu denen das Mönchsgewand kaum passen wollte, wäre da nicht die tiefe Liebe gewesen, die den regen Eifer auffing, einbettete und verklärte.

„Ich bin es, ehrwürdiger Vater“, hörte ich die Antwort neben mir. „Womit kann ich dir dienen?“

„Ist einer dieser beiden, die dir bei den Netzen zur Hand gehen, dein Sohn Grigorios? Im Dorfe lobte man ihn mir.“

Mein Vater nickte und wies mit dem Kopf in meine Richtung, während ich selbst gleichsam erstarrte angesichts der mir unerwartet zuteilgewordenen Aufmerksamkeit.

„Du mußt wissen“, fuhr der Mönch fort, nachdem er einen flüchtigen Blick auf mich geworfen hatte, „daß ich für die Bedürfnisse des Klosters auf der Suche nach einem jungen Burschen bin, der Slawisch spricht und mit dem Schreibrohr umzugehen weiß. Beide Fertigkeiten miteinander vereint findet man nur selten. Im Dorfe empfahl man mir deinen Sohn Grigorios. Man sagte mir, er habe beim hiesigen Diakon Lesen und Schreiben gelernt und habe auch im Chor gesungen. Und daß ihr slawischer Herkunft seid, wissen im Dorfe alle.“

Das war richtig. Vater Athanasios von der nahegelegenen Kirche des heiligen Georgios hatte mich, nachdem ich erst einmal dem Stimmbruch entwachsen war, den Psalter zu lesen und abzuschreiben gelehrt, kaum daß er bemerkte, daß ich eine gute Stimme hatte und nur selten bei einem Gottesdienst fehlte. Er hoffte wohl, ich würde eines Tages unseren betagten Vorsänger Manolis ersetzen, dessen vom Alter dünn gewordenem Stimmchen zu lauschen nun wirklich keine Freude mehr war. Auch ihn selbst, den guten Manolis, betrübte es – zumal an wichtigen Feiertagen –, daß der Lobpreis Gottes in unserer Kirche in so wenig würdiger Weise erklang. Es war dann freilich anders gekommen. Der Leib des guten alten Manolis ruhte seit einem Jahr in geweihter Erde, und Vater Athanasios hatte einen Vorsänger aus Nikäa gewinnen können. Mit mir durfte er nicht mehr rechnen, seit eines unserer Boote in einer sturmgepeitschten Nacht gekentert war; mein älterer Bruder Dimitrios hatte in den Wellen den Tod gefunden, und auch mein Vater hatte sich nur böse verletzt ans Ufer retten können. So hatte denn die Last, die Familie zu ernähren, für lange Zeit allein auf meinen Schultern geruht. Andreas und Leon hatten zwar geholfen, so gut sie es vermochten, aber das Fischereigewerbe ist ein hartes Brot. Inzwischen war mein Vater – Gott sei es gedankt – wieder weitgehend gesundet, mein flüchtiger Traum aber, die Würde des Vorsängers in unserer Kirche zu bekleiden, war ausgeträumt.

„Slawisch, ehrwürdiger Vater, wozu das? Man kann Slawisch nicht schreiben.“ Diese Antwort meines Vaters riß mich aus meinem Sinnen. Mein Blick fiel auf Vater Konstantinos, dessen Augen aufleuchteten, als freute er sich über die Gelegenheit, sein Lieblingsthema zur Sprache zu bringen.

„O doch, mein Bruder“, erwiderte er, „man kann. Nicht gut in griechischen Buchstaben, das ist wohl wahr, aber es gibt viele Völker auf Gottes weitem Erdkreis, die den Griechen nicht weniger fremd anmutende Laute hervorzubringen vermögen als die Slawen und denen Gott in Seiner unermeßlichen Güte doch die Gnade einer eigenen Schrift...

Erscheint lt. Verlag 20.3.2024
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Historische Romane
ISBN-10 3-7583-7645-9 / 3758376459
ISBN-13 978-3-7583-7645-0 / 9783758376450
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