Rote Marine (eBook)
500 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-384-14838-4 (ISBN)
Heinz Jürgen Schneider wurde 1954 geboren, lebt in Hamburg und war 30 Jahre Rechtsanwalt. Von ihm sind vier historische Kriminalromane erschienen, die um 1933 oder in der Nachkriegszeit spielen. Tod in der Scheune (2009), Tod am Hafenkai (2011), Tod in der Ballnacht (2012) und Zwanzig Millionen (2018). Außerdem der Politkrimi Im Land der Lügen (2015). Kontakt h.j.schneider1954@gmx.de
Heinz Jürgen Schneider wurde 1954 geboren, lebt in Hamburg und war 30 Jahre Rechtsanwalt. Von ihm sind vier historische Kriminalromane erschienen, die um 1933 oder in der Nachkriegszeit spielen. Tod in der Scheune (2009), Tod am Hafenkai (2011), Tod in der Ballnacht (2012) und Zwanzig Millionen (2018). Außerdem der Politkrimi Im Land der Lügen (2015). Kontakt h.j.schneider1954@gmx.de
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Wie ein großer, eben gefangener, noch zuckender Fisch liegt Hamburg an der Nordsee, hatte die Dichterin Larissa Reissner schon vor Jahren geschrieben. Von Hamburg an der Elbe, dem alten, schmutzigen Einkehrhaus für die Vagabunden des Ozeans. Kein Tag hält seinem blassen, windigen, launischen Morgen die Treue. Aber jeden Tag entsteht das feuchte, vom Grog der Hafenkneipe gewärmte, breitbeinig auf beiden Ufern der Elbe stehende Hamburg wieder.
Und wo stand Deutschlands zweitgrößte Stadt im beginnenden Frühling?
Über eine Million Menschen lebten, liebten, aßen, tranken, arbeiteten, wollten etwas. Aber nicht alle taten und wollten dasselbe.
Hamburg war immer eine gespaltene Stadt gewesen, auch früher schon. Hanseatischer Patrizier und einfacher Handwerksgeselle. Großkaufmann und kleiner Krauter. Der Arbeiter, der Kaffeesäcke im Hafen aus großen Frachtschiffen entlud. Und der Kaufmann und Reeder, dem Schiff und Ladung gehörten. Ohne Widerspruch, ohne Kampf dagegen, blieb dieser Zustand der Spaltung in Klassen nicht.
Doch das Große Geld aus Handel, Schiffbau, Banken und Hafen, im Volksmund die Pfeffersäcke genannt, dominierte. Spötter sagten über diese Herrschenden, sie hätten die Anmut einer Preisliste, die Liebenswürdigkeit einer Rechnung und die Freundlichkeit eines Frachtbriefes. Durch Verbindungen von Börse, Handelskammer und elitären Klubs mit dem Rathaus, mit Einfluss auf die Presse, auf Wissenschaft und die Ordnungskräfte, übten sie Macht aus. Das war unter dem Kaiser so gewesen und auch nach 1919 in der Republik. Mit den hanseatischen Sozialdemokraten gab es ein respektvolles ungeschriebenes Übereinkommen. Diese regierten, störten aber die Geschäfte nicht.
Noch vor einem Vierteljahrhundert wäre ein solches Arrangement widernatürlich gewesen. Was für aufrührerische Reden wurden am 1. Mai gehalten, mit welchen radikalen Forderungen zogen Sozialdemokraten aus der Stadt in den Reichstag. Doch spätestens mit dem Weltkrieg hatte sich vieles geändert. Die Partei stand, obwohl in der Opposition, treu zum Vaterland und bewilligte ihm nach 1914 im Parlament Kriegskredite.
Und in den wenigen, aber so wichtigen Wochen, von Ende 18 bis Anfang 19, wurde es Gewissheit. Der Krieg war für das Reich verloren, der Kaiser musste abdanken. Eine Revolution brach aus. Es gab Kräfte, dunkelrote Spartakisten, Unabhängige, Kommunisten, die wollten die ganze Ordnung umstürzen. Sozialismus schaffen, so wie in Russland. Die Rote Fahne wehte am Hamburger Rathaus, die Novemberrevolution brachte Bewaffnete mit roten Armbinden und aufständische Matrosen auf die Straße und einen Arbeiter- und Soldatenrat kurzzeitig an die Macht. Diese Erhebung in ruhige und vernünftige Bahnen gelenkt zu haben (auch unter Mithilfe von Einheiten der alten Kaiserarmee), die Fahne vom Rathaus geholt, die Bewaffneten entwaffnet, die Räte aufgelöst zu haben, war für die Pfeffersäcke ein großer Verdienst der hanseatischen SPD, der zu honorieren war. Dass ein paar Dunkelrote dabei totgeschossen wurden, mochte diesen als Warnung dienen, wenn sie auch nicht lange vorgehalten hatte. So funktionierte das Übereinkommen seit dem Jahre 19 an Elbe und Alster leidlich gut.
Dann kam die Krise. Seit dem Schwarzen Freitag 29 an der Börse im fernen New York taumelte die Wirtschaft immer weiter nach unten und nahm Menschen und Existenzen mit. Im Deutschen Reich war jeder Dritte ohne Arbeit, 4,5 Millionen mussten stempeln gehen. Über 2 Millionen bekamen karge Wohlfahrtsunterstützung. Arbeitslose erhielten 52 Reichsmark monatlich. Nach der Miete blieben noch gut zwei Mark pro Tag. Das Pfund Margarine kostete 80 Pfennige, die Milch 33, Salzhering und Roggenbrot 90, ein Kilo Rindfleisch 1,80. Zum Leben zuwenig, zum Sterben zuviel. Kein Kind war damit satt zu bekommen. Das Fahrrad für 72 RM oder der Staubsauger für 200 lagen außerhalb jeder Möglichkeit.
Wer zum Heer von über 100.000 Erwerbslosen in der Stadt gehörte, konnte keine Hoffnung haben. Bei den Arbeitsämtern gab es keine Arbeit, sondern den Meldestempel für den Bezug des Arbeitslosengeldes. Vor den Arbeits-Vermittlungsstellen wie am Baumwall standen schon frühmorgens Männer in einer langen Schlange für wenige Stellen an. In vielen Gesichtern lag nur noch wenig Stolz, gebrochen von Enttäuschung, Unsicherheit und schwindender Erwartung.
Die Spaltung der Stadt wurde noch tiefer. Manche wohnten in den Villen rund um die Außenalster, andere in den dunklen und feuchten Löchern im Gängeviertel der Neustadt. Manche schliefen in weißen Laken, andere im Park unter freiem Himmel oder winters im Obdachlosenasyl, ohne Bett, in Reihe sitzend, mit einem Seil vor dem Herunterfallen gesichert. Manche bestaunten die Auslagen bei den Juwelieren und dem Kaufhaus Tietz am Jungfernstieg, andere kauften dort Präsente. Auch das Hungergespenst der Kriegsjahre kehrte zurück. Bei der Armenspeisung der Kirche gab es einen Jesus-Spruch für die Seele und zwei Schlag Suppe für den Magen. Andere speisten im noblen Restaurant Randel oder in Cölln`s Austernkeller.
Neben diesen Extremen gab es auch etwas dazwischen. Die bröckelnde Mitte. Die Wohnungen und kleinen Geschäfte, wo die Angst herrschte. Vor Entlassung und Pleite, vor der Schwierigkeit, die nächste Rate zu zahlen oder den Geschäftskredit zu tilgen, vor Geldentwertung und Existenzvernichtung, vor Konkurs und Lohnkürzung, vor dem Abstieg, dem freien Fall nach unten.
Wohin würde sich das wenden? Denn so bleiben konnte die wirtschaftliche Krise nicht mehr für längere Zeit bis zu einer Explosion. Wie reagierte die Masse der Menschen? Ducken und Kleinmachen? Lerne leiden, ohne zu klagen? Sich abfinden oder aufbegehren? Persönliche Kapitulation oder Kampf? Suff oder Selbstmord? Die Wut des Kleingemachten, die er schändlicherweise mit Prügel für Frau und Kinder auslebte. Protestphrase oder Aktion? Warteten die Massen auf Gott oder den Starken Mann? Oder nahmen sie, organisiert und diszipliniert, die Sache selbst in die Hand? War die Frage der Überwindung der Arbeitslosigkeit eine Frage des Systems, oder genügte es, sich mit dem Schild Nehme jeder Arbeit an als besserer Sklave zu verkaufen?
Die Frage nach Essen und Existenz war nicht die einzige, die beantwortet werden musste. Auch diese: Wem folgten die Millionen Veteranen aus den blutigen Schützengräben von 14/18, wem die Kriegerwitwen? Den Trommlern vom Stahlhelm und anderen Soldatenbünden, die das Fronterlebnis verklärten, dem preußischen Militarismus frönten, die Republik und den Versailler Friedensvertrag hassten und einen neuen Revanchekrieg gegen Frankreich wollten? Oder den Kräften mit der Parole Nie wieder Krieg? Mit einem Programm zur Abschaffung von Kriegsgewinnlern, Kanonenkönigen, Generalität und preußischem Untertanengeist.
Im beginnenden Frühling 1931 gab es in Hamburg und in Deutschland auf die wichtigsten Fragen von Politik und Leben noch keine klare Antwort. Alles war im Flusse. Es gab Kampf, auf der Straße, in Betrieben, in Versammlungen, an Wahlurnen, hinter verschlossenen Türen und in aller Öffentlichkeit. Aber noch ohne Sieger.
An der Elbe würde es eine parlamentarische Antwort erst im Herbst, bei den nächsten Bürgerschaftswahlen, geben. Die Sozialdemokratische Partei stellte die stärkste Kraft und den Bürgermeister, verfügte über Bastionen in den Gewerkschaften, in der öffentlichen Verwaltung und der Facharbeiterschaft. Ihr Kurs gegen die Krise lief auf Sparmaßnahmen im Haushalt, Steuererhöhungen und kleine soziale Trostpflaster hinaus. Die Kommunistische Partei nahm an Einfluss zu, besonders unter Erwerbslosen und ihren Familien, ihr schloss sich an, wer revolutionäre Veränderungen wollte. Unter den noch beschäftigten Arbeitern und Angestellten war ihr Einfluss begrenzt. Die Nationalsozialisten hatten bei den letzten Wahlen 1928 nur wenige Stimmen erhalten. Doch ihr Einfluss auf der Straße und in den Köpfen wuchs. Bei den Reichstagswahlen im vergangenen Jahr legten sie stark zu. Das wurde auch für Hamburg erwartet.
An der Spree betrieb Reichskanzler Heinrich Brüning seit 1930 eine harte Politik. Mit seiner Regierung aus Zentrum, Liberalen und Deutschnationalen verfügte er Lohnsenkungen, Arbeitszeitverlängerungen, Abbau von Sozialversicherung und Arbeitslosengeld, Steigerung der Massensteuern bei Senkung der Kapitalsteuern. Und dazu eine rigorose Sparpolitik. Die Arbeitslosenzahlen explodierten weiter. Das Elend wuchs. Über eine parlamentarische Mehrheit verfügte die Regierung nicht. Sie nutzte aber eine Hintertür der Verfassung. Der Reichspräsident konnte mit einer Notverordnung Regierungspläne in Kraft setzen. Das war dann genauso viel wert wie ein Gesetz. Der Reichskanzler, ein kaiserlicher Leutnant a.D., ging also – dutzende Male – zum Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, einem ehemaligen kaiserlichen Generalfeldmarschall, und holte sich die Zustimmung, wofür er gar keine Mehrheit im Reichstag bekommen hätte. Eine Aufweichung des...
| Erscheint lt. Verlag | 14.2.2024 |
|---|---|
| Verlagsort | Ahrensburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Aufgeben • Die Zeit um 1933 • Historischer Roman • Kämpfen • Sterben • Suche nach dem Glück • Widerstand gegen die Nazis |
| ISBN-10 | 3-384-14838-X / 338414838X |
| ISBN-13 | 978-3-384-14838-4 / 9783384148384 |
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