Die Franchise-Familie (eBook)
302 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7562-8566-2 (ISBN)
Veronika Bellone hat kurz nach ihrem Wirtschaftsstudium ihre Geburtsstadt Berlin verlassen und lebt seitdem in der Schweiz. Franchising prägt dabei ihr Leben. Sie arbeitete als Franchise-Managerin, lehrt Franchising an Hochschulen, berät Kunden und Kundinnen mit ihrer eigenen Franchise-Beratung in Zug und schreibt u.a. über Franchising Fach- und Sachbücher.
3
»Buongiorno Signora Lombardi, möchte probiere sardische pomodori? Freschi e sodi!«
»No grazie Luigi, heute brauch‘ ich nur frische Kräuter«, dabei deutete Loretta mit der Hand zur entgegengesetzten Seite des Marktstandes.
»Hast du nicht gehört, Luigi, sie will weder Tomaten noch deinen Dackelblick! Macht vier Franken fünfzig, Frau Lombardi und einen Franken für Ihre Gedanken«, Elsie lachte rau, wie sie es sich nach bald dreißig Ehejahren mit Luigi angeeignet hatte und reichte zwei üppige Sträuße Rosmarin und Thymian über die Gemüse- und Kräuterauslagen.
»Elsie, Sie haben heute noch Glück! Sie haben gereimt«, und mehr zu sich selbst murmelte Loretta: »Und ehrlich, meine Gedanken wollen Sie nicht wissen«, denn sie wollte sie selbst vergessen. Vielleicht half eine selbstgebackene Kräuter-Quiche über den letzten, massiv verstörenden Fall hinweg.
Luigi stand noch immer grinsend da. Allerdings galt sein Grinsen weniger den fleischigen, prallen Tomaten in seinen Händen als Lorettas wohlgeformter Figur, die an diesem frühlingshaften Samstag sehr sexy im legeren Jeans-Pullover-Outfit daherkam. Eigentlich hätte sie ihm in ihrer Stimmung gerne eine scharfe Bemerkung entgegengeschleudert, aber irgendetwas lockerte sich in ihr und sie musste lachen. Ein befreiendes Lachen. Als hätte jemand mit den Fingern geschnippt und sie wach gemacht. Luigi, auch mit gut fünfzig, lückenhafter Zahnleiste und entstehendem Bauch ein Draufgänger und Bewunderer weiblicher Reize, war vielleicht nicht die Erweckung, die sich eine attraktive Frau erträumte, aber er hatte immer noch diesen italienischen Charme, der einfach nicht zu überbieten war und der auf Loretta so belebend wirkte.
»Ach, Frau Lombardi, Glück kann ich gebrauchen. Meine Schwester hat ihren Mann verloren. Also nicht eigentlich verloren – aber man weiß nicht, wo er ist. Er ist im Tessin verschwunden.«
Elsie hatte blitzartig die Stimmung gewechselt und schaute Loretta ernst an, die immer noch leicht belustigt die Kräuter zuoberst in den Einkaufskorb legte, dann aber ungläubig nachhakte:
»Im Tessin verschwunden?« Insgeheim dachte sie: »Na gut, das könnte mir auch glatt passieren. Bella Ticino.« Sie weigerte sich in dem Moment, etwas Bedrohliches zu vermuten: »Die italienische Schweiz war für ihre wildromantische Landschaft bekannt, für ihre romanischen Kirchen und die hervorragende Küche, aber nicht für Gräueltaten«, ging es ihr durch den Kopf.
»Ja, hab‘ ich das nicht mal erzählt. Sie haben da ein Ferienhaus. Das können Luigi und ich ab und zu auch nutzen. Aber wir haben ja selten Zeit.«
»Und Geld«..., dachte Elsie, besann sich dann aber darauf, was sie eigentlich sagen wollte.
»Alex ist am Mittwoch gefahren und wollte übers Wochenende bleiben. Aber seit Mittwochabend gibt es kein Lebenszeichen von ihm. Er ist einfach weg! Spurlos verschwunden!«
Aufgeregt schnäuzte sich Elsie mit einem Papiertaschentuchknäuel die Nase, versuchte sich aber schnell wieder in den Griff zu bekommen. Es lagen noch ein paar Stunden Arbeit vor ihr. Und Luigi war zwar wieder zu verkäuferischer Hochform aufgelaufen, aber sein zweiter Frühling machte ihn zwischendrin unzuverlässig.
Loretta reichte Elsie ein neues Taschentuch. Sie fühlte sich ein wenig schuldig, dass sie keine Anteilnahme gezeigt hatte.
»Eine Entführung?«, fragte sie leise, denn neben ihr suchte eine Frau bereits seit längerem scheinbar nach der idealen Aubergine. Elsie schüttelte den Kopf und fixierte einen Punkt in der Ferne als würde sie ihren Schwager dort erkennen.
»Gab es Probleme? Rückzug kann manchmal sehr heilsam sein.« Loretta wusste wovon sie sprach, privat zog sie sich gerne zurück, wenn’s brenzlig wurde. Das vollkommene Gegenteil von ihrem Berufs-Alter-Ego. Da fühlte sie sich erst richtig wohl, wenn sich ein Auftrag als besonders knifflig erwies und ihre ausgeprägte Kombinationsgabe gefragt war.
»No, niente problemi«, sagte Elsie bestimmt, die immer dann ihre schweizerdeutsche Herkunft ablegte, wenn Italienisch mehr Pathos verlieh.
»Woher wissen Sie das so bestimmt? Wurde die Polizei eingeschaltet?« Loretta hatte nun total auf den geschäftlichen Modus umgestellt.
»Meine Schwester kommt Montag aus Zürich her und wird berichten, was es Neues gibt. Wenn es hoffentlich Neues gibt.« Die Auberginen-Frau war immer noch nicht fündig geworden, war aber merklich enttäuscht, dass das Gespräch beendet schien. Weitere Kunden hatten sich rechts und links von ihr vorgeschoben und wurden langsam ungeduldig. Loretta zog ihr Visitenkartenetui hervor, neben Taschentuch, Lippenstift und Schlüsselbund wichtigstes Utensil im Seitenfach ihres Handtaschenrucksacks, und gab Elsie eine Karte.
Sie verabschiedete sich mit einem warmherzigen: »Melden Sie sich bei mir, wenn Sie Hilfe brauchen. Ciao Elsie.«
Elsie war wieder ganz Marktfrau, fing alle Kunden mit einem Blick ihrer kleinen, blitzenden Augen ein und markierte damit, dass sie gleich für sie da war. Vorher schaute sie neugierig auf Lorettas Karte, die sie auf Armeslänge ausgestreckte und im rückwärtigen Teil des Standes las. Sie stieß anerkennend ein Zischen hervor, das wahrscheinlich ein Pfeifen werden sollte, ihr aber durch die Mischung von Irritation und Staunen misslang. Lombardi – International Franchise Investigations AG, Loretta Lombardi, Partner, hatte dagestanden. Sie verstaute die Karte in ihrer voluminösen Jackentasche, wohlweislich in der Innentasche, wo sie am ehesten knitterfrei und sauber blieb. Sie konnte sich noch keinen Reim darauf machen, was das genau hieß. Eigentlich hatte sie immer vermutet, dass Loretta aufgrund ihrer Erscheinung und Wortgewandtheit vielleicht in der Mode- oder Kunstbranche tätig war. Oder Redakteurin für ein Kochmagazin. Jedenfalls irgendetwas, das mit Lebensfreude und Genuss zu tun hatte. Franchise, das kannte sie eher aus der Versicherungsbranche. Aber was bedeutet das mit diesem Investi? Vielleicht Investigatore? Aber was untersucht sie? Elsie starrte Loretta hinterher, als würde sie sie zum ersten Mal sehen und nicht seit gut 10 Jahren auf dem Wochenmarkt bedienen.
Auch Loretta war klar, dass sie eine Grenze überschritten hatte. Frau Lombardi, mit der Elsie und Luigi seit Jahren freundliche Worte wechseln, Rezepte diskutierten und über das Wetter lamentieren konnten, war jetzt zur Inhaberin einer Detektiv-Agentur mutiert. Die angenehme Anonymität war dahin. Elsie würde jetzt Lorettas Gedankenverlorenheit, die sie manchmal an den Tag legte, nicht mehr als verschlafene oder träumerische Eigenart deuten, sondern als Fährtensuche einer Ermittlerin, die gerade in ihrer gedanklichen Parallelwelt einer Spur nachging.
»Hallo Loretta, arbeitest du noch oder lebst du schon?«, amüsierte sich Fred Winter als er geradewegs von der Kapellbrücke auf sie zu schlenderte. Die Digitalkamera stopfte er dabei in die ausgebeulte Tasche seines Hoodies.
»Und du, bist du unter die Touristen gegangen? 3‘000 Fotos von Luzern vormittags; 5‘000 vom Eispalast auf dem Jungfraujoch nachmittags und morgen Paris? Weltreise in zwölf Tagen?« konterte Loretta gewohnt schnell.
»Ist doch schön, sich mal unters Volk zu mischen. Bei dem Wetter ist Luzern ja kaum auszuhalten!« Fred kam mal wieder ins Schwärmen. Und Recht hatte er. Der Himmel leuchtete, das Panorama war einzigartig und die Reuss war aufgrund der Schneeschmelze fast türkisfarben.
»Und - der Pilatus trägt einen Hut!«, wandte er sich an Loretta und gab ihr wie zur Bestätigung einen Schmatz auf die Wange.
»Ja ja, Freddymaus, dann bleibt das Wetter gut!« Loretta schaute sich das Wolkengebilde auf dem Berggipfel an, das nur mit Mühe einer Kopfbedeckung glich, aber es ging ja um die Redensart. Und wenn sie positiv war, umso besser.
»Komm‘ wir gehen in den Kranich, einen Apéro trinken. Und du erzählst mir was Skurriles aus deinem Leben!«, Fred hatte sich schon bei Loretta eingehakt, den Einkaufskorb übernommen und zog sie in Richtung Kornmarkt.
»Na prima, komme ich also schon skurril rüber. Mittvierzigerin, brünett, immer noch ganz ansehnlich, weibliches, schrulliges Pendant zu Sherlock Holmes erzählt einen Schlag aus ihrem mysteriösen Leben. Ich muss mein Image überdenken!« stichelte Loretta.
»Schatz, du weißt, dass du ein scharfer Feger bist und damit deinen brillanten Verstand ein bisschen weltlicher machst.« Fred war stehengeblieben, stellte sich lächelnd vor sie hin, den Korb lässig in der Armbeuge und maß sie übertrieben mit den Augen.
»Na, wie hab‘ ich das gesagt? Dafür habe ich mir doch ein Weinchen im Kranich verdient.«
»Spürt ihr heute alle den Frühling? Männer!« Loretta fühlte sich auf einmal beschwingt. Komplimente taten gut. Sie war ja auch durchaus eine rassige Erscheinung und für ihr Alter gut in Schuss. Und wie zur Selbstbestätigung hechtete sie die Treppe hinauf zum Kornmarkt, nahm je zwei Stufen auf einmal und stand dann ziemlich außer Atem, aber sehr lebendig auf dem historischen Platz inmitten der...
| Erscheint lt. Verlag | 12.2.2024 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Die Franchise-Familie: Die Fälle der Schweizer Franchise-Detektive Loretta Lombardi und Lars Van de Velde |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | Detektive • Detektiv-Krimi • Franchise-Detektive • Kanton Zug • Krimi mit multikulturellen Ermittlern • Kriminalroman • Schweiz • Schweizer Detektive • Wirtschaftskrimi |
| ISBN-10 | 3-7562-8566-9 / 3756285669 |
| ISBN-13 | 978-3-7562-8566-2 / 9783756285662 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich