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Wege zum Selbst -  Wolfram Zimmermann

Wege zum Selbst (eBook)

Entwicklungen und "Umbrüche" einer ostdeutschen Sozialisation
eBook Download: EPUB
2024 | 1. Auflage
472 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7583-4073-4 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
9,99 inkl. MwSt
(CHF 9,75)
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Der im Berliner Randgebiet in Bernau bei Berlin lebende Psychologische Psychotherapeut, und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut sowie Fachpsychologe der Medizin unternimmt nach dem Ende seiner Praxistätigkeit den lange geplanten autobiographisch-engagierten Versuch, die bewegten Entwicklungen in einem von Erfolgen, besonderen Chancen, aber auch herben Enttäuschungen und dem gesellschaftlichen "Umbruch" (DDR-Ende) gekennzeichneten arbeitsreichen Leben als wissenschaftlich und praktisch tätiger Psychotherapeut nachzuzeichnen. Dabei sind die lebendigen, authentisch reflektierenden Darstellungen sowie auch der perspektivische Ausblick durch sein intensives Erleben und selbstkritisches Reflektierens als wichtiger Zeitzeuge vieler gesundheits- und gesellschaftspolitischer Entwicklungen knapp sechs Jahrzehnten gekennzeichnet. Die Darstellungen sind mit authentischen praktischen und zwischenmenschlichen Aspekten angereichert und bezüglich der gesellschaftlichen Realität in Deutschland deutlich kritisch und nachdenklich gehalten.

Dipl.-Psychologe Priv.-Doz. Dr. phil. habil. Wolfram Zimmermann wurde am 20. Juli 1944 in Erfurt geboren. Der Autor lebte im Nordosten des Berliner Randgebiets, dem sogenannten "Speckgürtel", als Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut, Hypnotherapeut, Fachpsychologe der Medizin und deutscher Balintgruppenleiter und -Ausbilder. Er war in der damaligen DDR neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit (Berlin und Leipzig) vor allem in meist leitenden Funktionen in der ambulanten klinisch-psychologischen, psychosozialen und psychotherapeutischen Grundbetreuung der Bevölkerung eines großen Landkreises bis Ende 1990 tätig. Von 1991 bis Anfang 2018 war der Autor neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit und der Aus-, Fort- und Weiterbildung von ÄrztInnen und PsychologInnen vor allem in eigener Psychotherapie-Praxis im Landkreis Barnim in Bernau bei Berlin tätig. Bis zuletzt war der Autor an entsprechenden professionellen Ausbildungsinstitutionen als Lehrtherapeut, Supervisor, Balint- gruppenleiter und -Ausbilder (DBG) wirksam. Im Sommer 1990 war er einer der Gründungsinitiatoren und langjähriges Vorstandsmitglied des ersten ostdeutschen psychotherapeutischen Ausbildungsinstituts "Brandenburgische Akademie für Tiefenpsychologie und Analytische Psychotherapie e.V." (BATAP). Wolfram Zimmermann veröffentlichte über 150 wissenschaftliche Zeitschriften-Artikel, einige Monografien und Bücher und war zugleich als Mitautor in größeren Sammelwerken bis in die Gegenwart wirksam. Er starb am 7. Dezember 2023.

Kapitel 1


20. Juli 1944 – Geburt, die ersten Jahre in Erinnerungen aus dem Tagebuch der Mutter


Am 20. Juli 1944 wurde ich kurz vor Mitternacht, wie aus den wertvollen höchst persönlichen Tagebuchaufzeichnungen meiner Mutter hervorgeht, in Erfurt geboren. Die Geburt an diesem Tag, der zu einem international bedeutsamen Gedenktag an das missglückte Attentat durch Graf von Stauffenberg auf den Diktator des „Dritten Reichs“, Adolf Hitler geworden ist, wurde besonders aber von meiner Mutter – trotz der existierenden dramatischen Kriegsbelastungen und täglichen Bombenangriffe – mit einem besonders deutlich ausgedrückten Glücksempfinden und intensiver Freude im engsten Freundeskreis aufgenommen. Ein erlebnisintensiver emotionaler Kontrast zwischen dem dramatischen katastrophalen Kriegsumfeld und dem entstandenen neuen Leben ist nur zu vermuten, jedoch nicht aus den aufgezeichneten Erinnerungen meiner Mutter zu entnehmen. Die „… Ankunft unseres dritten Kindes …“ in der größten Erfurter Frauenklinik, in der auch meine Geschwister zur Welt kamen, wird in den lebendigen Tagebuchaufzeichnungen der Mutter mit deutlichen Gefühlen des Glücks, des offenbar erfüllten Wunsches nach einem Jungen, der ein „… tapferes Kerlchen …“ werden soll, mit sehr anschaulicher Wortwahl zum Ausdruck gebracht. Einen Hinweis auf die historisch sehr bedeutsamen Umstände dieses einen Tages ergab sich m.E. doch aus einem späteren Gespräch mit der Mutter über meine Geburt. In diesem Gespräch mit mir bemerkte sie u.a. nur scheinbar beiläufig: „… Der Professor hat mich an diesem Abend ja beinahe gedrängt, dass ich Dich noch vor 24 Uhr zur Welt bringen möge …“ Weiteres Nachfragen ob der Kenntnis der Ereignisse dieses besonderen Tages erbrachte keine Ergebnisse, die Mutter wollte sich offenbar damit wirklich nicht beschäftigen. Ich werde meine Mutter mit ihren so detaillierten persönlichen Aufzeichnungen dieser ersten Stunden und Tage meines Lebens besser selbst direkt zu Wort kommen lassen. Im September 1944 schrieb die Mutter – jetzt auch unter inhaltlicher Bezugnahme auf die sie inzwischen sehr belastenden Kriegsereignisse – Folgendes, was ich vor allem der persönlichen Authentizität wegen sinnvoll hier nur wörtlich wiedergeben kann:

„Ich habe lange nichts für Euch geschrieben, Reinhart und Anita … Nun ist der Krieg hier so nah auch an unsere Heimat gekommen, jeden Tag bringen die Bomber Tod und Verderben in unsere ehemals so stolzen Städte mit ihrer hohen Kultur … Durch all diese schweren Jahre hindurch ist uns aber unser Heim noch geblieben und der Vater ist bei uns. Groß wäre das Glück, Euch beide gesund hier zu haben und voller Schönheit das Leben zwischen Vater und mir, wäre da nicht dieser grauenhafte Krieg … In all den Monaten spürte ich nun das Wachsen des dritten Kindes. Mit großer Freude habe ich Dich empfangen, Du warst mein innigster Wunsch und mit aller Liebe trug ich Dich durch viele bange Stunden des Alarms. Am 20. Juli kamst Du in unser Glück, an einem Tag, an dem die Flieger auch wieder Tod und Verderben über unsere Städte brachten. Doch so ruhig ich Dich trug, so tapfer brachte ich Dich auch auf die Welt. Du wurdest auch wieder, wie die anderen Kinder, in der Klinik des so tüchtigen Professor Zimmermann am 20. Juli um 23.35 Uhr geboren, Gewicht 4050 Gramm und 56 cm Länge. Für die Kriegsverhältnisse ein tüchtiger Junge. Wolfram, ich hatte mir sehr gewünscht, dass Du ein Junge wirst. In der schweren Zeit geboren, solltest Du doch ein tapferes Kerlchen werden. Alles ging gut vorbei und ich werde nie die große Freude Deines stolzen Vaters vergessen, wie er mich am Morgen begrüßte. Unendlich war bei allen Freunden die Freude und rührend die Anteilnahme. Mögen die vielen herrlichen Blumen ein gutes Zeichen für die Zukunft sein, dann müsstest Du völlig unbeschwert durchs Leben schreiten. Jedenfalls legten wir Dich am 30. August in das Korbwägelchen, dass erst wieder dürftig hergerichtet werden musste, nachdem die Taufe am 27. August 1944 noch in der herrlichen Barfüßer-Kirche in Erfurt erfolgte. Mitten im Alarm kamen wir zu Hause an, wie viel Flieger sind wieder über uns dahin gebraust und bedrohten unser Heim, wie oft standen wir in der Nacht voller Sorge, ob alles gut abgeht, alles vorbei ist. Du schläfst trotz des lauten Sirenengeheuls so friedlich, während die beiden ,großen Geschwister‘ mit bangen Augen nach mir sehen, von meiner Ruhe hängt alles ab. Ganz selbstverständlich hast Du Dich in unser Leben eingefügt. Ganz vorzüglich gedeihst Du, es sind selten heiße Sommertage und Du kannst schon ins Freie. Einen geborgten Kinderwagen haben wir, denn es gibt nicht gleich einen zu kaufen. Anita ist wie ein kleines Mütterchen um Dich und gar zu gern nimmt sie Deine Flasche und trinkt daraus. Reinhart hat dafür kein Verständnis. Er ist immer völlig selbständig. Er war jetzt drei Wochen ganz allein in Elgersburg und wie fein hat er sich dort doch benommen.“

Mit diesem Ereignis in Elgersburg ist inhaltlich ein vorheriger begrenzter Aufenthalt meiner Mutter mit mir im damaligen sogenannten „Mütter-Genesungsheim“ der damaligen Erfurter Bezirksdirektion der Deutschen Reichsbahn in diesem Kurort im Thüringer Wald verbunden. Andererseits geht auf diesen mütterlichen Aufenthalt in Elgersburg die damals 1944 entstandene, über viele Jahrzehnte währende, allen äußeren wie inneren emotionalen Belastungen standhaltende intensive familiäre Freundschaft mit meiner Patentante Schwester Selma Falke zurück. Diese von meiner Mutter mit Freude gewählte Patentante war damals als leitende Oberschwester in diesem Genesungsheim tätig und lebte schon seit langem in Elgersburg in einem Einfamilien-Haus. Ehe ich die Mutter dann nachfolgend wieder selbst in ihrem Tagebuch zu Wort kommen lasse, soll an dieser Stelle ein sehr kleines und altes Foto aus der Zeit meiner damaligen Taufe im August 1944 in Erfurt eingefügt werden. Auf ihm werde ich von meiner Mutter – meines Erachtens wohl eher etwas nachdenklich blickend – auf dem Arm gehalten, daneben und mit dem Gesicht zu mir nach unten schauend, steht meine damals schon ältere Patentante Schwester Selma Falke aus Elgersburg.

Abb. 1: Wolfram nach der Taufe in Erfurt 1944

„Unsere Schwester Selma, seine ,Pflegemutter‘ in Elgersburg, lobt Reinhart sehr. Wolfram ist so wohl ausgebildet und schon nach drei Wochen lacht er zu unser aller Freu’ d. Am 27. August haben wir Dich getauft, in einer schönen Feierstunde in der unversehrten Erfurter Barfüßerkirche, mit Schwester Selma und Vater, auch Reinhart war dabei. Anita lag bei dieser Taufe leider mit Masern im Bett. Bald ging es ihr besser, aber nun bekam Reinhart sie … Auch der kleine Wolfram bekam sie mit 6 Wochen, aber nur so leicht, dass wir fast nichts davon merkten. Nun ist es bei Euch dreien alles gut vorüber. Inzwischen dringt der Feind immer mehr gegen unser Vaterland. Des Nachts, wenn man nicht schlafen kann, kommen die Sorgen, was wird aus uns allen, werden wir wohl zusammen bleiben? Oder lässt ein gütiges Geschick noch unser großes Glück … weiterhin erhalten? … Übrigens wurde dieser wunderbare Ort der Taufe unseres Wolfram … diese herrliche große Barfüßerkirche in Erfurt, nur wenige Tage nach der schönen Taufe … durch diese schlimmsten amerikanischen Bomber … diese Kriegsverbrecher mit ihren mörderischen Lasten fast vollkommen zerstört!“ (Anmerkung: Die erhalten gebliebene große Kirchen-Ruine ist bis auf wenige notwendige bautechnische Reparaturen praktisch unverändert heute als Mahnmal dieser schweren Kriegsfolgen in Erfurt mit historischen Dokumenten ausgestattet zu sehen).

Es liegen nach diesen detaillierten Aufzeichnungen aus 1944 jedoch für mehrere Jahre leider keine Tagebuch-Eintragungen oder Hinweise meiner Mutter darauf mehr vor. Es ist aber sicher wohl retrospektiv anzunehmen, dass die dramatischen Ereignisse seit dem Frühjahr 1945 und den folgenden Monaten bzw. Jahren meiner Mutter keine Zeit und innere Muße mehr ließen, um solcherart wertvolle, weil emotional intensiv reflektierende wie authentische Aufzeichnungen auf Papierseiten kontinuierlich weiter zu führen. Die Eintragungen werden erst im Verlauf des Jahres 1948 wieder fortgesetzt. Dies geschieht dann allerdings in einem völlig anderen und scharfen Ton mit einer überdeutlichen Mischung aus spürbarer Wut, verzweifelter Angst und Trauer, aber auch von offenbar gekränktem Nationalstolz und sehr ernüchternden Enttäuschungen über den Verlauf der geschichtlichen Ereignisse. Deutlich wird auch in den Skizzen der Mutter der teils offene Hass gegenüber den damaligen Besatzern, für kürzere Zeit waren es die US-Amerikaner, dann später waren es dauerhaft bis zur DDR-Gründung die sowjetischen Besatzer. Mit diesen sowjetischen Besatzern wurde dann unter anderem der ehemalige Bezirk Erfurt als Verwaltungseinheit im damaligen Land Thüringen etabliert, der insgesamt zur damaligen sogenannten „Sowjetischen Besatzungszone“ (SBZ)...

Erscheint lt. Verlag 9.2.2024
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
ISBN-10 3-7583-4073-X / 375834073X
ISBN-13 978-3-7583-4073-4 / 9783758340734
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