Der Horizont lügt (eBook)
372 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-384-10991-0 (ISBN)
Kapitel 1
Durch einmal Verschlafen
Keine Sterne in Sicht. Schauen tat er dennoch. Die Hitze der Tagessonne nun mit einer bitteren Kälte ausgetauscht. Er, an der Grenze der Oase stationiert, saß dort, wo die Grasbüschel in den Wüstensand übergingen, in einer kleinen Insel Licht. Zu seiner linken lag eine Armbrust, bildete ein Kreuz mit dem Schatten des Fackelpfahls; zu seiner rechten eine Bierflasche, die ihn anlächelte; darunter die inzwischen vom Sand verdreckte Mitteilung des Dorfältesten, welche im Wind ratterte und kräuselte. Das Flaschenboden knabbernde Knäuel enthielt Informationen. Sie hatten ihn für die Nachtwacheschicht ausgewählt.
Als er die Glasflasche hob, flog der Zettel ins Nichts. Den letzen Rest hatte er da schon aus ihr raus getrieben, also trumpfte das Gefäß im Sand auf. Die laschen Arme folgten. Das Knistern der Fackel fand ein heulendes Ende.
Beim Schach, bei seinen Freunden, oder auch in der Taverne, wo er nicht sein sollte, wo die Leute sich prügelten. Dort wäre er lieber. Er erinnerte sich auch an das eine Mädchen; ihr hatte er beim Obst-Stand wo er arbeitete, den Apfel zugepasst, sie schlich sich wohl öfter dahin - wäre er doch über die Holzbank gesprungen. Alles wäre jetzt besser als diese Ödnis.
Und selbst wenn ihm jedes dieser Dinge anderweitig verwehrt worden war, so hätte er, wäre es hierzu nicht gekommen, wenigstens den Komfort eines Bettes genießen können. Wie die Sandbank ihm flüsterte. Denn er gähnte, legte sich auf den Rücken und fuhr seinen Dienst mit geschlossenen Augen fort.
-
Stock an Schienbein; so weckte man ihn am Morgen.
”Rashin, nicht wahr? Dir teilte ich den Nachtwachedienst für gestern Nacht zu, korrekt?”, fragte der Dorfälteste herab zu dem Menschen, der jetzt sein Bein befühlte, und stampfte dabei mit dem großen Stock den Sand zurecht.
Rashin war zur Seite geschnellt. „Ähh jaa?“ antwortete er, und zerrte sich ins Sitzen auf; seine Augen versuchten dabei gegen das gleißende Sonnenlicht anzublinzeln.
Einen faulen Geruch bemerkte er. Dessen Urheber, ein satt gefressener Geier, führte eine fette Straße von Schleifspuren fort. Der tote Schnabel befand sich auf dem pockigen Zeigefinger des Ältesten. Beim Schütteln fiel ein orangener Kies, welcher für gewöhnlich in den Straßen lag.
”Demnach müsstest du dich an diesen Geier erinnern.” Der Älteste seufzte. Sein viel zu großer Kopf auf dem kleinem Schrumpelkörper schielte glasig auf Rashin.
”Nein, wieso?”, sagte dieser schulterzuckend. Er richtete sich auf.
Der Älteste ließ seinen Stock fallen. Er trat heran an den Jungen. Auf offensichtlichste Weise zum Schlag ausholend, ging er etwas in seine Knie und zog sich die grüngrauen Ärmel über den Ellbogen hoch. Er zog seinen bleichen Arm ein. Der Mann verweilte, während Rashin schon den Aufprall auf seiner Backe, ein Stechen und eine rote Schwellung, vorher sah.
Am Kinn. Nicht stark genug für einen richtigen Schmerz.
Ein vorgetäuschtes Schmerzgrölen von Rashin.
Der Dorfälteste rümpfte die Nase.
”Dir ist auch wirklich nicht mehr zu helfen, oder? Dieser kotgeborene Geier - er kam den ganzen, weiten Weg aus der verruchten Wüste in unsere schöne Stadt, flog in das Lehmhaus von Urash und verspeiste seinen zwei Wochen alten: Sohn! Das Geschrei hat auch wirklich jeder gehört. Und da es nicht schon schlimm genug ist, dass du den Geier weder abgeschossen noch irgendjemanden alarmiert hast, musst du jetzt noch allen Ernstes leugnen ihn gesehen zu haben!”, schrie der Älteste zu ihm herauf.
Das Gefühl schlug in Rashins Kinn ein. Als gäbe es eine Naht, die gezogen worden war. Seine Verfassung: über den Boden polternde Glasmurmeln. Einst geordnet, nun mit einem Kugelstoß auseinander gesprengt. Und die Kugel kam nicht von außen; sein Kopf schreckte mit einem Mal hinter ihn.
”Wie bitte? Stimmt das wirklich?“ Er schluckte, drehte sich gegen den Widerstand zurück.
„Ich... nun ja... ich muss gestehen - ja, dass ich letzte Nacht eingeschlafen bin.“, sagte Rashin; seine Linke teilweise über dem Kinn, zum Schluss aber über dem Mund, da der Wind so leise war, ihn nicht übertönte.
„Es tut mir leid. Dies war nicht meine Absicht.”, warf er noch zu seinen Sätzen.
Darauf der Dorfälteste in einem monotonem Stimmfall: ”Aha. Erzähl das mal Urash. Du kennst die Sitten. Dein Leben hängt jetzt von seiner Gnade ab. Du hättest ihn mal sehen müssen; Gnade ist das letzte, woran er jetzt denkt. Ich schlug ihm eine einfache Hinrichtung vor, so wie ich ihn kenne würde das ihn fürs erste beruhigen, ohne Foltern, ohne Brandmal, aus Respekt zu deinen lieben Eltern. Sitte ist Sitte.“
Rashin erstarrte wie eine erschrockene Hauskatze in dem Augenblick kurz bevor dem Sprung aufs nächstgelegene Regal. Was sollte er tun? Entlang der langen Straße von Palmen im Schatten laufen, zusehen wie die Kinder von der Straße genommen werden, und die Fenster geschlossen, an der hellen Tür klopfen, zuerst die buschigen Augenbrauen sehen, sobald die Tür sich öffnet, dann eine leere Wiege im Hintergrund - nun von Angesicht zu Angesicht ihm gegenübertreten, versuchen Urash von einer Unschuld zu überzeugen, an die er nicht mal selbst glaubte, um sein Leben betteln wie ein daherwinselnder, verlauster Streuner nach Fleischresten? Ein Akt auf dem Drahtseil der kochenden Türschwelle wäre es, wo man Lautstärke sammelnd auf seinen ersten Fehler wartete, darauf, dass er seinen Mund öffnete, darauf, dass sich die Lächerlichkeit eines jeglichen Entschuldigungsversuches entfaltete, auf das, durch das dünne Holz zu ihnen herab sinkende Schluchzen einer beraubten Mutter, bis man dann die Tür schloss. Unter diese Gesichter konnte er nicht, das Echo seiner Handlung brach schon jetzt in ihm, wie sollte es sich nur vor ihnen anfühlen?
”Es muss doch noch einen anderen Ausweg geben! Ich tötete dieses Kind nicht! Ich verdiene den Tod nicht! Ich tu alles, aber lassen Sie mich leben!”
“Deine Aktionen führten zu dem Tod des Kindes! Genauso wie ein Auftragsmörder nicht seine Klinge für sein Gewerbe verantwortlich machen kann, kannst du nicht deine Schuld auf den Geier abwälzen. Das Gesetz ist eine felsenfeste Angelegenheit.”
“Felsenfest, sagst du? Dieser Geier flog nicht nach meinem Befehl, also kann es sich hier wohl kaum um Mord handeln!”, sagte Rashin mit dem gefälschtem Grinsen, welches er schon seit Kindestagen dafür benutzte um vorzutäuschen, dass er eine Situation im Griff hatte.
”Geschwätz. Eitles Geschwätz.”, sagte der Dorfälteste. „Du hast nicht nur das Kind umgebracht. Du hättest uns alle umgebracht. Es gibt weit größeres als diesen Geier zu fürchten. Weit Größeres. Du weißt genau wo von ich rede, nur hast du es noch nicht gesehen, weil du zu jung bist. Wir alle hätten heute Nacht sterben können, und dich hätte es schlichtweg nicht interessiert. Das Blut von uns allen, Verbrecher, du hast es heute Nacht für deine Gemütlichkeit aufgegeben.“
Rashins Fassade zersplitterte, wie durchbohrt von einem Stein, den das letzte Wort warf. Seine Stimme nahm einen weinerlichen Ton an: ”Aber du bist doch der - der ehrwürdige, der Dorfälteste? Du kannst doch nicht so eine, so eine.... Ich verdiene das nicht!”.
Die eine Knie tat er in den Sand; wieso wusste er nicht. Rashins Hände formten Auffangbecken für die nach und fallenden glitzernden Halbkugeln, die Glasmurmeln; seine Tränen. Würden jene den Sand beklecksen, so würde das ihre Anzahl und Realität verdeutlichen, in einem Kraterfeld. Derweil glitten die Lippen aufeinander herum, als gäbe es eine Möglichkeit sich jetzt zu versiegeln, was die Geräusche nur weiter verzerrte; das was gegen das Wimmern antrat, selber nur ein größeres Wimmern. Manchmal schielte er hoch, nur um in dem spärlich beharrten Apfel auf dem Halse des Ältesten, dort eine durch einzelne Seufzer ausgeteilte Langeweile zu erspähen, was Rashin verleitete ins Sitzen herüber zu wechseln. Er war nun selbst von Scham für sein Melodrama befleckt, doch dennoch in einem Zwang diese Empfindungen aus sich aussickern zu lassen.
„Du heulst? Ich dachte du willst mein Mitleid. Wenn alle Menschen solche Jammerlappen wie du wären, hätten es unsere Vorfahren vor 700 Jahren nie geschafft einen Ort wie diesen in der Wüste zu finden und...“ Der Dorfälteste kicherte, grinste dann und schweifte mit seinen Augen durch das Feld der sich schlängelnden Hügel.
„Moment mal, ich glaube ich kann doch etwas machen. Ja, das ist ein guter Plan. Ich werde meine Würde als Dorfältester behalten, niemand wird dich hinrichten, nur du... du musst halt...
| Erscheint lt. Verlag | 6.1.2024 |
|---|---|
| Verlagsort | Ahrensburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Blut • Drama • Hoffnung • Kampf • Mysterium • Rätsel • Schuld • Sühne • surreal • Tief • Tod • Wüste |
| ISBN-10 | 3-384-10991-0 / 3384109910 |
| ISBN-13 | 978-3-384-10991-0 / 9783384109910 |
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