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Marburger Mörderspiel (eBook)

Kriminalroman

(Autor)

eBook Download: EPUB
2024 | 1. Auflage
304 Seiten
Emons Verlag
978-3-98707-155-3 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Marburger Mörderspiel -  Felix Scholz
Systemvoraussetzungen
10,99 inkl. MwSt
(CHF 10,70)
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Wenn zwei sich streiten, freuen sich die Lesenden: ein skurriles Ermittlerduo auf Mörderjagd. Ein Foto, drei strahlende Gesichter, im Hintergrund der Marburger Wald. Doch ist unter dem Laub nicht ein weiteres Gesicht zu erkennen - das eines Toten? Bald stellt sich heraus, dass der junge Mann auf dem Bild, dessen Leichnam am Fuß des Spiegelslustturms liegt, ermordet worden ist. Überrascht ist davon allerdings niemand, denn er hatte sich zu Lebzeiten zahlreiche Feinde gemacht. Auf der Suche nach Hinweisen stehen die Kommissare Zassenberg und Momberger vor ihrer größten Herausforderung: Sie müssen ihre Differenzen überwinden, denn nur so haben sie die Chance, dem Täter auf die Spur zu kommen.

Felix Scholz ist studierter Germanist und arbeitet als Lehrer für Integrationskurse in Marburg. Neben vielen Auftritten bei Lesebühnen und Poetry-Slams schreibt er Kinderbücher und Kriminalromane.

Felix Scholz ist studierter Germanist und arbeitet als Lehrer für Integrationskurse in Marburg. Neben vielen Auftritten bei Lesebühnen und Poetry-Slams schreibt er Kinderbücher und Kriminalromane.

1


Nun kam die alte Servierplatte endlich einmal zum Einsatz – allein dafür hatte sich der Abend schon gelohnt. Die aufwendig verzierten Ränder mit dem handgemalten Zwiebelmuster sahen einfach zu hübsch aus, als dass man den ovalen Porzellanteller ein Leben lang im Schrank verstauben lassen konnte. Allerdings war das edle Hochzeitsgeschenk auch zu wertvoll, um es jedes Mal herauszuholen, wenn man gerade eine praktische Unterlage für Ofengemüse brauchte. Nein, diese Platte kam nur zu speziellen Anlässen aus dem Schrank. Und es war ein spezieller Anlass.

Langsam und sorgfältig breitete Bettina Busjäger die dünn geschnittenen Scheiben Kalbfleisch auf dem Teller aus, die sie extra vom Metzger hatte vorbereiten lassen. Sie griff zu der selbst gemachten Thunfischsoße und verteilte sie ganz langsam über dem Fleisch. Ohne den Blick vom Teller zu nehmen, öffnete sie ein Glas Kapern. Mit einer kleinen silbernen Kuchengabel holte sie die dunkelgrünen, salzigen Bällchen aus ihrem Gefängnis und verteilte sie mit mathematischer Präzision auf dem Teller.

»Ich liebe Vitello tonnato«, murmelte sie, ohne sich an jemanden im Raum zu richten. Sie war alleine in der riesigen, blank polierten Küche und hatte sich gänzlich in dem Bild verloren, das die Servierplatte mit dem Gericht darauf bot.

»Was meinst du, Schatz?«, fragte Karsten Busjäger, der gerade durch die Tür gekommen war und die angenehme Einsamkeit durchbrach. Hinter ihm tönte ein Durcheinander verschiedener Stimmen, die sich gegenseitig überlagerten. Als die Tür sich wieder geschlossen hatte, verstummten die Geräusche hinter dicker Eiche und waren nur noch als gedämpftes Rauschen zu vernehmen.

Bettina war kurz erschrocken gewesen, hatte sich aber schnell wieder gefangen. »Schatz!«, kommentierte sie das Eintreten ihres Mannes. »Wie läuft alles?«

»Hervorragend«, antwortete Karsten und schlang beide Arme um seine Frau, die noch immer mit der Feinjustierung der Kapern beschäftigt war. »Allerdings fragen mich alle, wo sich die ungemein hübsche Gastgeberin versteckt hat.«

»Entschuldige!«, sagte Bettina und drehte sich herum. Sie gab Karsten einen Kuss und schlang ihrerseits die Arme um seine breiten Schultern. »Du weißt doch, dass alles perfekt sein muss.«

»Natürlich weiß ich das. Aber zu einer perfekten Party gehört auch meine perfekte Frau.«

»Ich bin gerade fertig«, erklärte Bettina. Sie schnappte sich vorsichtig die Platte mit ihrem Lieblingsgericht darauf. Sie sah ihren Mann von unten an und dann zur Tür. »Wärst du so nett?«

»Natürlich, Schatz!« Er holte gerade aus, um seiner Frau einen sanften Klaps auf den Hintern zu geben, doch Bettina ahnte, was er vorhatte, und warf ihm einen eindeutigen Blick zu.

»Die Platte, Karsten!«, sagte sie mit mahnendem Unterton. »Meine Mutter kann uns keine mehr zur Hochzeit schenken.«

Er nickte verständnisvoll und ging zur Küchentür. Bettinas Mutter war vor einiger Zeit an einem heftigen Schlaganfall gestorben, und die Porzellanmanufaktur gab es auch nicht mehr. Außerdem hatten die beiden natürlich nicht vor, sich noch einmal das Jawort zu geben. Sollte die Platte also zu Bruch gehen, dann wäre die Stimmung im Haus auf Wochen vorbestimmt. Das wussten beide.

Vorsichtig öffnete Karsten seiner Frau die Tür, und schon wurde das Durcheinander der Gespräche wieder intensiver. Im weitläufigen Wohnzimmer unterhielten sich knapp ein Dutzend Menschen, die meisten mit einem Glas Sekt in der Hand und in feinen, wenn auch sommerlich luftigen Zwirn gehüllt.

Die Gäste registrierten gar nicht, dass Bettina noch eine weitere Platte auf den alten Kastanien-Schreibtisch in der Ecke stellte. Die meisten hatten sich schon über die bereits vorhandenen Massen von Antipasti hergemacht, weshalb sie die sorgfältig angerichtete Platte Vitello tonnato unauffällig in das kleine Schlachtfeld schieben konnte, das sie hinterlassen hatten. Mit voller Absicht hatte die Gastgeberin ihr Leibgericht und das Andenken an ihre verstorbene Mutter erst ganz zum Schluss herausgeholt.

Als sie den Teller abgestellt und sichergestellt hatte, dass er nicht vom Tisch fallen konnte, sah sie sich um und atmete einmal tief durch. Bis jetzt war alles gut gegangen, und die meisten Anwesenden schienen sich zu amüsieren. Der größte Teil von ihnen hatte sich um Emily gruppiert, die Tochter der Busjägers. Sie war der Anlass für die Feier, schließlich hatte sie letzte Woche ihren Bachelor in Literaturwissenschaft abgeschlossen.

»Und was macht man damit?«, hörte Bettina jemanden fragen, als sie der Gruppe um ihre Tochter näher kam.

Ganz schlechte Frage, dachte sie, schließlich war sie selbst schon das ein oder andere Mal mit ihrer Tochter über genau dieses Thema aneinandergeraten. Was macht man mit Literaturwissenschaft? Oder anders gefragt: Wie verdient man Geld damit?

Bettina ging zur Kommode, die unter dem Bild der blauen Pferde von Franz Marc stand, das sie beinahe ebenso liebte wie die Servierplatte ihrer Mutter. Auf der Kommode lagen mehrere Flaschen Sekt in einer großen Schüssel mit Eis. Sie schenkte sich ein. Das Glas trank sie auf einen Zug, atmete ein zweites Mal durch und füllte auf.

Mit dem Glas in der Hand ging sie hinüber zu ihrer Tochter und gesellte sich zu der Traube von Menschen, die sie umringte.

»Erst einmal würde ich gerne noch einen Master machen«, erklärte Emily gerade. »Und dann am liebsten in einem Verlag arbeiten. Lektorin wäre super.«

Innerlich verkrampfte Bettina, doch nach außen lächelte sie souverän wie die restlichen Menschen in der Runde. Sie fragte sich, ob andere Menschen aus der Gruppe die Träume von Emily ebenso wenig nachvollziehen konnten wie sie selbst oder ob es die enttäuschten Erwartungen einer Mutter waren, die sie regelmäßig über die Lebensentscheidungen ihrer Tochter grübeln ließen.

Sie sah Emily genauer an, während sie noch einmal an ihrem Sekt nippte. Sie war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten: lockiges schwarzes Haar, helle, weiche Haut, schmale Lippen und stechend grüne Augen. Während Bettina jedoch jede Woche mindestens zwei Stunden beim Friseur verbrachte, um ihre wild wuchernden Haare unter Kontrolle bringen zu lassen, ließ Emily ihren Locken einfach freien Lauf. Selbst an diesem wichtigen Abend sah sie aus, als hätte sie den Kopf bei voller Fahrt aus dem Auto gehalten.

»Willst du den Master auch in Marburg machen?«, fragte Emilys Onkel seine ständig grinsende Nichte. »Warum nicht hier bei uns in Frankfurt?«

»Ich weiß noch nicht«, antwortete sie und spielte dabei an einer Strähne herum, die ihr ins Gesicht gefallen war. »Erst einmal möchte ich eine Interrail-Tour machen. Von Portugal nach Kroatien. Danach sehen wir weiter.«

Jedes Mal wenn Emily anfing, von der Reise zu sprechen, zog sich Bettinas Magen zusammen. Zwei Monate mit dem Zug durch Europa, ohne richtige Hotels, ohne Plan, ohne jemanden, der auf sie aufpasste. Ihre Tochter war klein und schmal, die beiden Mitreisenden ebenso. Bettina konnte sich nur zu gut ausmalen, was man im Ausland mit jungen Frauen machte, die alleine auf Reisen waren.

Ein hohes Klirren zog Bettina aus ihren Gedanken zurück in die Realität. Karsten schlug mit einem Löffel gegen sein Sektglas, woraufhin alle Anwesenden ihre Gespräche einstellten und sich wie von unsichtbaren Schnüren gezogen in seine Richtung drehten. Er stand am anderen Ende des Raums neben der breiten Leinwand, die sie für die Party besorgt hatten, und wartete darauf, dass endgültig Ruhe einkehrte.

»Als ich meine Tochter zum ersten Mal in den Armen hielt«, fing er schließlich an, »wusste ich sofort, dass sie etwas Besonderes ist … besonders schleimig!« Auf der Leinwand erschien das Bild eines jungen Karsten Busjäger, der im Kreißsaal ein winziges, noch nicht gewaschenes Baby hielt.

Alle im Raum lachten heiter, und auch Bettina rollte amüsiert mit den Augen. Ihr Mann musste aus allem immer eine kleine Show machen. Zwar mochte sie das an ihm, aber manchmal konnte es auch peinlich werden. In diesem Fall hoffte sie, dass niemand allzu viel Notiz nähme von der knallroten und durchgeschwitzten jungen Mutter im Hintergrund. Auch Emily wandte bereits peinlich berührt den Blick von ihrem Vater ab und schaute auf ihre Füße. Sie mochte es nicht, wenn man sie zum Mittelpunkt des Geschehens machte.

»Doch Emily wurde schnell größer und damit auch die Sorgen ihrer Erzeuger«, fuhr Karsten fort, und das Bild einer sehr jungen Emily mit zwei Gipsbeinen war zu sehen. Wieder lachten alle. Selbst Emily schien von den Erinnerungen an ihren Rollerblade-Unfall amüsiert.

Ihr Vater machte schnell weiter und hakte die wichtigsten Stationen im Leben seiner Tochter ab. Man sah sie mit Schultüte, gewonnenen Pokalen, auf Bühnen, im Urlaub am Strand oder im Schnee und natürlich bei der Abschlussfeier für das Abitur.

Für Bettina fühlte es sich an, als sei der Schulabschluss ihrer Tochter erst ein paar Wochen her. Damals hatten sie eine ähnliche Feier veranstaltet wie an diesem Abend – mit den gleichen Gästen, der gleichen Hintergrundmusik, dem gleichen Essen und natürlich der gleichen Servierplatte, die seitdem kein Tageslicht gesehen hatte. Als Bettina sie nach dieser letzten Party wieder im Schrank verstaut hatte, schien der nächste Anlass noch so weit entfernt. Und doch waren sie nun wieder zusammengekommen, um den ersten akademischen Abschluss ihrer Tochter zu feiern. Ein wenig später als geplant sogar, denn eigentlich hatte Emily zunächst etwas anderes studiert und ein Jahr »verschwendet«, auch wenn dieses Wort immer wieder zu Streitigkeiten innerhalb der Familie führte.

Bettina schlich hinüber zum Vitello tonnato. Zumindest konnte sie jetzt, da die...

Erscheint lt. Verlag 27.6.2024
Verlagsort Köln
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Krimi / Thriller
Schlagworte Ermittler-Duo • Humor • Krimi mit Humor • Kriminalroman • Marburg • Mittelhessen • Mord • Regionalkrimi • Spannung • zweiter Fall für Zaster und Momsen
ISBN-10 3-98707-155-9 / 3987071559
ISBN-13 978-3-98707-155-3 / 9783987071553
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