Flammenträger (eBook)
474 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7583-9887-2 (ISBN)
Maximilian Weyrich wurde 2001 im Odenwald geboren. Jetzt studiert er Germanistik und Anglistik an der Universität Heidelberg. Schon von klein auf hatte er eine Faszination für alles Fantastische - allem voran natürlich Fantasy-Bücher (und Katzen). Seit der Grundschule schreibt er Kurzgeschichten, Gedichte und begann mit gerade mal 13 die Arbeit an dem, was nun nach vielen Überarbeitungen sein Debütroman ist. Dadurch spiegeln sich auch viele Interessen seiner Jugend, von Politik und Astronomie bis zu Technik und Videospielen, in Flammenträger wider.
Kapitel 1
Ein Versprechen im Bunker
Ein schweres Donnern, das Beben der Erde und das Klirren der Tonfigur eines Hundes, die von meinem Nachtschrank fiel und zersplitterte. Das war es, was mein ruhiges Leben in dieser schicksalhaften Nacht durchbrach. Es war kein schönes Gefühl, so aus dem Schlaf geweckt zu werden.
Mit leichten Kopfschmerzen setzte ich mich auf und starrte traurig die Scherben neben dem Bett an. Bernhardiner waren schon immer meine Lieblingshunde, aber weil sie nur noch in alten Bildern und Geschichten existierten, hatte meine Mutter mir eine Figur zum zwölften Geburtstag getöpfert. Das durfte die zottelige Neckie, die gelegentlich unsere Straße entlang streunte, natürlich nicht wissen. Die war ungefähr so nah an einem Bernhardiner wie an einem Flughörnchen.
Während ich langsam wach wurde, versuchte ich festzustellen, ob das Beben noch andere Schäden in meinem Zimmer verursacht hatte. Ein abgeranzter Teppich kleidete den hölzernen Dielenboden. Darauf lagen nicht nur die Scherben der Tonfigur, sondern auch ein Bild, das von der Wand gefallen sein musste. Es war eine Zeichnung, die mir meine Schwester Doya zum Geburtstag geschenkt hatte. Darauf zu sehen waren unsere Ratten Sim und Ren, die wir beim Pilzesammeln im Wald gefunden hatten. Unser Vater mochte die beiden nie. Für ihn waren Ratten keine Haustiere. Glücklicherweise hatten wir bei sowas immer unsere Mutter auf unserer Seite.
Während meine Gedanken weiter abschweiften, legte ich das Bild auf den Schreibtisch und sammelte die Scherben vom Boden auf. In meinem Kopf war das Beben schon völlig in den Hintergrund gerückt. In Morania waren schwächere Erdbeben keine Seltenheit und das laute Donnern ließ sich mit einer alten Mauer erklären, die vielleicht in der Nähe eingestürzt war.
Was sich jedoch nicht mehr so leicht erklären ließ, war der erste Schrei von der Straße, der in diesem Moment in mein Zimmer schallte.
Ich legte die Scherben zur Seite und horchte auf. War doch mehr passiert, als ich bisher geahnt hatte? Unruhig schaute ich aus dem Fenster neben meinem Bett. Die Scheune unseres Nachbarn lag im blassen Licht der Morgendämmerung. Soweit nicht Außergewöhnliches. Auch aus dem anderen Fenster, das der Straße zugewandt war, sah ich lediglich die von den ersten Sonnenstrahlen beschienenen Nachbarhäuser.
Und dann verschwanden sie.
Nicht nur die Nachbarhäuser – auch die Sonnenstrahlen.
Eine plötzlich erschienene Kugel aus tiefster Dunkelheit hatte gleich mehrere Häuser umfasst und endete nur wenige Meter vor unserer Haustür.
Dann – wie von einer unbegreiflichen Kraft angezogen – verschwand die Schwärze wieder und hinterließ die Welt unverändert. Zumindest dachte ich das, bis ich die Risse sah, die sich durch das Nachbarhaus zogen und stetig ausbreiteten. Dann knackte es, rumpelte, bebte und ich sah zu, wie das Haus binnen Sekunden in sich zusammenfiel. Ich traute meinen Augen nicht.
Weitere Schreie.
Jetzt konnte ich mir nicht mehr einreden, dass die Stadtmauer durch Zufall eingestürzt war.
Hatten Doya und meine Eltern davon mitbekommen? Hektisch zog ich mich um, griff mein Lieblingsstofftier – ein braunes Kaninchen mit dem Namen hoppel – und öffnete die Zimmertür, um meine Familie zu warnen. Noch während ich die knarzende Eichenholztreppe mit pochendem Herzen hinunterrannte, kam mir meine Mutter entgegen.
„Fynn! Den Monden sei Dank, du bist wach!“
Sie war fast 50 und sah, wie sie in ihrem faltigen grauen Nachthemd in unserem halbdunklen Flur stand, bestimmt noch einige Jahre älter aus. Die Erleichterung, mich zu sehen, stand ihr ins Gesicht geschrieben und überdeckte sogar für einen Moment die tiefen Sorgenfalten. Das änderte sich jedoch, als das Beben der Erde ein weiteres eingestürztes Haus verkündete.
Hinter ihr erschien jetzt auch meine kleine, braunhaarige Schwester Doya, die sich mit großen Augen an Mamas Nachthemd festkrallte.
„Wisst ihr, was hier los ist?“, fragte ich in die Runde.
Ein lauter Knall vor unserer Haustür ließ uns alle zusammenzucken.
„Nein“, antwortete meine Mutter mit in einem vergeblichen Versuch, ruhig zu wirken.
„Fynn. Doya. Ihr müsst dringend hier raus“, donnerte die Stimme meines Vaters aus seinem Büro. Mit einigen Büchern unter dem Arm betrat er den Flur. „Mehrere Häuser in unserer Nähe wurden bereits attackiert und wir können froh sein, dass wir bisher nicht dazu gehören.“ Seine Worte waren zunehmend schwer zu verstehen. Doya klammerte sich noch fester an meine Mutter, die ihr beruhigend mit zitternder Hand durch die Haare strich. „Wenige hundert Meter entfernt ist ein Bunker“, fuhr mein Vater fort. „Geht so schnell wie möglich die Straße an der Stadtmauer entlang bis zur Abzweigung in Richtung des alten Marktplatzes. Dort müsst ihr...“
„Ich weiß, wo der Bunker ist, Papa“, unterbrach ich ihn. Ich war überrascht von meiner Bestimmtheit. Am liebsten hätte ich mich Doya angeschlossen und eine Falte an Mamas Nachthemd beansprucht, aber ich spürte, dass jede Sekunde zählte.
Deshalb zog ich hastig meine alten Lederstiefel an, scheiterte dreimal daran sie mit zitternden Händen zu binden und ließ sie schließlich offen.
„Bringt euch in Sicherheit. Ich will nicht, dass euch etwas geschieht. Wir werden versuchen, die Lage hier unter Kontrolle zu halten und kommen nach, wenn es zu gefährlich wird. Bis später.“
Der gerunzelten Stirn meiner Mutter zufolge schien ihr der Gedanke länger im Haus zu bleiben nicht sonderlich zu gefallen. Sie blieb jedoch stumm, umarmte Doya und mich fest und wandte sich dem Zimmer zu, in dem der Großteil unserer Tiere lebte. Die waren das Wichtigste für sie, sobald Doya und ich in Sicherheit waren.
Auch ich fühlte mich nicht wohl damit, ohne unsere Eltern vorzugehen. Aber das war ein schlechter Moment zum Streiten. Also schnappte ich Hoppel, nahm Doyas Hand und trat aus der quietschenden Haustür heraus.
Kaum hatte ich die ersten Schritte auf die Straße gemacht, setzte mein Verstand aus. All die Ängste und Sorgen, all die Befürchtungen und die Panik, die ich im Inneren unseres Hauses noch unterdrücken konnte, übernahmen Kontrolle. Die gedämpften Schreie und das dumpfe Poltern, welches durch die dicken Lehmwände zu mir gelangt waren, hatten mich alarmiert und besorgt, jedoch hatte die Anwesenheit meiner Eltern und der trügende Schutz unseres Hauses meine Gedanken noch irgendwie beruhigt. Nun war ich in der geballten, schrecklichen Realität.
Ich war wie angewurzelt. Um mich stürzten Häuser zusammen, während Kuppeln aus Dunkelheit nach Weiteren griffen. Menschen waren auf der Straße, die aus den kollabierenden Häusern entkommen waren. In der Ferne hörte ich Schreie und gar Explosionen. Flammen loderten am Horizont auf.
Ob mein Vater sich der Situation außerhalb unseres Hauses bewusst gewesen war, als er uns allein zum Bunker geschickt hatte? Oder drehten sich seine Gedanken zu sehr um irgendwelche Unterlagen und wichtigen Zettel, um zu bemerken, was hier wirklich passierte? Dachte er, diese Aktion könnte gut ausgehen? Hey! Wer oder was auch immer für die Vernichtung einer ganzen Stadt zuständig ist: Hier bin ich! Ein verängstigter Sechzehnjähriger mit seiner kleinen, elfjährigen Schwester und einem Hasenkuscheltier in der Hand! Ich hoffe, es stört euch nicht, wenn ich hier durchspaziere!
Doyas entsetzter Schrei riss mich aus meinen Gedanken. Auch unser Haus war von einer Schattenkugel umfasst worden und die Sorge um meine Eltern wurde unendlich groß.
Am liebsten wäre ich zurückgerannt, um sie rauszuholen, doch ich wusste, dass ich meine kleine Schwester in Sicherheit bringen musste. Deshalb wandte ich meinen Blick von der unweigerlichen Katastrophe ab und fokussierte mich auf Doyas Hand in meiner.
Endlich setzte ich mich in Bewegung. Der Bunker war nur einige Straßen weg und ich kannte seine Position genau, auch wenn er von den meisten Einwohnern der Stadt vermutlich vergessen war. Erst vor wenigen Wochen hatte ich ihn mit Sofie bei einem Spaziergang entdeckt. Wir hatten viele Stunden damit verbracht, uns auszumalen, welche Situationen Leute in solch enge, dunkle Bunker getrieben haben könnte. Jetzt konnte ich mir das lebhafter vorstellen, als mir lieb war.
In seine sicheren Wände zu gelangen, stellte sich jedoch als äußerst schwierig dar. Egal welchen Weg wir einschlugen, begegneten uns eingestürzte Hütten und Häuser, deren Trümmer sich auf den Straßen und Plätzen verteilten. Panische Menschenmassen drängelten sich an uns vorbei, kamen uns entgegen und behinderten sich gegenseitig am Vorwärtskommen. Nur dank Doyas Hand in meiner konnte ich meine Sinne bewahren. Bis die Dunkelheit auch Doya und mich erfasste.
Gerade noch hatte ich überlegt, ob sich ein Umweg lohnte, um eine von Menschen verstopfte Straße zu vermeiden, jetzt sah ich nichts als Schwarz.
Die Dunkelheit war erdrückend und beklemmend. Ich sah nicht, was vor oder hinter mir war, selbst die Geräusche der...
| Erscheint lt. Verlag | 4.1.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Fantasy • Freundschaft • Magie • Planet • SciFi |
| ISBN-10 | 3-7583-9887-8 / 3758398878 |
| ISBN-13 | 978-3-7583-9887-2 / 9783758398872 |
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