Ich mische mich nicht gerne in meine Privatangelegenheiten (eBook)
112 Seiten
Insel Verlag
978-3-458-77989-6 (ISBN)
<p>Karl Kraus wurde am 28. April 1874 im nordböhmischen Gitschin / Österreich-Ungarn (heute: Jicín / Tschechien) als Sohn eines jüdischen Papierfabrikanten geboren. In Wien studierte er seit 1877 Jura, Philosophie und Germanistik, schloß das Studium jedoch nicht ab. Schon während der Studienzeit veröffentlichte er literaturkritische Beiträge u.a. in der Zeitschrift <em>Die Gesellschaft</em>. Daneben betätigte er sich als Dramatiker, Lyriker und Vortragskünstler und hatte Kontakt zu Mitgliedern der Gruppe "Jung-Wien", u.a. Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal, von denen er sich aber 1897 in der Satire <em>Die demolierte Literatur </em>distanzierte. 1899 gründete er die Zeitschrift<em> Die Fackel</em>. Sie war zeitlebens die wichtigste Veröffentlichungsplattform für seine kulturkritischen Beiträge. Er starb am 12. Juni 1936 in Wien.</p>
Wie der Schelm ist, so denkt der Psycholog
[A 351]
Eine gewisse Psychoanalyse ist die Beschäftigung geiler Rationalisten, die alles in der Welt auf sexuelle Ursachen zurückführen mit Ausnahme ihrer Beschäftigung.
[A 222]
In Lourdes kann man geheilt werden. Welcher Zauber sollte aber von einem Nervenspezialisten ausgehen?
[A 81]
Der Unterschied zwischen den Psychiatern und den anderen Geistesgestörten, das ist etwa das Verhältnis von konvexer und konkaver Narrheit.
[A 83]
Krank sind die meisten. Aber nur wenige wissen, daß sie sich etwas darauf einbilden können. Das sind die Psychoanalytiker.
[A 351]
Ein guter Psycholog ist imstande, dich ohneweiters in seine Lage zu versetzen.
[A 351]
Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält.
[A 351]
Psychoanalyse: Ein Kaninchen, das von der Boa constrictor geschluckt wird, wollte nur untersuchen, wie’s drin aussehe.
[A 350]
Die neuen Seelenforscher sagen, daß alles und jedes auf geschlechtliche Ursachen zurückzuführen sei. Zum Beispiel könnte man ihre Methode als Beichtvater-Erotik erklären.
[A 81]
Psychologen sind Durchschauer der Leere und Schwindler der Tiefe.
[A 224]
Nervenpathologie: Wenn einem nichts fehlt, so heilt man ihn am besten von diesem Zustand, indem man ihm sagt, welche Krankheit er hat.
[A 82]
Was hat denn diese neue Jugend für einen Lehrmeister der Liebe? Einst gab’s Schutzmittel; jetzt soll sie hemmungslos leben. Es scheint, daß sie den Sigi Ernst mit dem Sigi Freud überwunden hat.
[A 348]
Infantile, die seit damals nur das Beten verlernt haben, werden von Analytikern ins Gebet genommen. Am Ende können sie wieder beten: Erlöse uns von der Analyse!
[A 351]
Psychologie ist so müßig wie eine Gebrauchsanweisung für Gift.
[A 224]
Wo man Fremdwörter vermeiden kann, soll man’s bekanntlich tun. Da hört man immer von »Psychoanalytikern«. Als ich einmal einen auch zu sehen bekam, fiel mir sofort die glückliche Verdeutschung »Seelenschlieferl« ein.
[A 351 f.]
Der Analytiker macht Staub aus dem Menschen.
[A 343]
Die Irrsinnigen werden von den Psychiatern allemal daran erkannt, daß sie nach der Internierung ein aufgeregtes Benehmen zur Schau tragen.
[A 83]
Eröffnung am Schluß einer psychoanalytischen Kur: Ja, S ie können nicht geheilt werden. Sie sind ja krank!
[A 351]
Wenn dir etwas gestohlen wurde, geh nicht zur Polizei, die das nicht interessiert, und nicht zum Psychologen, den daran nur das eine interessiert, daß eigentlich du etwas gestohlen hast.
[A 223]
Der Psychoanalytiker ist ein Beichtvater, den es gelüstet, auch die Sünden der Väter abzuhören.
[A 348]
Die Psychoanalytiker ahnden die Sünden der Väter bis ins dritte Geschlecht, indem sie dieses heilen wollen.
[A 348]
Was fängt man doch mit dieser Jugend an? Sie ist mißgestaltet und reagiert nur psychisch. Nichts als Freudknaben.
[A 352]
Was man so Männer nennt, läßt sich jetzt psychoanalytisch auskratzen.
[A 352]
Moderne Nervenärzte machen den Kranken zum Konsilarius. Er erhält ein Selbstbewußtsein des Unbewußten, das zwar erhebend, aber nicht eben aussichtsvoll ist. Anstatt ihn vom Herd des Übels zu jagen, wird er verhalten, sich daran zu rösten, statt Ablenkung wird eine Vertraulichkeit mit seinen Leiden, eine Art Symptomenstolz erzeugt, der den Kranken günstigsten Falls in den Stand setzt, an anderen seelische Kuren vorzunehmen, die von keinem besseren Erfolg begleitet sind. Alles in allem eine Methode, die augenscheinlich schneller Laien zum Sachverständigen, als einen Kranken gesund macht. Denn als Heilfaktor dient jene Selbstbeobachtung, welche eben die Krankheit ist. Aber sie ist kein Seelenserum.
[A 82]
Der Unterschied zwischen der alten und der neuen Seelenkunde ist der, daß die alte über jede Abweichung von der Norm sittlich entrüstet war und die neue der Minderwertigkeit zu einem Standesbewußtsein verholfen hat.
[A 223]
Psychologie ist die stärkere Religion, die selig im Zweifel macht. Indem die Schwäche nicht zur Demut, sondern zur Frechheit bekehrt wird, geht es ihr schon auf Erden gut. Die neue Lehre ist über jeden Glauben erhaben.
[A 352]
Die Psychoanalytiker
Was ist’s mit den Analysen?
Kann da ein Zweifel bleiben?
Die Methode ist bewiesen
an jenen, die sie treiben.
Daß man mit euch nur scherzte –
welch törichter Gedanke!
Im Gegenteil: die Ärzte
sind Kranke.
[F 622-631, 198]
Sie haben die Presse, sie haben die Börse, jetzt haben sie auch das Unterbewußtsein!
[A 223]
Das Unbewußte zu erklären, ist eine schöne Aufgabe für das Bewußtsein. Das Unbewußte gibt sich keine Mühe und bringt es höchstens fertig, das Bewußtsein zu verwirren.
[A 349]
Das Unbewußte macht aber wirklich schlechte Witze, erwiderte der Traumdeuter. Das Unbewußte ist nun einmal so. Was kann denn die ernste Wissenschaft dafür? Gewiß, sie behält in jedem Falle Recht. Auch wenn sich – und bei manchen jungen Traumdeutern mag’s gelingen – am Ende nachweisen ließe, daß die schlechten Witze nicht aus dem Unbewußten des Träumers, sondern aus dem Unbewußten des Deuters kommen, gleichsam als eine Schuld, die er überwälzt. Nun, das Unbewußte macht also doch schlechte Witze.
[F 241, 21]
Das Unterbewußtsein scheint nach den neuesten Forschungen so eine Art Ghetto der Gedanken zu sein. Viele haben jetzt Heimweh.
[A 349]
Sie greifen in unsern Traum, als ob’s unsere Tasche wäre.
[A 352]
F. hat die Beziehungen von Witz und Traum nachgewiesen. Er kann nichts dafür, wenn unter den Schätzen, die er aus dem Unbewußten zutage gefördert hat, sich hin und wieder ein Saphir befindet.
[F 229, 4]
Würde ich davon träumen, daß die Traumdeutung F.’s Umschweife macht, wie wäre das erst zu deuten!
[F 237, 4]
Traumdeutung: Das Unbewußte macht schlechte Witze. Aber erklärt werden sie durch das bewußte Denken F.’s. Das ist verdächtig. Ich werde erst dran glauben, wenn das Unbewußte F.’s die Kalauer erklärt, die das Unbewußte seiner Patienten macht.
[F 237, 9]
Ihm gebührt das Verdienst, in die Anarchie des Traums eine Verfassung eingeführt zu haben. Aber es geht darin zu, wie in Österreich.
[F 254-255, 33]
Den Weg zurück ins Kinderland möchte ich, nach reiflicher Überlegung, doch lieber mit Jean Paul als mit S. Freud machen.
[A 348]
Mein Bewußtsein hat einen Hausknecht, der immer acht gibt, daß kein ungebetener Gast über die Schwelle komme. Psychoanalytiker haben auch unter ihr nichts zu suchen. Erwischt er einen, der ins Archiv will, so führt er ihn in den Empfangsraum, wo ich persönlich ihm mit seiner Diebslaterne ins Gesicht leuchte.
[A 351]
Euer Bewußtes dürfte mit meinem Unbewußten nicht viel anfangen können. Aber auf mein Unbewußtes vertraue ich blind, es wird mit eurem Bewußten schon fertig.
[A 350]
Man kehrt nur dann vor fremder Bewußtseinsschwelle, wenn man’s zuhause schmutzig hat.
[A 351]
Die Analytiker rufen hinter jedem, dem es vor ihnen graust: »Aha, der bekannte Widerstand!« Denn Harmonie hat vor dem Mißklang etwas zu verbergen. Haß macht sich verdächtig, wenn er sagt, daß Liebe nicht von Filzläusen komme. Ich bin ein Neurotiker, der den Arzt fürchtet: das bekannte Symptom! Vor der Psychoanalyse gibt es kein Entrinnen; ich gebe es zu. Der Zweifler schützt sich vor dem Glauben. Wer aber rettet sich vor dem allumfassenden Zweifel? Das einzige, was ich bewußtermaßen von der Psychoanalyse zu fürchten habe, ist unbefugter Nachdruck. Gewiß, aber wer garantiert für mein Unbewußtes? Davon weiß ich ja nichts, da wissen nur die Psychoanalytiker Bescheid. Die wissen, wo das Trauma begraben liegt, und hören das Gras über einem Komplex wachsen. Die Zwangshandlungsgehilfen sind überall zur Stelle; sie haben sich die Fälle Grillparzer, Lenau, Kleist und Ibsen nicht entgehen lassen, und vor Goethes Zauberlehrling waren sie nur uneinig, ob hier Masturbation oder Bettnässe »sublimiert« sei. Sage ich ihnen, daß sie mich gern haben können, so habe ich eine anale Zone. Kein Zweifel, sagen die Zweifler, mein Kampf ist die Auflehnung gegen den Vater, und das Inzestmotiv lauert hinter jeder meiner Zeilen. Der Schein spricht gegen mich. Vergebene Mühe, meine Alibido nachzuweisen – sie haben mich erwischt!
[F 387/88, 20 f.]
Den...
| Erscheint lt. Verlag | 17.4.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Klassiker / Moderne Klassiker |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
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| ISBN-10 | 3-458-77989-2 / 3458779892 |
| ISBN-13 | 978-3-458-77989-6 / 9783458779896 |
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