Christine Feehan wurde in Kalifornien geboren, wo sie heute noch mit ihrem Mann und ihren elf Kindern lebt. Sie begann bereits als Kind zu schreiben und hat seit 1999 mehr als siebzig Romane veröffentlicht, die in den USA mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurden und regelmäßig auf den Bestsellerlisten stehen. Auch in Deutschland ist sie mit den 'Drake-Schwestern', der 'Sea Haven-Saga', der 'Highway-Serie', der 'Schattengänger-Serie', der 'Leopardenmenschen-Saga' und der 'Shadows-Serie' äußerst erfolgreich.
1
Mitja Amurow beobachtete, wie der Regen am Fenster hinunterlief. Die Limousine hatte getönte Scheiben, was die Welt da draußen noch dunkler erscheinen ließ, aber vielleicht lag es eher an seiner düsteren Stimmung, dass er nichts anderes wahrnahm als den scheinbar endlosen Regen. Er hatte ständig Schmerzen. Die Kugeln hatten nicht nur ihn, sondern auch seinen Leoparden durchbohrt und beinahe getötet. Er wünschte, sie wären wirklich daran gestorben.
Er war nicht zum ersten Mal angeschossen worden, doch diesmal hatte er gewissenhafter Physiotherapie betreiben und härter trainieren müssen als jemals zuvor – auch wenn er nicht wusste, weshalb er das alles auf sich nahm. Sein Leopard, schon immer eine grausame und ständig um ihre Freiheit kämpfende Kreatur, ließ sich inzwischen kaum noch bändigen. Oder vielleicht war Mitja einfach nur müde von der Auseinandersetzung, die er Tag für Tag mit seiner Raubkatze führen musste. Eigentlich war es ihm aber auch egal, woran es lag. Er hatte die Hoffnung auf ein Leben, das diese Bezeichnung auch verdiente, längst aufgegeben.
Seit der Stunde seiner Geburt hatte er gewusst, was er war, und sein Leopard hatte keinen Zweifel daran gelassen, welches Schicksal ihm vorbestimmt war. Er war schon als Kind zu einem Kriminellen geworden, und nun war er ein Mann, der das Leben anderer zerstörte. Ein Mörder. Was er auch tat, um sich aus dieser Welt aus Blut und Verrat zu befreien – es gab kein Entkommen, jetzt nicht und auch später nicht. Er hatte nichts, wofür es sich zu leben lohnte.
Sein Leopard drängte an die Oberfläche, kratzte und schlug mit der Pranke nach ihm. Er wollte die Kontrolle übernehmen. Während Mitja dagegenhielt und ihn wieder zurückdrängte, kam ihm der Gedanke, dass seine Raubkatze vielleicht auf seine missmutige Stimmung reagiert hatte. Doch dann warf sich sein Leopard so abrupt herum, dass er Mitjas Körper mit sich riss. Er sah die Scheinwerfer eines Wagens am Straßenrand.
»Miron, halt an.«
Sein Fahrer trat sofort auf die Bremse, die beiden Autos vor und hinter ihnen hielten ebenfalls.
»Dreh um und fahr zurück zu dem Auto, das da am Straßenrand steht.«
Sie befanden sich auf der kaum befahrenen Straße, die zu seinem Landhaus in den Hügeln bei San Antonio führte. Auf dem riesigen Anwesen konnte er seinen Leoparden frei laufen lassen, ohne befürchten zu müssen, dass dieser zufällig einem Menschen begegnete.
»Mitja, was soll das werden?«, fragte Sewastjan besorgt. Er drehte sich zu dem Wagen da draußen in der Dunkelheit um. Die hellen Scheinwerfer verhinderten einen genaueren Blick auf das Auto. Er griff nach seiner Waffe und bedeutete den anderen Insassen, es ihm gleichzutun. Über Funk gab er den Sicherheitsleuten in den Fahrzeugen vor und hinter ihm Bescheid, sich für alle Fälle einsatzbereit zu machen.
Mitja antwortete nicht. In dem Moment, in dem sie neben dem am Straßenrand abgestellten Wagen hielten, öffnete er die Tür, bevor Sewastjan, sein Cousin und Bodyguard, ihn aufhalten konnte. Am Heck des liegen gebliebenen Autos stand eine Frau mit einem Reifen in der Hand. Der Regen prasselte erbarmungslos auf sie nieder, was sie jedoch kaum zu kümmern schien. Sie beobachtete, wie er auf sie zuging.
Umso näher er der Frau kam, umso verrückter benahm sich sein Leopard. Mitja war kein junger Mann mehr. Er war Mitte dreißig und hatte zusammen mit seiner Raubkatze in jedem einzelnen seiner Lebensjahre mindestens ein ganzes Leben gelebt. Doch ein solches Verhalten war ihm völlig neu. Sein Leopard schlug weiterhin nach ihm und versuchte, die Oberhand zu gewinnen, aber ohne das sonst übliche Verlangen nach Blut, Gewalt und Menschenfleisch. Diesmal fühlte es sich beinahe verspielt an.
Verspielt? Sein Leopard? Mitja konnte sich nicht daran erinnern, sein Raubtier jemals verspielt erlebt zu haben, nicht einmal während seiner Kindheit. Sie hatten ein enges Verhältnis. Sein Leopard passte auf ihn auf und umgekehrt. Aber ein spielerisches Element hatte es in dieser Beziehung noch nie gegeben.
Mitja bekam weder mit, dass sich seine Bodyguards eilig um ihn herum positionierten, noch, dass sich Sewastjan bereit machte, ihm mal wieder eine Strafpredigt zu halten. Es war ihm egal – er war viel zu beschäftigt damit, die Frau anzustarren, die da vor ihm im Regen stand.
Sie war eher klein und hatte nichts gemein mit den hochgewachsenen, schlanken Models, die bisher seine Vorstellungs welt beherrscht hatten. Sie trug ein Kostüm mit einem weiten Rock, der ihre wohlgeformten Beine zeigte, und dazu einen kurzen Blazer, der sich perfekt an ihre Taille und die Rundung ihrer Brüste anpasste. Beides war weiß. Kein Off-White oder Elfenbeinton, nur reines Weiß. Die dunklen Knöpfe hatten die Form von kleinen Autos. Sie forderten ihn geradezu heraus, näher heranzutreten und sie genauer anzuschauen – nicht, dass er dagegen etwas einzuwenden gehabt hätte.
Sie kam ihm vage bekannt vor, aber wenn er ihr schon einmal begegnet wäre, würde er sich sicher an sie erinnern. Als er näher kam, fiel ihm auf, dass auch auf den Stoff ihres Kostüms kleine Autos geprägt waren. Ihre Stiefel hatten dieselbe dunkle Farbe wie die ungewöhnlichen Knöpfe.
Ihr dichtes, dunkles Haar glänzte im Scheinwerferlicht. Ihre Augen waren groß und schienen einen Moment lang rot zu schimmern. Dann blinzelte sie mehrmals. »Hört auf, sie zu blenden«, rief Mitja daraufhin seinen Männern zu. Gleichzeitig nahm er ihr den schweren Reifen aus der Hand. »Sie machen sich noch schmutzig. Sie sind schon völlig durchnässt vom Regen.«
»Vielen Dank, dass Sie extra angehalten haben, aber das war wirklich nicht notwendig. Ich habe schon öfter einen Reifen gewechselt.«
Beim Klang ihrer Stimme wurde ihm heiß und in seinem Inneren verkrampfte sich etwas. Selbst sein Schwanz reagierte auf ihre rauchige Stimme, heiser als die Sünde in der Nacht, wie das Flüstern eines Liebespaares. Selbst unter Idealbedingungen konnte man Mitja nicht gerade als eloquent bezeichnen. Falls sie einen Auftragsmörder brauchte, war er genau der Mann dafür, aber kultiviert und weltgewandt zu klingen, überstieg seine Fähigkeiten.
Er balancierte den Reifen in einer Hand, während er mit der anderen sein Jackett auszog und einem der Leibwächter zuwarf, ohne darauf zu achten, wer es auffing. Er zeigte auf sein Auto, dann auf ihres. »Bringen Sie sich vor dem Regen in Sicherheit«, sagte er und versuchte, es nicht wie einen Befehl klingen zu lassen. Doch da er daran gewöhnt war, anderen Anweisungen zu erteilen, klang es wohl doch danach – zumindest ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen. Sie wirkte allerdings eher amüsiert als verärgert. Vielleicht auch ein wenig verwirrt. »Damit Ihnen nicht kalt wird«, ergänzte er schroff und wandte sich schnell von ihr ab.
»Boss«, zischte Sewastjan. »Miron kann zwar ums Verrecken nicht Auto fahren, aber einen Reifen wird er ja wohl wechseln können. Miron, komm her!«
»Ich komme sehr gut allein klar!«, fuhr Mitja ihn an. Sie sollte keinesfalls den Eindruck bekommen, dass er dazu nicht in der Lage war. Er wollte, dass sein Leopard sich weiter so ungewöhnlich benahm und hätte sie am liebsten für den Rest des Abends einfach nur angesehen. Er konnte spüren, dass diese Frau – wie auch immer sie das anstellte – das gefährliche Raubtier in ihm zähmen konnte. Und diese Ruhe nach einem ganzen Leben in der Hölle war, sollte sie auch nur kurz währen, ein Wunder.
Der Blick der Frau wanderte nun zu Miron, und sie formte ihren Mund zu einem kleinen Lächeln, was sofort Mitjas Aufmerksamkeit erregte. Von einem solchen Mund hatte er geträumt. Leoparden neigten zur oralen Fixierung, und er geriet beinahe sofort in den Bann des perfekten Schwungs ihrer Lippen. Er wollte, dass sie seinen Schwanz fest umschlossen, während diese riesengroßen Augen ihn unverwandt ansahen. Schon möglich, dass sich das Raubtier in ihm gerade immer noch verspielt gab, trotzdem gewann nun etwas anderes die Oberhand. Etwas Besitzergreifendes und Eifersüchtiges. Er wollte sie schmecken. Sich in ihr verlieren. Anspruch auf sie erheben.
»Darum kümmere ich mich schon, Boss«, sagte Miron und nahm ihm den Reifen aus der Hand.
Mitja zeigte auf seine Limousine. Sie zögerte und betrachtete die Männer, die sie umringten. Zum Glück hatte Sewastjan seine Pistole weggesteckt. Wikenti und sein Bruder Sinowi standen ebenfalls in der Nähe. Auch sie hielten ihre Waffen verborgen. Die beiden Brüder waren kräftig und stämmig und sahen – ebenso wie Miron – genauso aus, wie man sich solche Männer eben vorstellte. Sewastjan wirkte noch am zivilisiertesten. Doch keiner von den Männern war so einschüchternd wie Mitja selbst, auch wenn er sich dessen nicht einmal bewusst war. Man hatte ihn von Kindesbeinen an zu einer menschlichen Waffe gemacht, und genau das würde er bis zu seinem Tode bleiben.
»Ich heiße Mitja Amurow«, sagte er.
Wieder schien sie zu zögern. Vielleicht hatte sie von ihm gehört. Es hätte ihn nicht überrascht, denn es war kein Geheimnis, dass er angeschossen worden war. In den Nachrichten wurde lang und breit darüber spekuliert, ob er zu einem Verbrecherclan gehörte – und sie hatten völlig recht mit ihren Vermutungen. Zumindest oberflächlich betrachtet.
Mitja öffnete ihr die Tür, während Wikenti in seiner unbeholfenen Art den Schirm über ihn hielt statt über sie. »Sei gefälligst ein Gentleman und sieh zu, dass sie nicht nass wird«, fuhr Mitja ihn auf Russisch an.
Wikenti reagierte sofort...
| Erscheint lt. Verlag | 10.7.2024 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Die Leopardenmenschen | Die Leopardenmenschen |
| Übersetzer | Eva Stefan |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Leopard's Wrath (Book 12) |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2024 • eBooks • Fantasy • Gestaltwandler • Leopardenmenschen • liebe und erotik • Magie • Neuerscheinung • New-York-Times-Bestsellerautorin • Paranormal Romance • Romantasy • Serien • Sex • Spiegel-Bestsellerautorin • Verführung |
| ISBN-10 | 3-641-31261-2 / 3641312612 |
| ISBN-13 | 978-3-641-31261-9 / 9783641312619 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich