Bei der Laterne woll'n wir stehen (eBook)
280 Seiten
Penguin Verlag
978-3-641-26932-6 (ISBN)
Hamburg, 1914: Lili glaubt, mit Cord die ganz große Liebe gefunden zu haben. Als sich dieser entschließt, in den Krieg zu ziehen, ist sie am Boden zerstört. Plötzlich hält sie nicht mehr viel in ihrer Heimatstadt: Allen Widerständen zum Trotz verwirklicht Lili ihren lang gehegten Traum, Sängerin zu werden. Viele Stationen prägen ihr neues Leben, doch die Erinnerung an Cord lässt sie nicht los. Dann hört sie ein Lied, in dem eine Liebe besungen wird, die ihr nur allzu bekannt vorkommt - und in Lili wächst die Hoffnung, mithilfe dieses Liedes Cord endlich wiederzufinden ...
'Bei der Laterne woll'n wir stehen, wie einst Lili Marleen' sang Lale Andersen 1939 und wurde damit weltberühmt. Gunna Wendts fiktiver Roman über das besungene Mädchen ist wie das Lied selbst: Voller Liebe, Sehnsucht und Hoffnung.
Gunna Wendt studierte Soziologie und Psychologie in Hannover und lebt als freie Autorin in München. Neben ihren Arbeiten für Theater und Rundfunk veröffentlichte sie Kurzgeschichten, Gedichte, Essays und literarische Biografien, unter anderem über Erika Mann und Therese Giehse. Die große Popularität und Strahlkraft des Liedes 'Lili Marleen' hat Gunna Wendt schon immer fasziniert, weshalb sie eines Tages entschied, der fiktiven Figur eine Lebensgeschichte zu schenken.
Sans soucis
Paris, April 1914
»À Paris avec toi! Je veux danser avec toi à Paris, mon cher!« Liliane tanzte um Cord herum. »Wir fahren nach Paris! Wir fahren nach Paris!« Sie war außer sich vor Freude. So sehr, dass sie nicht einmal enttäuscht war, als Cord verhalten reagierte. Ihre eigene Begeisterung war einfach zu groß. Doch als er vorschlug, die Reise zu verschieben, widersprach sie heftig: »Ich versteh dich nicht. Du hast doch nichts zu tun. Im Moment bist du nur mit Warten beschäftigt. Wenn du erst eine Stelle hast, können wir nicht mehr so einfach wegfahren. Außerdem hat uns Frieda eingeladen. Und was noch viel wichtiger ist: Es ist Frühling, Cord. Je veux fêter le printemps à Paris. Avec toi!« Cord hatte vor Kurzem das Lehrerseminar mit einer sehr guten Prüfung abgeschlossen und wartete nun auf eine Anstellung als Lehrer – nicht gerade ungeduldig, denn es war nicht sein Traumberuf. Den kannte er zu diesem Zeitpunkt nicht, doch es war immerhin eine Möglichkeit, auf sinnvolle Weise sein Geld zu verdienen.
»Was sagt denn deine Mutter dazu?«, lenkte er ab.
Liliane lachte. »Sie ist einverstanden. Es war ein großes Stück Überredungsarbeit, aber ich habe es geschafft.«
Nun gab Cord sein Zögern auf: »Das war zu erwarten. Du schaffst es immer.«
»Auch bei dir?«, fragte Liliane nach, und Cord umarmte sie.
»Auch bei mir. Wie könnte ich dir widerstehen?«
Liliane atmete auf. Wenn sie daran dachte, welche Anstrengung es bedeutet hatte, die Mutter zu überreden, wurde es ihr eng in der Brust. Warnungen über Warnungen. Einwände über Einwände. Wenn Frieda nicht gewesen wäre … Zum Glück war Frieda schon eine Weile in Paris. Lilianes beste Freundin verbrachte dort ein Jahr als Au-pair-Mädchen, und die Mutter hatte sie gern. Frieda stammte aus einer wohlhabenden, weltoffenen Familie. Ihr Vater war früh gestorben und hatte seiner Frau ein beträchtliches Vermögen hinterlassen. Diese war allem Neuen gegenüber aufgeschlossen und schlug ihrer Tochter selten einen Wunsch ab. Einer dieser Wünsche war es, Französisch zu lernen. Kaum in Paris angekommen, hatte sie schon geschrieben, Liliane möge sie doch besuchen, sie habe ihr so viel zu zeigen. Die Vormittage habe sie nämlich zu ihrer freien Verfügung, nur die Nachmittage und Abende seien für die Gastgeberfamilie reserviert. Sie hatte sich auf Anhieb gut mit der Arztfamilie verstanden, bei der sie angestellt war, um die Kinder zu betreuen und ein wenig im Haushalt zu helfen. Aufräumen und Einkaufen waren allerdings untergeordnete Tätigkeiten. Den Eltern war es am wichtigsten, dass sie sich den Kindern widmete, damit diese auch während der Abwesenheit der Eltern eine Aufsicht hatten, die sich verständnisvoll und warmherzig um sie kümmerte. Frieda kam sehr gut mit ihnen aus. Trotzdem fühlte sie sich manchmal einsam, wie Liliane ihren Briefen entnahm, die fast immer mit der Aufforderung endeten: »Komm nach Paris. Komm bald.«
Doch so einfach war das nicht. Frieda vergaß manchmal, dass Lilianes Familie finanziell längst nicht so gut gestellt war wie ihre eigene. Die Mutter konnte ihr die Reise nicht bezahlen, das kleine Lebensmittelgeschäft an der Langen Reihe, in dem sie Hamburger Spezialitäten anbot, ermöglichte ihnen zwar ein sicheres Auskommen, doch an Extras war nicht zu denken. Höchstens wenn Lilianes Vater, der zur See fuhr, nach Hause kam und großzügig seine Heuer verteilte, aber wann das sein würde, wusste niemand. Liliane musste sich das Reisegeld selbst verdienen und zusammensparen. Vormittags half sie ihrer Mutter im Laden, an den Nachmittagen betreute sie Kinder aus der Nachbarschaft, spielte mit ihnen, beaufsichtigte ihre Schulaufgaben.
Doch sie träumte von einer Theaterkarriere. Schauspielerin wollte sie werden. Bis es so weit war, trat sie in einer Laienspielgruppe auf. Dabei lernte sie viel, aber die Gage war gering. Trotzdem hatte sie es geschafft, eine stattliche Summe zurückzulegen, sodass der Parisreise nun nichts mehr im Weg stand.
Frieda hatte gejubelt und gesagt, sie könne Lilianes Besuch kaum erwarten, doch plötzlich, von einem Tag auf den anderen, waren die Einladungen, die sie in ihren Briefen aussprach, nicht mehr so drängend. Liliane fiel es erst beim dritten Brief auf, und auch nur deshalb, weil die Briefe von Mal zu Mal kürzer und die Abstände zwischen ihnen größer wurden. Der Grund war offensichtlich: Frieda war verliebt. Jacques war Musiker und arbeitete tagsüber als Kurier bei einem vornehmen Parfumeur namens Guerlain. Er verrichtete Botengänge, belieferte die reichen Kunden und wurde oft mit ungewöhnlich hohen Trinkgeldern bedacht. Manchmal brachte er Frieda kleine Duftkissen und winzige Fläschchen mit, gefüllt mit den kostbaren Elixieren. Eins davon schickte sie, aufwendig und vorsichtig verpackt, zum Ge burtstag an Liliane. Das Eau de Parfum hieß »L’Heure Bleue«. Liliane war sofort betört von dem intensiven Blumenduft, der so ganz anders war als die Duftwasser, die sie bisher gekannt hatte. Fortan verkörperte dieser Duft für sie Paris, und diese Stadt wollte sie unbedingt sehen, riechen, schmecken, spüren. Und zwar mit Cord an ihrer Seite.
Vor der Reise war Liliane sehr aufgeregt. Es mussten Vorbereitungen getroffen werden, schließlich wollte sie in der Weltstadt mit den schönen, eleganten Frauen mithalten können. Hatte sie überhaupt eine passende Garderobe dafür? Mithilfe ihrer Tante Marlene, die sie noch vor ihrer Mutter in ihre Reisepläne einweihte, fertigte sie sich zwei Kleider an, ein hellgrünes und ein goldbraunes mit Pelzbesatz. Sie war stolz auf das Ergebnis, denn sie hatte die Schnitte in einem Damenmagazin entdeckt und unter der Anleitung ihrer Tante, die sehr geschickt im Schneidern und Nähen war, umgesetzt. So gekleidet konnte Liliane ohne Weiteres in die Metropole reisen. Die Tante lieh ihr dazu ihren besten Hut, der an einen Turban erinnerte. In Hamburg drehten sich die Leute auf der Straße danach um, das würde in Paris sicher nicht passieren.
Als sie die Bahnbilletts in der Hand hielt, stieg in Liliane ein Gefühl der Freiheit auf, wie sie es bisher nicht gekannt hatte. Die Fahrt dauerte fast zwanzig Stunden, und die Sitze waren hart und unbequem, doch das vergaß sie bald. Sie genoss es, mit Cord im Coupé zu sitzen und zu reden, sich an ihn zu schmiegen und die Vorfreude mit ihm zu teilen. In Köln stiegen sie um. Sie hatten zwei Stunden Aufenthalt und besichtigten den Dom, der gleich in der Nähe des Bahnhofs thronte. Cord war vor allem von der aufstrebenden Wucht des Bauwerks beeindruckt. Als sie langsam das Kirchenschiff durchquerten, horchte Liliane dem Klang ihrer Schritte nach. Es lag ein seltsam schwingender Hall in der Luft.
Die Reise führte sie weiter durch Belgien, die Schienen schlängelten sich zwischen sanften Hügeln und weißen Sandsteinfelsen durch das Land. Der Zug glitt an kleinen roten und weißen Häusern vorbei. Liliane fand, dass er viel zu schnell fuhr, weil sie die Gesichter der wenigen Menschen, die sie sah, nicht erkennen konnte. Cord erklärte ihr, dass es bald noch viel schnellere Züge geben würde. Das hielt Liliane nicht für notwendig.
»Es dauert jetzt schon weniger als einen Tag, und schon sind wir in Paris!«
In Paris angekommen, bezogen sie die Wohnung eines Freundes von Jacques, der gerade auf Reisen war. Sie lag im obersten Stockwerk eines mächtigen Hauses in der Rue Cassette. Man musste fünf schmale Treppen erklimmen, um sie zu erreichen. Jacques hatte sie in Empfang genommen und der rotwangigen, tiefschwarz gekleideten Concierge wortreich erklärt, um wen es sich handelte und weshalb alles in Ordnung sei. Liliane hatte dem Klang dieser wunderbaren Sprache nachgespürt. Auf die Frage der Wirtin: »Qui est là?«, hatte er etwas von »dame allemande avec son cousin« gemurmelt. Die Antwort der Concierge verstand sie nicht, auch nicht Jacques’ weitere Erklärung.
Cord wurde ungeduldig. »Du lernst doch schon so lange Französisch!«, bemerkte er vorwurfsvoll. Natürlich hätte er gern gewusst, was der junge Mann und die ältere Frau zu besprechen hatten, Liliane kannte ja seine Neugier.
»Nicht lange, mon Chéri«, verteidigte sie sich. »Erst seit einem halben Jahr. Außerdem sprechen die Franzosen zu schnell. Zu viel und zu schnell.«
Auch Jacques redete immer noch. Zwischen ihm und der Concierge hatte sich mittlerweile ein Geplänkel ergeben, das mit aufreizendem Lachen gewürzt wurde. Diese Art von Gespräch im Flirtton hatte Liliane auf dem Weg durch die Stadt schon einige Male wahrgenommen und gespannt gelauscht. Eine unvergleichlich erotische Sprache. Sehr viel Gehauchtes und Geschmolltes. Ein weiches Gegurre und zartes Gesäusele, das blitzschnell von einer heftigen Forderung im Stakkato unterbrochen werden konnte.
Die nächsten Tage ließen sich Liliane und Cord durch die Straßen treiben. Natürlich kletterten sie zuerst auf den Eiffelturm und blickten auf die riesige Stadt. Es war Frühling, die Luft war von Hunderten herrlichen Blumendüften erfüllt: Levkojen, Lilien, Hyazinthen, Glyzinien, Goldlack, Maiglöckchen, Tulpen, Narzissen. Im Jardin du Luxembourg tummelten sich die Liebespaare zwischen blühenden Apfel- und Pfirsichbäumen. Die Blüten der Kastanien loderten wie Fackeln und beleuchteten die Frühlingsnächte. Oder war es der Vollmond? »La lune – l’amour«, schienen die Amseln zu singen. Fast alle Bänke des Parks waren von Liebenden belegt. Die Liebe schien ansteckend zu sein, denn die Passanten freuten sich darüber, auch wenn sie selbst allein unterwegs waren. Ganz anders als in Hamburg, wo man sich besser...
| Erscheint lt. Verlag | 24.7.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 2024 • Abschied • eBooks • Erster Weltkrieg • Greenwich Village • Hamburg • hanna schygalla • Hans Leip • Historische Romane • Italien • Krieg • Lale Andersen • Liebe • Lied • Marlene Dietrich • Monte Verità • München • Neuerscheinung • Paris • Rainer Werner Fassbinder • Rolf Liebermann • Roman • Romane • Simpl • Soldat • Suche • Verlust • Weltreise |
| ISBN-10 | 3-641-26932-6 / 3641269326 |
| ISBN-13 | 978-3-641-26932-6 / 9783641269326 |
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