Aufbruch der Störche (eBook)
304 Seiten
Piper Verlag
978-3-492-60668-4 (ISBN)
Corinna Vossius wurde 1963 in Darmstadt geboren. Sie ist ausgebildete Physiotherapeutin und Ärztin. Seit 1999 lebt sie mit ihrer Familie in Stavanger, Norwegen, und arbeitet dort als Ärztin im kommunalen Gesundheitswesen. In Norwegen hat sie auch mit dem Schreiben begonnen. Dies ist ihr fünfter Roman. Als Kind lebte sie mit ihrer Großmutter Erika im gleichen Haus, und Erika erzählte ihr aus ihrer eigenen Kindheit und von ihrer Zeit im Lazarett oder las ihr aus ihren Erinnerungen vor. Es waren glückliche Jahre für Corinna Vossius' Großmutter, nach denen sie sich ein Leben lang zurücksehnte. Sie ist bereits seit einem halben Jahrhundert tot, aber in vielerlei Hinsicht hat Corinna Vossius dieses Buch zusammen mit ihr geschrieben.
Corinna Vossius wurde 1963 in Darmstadt geboren. Sie ist ausgebildete Physiotherapeutin und Ärztin. Seit 1999 lebt sie mit ihrer Familie in Stavanger, Norwegen, und arbeitet dort als Ärztin im kommunalen Gesundheitswesen. In Norwegen hat sie auch mit dem Schreiben begonnen. Dies ist ihr fünfter Roman. Als Kind lebte sie mit ihrer Großmutter Erika im gleichen Haus, und Erika erzählte ihr aus ihrer eigenen Kindheit und von ihrer Zeit im Lazarett oder las ihr aus ihren Erinnerungen vor. Es waren glückliche Jahre für Corinna Vossius' Großmutter, nach denen sie sich ein Leben lang zurücksehnte. Sie ist bereits seit einem halben Jahrhundert tot, aber in vielerlei Hinsicht hat Corinna Vossius dieses Buch zusammen mit ihr geschrieben.
2
Josephsdorf, Mai 1907
Zu Herberts Hochzeit kam ich tatsächlich zurück. Leider nur zu Besuch und nur für ein paar Tage.
Nachdem mein Vater das Gut abgegeben hatte, waren meine Eltern mit mir nach Wernigerode im Harz gezogen. »Wenn schon umziehen, dann richtig«, hatte er gesagt, »und in Wernigerode habe ich immerhin meine Schwester.« Allerdings – wenn man Tante Rose kannte, war das ein schwacher Grund für einen Umzug.
Der neue Gutsherr auf Josephsdorf wurde mein großer Bruder Herbert. Eine Gutsherrin hatte es die ersten beiden Jahre nicht gegeben, doch jetzt heiratete Herbert ja endlich. Seine Braut war eine Magda Vossius aus Gießen. Man konnte nur hoffen, dass diese Magda warm würde mit ihrer neuen Heimat. Buchstäblich, denn Josephsdorf lag im Weichselland, hundertfünfzig Kilometer südlich von Danzig. Bei uns fegten von Dezember bis März Schnee und Eis über die leeren Felder, und wenn dann endlich der Frühling kam – »viel zu spät dieses Jahr«, pflegte meine Mutter zu sagen, »Wie kann ein Frühling nur so spät kommen?« –, versanken die Wege im aufgeweichten Lehm.
Doch Herbert heiratete im Mai, und als wir aus dem Zug stiegen, schien die Sonne von einem vergissmeinnichtblauen Himmel.
»Der Herr und die gnädige Frau!«, rief Garzinski froh, als er uns von der Bahn abholte, und half meiner Mutter in den Kutschwagen. Bei mir sagte er nichts, denn das vertrauliche Erika passte nicht mehr für eine Fünfzehnjährige, aber gnädiges Fräulein für ein Kind, dem er das Reiten beigebracht hatte, noch bevor es richtig sprechen konnte, das brachte Garzinski dann doch nicht über die Lippen. Stumm sah er mir zu, wie ich versuchte, auf den Bock zu klettern, aber mit dem ungewohnt langen Rock nicht zurechtkam, auf den Mutter für die Reise bestanden hatte. Schließlich half er mit einem Schubs gegen mein Hinterteil nach, ehe er grinsend neben mir aufstieg und die Zügel nahm.
Das Land hier bestand hauptsächlich aus Korn- und Rübenfeldern und wenig Wald. Es war flach, schon von kleinsten Erhebungen aus konnte man weit sehen, und es wehte fast immer ein frischer Wind. Als mein Vater Josephsdorf kaufte, ließ er jeden Grabenrand und die kleinen Wiesenstücke am Ufer der zahllosen im Feld verstreuten Teiche mit Bäumen bepflanzen, die einen guten Windschutz abgaben. Von der Chaussee aus erkannte man das Gut schon von Weitem an dem vielen Grün. Jetzt im Mai schlugen die Birken aus und leuchteten in der schrägen Nachmittagssonne giftgrün. Garzinski bog in den Dembier Weg ein. Wir holperten an der großen Schonung vorbei. Dahinter lag unser Badesee, zu dem wir im Sommer mit dem Ponywagen fuhren. Und auf einer Kuppe am Westrand der Schonung stand der Bismarckturm, auf dem mein Vater jedes Jahr am Sedantag ein Feuer entzündete, um an unseren glorreichen Sieg von 1870/71 zu erinnern.
Damals entzündet hatte.
Alles ist damals, wenn man nur auf Besuch kommt.
»Lebt Schimmelchen noch?«, fragte ich den Kutscher.
Garzinski schüttelte traurig den Kopf. »Vorletzten Winter gestorben. Sie war doch schon so alt.«
»Ach!« Dass es die eigensinnige kleine Stute nicht mehr gab, konnte ich mir kaum vorstellen. »Und Max?«, fragte ich ängstlich.
»Dein Pony gibt es noch, keine Sorge. Der wird sich freuen, dich zu sehen. Die erste Zeit, als du weg warst, hat er richtig getrauert. Immer gewartet, ob du nicht kommst. Ich hatte meine liebe Not mit ihm.«
Zweifelnd schaute ich an meinem langen Rock hinunter. Garzinski folgte meinem Blick und schnalzte mitleidig mit der Zunge. »Reiten kannst du so nicht. Du würdest ja ganz schmutzig. Aber wenn du den Max vor den Federwagen spannst, kannst du mit ihm ausfahren. Sogar Gäste kannst du dann mitnehmen.«
Ich zog ein Gesicht. Fahren war nicht das Gleiche wie Reiten, und schon gar nicht, wenn man Besuch dabeihatte, der wahrscheinlich dummes Zeug redete. Garzinski hob die Hand, als wollte er mir begütigend aufs Knie klopfen, und ließ es im letzten Moment doch sein. »Ein richtiges Fräulein bist du geworden. Ich hätte dich fast nicht wiedererkannt, so erwachsen.«
»Nächstes Frühjahr wird sie konfirmiert!«, rief Vater von hinten.
In diesem Augenblick bogen wir in die Lindenallee ein, die das letzte Stück Wegs säumte, und dann waren wir da.
Herbert erwartete uns vor der Haustür. Er war zwölf Jahre älter als ich, also siebenundzwanzig, ein stattlicher Mann mit breiten Schultern, und einen Kaiser-Wilhelm-Schnurrbart hatte er sich auch wachsen lassen. Herbert konnte nichts aus der Ruhe bringen. Nicht, wenn die polnischen Landarbeiter ihm frech kamen, und auch nicht, wenn ein Sommergewitter kurz vor der Ernte das Korn zerdrückte. Bei dem großen Feuer im Winter 1902 sorgte mein Bruder dafür, dass sämtliche Tiere gerettet wurden. Eigenhändig hatte er die letzten Pferde, die in ihrer Panik nicht wussten, wohin, aus dem brennenden Stall geholt. Doch die bevorstehende Hochzeit machte ihn offenbar nervös, denn er zwirbelte unbeholfen seinen albernen Bart, während Garzinski Mutter aus der Kutsche half und dann, etwas verlegen, auch Vater, der seit Neuestem einen Stock brauchte. Herbert drückte uns steif die Hand, ehe er sich auf das Gepäck stürzte – nur um es einen Moment später wieder abzustellen, denn in der Tür waren in diesem Augenblick Herr und Frau Professor Vossius erschienen, zusammen mit ihrer Tochter Magda, meiner zukünftigen Schwägerin. Man stellte vor: Dr. Vossius, Professor der Augenheilkunde, mit Gemahlin – Herr und Frau Plehn. Wie schön, sich endlich kennenzulernen.
~
Die Trauung fand zwei Tage später statt. Es war deutlich zu merken, dass sich die Brautmutter etwas Großartigeres gewünscht hätte als eine Hochzeit in unserer schlichten kleinen Dorfkirche. Auch die halbe Stunde Fahrt dorthin hielt sie offensichtlich für eine Zumutung. Geschlossene Kutschen gab es bei uns auf dem Land nicht, die waren für die Pferde zu schwer zu ziehen, vor allem, wenn der Wind von der Seite kam. Die zukünftige Schwiegermutter hielt mit verbissener Miene ihren Hut fest, der so riesig war, dass man ihn als Storchennest auf die nächste Scheune hätte setzen können. Dabei sollte sie doch wissen, wie es bei uns zuging, oder? Sie war eine geborene von Fournier, und Gut Jagowshöhe, der Stammsitz der von Fourniers, lag gar nicht weit entfernt. Andererseits war es natürlich ein Unterschied, ob man eine von Fournier war oder nur ein einfacher Plehn. Mein Vater früher und nun mein Bruder ritten jeden Tag hinaus auf die Felder, um die Arbeit zu überwachen und nach dem Rechten zu sehen. Auf Rittergut Jagowshöhe hatte man für so etwas wahrscheinlich einen Verwalter, da brauchte man sich nicht selbst aus dem Haus zu bewegen, wenn das Wetter mal nicht so war.
Frau Professor Vossius, geborene von Fournier, ließ uns ihre schlechte Laune merken, als wir nach der Kirche zu Tisch saßen. Missbilligend wanderte ihr Blick über das Geschirr mit dem schmalen Goldrand, und sie fingerte an dem Silberbesteck herum, das zwar alles Augsburger Faden war, aber nicht jedes Stück trug das gleiche Monogramm. Warum, in Gottes Namen, ließ man die geerbten Stücke nicht umgravieren, schien sie zu denken. Als sie bemerkte, dass ich sie beobachtete, tauchte sie den Löffel schnell in die Suppe. Da es bei uns im Mai noch kaum frisches Gemüse gab, hatte Herbert extra Spargel aus Berlin kommen lassen. Ein unerhörter Luxus. Doch wie uns die Frau Professor freundlicherweise informierte, gab es in Gießen jede Menge Spargel, bereits seit mehreren Wochen, man wurde ihn fast schon leid.
Herbert saß mit seiner Braut am oberen Ende des Tisches und wirkte fremd und ungewohnt in seinem schwarzen Anzug. Vielleicht fragte er sich auch, worauf er sich da eingelassen hatte. Verstehen konnte ich ihn. Diese Magda sah aus wie ein verwöhntes Treibhauspflänzchen, blass und dünn. Nicht wie jemand, dem es auf dem Land gefallen würde.
Bevor meine Mutter damals aus Bad Ems an der Lahn nach Westpreußen zog, war sie drei Wochen »zur Probe« auf Josephsdorf gewesen. Meine Großmutter hatte es so verlangt, damit das Mädchen wusste, wozu es Ja sagte. Allerdings kam sie im Sommer, wenn es bei uns so wunderschön ist und der Winter so weit weg, dass man sich gar nicht vorstellen kann, wie eisig es dann wird und wie abgeschieden. Die Leute aus der Stadt sahen anfangs ...
| Erscheint lt. Verlag | 31.5.2024 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Anspruchsvolle Unterhaltung • beste Freundinnen • Buch • Bücher • bücher für frauen • Dresden • Emanzipation • erste Hälfte des 20. Jahrhunderts • Erster Weltkrieg • Familiengeschichte • Familienroman • Frauen im Krieg • Frauenschicksal • Freundschaft • Gefühle • Historischer Roman • Krankenschwester • Lazarett • Liebe in Zeiten des Krieges • Liebesgeschichte • mutige Frauen • nach einer wahren Begebeheit • Roman für Frauen • Russisch-Polen • Schicksal • spannend • Starke Frauen • Weichselgebiet |
| ISBN-10 | 3-492-60668-7 / 3492606687 |
| ISBN-13 | 978-3-492-60668-4 / 9783492606684 |
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