1991 erscheint in der DDR der erste Roman von Thomas Brussig. Auf einer Lesung lässt er sich zu einer pathetischen Rede hinreißen: Solange es nicht alle können, wird auch er keine Reise in den Westen unternehmen! Solange nicht jeder eines haben kann, wird auch er kein Telefon haben! Und, weil erst drei Versprechen magisch binden: Solange es verboten ist, will auch er niemals ›Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins‹ lesen! Das macht ihn schlagartig berühmt. In den folgenden Jahren wird er, der eigentlich ein kleiner Feigling ist, für einen Dissidenten gehalten, er soll Olympiabotschafter für Berlin werden, knutscht im Harz unter Eiffeltürmen aus Holz, findet sich in eine Stasi-Affäre verwickelt und beeinflusst mit seinem Schreiben und seiner Guerilla-Statistik die öffentliche Meinung im Osten wie im Westen. Doch die DDR hält sich – bis heute.
Thomas Brussig, 1964 in Berlin geboren, hatte 1995 seinen Durchbruch mit »Helden wie wir«. Es folgten u.a. »Am kürzeren Ende der Sonnenallee« (1999), »Wie es leuchtet« (2004) und »Das gibts in keinem Russenfilm« (2015). Seine Werke wurden in über 30 Sprachen übersetzt. Thomas Brussig ist der einzige lebende deutsche Schriftsteller, der mit einem seiner literarischen Werke wie auch mit einem Kinofilm und einem Bühnenwerk ein Millionenpublikum erreichte.
Es war ein Junge und sie nannten ihn Thomas
(1964–1987)
Vom Tag meiner Geburt habe ich klare Vorstellungen. Wir befinden uns in einer Zeit, als Straßenränder eine einzige Parklücke waren, als Telefone noch klingelten und Scheuerlappen mit bloßen Händen ausgewrungen wurden. In der Berliner Esmarchstraße lag am Morgen des 19. Dezember 1964 der erste Schnee. Meine Oma, die jeden Helene-Weigel-Ähnlichkeitswettbewerb gewonnen hätte, ging kettenrauchend (Salem rot) durch die Zimmer ihrer Altbauwohnung und schaute abwechselnd auf das leere Kinderbettchen im Zimmer meiner Eltern und auf das schwarze Telefon aus Bakelit. Ihr Sohn Maximilian, der einen lebenslangen, aber letztlich vergeblichen Kampf gegen seinen Spitznamen Mäxchen führte, rüstete sich für die Babyfotowelle, indem er in seiner Dunkelkammer die Chemikalien immer wieder neu sortierte. Seine Verlobte Renate machte das, was sie immer machte, wenn sie nahe daran war, die Nerven zu verlieren: Sie ging in die Küche und wuchs über sich hinaus. So kurz vor Weihnachten war wildes Drauflosgebacke nicht mal anstößig. Und dann gab es noch die Haushaltshilfe, eine herzensgute Nachbarin aus dem Nebenhaus, welche durch unablässiges Keine-Panik!-Es-wird-schon-schiefgehen!-Gequassel glaubte, zur Beruhigung beizutragen.
Dann klingelte das Telefon. Mein Onkel, der den weitesten Weg hatte, meine Oma, die schon über sechzig war, und meine Tante, die erst den Schneebesen fallen lassen mußte, eilten zum Telefon. Ein offenes Rennen, nur die Haushaltshilfe, die im Wischeimer-Geschepper das Klingeln überhörte, war chancenlos. Es gab Rempeleien, die am letzten Türrahmen zu erbitterten Positionskämpfen ausarteten, bevor die teigverschmierte Hand meiner Tante als erstes zum Hörer griff. Am anderen Ende war mein Vater, welcher die Geburt eines Thomas vermeldete. Thomas war damals groß in Mode, neben Andreas, Frank, Martin und Ralf. Auch Michael, Matthias und Stefan wurden gern vergeben – letzterer an meinen Bruder, der vier Jahre später kam. Aber diesmal war es ein Thomas.
Drei Tage später kam mein Liebmütterlein nach Hause – ohne mich. »Ja, wo isser denn, unser kleiner Fratz?« »Könn wir ihn mal sehen?« – »Nö, ich mußt ihn dalassen«, sagte mein Liebmütterlein. Tatsächlich wurde sie nach Hause geschickt, Weihnachten feiern, während ich auf Betreiben der resoluten Oberschwester Marianne nicht entlassen wurde, wegen Untergewicht. »Was solln denn die Leute von unserm Krankenhaus halten, wenn wir so n Magerfleisch entlassen? Der Junge braucht n bißchen Speck auf die Rippen, das sieht doch nicht aus!«
Der Junge bekam aber kein Speck auf die Rippen. Noch zu meinem ersten Geburtstag lieferte die Waage so verstörende Ergebnisse, daß ich mit gelben Früchten gefüttert werden sollte, sogenannten »Bananen«. Die Kinderärztin stellte jede Woche ein Rezept über »3 Bananen« aus und schickte meinen Vater zu einem ominösen Stand in der Berliner Markthalle, dessen Schaufensterscheiben mit Zeitungspapier blind gemacht waren. Mein Vater klopfte an die Scheibe. Die öffnete sich einen Spalt. Eine Hand kam zum Vorschein. Mein Vater, der sich wie in einem Agentenfilm fühlte, übergab wortlos das Rezept und einen Stoffbeutel – und eine Minute später erhielt er den Beutel gefüllt zurück. Es gelang ihm nie, einen Blick darauf zu erhaschen, was sonst noch hinter diesen Scheiben gelagert wurde, aber zweifellos waren es Geschichten wie diese, die dazu führten, daß man sich »in der Republik« erzählte, »die Berliner« bekämen »es vorn und hinten reingeschoben«, gar »alles in den Arsch geblasen«.
Meine erste Erinnerung: Wars, daß mir Herr Schiffling aus dem Parterre zeigte, wie er seine Beinprothese ab- und anschnallt? Oder die fünf Katzenbabies bei unserer Nachbarin, deren Minka gejungt hatte? Oder wie mich das Drogeristenpaar Pfeifahrer, das »selber keine Kinder« hatte, hinter die Ladentheke holte, und mir, wenn ein Kunde seinen Wunsch mitteilte, zeigte, welche Schublade ihres wandfüllenden Apothekenschrankes ich aufziehen sollte? Daß mich die Opernsängerin Keumich vom ersten Stock zuschauen ließ, wie ihr Flügel gestimmt wurde, oder daß mich einmal sogar ein paar Grünpfleger auf der Ladefläche ihrer Ameise mitnahmen? Nein, das war erst später, nämlich an dem Tag, als wir umzogen – aus dem Bötzowviertel in Prenzlauer Berg direkt an den Alexanderplatz in die Rathausstraße 7, den Fernsehturm vor dem Fenster. Es war so was wie der Sechser im Lotto. Meine Eltern bekamen nach sechs Jahren Ehe, kurz vor meiner Einschulung, eine eigene Wohnung. Einen Fahrstuhl gab es und sogar einen Müllschlucker! Alles war so toll, daß ich gar nicht darum herumkam, mir vorzustellen, wie die Rathausstraße wohl entworfen wurde: Sieben Männer mit Schlips, Parteiabzeichen und Bauarbeiterhelmen sitzen an einem Tisch, eine Frau führt Protokoll. Einer sagt: »Genossen, was wissen wir über die Bedürfnisse unserer Menschen?« Ein anderer sagt: »Wir wissen alles darüber«, worauf der erste sagt: »Ich höre.« Dann sagt einer: »Unsere Werktätigen möchten zum Feierabend gesellig miteinander Bowling spielen«, worauf der erste sagt: »Dann bauen wir ihnen eine, nein, zwölf Bowlingbahnen.« Ein anderer sagt: »Unsere Menschen möchten sich auch knusprig gegrilltes Hähnchenfleisch einverleiben«, und der erste notiert sich »Broilerbar bauen«. Dann sagt auch die Protokollführerin etwas, nämlich »Daß auch unsere Frauen mal mit ihren Männern bummeln möchten«, worauf sich die Runde darauf einigt, daß so ein bummelndes Paar vor einer Schmuckvitrine ausrechnen sollte, nach wieviel Nachtschicht-Zulagen an die brilliantbesetzten Ohrstecker zu denken ist. Schließlich redet die ganze Runde durcheinander, die Protokollführerin kommt kaum noch hinterher. Nostalgische Witwen sollen im »Café Rendezvous« plauschen und in der Espressobar sollen alte Bekannte, die sich zufällig in den Passagen treffen, einen Kaffee trinken können. Und dann sind sie aufgestanden und haben die Rathausstraße gebaut, mit Mode-, Schuh- und Delikatessläden, mit einer Weinstube, einem Musikalien- und einem Sportgeschäft, mit Broilerbar, Juwelier, Kaffeehaus, Post, Arztpraxen, Bowlingbahn, Espressobar, und und und. Hier funktioniert die DDR so, wie sie mal gemeint war: Als Bedürfnis- und Beglückungsanstalt für jedermann. Ohne allgemeine Morgengymnastik, aber mit umsonst Zentralheizung. Die Megaphone, die an die Laternen geschraubt waren, quäkten nur am 1. Mai und zum Republikgeburtstag. Dazwischen schwiegen sie.
Gerade mein Vater war sehr stolz auf die Wohnung. Jeder Besucher wurde von ihm ans Fenster gebeten, um erst einmal, am besten bei einem Cognac, das Panorama zu bewundern. Was wir jeden Tag vom Fenster aus sehen konnten, wurde in den Läden als Ansichtskarten verkauft: Fernsehturm, Neptunbrunnen, Bahnhof Alexanderplatz, Weltzeituhr, Centrum Warenhaus, Hotel Stadt Berlin. Und diese Karten wurden in die ganze Welt verschickt, nach Warschau, Prag und sogar nach Moskau! Darauf Prost! (Und dann kam die Flasche wieder in den Schrank.)
Der neue Nachbar allerdings war ein verkniffener Aktentaschenträger. Anstatt »Ja« sagte er »Nu«. Andere Nachbarn gaben obskure Behörden als ihre Arbeitsstätte an, und es kam selten vor, daß ich in fremde Wohnungen gelassen wurde. Mein Vater hingegen ging in einen »Betrieb«, da gab es »Kollegen« und »Stahlträger«. Pünktlich um zehn nach halb fünf kam er nach Hause, legte sich mit dem ›Neuen Deutschland‹ aufs Sofa, und zehn Minuten später war er eingeschlafen. Mein Bruder und ich wußten nie, ob das geschah, weil die Arbeit so anstrengend oder die Zeitung so langweilig war.
Unter uns wohnte ein Sattlermeister mit seiner Frau. Obwohl in seiner Wohnung Parties stattfanden, bei der kreischende barbusige Frauen am Fenster gesichtet wurden, war er zu uns Kindern immer nur mürrisch. Als der ›Eulenspiegel‹ über einen hochnäsigen »Sattlermeister Peter P.« berichtete, waren sich meine Eltern sicher, daß damit er gemeint war. Einmal wartete ich im Erdgeschoß mit meinem Vater auf den Fahrstuhl, gemeinsam mit einem der vielen Aktentaschenträger des Hauses. Daß ein Fahrstuhl kam, hörten wir am Gesang, der sich über den Fahrstuhlschacht näherte. Zu einer Melodie, die ich Jahre später als den Uriah-Heep-Song ›Lady in Black‹ wiedererkannte, sang jemand: »Nur fünfzehn Meter im Quadrat/Minenfeld und Stacheldraht/jetzt weißt du, wo ich wohne/ich wohne in der Zone.« Als ein unglaublich dramatisches »Ah-a-ha-ahaha-aaha – Aaaah-a-ha-aahaha« erscholl, öffnete sich die Fahrstuhltür, und heraus kam der unter uns wohnende Sattlermeister, der sofort verstummte und das Weite suchte. Im Fahrstuhl fragte der Aktentaschenträger meinen Vater: »Wissen Sie, wer das war?«, und mein Vater sagte, ohne mit der Wimper zu zucken: »Sicher nur n Besoffner, der mal wissen wollte, wies hier aussieht.«
Ich fand das nicht schlimm, daß mein Vater schwindelte, denn ich hatte schon mal eine Erwachsene aus unserem Haus beim Schwindeln erwischt, nämlich Ilka Lux. Sie war Schlagersängerin, unbeschreiblich blond und trug sogar im November Sonnenbrille. Einmal kam sie im Radio: »Reitersmann,/halt deinen Schimmel an,/du siehst es mir doch an,/daß ich nicht mehr laufen kann.« Von wegen! Wenn sie vom Fahrstuhl zu ihrer Wohnung ging, konnte ich sie den langen Gang hinuntergehen sehen, mit weißen Stilettos und Minirock. Aber zugegeben: Als ein Reitersmann würde ich meinen Schimmel für sie anhalten und ihr in den Sattel helfen.
Bald wurde ein weiterer Nachbar berühmt, Herr Hagen. Er wurde berühmt, hausberühmt, als der – geschiedene – Vater von Nina Hagen. Ein Gentleman, ruhig, freundlich, graumelierte, aber volle und auf lässig frisierte Haare. Würdige, niemals...
| Erscheint lt. Verlag | 15.5.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 2024 • Am kürzeren Ende der Sonnenallee • DDR • eBooks • Gedankenexperiment • Mauerfall • Neuerscheinung • Roman • Romane • Schelmenroman • spiegel-bestseller autor • Stasi |
| ISBN-10 | 3-641-31004-0 / 3641310040 |
| ISBN-13 | 978-3-641-31004-2 / 9783641310042 |
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