Schatten über dem Inn (eBook)
232 Seiten
Universitätsverlag Wagner
978-3-7030-6624-5 (ISBN)
Christian Kössler ist Bibliothekar, Schriftsteller und Torhüter im österreichischen Autoren-Fußballteam. Er wurde am 1. Dezember 1975 in Innsbruck geboren. Aufgewachsen im benachbarten Rum, war die Tiroler Landeshauptstadt für Kössler in privater, sportlicher und schulischer Form schon immer prägender Lebensmittelpunkt. Seit 2005 hat er mehrere Bücher und Textbeiträge verfasst, seit 2007 ist er mit seinen unheimlichen und schwarzhumorigen Texten im In- und Ausland unterwegs?- unter anderem mit Lesungen und Autorenbegegnungen in Kooperation mit österreichischen Botschaften, Kulturforen, Bibliotheken, Schulen und unterschiedlichen Veranstaltungszentren. Zu Gast war er mit seinen Texten in bislang sechzehn europäischen Ländern. Der nach seiner gleichnamigen Vampirgeschichte von Felix Gorbach und Moritz Neumayr realisierte Kurzfilm 'Grenzgänger' erhielt 2017 bei Kurzfilmfestivals in Innsbruck und Wörgl den Publikumspreis und war darüber hinaus 2018 auch für den bekannten Kurzfilmpreis '13th Street SHOCKING SHORTS-Award' beim Filmfest München nominiert. An den Universitäten in Innsbruck und Tartu/Estland wurden mehrere Erzählungen des Tiroler Schriftstellers ins Italienische und Estnische übersetzt, 2018 gastierte Kössler unter anderem bei Literaturfestivals in Zug/Schweiz ('Höhenflug') und Tartu/Estland ('Prima Vista').
Christian Kössler ist Bibliothekar, Schriftsteller und Torhüter im österreichischen Autoren-Fußballteam. Er wurde am 1. Dezember 1975 in Innsbruck geboren. Aufgewachsen im benachbarten Rum, war die Tiroler Landeshauptstadt für Kössler in privater, sportlicher und schulischer Form schon immer prägender Lebensmittelpunkt. Seit 2005 hat er mehrere Bücher und Textbeiträge verfasst, seit 2007 ist er mit seinen unheimlichen und schwarzhumorigen Texten im In- und Ausland unterwegs – unter anderem mit Lesungen und Autorenbegegnungen in Kooperation mit österreichischen Botschaften, Kulturforen, Bibliotheken, Schulen und unterschiedlichen Veranstaltungszentren. Zu Gast war er mit seinen Texten in bislang sechzehn europäischen Ländern. Der nach seiner gleichnamigen Vampirgeschichte von Felix Gorbach und Moritz Neumayr realisierte Kurzfilm "Grenzgänger" erhielt 2017 bei Kurzfilmfestivals in Innsbruck und Wörgl den Publikumspreis und war darüber hinaus 2018 auch für den bekannten Kurzfilmpreis "13th Street SHOCKING SHORTS-Award" beim Filmfest München nominiert. An den Universitäten in Innsbruck und Tartu/Estland wurden mehrere Erzählungen des Tiroler Schriftstellers ins Italienische und Estnische übersetzt, 2018 gastierte Kössler unter anderem bei Literaturfestivals in Zug/Schweiz ("Höhenflug") und Tartu/Estland ("Prima Vista").
SCHLUSS MIT LUSTIG
„Wohl selten wurde die Faschingszeit so emsig ausgenützt wie heuer; besonders sind es, nachdem Innsbruck groß geworden ist, und es der Köpfe zu viele und der Meinungen und Ansichten zu verschiedene gibt, um sie unter einen geselligen Hut zu bringen, kleinere Gesellschaften und die einzelnen Vereine, die recht fröhliches Leben entfalten, und wie vergnügt sich die junge Welt auch in diesen engern Cirkeln! ja, man will bemerkt haben, daß es in denselben oft viel gemüthlicher und ‚feiner‘ ist, als wenn sie größer wären.“
Innsbrucker Nachrichten, 11. Februar 1879
Die Kinder liefen an ihm vorbei in den Hausgang, lachten laut und schrill und herzhaft. Sie kamen von draußen, aus der noch frostigen Innsbrucker Februarsonne. Er sah ihnen lächelnd nach. Ein Ritter mit prächtiger Rüstung, ein Astronaut, eine weiße Fee mit schmalem Spitzhut, ein schwerfälliger Tyrannosaurus, eine Ärztin, ein bis an die Zähne bewaffneter Cowboy und ein dicker, lustig geschminkter Clown, dessen fülliger Bauch wohl aus einem riesengroßen Kissen bestand. Sie rannten an ihm vorbei, zur geöffneten Türe am Ende des Ganges und verschwanden in der Wohnung. Knarrend und knarzend, durchsetzt mit einem schrillen, alles durchdringenden Quietschen, setzte sich der Aufzug quälend langsam in Bewegung. Ein jahrzehntealtes, müdes Relikt, das seinen letzten Arbeitsstunden in diesem Wiltener Altbau bald entgegensah, wenn man dem Aushang ganz unten im Stiegenhaus glauben konnte.
Beim Anblick der platinfarbenen Aufzugs-Herstellerplakette überkam Fritz Geiger wie bei jeder Fahrt mit diesem Lift – und es waren in letzter Zeit einige gewesen – ein heftiger Anflug von nostalgischer Melancholie, denn das Produktionsdatum fiel zufälligerweise mit dem Geburtsjahr des altgedienten Sportartikelverkäufers zusammen. Das war schon eine geraume Zeit lang her und Geiger würde, wenn alles planmäßig über die zuständige Hausverwaltung und den Lifthersteller liefe, dem Aufzug in einigen Monaten in den mehr als verdienten Ruhestand folgen. Hoffentlich ohne Pensionsschock und mit dem großen Unterschied, dass der Aufzug völlig neu konstruiert werden würde – verschlissene Fußball- und Buckelpisten-Kniegelenke wie jene von Geiger waren diesbezüglich ziemlich arg im Nachteil, konnten aber immerhin künftig zur Entlastung auf die neue und moderne Transporttechnik eines arrivierten Lifterbauers zurückgreifen. Die Pension konnte also kommen. Mit ganz vielen neuen Aufzügen.
Noch völlig in Gedanken, wie rasch es denn in Zukunft zur und von der Praxis auf- und abwärtsgehen würde und vor allem, wie lange er diese Termine noch wahrnehmen müsste, öffnete sich die Türe des Aufzugs und ein langer, von riesigen Fenstern hellerleuchteter Gang tat sich vor Fritz Geiger auf. Der Pfad zur Residenz des Dachgeschoßkönigs. Ein angenehm dezenter Zirbengeruch, ausgestrahlt von hölzernen Wandpaneelen, stieg in die Nase des Besuchers, cremeweiße, grob strukturierte und mit Sicherheit sündteure italienische Fliesen auf Fußboden und Wand verliehen diesen beeindruckenden, aufpolierten Empfangsmetern bis hin zur Türe des praktizierenden Doktors ehrwürdigen und sterilen Glanz. Leise Klaviermusik aus an der Decke angebrachten High-End-Boxen untermalte die Schritte aller zur Ordination Schreitenden, abstrakte Malerei in unterschiedlichsten Farbtönen unterstrich Geschmack und gehobenen Anspruch jenes Mannes, dessen goldener, riesenhafter SUV unten vor dem Haus parkte. Der Verkäufer wusste aus erster Hand nur allzu gut, dass das gesamte Skitouren-Equipment in diesem Auto ein kleines Vermögen wert war. Der Doktor schleppte vor allem an Wochenenden das geschätzt Dreifache der Geiger’schen Pension an Materialwert über Pisten und tief verschneite Berghänge in die Tiroler Gebirgswelt und brachte sogar das waghalsige Kunststück zustande, die Farben des kompletten Equipments – Ski, Bindung, Tourenstöcke und Bekleidung – auf die des kolossalen Geländewagens abzustimmen.
Fritz Geiger öffnete die – ebenfalls cremeweiße – Empfangstüre, betrat nun das imposante Reich des Doktors, der sich vor einigen Jahren das gesamte Dachgeschoß mit grandiosem Rundblick auf die Innsbruck unerbittlich umzingelnden Bergspitzen gekauft und großzügigst umgebaut hatte, entledigte sich seiner leichten Daunenjacke und begrüßte zugleich Frau Niedertscheider, die Assistenz des Herrn Doktors, um ein kurzes Nicken und Lächeln einer ganzen Legion cremeweißer, zahnspangengeordneter Zähne zu ernten. Dann setzte er sich auf einen der bequemen, eleganten, cremeweißen Freischwinger aus feinstem dänischem Leder, griff zur erstbesten Zeitschrift, die ihm in die Hände fiel, und blätterte gedankenverloren darin. Er war – was eher selten vorkam – allein in diesem völlig steril anmutenden Warteraum und musterte die Assistentin mit verstohlenem Blick, während er so tat, als würde er sich für jenes Hochglanz-Automagazin mit blass-hageren Fotomodels und seelenlos vor sich hin grinsenden Hochgeschwindigkeitsjunkies interessieren. Immerhin hatte der Doktor eine Prise Humor, denn auf dem Magazinstapel lag auch eine aktuelle Ausgabe der „Höttinger Nudl“, die 1908 erstmals vom Sängerbund Hötting herausgegeben wurde und damit als älteste Faschingszeitung Österreichs in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Frau Niedertscheider musste jeden, wirklich jeden einzelnen Quadratzentimeter dieses Zimmers in- und auswendig kennen. Das war ja gar nicht anders möglich. Wenn die junge Frau nicht gerade einen der zahllosen Anrufe entgegennahm oder die Tastatur des PCs lautstark und mit der ungezähmten Leidenschaft einer Valentina Wollpulova, einer osteuropäischen Musikerin, die vor wenigen Wochen ein grandioses Neujahrs-Freiluft-Klavier-Konzert am schneeumtobten Patscherkofel gegeben hatte, bearbeitete, starrte sie mit ausdrucksloser Miene und cremeweiß umrandeter Sehhilfe an die Decke, auf die Türe, zu den Wänden, zum Boden hin. Viel Abwechslung in diesem Raum ließ der Herr Doktor nicht zu. Ausgerechnet hier. Die riesigen haselnussbraunen Augen der Mittzwanzigerin würden irgendwann kleine Löcher in das vor kurzem frisch cremeweiß gestrichene Mauerwerk schneiden oder fräsen, da war sich Geiger ganz, ganz sicher.
Frisches Mauerwerk war es auch, das seit Jahren da und dort, an der einen oder anderen Ecke allmählich das Gesicht des „alten Wilten“ veränderte. Obwohl seit vielen Jahren im Olympischen Dorf wohnend, hegte Geiger große Sympathien für diesen Flecken altehrwürdigen Innsbrucks, den ja auch schon die alten Römer für sich entdeckt hatten. Ja, auch hier änderte sich zwangsläufig das urbane Erscheinungsbild, vor allem am Südring – dennoch gab es sie, die ganz speziellen Winkel, die Altbauten, den Brunnen in der Sonnenburgstraße, den Westbahnhof, der immer noch einen gewissen architektonischen Charme versprüht, auch wenn mit Jenbach, Landeck und Garmisch-Partenkirchen die Reiseziele nicht mehr in die allzu weite Bahnwelt führen. Und dann war da noch der Westfriedhof mit seinen imposanten Grabstätten, den unzähligen Bäumen und den Arkaden. Wer hier lag, hatte es auch nach dem Tode noch recht schön.
Ja, das Gesicht Wiltens veränderte sich. Und bei einem der wahrhaftigen, einzigartigen Wahrzeichen war das ganz besonders gut zu sehen. Der legendäre „Besele“ an der Innerkoflerstraße, einst als Sandplatz bei sämtlichen Edelkickern höherer Spielklassen höchst gefürchtet, hatte mittlerweile bereits zwei Faceliftings hinter sich. Statt der einst sandig-steinigen Kickerwüste wurde Ende der 1990er-Jahre ein für Geiger seelenloses Kunstrasenprojekt hingestellt, über zwanzig Jahre später dann eine noch modernere Adaption. Immerhin waren damit jene Zeiten vorbei, in denen sich Trikots, Hosen, Stutzen, Nasenöffnungen und Gehörgänge während sowie Waschtrommeln nach der Platzbenützung nicht mehr mit zahllosen Sandkörnern oder Gummigranulat füllten. Geiger musste immer wieder lauthals lachen, wenn Diskussionen um Schürfwunden auf dem neuen Geläuf aufkeimten. Er hatte sich seinen Körper seinerzeit in der Jahr für Jahr unvermeidlichen Frühjahrsvorbereitung immer wieder ruiniert – auf gefrorener „roter Erde“ in der Wiesengasse oder der betonharten ersten Kunstrasengeneration am alten Tivoligelände. Und ein Sommerkick auf dem glühend heißen Besele, im besten Falle etwas erträglicher gestaltet durch vorheriges Bewässern des Platzes, ließ das Fußballerherz auch nicht gerade höherschlagen. Trotzdem wollte er diese Zeit nicht missen, dachte so manches Mal zurück an wahre „Cup“-Schlachten und denkwürdige Spielverläufe in Diensten des FC Veldidena, eines der ältesten Fußballvereine in Tirol.
Gerade als seine Blicke von einem Bild des „DKT“Ausschnitts Innsbrucks mit Maria-Theresien-Straße, Bozner Platz und Andreas-Hofer-Straße sowie einem tiefblauen Speichersee, der als Hintergrundkulisse einer künstlich hochstilisierten Geländewagenvorstellung diente, gefangen wurden, öffnete sich die Türe zur Praxis. Wie in Zeitlupe. Bühne frei, Vorhang auf. Und dann … dann stand er da. Er, der Doktor. Wie eine gewaltige Leuchtgestalt, ein in Laaser Marmor gemeißelter, braun gebrannter Adonis. Gut und gerne hundertneunzig beeindruckende Zentimeter groß, mit kleinem, wirklich nur kleinem Bauchansatz, streckte er seine mächtigen Hände aus und ein breites, einnehmendes Lächeln ergoss sich über sein Gesicht, das von einem dichten, grauen, gewissenhaft getrimmten Vollbart geziert wurde.
„Soooo, der Herr Geiger! Bitte, bitte, kommen Sie herein!“
Geiger schoss augenblicklich aus seiner bequemen skandinavischen Sitzgelegenheit hoch und bewegte sich mit seinen steifen Gliedern ungelenk und ehrfürchtig auf den Doktor zu. Den ließ man am besten nicht warten, niemals und in...
| Erscheint lt. Verlag | 21.12.2023 |
|---|---|
| Verlagsort | Innsbruck |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Gruselgeschichte • Gruselgeschichten • Horror • Innsbruck • lokale Fiktion • Österreich • regionale Erzählung • Spuk • Tirol • Tirolensien |
| ISBN-10 | 3-7030-6624-5 / 3703066245 |
| ISBN-13 | 978-3-7030-6624-5 / 9783703066245 |
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