Uns bleibt nur die Flucht (eBook)
456 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7583-9808-7 (ISBN)
Hinter dem Pseudonym T. T. Dives steht ein Autorenduo aus Vater und Sohn; beide leben und arbeiten in Berlin.
2
Dies wird nicht dein Tag, Trebellia! Kaum erwacht, musst du an den Ärger von gestern denken. Die Aussicht, dass dir der Vater zu allem Überfluss heute Morgen erneut seine Heiratspläne auftischen wird, verdirbt dir im Voraus auch das letzte bisschen Appetit. Du musst nur daran denken, dann vergeht dir die Lust aufs Frühstück.
Dennoch, deine Anwesenheit ist erwünscht. Und – Überraschung! – der Vater kündigt an, dass du nun endlich einen Mann nehmen wirst. Tausendmal die gleiche Rede! Sobald ihr wie jeden Sommer hinaus aufs Landgut gezogen seid, wird er den Nachbarn mit seinem Sohn einladen.
Du wagst zu widersprechen. Du weißt, was dir bevorsteht.
Doch der Vater wischt jedes Widerwort mit einer knappen Geste beiseite. Er hört dir nicht zu. Als ob er taub wäre! Die gleiche Leier: Du hast dich viel zu lange gesträubt. Alles ist schon verabredet. Dich zu fragen war unnötig, nur eine Höflichkeit.
Wer fragt schon das späte Mädchen! Fragen? Nein, er hat dich wissen lassen …
Eine verrückte Idee, die nicht deinem Wohl, sondern den Interessen deines Vaters dient.
Allein – hat dein Widerspruch denn überhaupt Sinn? Lange genug hast du ihm zu trotzen versucht. Er wird dich genau dem Mann an den Hals werfen, der ihm bei seinen schwachsinnigen politischen Ambitionen nützt. Viel zu viel hast du gehört von all den Luftschlössern. Dennoch!
„Ich habe mich nicht geweigert, falls du dich erinnerst. Was kann ich dafür, dass der, den du für mich ausgesucht hast, sich irgendwo in Hispanien niedermetzeln lässt!“
„Es ist die gleiche ehrenwerte Familie!“
„Ah, ja, Familienehre! Dann eben der kleine Bruder; die zweite Wahl ist gut genug für mich.“
„Nimm doch Vernunft an! Was kann ich dafür, dass dein Bräutigam gefallen ist?“
„Das ist dir doch egal. Hauptsache, du hast endlich Nummer vier deiner Töchter aus dem Haus!“
Für mehr als eine Nummer reicht es nicht in einer gut römischen Familie.
„Mit welchem Recht forderst du mehr als deine Schwestern?“ Es fällt ihm schwer, die Beherrschung zu behalten. Er kann sich überhaupt nicht in dich hineinversetzen. Marcus und die Schwestern ebenso wenig. Das ist das eigentliche Problem in dieser Familie.
Gestern hast du den Hochmut der Tertia zu spüren bekommen. Sie wird niemals anerkennen, dass du anders bist als sie und die beiden Großen. Kann einfach nicht zuhören! Ein Glück, dass sie als Einzige hier in Placentia lebt. Säßen dir alle drei im Nacken – du würdest sterben vor Gram. Aber das versteht der Vater ja doch nicht.
„Deine Schwestern haben sich auch in ihre Rolle als Hausherrin gefunden.“
Fang nur nicht an zu heulen! „Mit so einem wie diesem rothaarigen Gockel? Willst du im Ernst, dass ich werde wie die Tertia? Ein Wunder, dass sie ihrem Rufus statt der rotznäsigen Bälger keine Hühner geboren hat. Fett wie eine Glucke ist sie ja schon und beinahe so schwammig wie ihr Ehemann. Hält sich für den Inbegriff der römischen Matrone, aber im Kopf nichts als Stroh. Und die beiden Großen sind doch genauso beschränkt!“
„Und du hast stattdessen alberne Flausen im Sinn. Welcher Mann ist denn bereit, sich mit solchen Narrheiten abzufinden?“
Gute Göttin, zeig einen Weg aus dem Labyrinth!
„Lieber werde ich gefressen vom Minotaurus als gerettet von einem Dummkopf wie meinem Schwager! Ich will einen Mann, mit dem ich mich über mehr unterhalten kann als über Pferdehintern!“
„Was willst du? Einen Rechtsgelehrten? Hier bei uns? Ich kann nur mit ehrlichen Landwirten dienen!“
„Ich will einen Ehemann, der nicht einschläft, wenn ich mit ihm reden möchte!“
„Wann Zeit zum Reden ist, entscheidet immer noch der Herr des Hauses.“
„Also nie. Wann immer du Besuch bekommst, bin ich nur ein hübsches Ornament am Rande der Tafel. Falls ich überhaupt anwesend sein soll – wer fragt schon nach mir. Und wenn, dann wird gleich jemand anderes für mich antworten. Wie bei der Hochzeit jetzt. Wer fragt nach meinem Befinden?“
„Du tust ganz einfach, was sich ziemt.“
Ja, was sich ziemt.
Wird sich an dir erneut das Schicksal deiner Mutter erfüllen?
Auch sie war nicht glücklich, das weißt du aus all den Andeutungen von diesem und jenem. War auch sie verhökert worden, um die Bindung zwischen zwei Familien zu stärken? Was ist daraus geworden?
Seltsam, du hast nie einen ihrer Verwandten kennengelernt. Es ist, als hätte mit dem Tod der Mutter ihre Familie aufgehört zu existieren.
„Was sich ziemt, Vater? Galt das auch für unsere Mutter? Gute
Nachricht: Sie schweigt seit vielen Jahren schon!“
Das verschlägt ihm erst einmal den Atem. Nun schweigt er.
Und du trittst nach:
„Ich brauche keine Bildung zum Ausbrüten eines Erben. Wozu also all das Griechisch und die Rhetorik vom alten Philippos und von Pytheos?“
„Nicht diesen Namen! Hab ich ihn nicht freigelassen? Aus Dankbarkeit, weil er mein jüngstes Kind vom Fieber geheilt hat. Und was tut er? Statt wie ein ehrlicher Klient seinem Patron beizustehen, flieht er zu diesem Gladiator! Nun, dein Bruder hat beigetragen, diese Brut zu tilgen. Wenigstens ein Kind, auf das ich stolz sein kann!“
Er hat sich wieder in der Gewalt. Er ist der Herr im Hause.
„Und was soll ich tun, damit du stolz auf mich sein kannst?
Mich verschachern lassen wie eine Sklavin? Unsere Sklavinnen haben wenigstens einen Namen.“
Nein, das fordert ihn nicht mehr heraus.
„Willst du mir die Sitten unserer Väter vorhalten? Ich folge nur der Tradition.“
Er winkt ab und stopft sich ein paar Oliven in den Mund.
Du hast verloren, wirst enden wie deine Schwestern, als Matrone, deren Geschmeide ihre Söhne sind, und deine Worte werden kaum mehr gelten als ein Echo der Rede deines Gatten.
Ging es so deiner Mutter? Ist sie erstickt in diesem Haus, hat sie gleich dir die Beklemmung in der Brust gespürt, als ob die Wände dich erdrücken wollten?
Dir fehlt die geistige Weite, die du empfunden hast, als Pytheos noch bei euch lebte. Der, den der Vater verflucht. Er war es, der dir das Atmen leicht werden ließ.
Der neue Hauslehrer, kaum älter als dein Bruder, den der Vater gekauft hatte, weil der gebrechliche Philippos, der euch bis dahin zu unterweisen pflegte, seinen Pflichten kaum mehr nachkommen konnte. Pytheos hat dich deine Rolle vergessen gemacht, hat dir von Dingen erzählt, die den Gesichtskreis deines Städtchens, des Landguts und der paar Bekannten weit überstiegen. Geschichten von Orten, die du nur aus Büchern kennst, als der alte Philippos dich lesen lehrte: Athen, Antiochia, Alexandria …
Wie oft hast du geträumt, alle diese Orte selbst zu sehen, sie zu betreten und ihren Puls zu spüren. Stattdessen stirbst du hier vor Langeweile, hörst dir die Vorhaltungen des Vaters an und bekommst keinen Bissen hinunter. Denn dieser Traum ist unerfüllbar für das künftige Weib eines Gutsbesitzers hier am Rande der Welt. Auf Reisen gehst du nur, um deinem Vater oder deinem Mann zu folgen.
Allenfalls dein Bruder Marcus könnte von solchen Zielen träumen. Vielleicht führt ihn ja sein nächster Feldzug dorthin – jetzt, wo das Sklavenheer besiegt ist.
Du aber wirst ersticken in den uralten Mauern und Regeln. Hier in dem kleinsten, piefigsten Provinznest, das es im ganzen Lande gibt. Was wagst du zu träumen von den Märkten am anderen Ende der Welt!
Pytheos hat dir diesen Traum geschenkt. Und er war es auch, der dir einen eigenen Namen geschenkt hat. Wenn schon deine Amme Oinone – eine Sklavin – ihren Namen hat, warum dann nicht die Tochter des Herrn?
Man hätte ihn bestraft, wäre solche Vertrautheit zwischen der Herrentochter und dem Sklaven ruchbar geworden. Jetzt aber ist er fort. Geflohen mit dem Versprechen, zurückzukommen und dich zu holen.
Pytheos hat dir einen Traum geschenkt.
Das ist lange her. Das Heer des Spartacus dahin.
Heute Abend, auf dem Gut angekommen, hast du nicht einmal mehr diese kleine spießige Stadt.
Bei Minerva! Warum sitzt du noch hier beim Vater; er hat gewonnen, hat dir gesagt, was dich demnächst erwartet. Dann kannst du ihm auch die Genugtuung gönnen und vom Tisch aufspringen wie ein verärgertes Kind. Mehr bist du ohnehin nicht für ihn. Und dir bleibt nicht mehr als dieser kindische Protest.
Auf mit dir, ruf Oinone. Du weißt, was du heute noch zu tun hast. Die Amme erscheint, den Entschluss ihrer Herrin zu hören und zu gehorchen.
„Was soll das nun wieder?“
Haha! Mag der Vater auch grollen – eine Antwort wird er nicht erhalten. Du musst einfach noch einmal auf den Markt, bevor die Entlegenheit des Gutes dich den Sommer über verschlingt.
Noch einmal hinein in das Gewimmel, so bescheiden es sein mag, Leben um dich spüren, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wer du bist und die anderen um dich herum.
Nicht auf jedes Wort, jede Geste, jeden...
| Erscheint lt. Verlag | 12.12.2023 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| ISBN-10 | 3-7583-9808-8 / 3758398088 |
| ISBN-13 | 978-3-7583-9808-7 / 9783758398087 |
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Größe: 552 KB
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