Von ganz, ganz unten (eBook)
372 Seiten
Bundeslurch Verlag
978-3-96350-686-4 (ISBN)
Autobiographie eines Zeitzeugen
1933 in Hamburg geboren, Vater Jude, Mutter Christin. Er der Ju?ngste von insgesamt acht Kindern, vier Mädchen, vier Jungs.
1933 kam der Vater vom Aufbau des KZ Esterwegen zu den bekannten Moorsoldaten, später ins Stammlager Sachsenhausen. 1945 kam er zur Familie zuru?ck, die Ehe wurde geschieden. Sein Leben in der Lagerzeit wurde von Grausamkeiten bestimmt.
Die Mutter musste jeden Monat zur Gestapo. Sie kämpfte um das Leben ihrer Kinder wie eine Löwin. Was sie alles erleiden musste, kann man gar nicht beschreiben. 1938 ließ sie ihren Ju?ngsten Ivar noch in Hamburg-Horn einschulen. Hätte sie ihm das bloß erspart. Seine Erlebnisse sind an Grausamkeit nicht zu u?berbieten. Was Sie daru?ber in seinem Buch lesen, ist Wort fu?r Wort wahr! Bis heute plagen ihn Albträume.
1942 verliert die Familie, außer der Mutter, die deutsche Staatsbürgerschaft und die Deportation drohte. Die 9-köpfige Familie hält zusammen wie Pech und Schwefel. Die Kinder vergöttern ihre Mutter für die unglaublichen Leistungen bis an das Lebensende.
Der 3. Mai 1945 beendete die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten. Aber was kam dann? 1946 wurden Ivar und seine Schwester Felicitas wieder eingeschult. Aber die beiden mussten bereits nach 6 Wochen die Schule abbrechen. Erneut hatte der Antisemitismus sie vertrieben.
Im Alter von 15 Jahren beschloss Ivar, die Familie mit über Wasser zu halten und nahm die unmöglichsten und schwierigsten Jobs an. Unter anderem reinigte er auf einem großen Tanker die Süßwassertanks - beschwerlich und lebensgefährlich.
Im Jahre 1954 lernte er seine spätere Ehefrau Dagmar kennen - der absolute Wendepunkt in seinem Leben! Seiner Frau verdankte er praktisch seine 'Wiedergeburt'. 1963 Firmengru?ndung mit einem Partner - Firma Buterfas & Winkelmann. Nachdem sein Partner ihn auf das Widerwärtigste betrog, gru?ndeten Dagmar und Ivar 1970 die neue Firma Buterfas & Buterfas. Sie feierte 50-jähriges Bestehen und wird vom Schwiegersohn erfolgreich gefu?hrt.
Die wunderbare Hamburger Kathedrale St. Nikolai wu?rde 1943 im Feuersturm zerstört. Sie ist mit 148m heute noch die dritthöchste Kirchturmspitze der Welt. Nur der Turm und Reste des Kirchenschiffes u?berstanden den Bombenhagel. Niemand ku?mmerte sich um die mahnenden Überreste. Als erster Vorsitzender des Förderkreises 'Rettet die Nikolaikirche' sammelte Ivar - auch mit Unterstu?tzung des Hamburger Senates - circa 20 Millionen DM und auch Euro, um das nun international bekannte Mahnmal zu erhalten. Viele Zeitungen nannten ihn den 'Retter von St. Nikolai'.
Eines der schlimmsten Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte ist das ehemalige Lager Sandbostel in der Nähe von Bremervörde. Das Lager Sandbostel wurde 1939 von den Nazis errichtet. Es entwickelte sich zu einer Massenvernichtungsstätte. Nahezu 40.000 Menschen aus 80 Nationen sind hier bestialisch gequält worden und umgekommen. Bei der Befreiung im April 1945 lagen die Toten auf der Wiese und in den Baracken. Die Engländer bezeichneten dieses Lager als Klein Bergen-Belsen. Die aktive Hilfe fu?r die Mitglieder des Gedenkstättenvereins in Bremervörde bezahlte Ivar mit handfesten Morddrohungen gegen seine Ehefrau und seine eigene Person. Sein privates Haus gleicht einer Festung.
Erschreckenderweise ist bei beiden Projekten - St. Nikolai und Sandbostel - der Antisemitismus gegenu?ber den Autoren aus den eigenen Reihen offen zutage getreten. Von Mitstreitern im Ehrenamt - unglaublich!
Ein Zeitzeuge des Holocaust - das Alter von fast 90 Jahren hindert Ivar Buterfas-Frankenthal nicht daran, weiterzumachen. Das Thema ist aktueller denn je.
Ivar Buterfas-Frankenthal, Jahrgang 1933, geboren und aufgewachsen in einer Hamburger jüdischen Familie. Überlebt die Nazizeit in Verstecken. Später Bauunternehmer und Boxpromotor. Umtriebig und engagiert in verschiedenen Projekten, die sich mit der Geschichte, insbesondere mit Drittem Reich und Holocaust, beschäftigen. Ivar Buterfas-Frankenthal sieht es, auch jetzt und gerade in seinem Alter als einer der wenigen verbliebenen Zeitzeugen und Überlebenden des Holocausts, als wichtigste Aufgabe an, an Schulen, Universitäten und andernorts auf die Gefahr hinzuweisen, die von der 'Neuen Rechten' ausgeht. Mehr unter www.von-ganz-ganz-unten.de
Kapitel 1:
Wir sind angekommen
Wenn meine Frau Dagmar und ich noch einmal die Wahl hätten – was in unserem Alter wohl kaum noch in Frage kommen wird – nach einem anderen Wohnort Ausschau zu halten, dann fiele unsere Wahl nur auf einen Ort, und das ist Bendestorf.
Seit mehr als vierzig Jahren haben sich in dem Gebiet, wo wir damals unser Haus gebaut haben und es nur drei Nachbarn gab, eine Menge Menschen angesiedelt. Trotzdem hat dieser Ort seinen Reiz und seinen Charme bis heute nicht verloren. Jahrelang habe ich morgens meinen Weg über die Autobahn in das dreißig Kilometer entfernte Hamburg genommen. Wenn ich abends heimkam und kurz vor dem Schierenberg war, musste ich immer zuerst einen Blick auf das historische Gebäude der Thiemann-Scheune werfen. Auf der gegenüberliegenden Seite der Thiemann-Scheune, in der oft Versammlungen und Besprechungen abgehalten wurden, war der bekannte »Schlangenbaum« – Hotel und Gaststätte – und diente vor allem als Hotel für die vielen Filmschaffenden, die in den Filmhallen von Bendestorf dem Nachkriegsdeutschland die ersten schönen Spielfilme ermöglichten. Hier gaben sich alle Spitzen der UFA die Klinke in die Hand und drehten die ersten spannenden Filme, unter anderem mit der Sünderin Hildegard Knef, die den älteren Deutschen noch ein Begriff sein wird. Rolf Meyer, der erste Deutsche, der von der britischen Militärregierung eine Lizenz bekam Filme zu drehen, übernahm auch noch das ehrenvolle Amt des Bürgermeisters.
Aber auch das ist deutsche Geschichte: Das deutsche Fernsehen, das auch eine Zeit lang in den Hallen von Bendestorf zuhause war, hatte bald seine eigenen Studios in Hamburg-Rahlstedt. Wie oft die Hallen auch von Filmleuten genutzt wurden oder von Musikstudios, später hat es dazu geführt, dass der gesamte Betrieb eingestellt wurde. Für eine bedeutende Filmgeschichte, die wir Rolf Meyer verdanken, gibt es heute zur Erinnerung eine Halle, in der alle Schätze aus dieser ruhmreichen Zeit aufbewahrt werden. Man kann in diesem Zusammenhang, um die Bedeutung dieser Einrichtung deutlich zu machen, nur sagen: Helden gehen und Legenden bleiben.
Wenn ich den Schierenberg entlangfahre – es geht bergauf – säumen bis zum Rolf-Meyer-Weg mehrere Einfamilienhäuser beide Straßenseiten. Dann bin ich angekommen an der Spitze meines Berges und fahre nun wieder ins Tal und zu meinem Haus. Das bezeichne ich als ganz besonderen Charme.
Ich glaube, der liebe Gott muss eine recht schwache Stunde gehabt haben, als er diesen Ort schuf. In den Nachbargemeinden gibt es auch ein paar spitze Zungen, die vielleicht etwas neidvoll auf das wunderschöne Bendestorf schauen und schnippisch meinen, die die dort leben bildeten sich ein, es sei das Blankenese von Niedersachsen.
Aber was soll ich Ihnen noch alles über diesen Ort sagen?
Da gibt es Bendestorfs höchsten Punkt, das ist der Sonnenberg. Schon bei der Nennung dieses Namens wird einem warm ums Herz. Steht man da oben auf dem Sonnenberg, hat man einen wunderschönen Blick auf das Tal, das in unmittelbarer Nähe auch noch eines der schönsten Waldgebiete Niedersachsens bereithält. Es wird nicht nur von den Bendestorfern als besonders schön empfunden. Spaziergänge beginnen in Bendestorf, führen durch einen märchenhaften Wald und enden schließlich an der Waldklinik Jesteburg. Lassen Sie mich bitte noch etwas weiter schwärmen, denn das, was ich Ihnen jetzt sagen möchte, ist auf keinen Fall zu unterschlagen: Dort haben meine Frau und ich, nachdem wir uns etwas eingelebt hatten, die schönsten Stunden verlebt, die man sich denken kann, im Kreise vieler Freunde.
Während wir unser Haus bauten, nahmen wir einen ganz deutlichen Brandgeruch wahr – das traditionsreiche Haus Meinsbur – ein ganz besonderes Haus – stand in hellen Flammen. Heute strahlt es wieder in altem Glanze. Besitzer haben zwischenzeitlich gewechselt, aber von seinen Wohlfühl-Elementen hat es nichts eingebüßt. Dort haben wir uns oft getroffen, dort entstanden herzliche Freundschaften.
Da war Bruno, er hatte einen Fahrdienst: Taxi und Bus, erst fuhr er in der Hochzeit die Stars, brachte sie nach Bendestorf, später erweiterte er seinen Fahrdienst und fuhr Kinder zu Schule und noch anderswohin. Wir trafen uns immer, und er brachte seine Lebensgefährtin Uschi mit. Da war Günther, der einen Autohandel hatte an der Hauptstraße von Bendestorf.
Noch viele andere Bendestorfer nahmen an diesen Treffen teil.
Ich werde nicht vergessen, dass ich einen Anruf bekam von einem Chefredakteur der Hamburger Bild-Zeitung, der hier in Bendestorf lebte und mich bat, mit ihm gemeinsam im historischen Haus Meinsbur das Ottilie-Springer-Zimmer einzuweihen. Ob es heute noch vorhanden ist, wäre zu überprüfen, wenn endlich die schreckliche Seuche, die allen Menschen furchtbar zu schaffen macht, einen Besuch wieder möglich werden lässt.
Einige Jahre später gründete ich mit viel Prominenz aus Hamburg und ganz Deutschland im Hotel Meinsbur die Internationale Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gesellschaft. Um nur einige wenige Persönlichkeiten zu nennen: Es waren Loki Schmidt, Professor Hermann Rauhe, Leiter der Hamburger Theater- und Musikschule sowie unser Freund Max
Schmeling und vor allem Justus Frantz. Er verspätete sich zu unserer Gründungsversammlung und schwebte dann sanft mit einem Hubschrauber auf dem Grundstück des Hotel Meinsbur ein.
Erwähnen möchte ich – so wurde mir von Leuten, die es wissen müssen, erzählt –, dass auch der Verleger Axel Springer zeitweise bei seiner Mutter in Bendestorf gelebt hat. Später, als ich mich in Hamburg mit der letzten Kriegsruine, die wir in der schönsten Stadt der Welt, wie behauptet wird, noch haben, befasste, lernte ich auch Henri kennen, der damals der Bürgermeister in Bendestorf war. Erst später, gemütlich bei einem heißen Rum, erzählte er mir, dass er nun die Gelegenheit wahrnehmen wolle, mir zu sagen, er sei ein echter Fan von mir, denn das, was ich in Hamburg mit St. Nikolai mache, sei eine bedeutende Sache. Die letzte Kriegsruine, ein Mahnmal, das wir heute unbedingt brauchen, denkt man nur daran, was in Rostock, was in Mölln, was in Hoyerswerda gleich nach der Wiedervereinigung in Deutschland passierte.
Später lernte ich Peter kennen, er war der nächste Bendestorfer Bürgermeister und erzählte mir ganz beiläufig, ich wäre ihm ja längst bekannt, denn ich hätte einmal eines seiner Gebäude in Hamburg sanieren dürfen. Auch Peter zog sich nach langer ehrenamtlicher Tätigkeit aus diesem Amt, auf das man sehr sehr stolz sein konnte, zurück.
Wie doch die Zeit vergeht, nun kenne ich schon den dritten Bürgermeister dieser so reizvollen Gemeinde, und das ist Bernd. Zu ihm habe ich eine ganz besondere Beziehung. Mit ihm habe ich schon viele Gespräche geführt und bin sehr glücklich darüber, dass er meiner Frau und mir die Ehre erwies, uns am 22. September 2021 ins Hamburger Rathaus zu begleiten. Dort erhielt ich von Bundespräsident Steinmeier das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Schon im Jahr 1991 verlieh mir Bundespräsident Richard von Weizsäcker das Bundesverdienstkreuz am Bande.
Unerwähnt möchte ich auf keinen Fall unser zwar kleines, aber wirklich bedeutungsvolles Rathaus lassen, und so erwähne ich es einfach, weil dort in der Vergangenheit – und ich hoffe auch in der Zukunft – all die ehrenamtliche Vereinsarbeit stattfinden kann sowie zahlreiche wichtige Veranstaltungen.
In diesem Zusammenhang erinnere ich vor allem an die bekannten Bendestorfer Klaviertage. Und auch viele Ehrungen wurden in diesem Haus vorgenommen. Außerdem kann man dort auch wählen, wenn es wieder an der Zeit ist. Und natürlich – das kann ich mit reinem Gewissen sagen – machen alle Bendestorfer ihr Kreuz an der richtigen Stelle. Rechte und rechtes Gedankengut haben in diesem fantastischen Ort keinen Platz.
Natürlich gibt es auch ein paar Kritikpunkte.
Wie in jedem anderen Ort in Deutschland gab es auch hier in den früheren Zeiten des tausendjährigen Reiches ein paar Wirrköpfe, ein paar willige Helfer in der Hitler-Koalition, aber an Verbrechen und Gräueltaten haben sie sich nicht beteiligt. Sie leben auch nicht mehr, niemand soll in Sippenhaft genommen werden – das haben wir längst hinter uns und es soll sich nie wiederholen.
Freuen würde ich mich – das ist ein ganz persönlicher Wunsch von mir, und ich sage dies auch für alle, die es nicht mehr können:
Gebt einer Straße hier – in einem schönen Teil der Wohngegend – den Namen »Götz George«.
Vor noch gar nicht langer Zeit, im Oktober 2021, bat mich die Gedenkstätte Yad Vashem in Israel, ob ich mich zur Verfügung stellen würde für einen Zeitzeugenfilm, den man gern mit mir drehen wolle. Spontan machte ich die Zusage, und ein größeres Filmteam war für mehrere Tage Gast in meinem Haus.
Um nach den Dreharbeiten wieder auf die Autobahn in Richtung Hittfeld fahren zu können, fuhren sie, weil es eine Umleitung gab, durch den Heinrich-George-Weg. Und fragten mich anschließend, ob das üblich ist, jemandem zu Ehren eine Straße zu benennen, der 1940 als Hauptdarsteller einen der schrecklichsten Hetzfilme gegen das jüdische Volk gedreht habe. Diese Form von Filmen hätte in der deutschen Bevölkerung für noch mehr willige Vollstrecker gesorgt. Niemand von der hiesigen Bevölkerung war dafür verantwortlich. Diese Filme mögen den Holocaust beschleunigt haben.
Man hat diese Namensgebung vielleicht – ohne nachzudenken und allein wegen der Bendestorfer Filmlandschaft – eher aus Versehen vorgenommen.
Götz George ist...
| Erscheint lt. Verlag | 7.12.2023 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| ISBN-10 | 3-96350-686-5 / 3963506865 |
| ISBN-13 | 978-3-96350-686-4 / 9783963506864 |
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