Die Schatten des Löwen (eBook)
268 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7583-5717-6 (ISBN)
Der Autor, 1954 im bayerischen Voralpenland geboren, war mehrere Jahre im Staatsdienst tätig, ehe sich ihm die Möglichkeit bot, seiner Passion nachzugehen: dem Schreiben. Der Herausforderung gehorchend, legt er sich jedoch auf kein bestimmtes Genre fest. Nach seinen Vorlieben befragt, würde er wohl antworten: Die Mystik und das Hochmittelalter. Bisher von ihm erschienen: Rückkehr nach Ganat (1998), Schuwenburg (2018) und Anno 2095 (2021).
DER KNAPPE
1.
Als wollte er all dies mit Blicken schier zertrümmern, stierte Ritter Markward auf Platten und Schüsseln samt Fleisch und Brot und allerlei Gebäck, die auf der gedeckten Tafel vor ihm reich platziert standen.
Mit der Rechten hielt er seinen silbernen Weinbecher gepackt, und der Duft des mit Honig gesüßten Weins stieg ihm in die Nase – doch selbst jener vermochte seinen wachsenden Grimm nicht annähernd zu besänftigen. Denn ihm gegenüber hockte Adalbert von Aue, Nachbar und auch Gefährte vor langer Zeit auf dem Zug ins Heilige Land – und der Anlass für seinen Grimm.
Trotz des prasselnden Feuers im hohen, offenen Kamin war es bitterkalt an jenem Abend im Januar des Jahres 1206; doch Markward spürte die Kälte nicht. Er knallte den Becher auf die Tafel, erhob sich und versetzte seinem Hocker einen Fußtritt, der das Möbel ans Ende des Rittersaals bis vor den Kamin schleuderte. Die Flammen der Fackeln an den Wänden aus groben Feldsteinen fingen an zu züngeln, so als fürchteten sie den Grimm des alten Ritters mit den wallenden, eisgrauen Haaren und den dunklen Augen.
Mit klobigen Händen stützte der sich nun schwer auf den Rand der Tafel und musterte den Nachbarn mit finsterem Blick aus schmalen Augenlidern. »Nehmt Euer Schandwort zurück, Adalbert«, mahnte er mit leiser Stimme. »Ich warte, Adalbert.«
Die hagere Gestalt aber blieb ohne Regung. Nur ein spöttisches Lächeln spielte über das schmale Antlitz mit der langen Hakennase. »Sucht Ihr Streit? Wollt Ihr Feindschaft um der alten Geschichten wegen?«, und das Lächeln verschwand. »Doch was wahr ist, darf gesagt werden: Es war einzig die Schuld von Richard Löwenherz, dass wir Jerusalem nicht erstürmen durften. Da er zauderte, blieb uns die Heilige Stadt verwehrt. Nur er allein vermochte den Angriff zu befehlen.«
Ungestüm stieß Markward sich von der Tafel ab, und seine massige Gestalt richtete sich drohend auf. »Unsinn!«, dröhnte die tiefe Stimme sodann durch den Saal. »Richard durfte den Angriff nicht wagen, da der feige Philipp von Frankreich ihn im Stich gelassen hatte! Johanniter, Templer, die Barone: Alle hatten sie gezaudert, keiner hatte sich getraut. Und mit solch verkommenem Haufen hätte der König einen Angriff wagen sollen? Ich danke Gott, dass Richard dereinst kein solcher Narr gewesen ist, wie Ihr nun einer seid.« Markward spürte sein Herz pochen. Nahezu vierzehn Jahre waren seither vergangen, doch immer noch sah er König Richards Abbild so klar und lebendig vor sich, als sei all dies erst vor Jahresfrist geschehen …
Malik, der Sarazene, der an einer der Längsseiten der Tafel saß, hatte bisher zu allem geschwiegen und nur immer wieder von einem zum anderen geblickt. Das dunkle, von einem schwarzen Vollbart umrahmte Antlitz zeigte keine Regung. »Ritter Markward hat recht«, wandte er sich nun an Adalbert. Er gebrauchte die ihm fremde Sprache fehlerlos, doch klangen die Worte rau und hart. »Richard durfte nicht angreifen. Bedenkt: Nach Philipps Abzug war er alleiniger Befehlshaber; seine Entscheidungen und seine Erfolge der einzige Halt für die Truppen. Was, hätte er versagt?«
Abschätzig verzog Adalbert die Mundwinkel. »Ihr verteidigt ihn, Malik – Ihr? Ihr ward doch unter den Gefangenen, denen Richard den Schädel abschlagen ließ. Allein durch Markwards Fürsprache seid Ihr am Leben, sonst hätte man Euch geköpft wie all die anderen.«
Maliks Gestalt straffte sich, und die große Narbe auf der rechten Wange schien dunkel werden zu wollen gleich den Augen. »Es war Krieg, Adalbert. Solche Dinge geschehen, selbst wenn sie nicht geschehen sollten. So schmälert denn mit Eurem Gerede nicht das edle Ansehen eines des größten Eures Standes.
Dies legt Euch ein Sarazene ans Herz, der gegen Richard und seine aufrechten Ritter gefochten hat.«
Sogleich fingen Markwards Augen an zu leuchten. »Gut gesprochen, Malik!«, und er warf Adalbert einen abfälligen Blick zu. »Im kleinen Finger vereint Ihr mehr Ritterlichkeit als so mancher, für den dies bloß ein hohles Wort ohne jeden Wert sein mag.«
»Welfenpack!«
Aller Blicke richteten sich zugleich auf den bald fünfzehnjährigen Rainald, der Malik gegenüber saß, und nun Markward, seinen Vater, anschaute, ohne eine Miene zu verziehen. »Heinrich, den sie den Löwen nannten. Richard, kein Welfe, doch wiederum ein Löwe – und just Otto, der Sohn des Heinrich. Dein halber König, den man dereinst allenfalls Otto, der zahnlose Kater heißen wird. Deine Herren, mein Vater.«
Zufrieden ruhte Adalberts Blick auf seinem jungen Knappen. Nun wies sich, Rainald war nicht nur im Umgang mit den Waffen sein gelehriger Schüler. Groß war er für sein Alter, beinah so groß wie sein Vater, und von kräftiger Statur, mit der die weichen Gesichtszüge, die ihm nahezu engelgleiches verliehen, nicht so recht zusammenstimmen wollten.
Dichtes blondes Haar, in Locken bis weit über die breiten Schultern fallend, verstärkten dies Bild noch.
Gebieterisch hob Markward die Rechte. »Dass du mein Sohn bist und seit geraumer Zeit Knappe dieses … dieses Ritters da, gibt dir noch lange nicht das Anrecht, derartig über König Richard und das Geschlecht zu reden, mit dem er verschwägert ist. Es wäre besser …« Hinter ihm hatte es an die alte Eichentür geklopft, und Markward wandte sich um.
»Tritt ein!« Knarzend schwang die Tür zur Seite hin auf, und Thomas, der junge, wohlbeleibte Kaplan der Burg, trat in den Saal, tief und heftig schnaufend.
Gewogen nickte Markward ihm zu. »Was wünscht du dringliches?«
»Verzeiht, ihr Herren, falls ich störe. Draußen vor dem Tor wartet ein frierender Knabe im tiefen Schnee. Er bittet um Quartier und überdies um ein Gespräch mit Euch, Herr. Er meinte, er habe eine wichtige Botschaft.«
»Ich erwarte aber keinen Knaben mit wichtiger Botschaft«, brummte Markward. »Lass ihn ein und gib ihm zu essen und zu trinken. Und sodann möge er die Nacht hier verbringen. Bei dem Wetter scheucht man keinen Hund vor die Tür. Und sage ihm, ich werde morgen früh mit ihm reden.«
»Ja Herr.« Thomas nickte, machte kehrt, watschelte schnaufend aus dem Saal und ließ die Tür weit offen stehen.
»Streunendes Gesindel«, murmelte Rainald nun und trommelte mit den Fingerspitzen der Rechten auf die Tafel. »Man sollte sie mit Fußtritten in den Schnee treiben.«
Doch Markward hatte es sehr wohl vernommen. »Bringt dir solches dein Meister bei?«, brauste er auf.
Adalbert jedoch lächelte Rainald zu. »Mir scheint, als habe dein Vater eine Schwäche für Gesindel, Knappe. Wie eigenwillig er eben noch Richard und seine …«
»Kein Wort!«, tobte Markward weiter. »Oder ich werde Euch die Antwort nicht schuldig bleiben!«, und er fasste mit der Rechten hurtig an den leeren Schwertgurt.
Adalbert fuhr von seinem Hocker auf. »Wolltet Ihr das Schwert ziehen, Nachbar …? Nur zu, holt es. Ich bin geneigt, gegen Euch zu fechten, obgleich wir einst Waffengefährten waren und Nachbarn sind.«
Nun stand auch Malik auf und hob die Arme zur Seite. »Genug jetzt! Ich bitte Euch – wozu der unselige Streit um längst Vergangenes? Lasst es doch ruhen, es gibt reichlich hier und jetzt, um das sich zu kümmern lohnt!«
»Schweig, schwarzer Heide!«, fuhr Adalbert ihn an. »Ein verfluchter Sarazene hat mir nicht zu gebieten – geh dorthin zurück, von wo du hergekommen bist!«
Da fing Markward jäh an zu schnauben, packte dann die Tafel mit beiden Händen an der Kante, hob an und schleuderte sie zur Seite. Rainald hatte gerade noch hastig aufstehen und zurückweichen können, ehe Schüsseln, Platten, Trinkgefäße, Brot und Fleisch verteilt auf dem Fußboden gelandet waren.
Schnellen Schrittes war Markward sogleich bei Adalbert, baute sich drohend vor ihm auf und ballte die Hände.
Der jedoch starrte ihn nur erhobenen Hauptes an.
»Höre, du edler Herr«, knurrte Markward sodann. »Du hast Malik geschmäht, der mein Gast ist und Freund – somit hast du auch mich geschmäht. Meine Ehre lässt nicht zu, dich noch zur Stunde hinaus in Nacht und Kälte zu jagen. Doch vor Sonnenaufgang bist du fort von hier, andernfalls werfe ich dich an ihrer höchsten Stelle eigenhändig über die Mauer.«
Er schaute zu seinem Sohn, der bis zur Wand des Saales zurückgewichen war. »Ich mag dir nicht verwehren, ihm ferner als Knappe zu dienen. Entscheide also hier und jetzt, ob du mit ihm ziehst – oder fortan einem anderen Ritter als Knappe folgen willst.«
Rainald stieß sich mit dem Rücken von der Wand ab und nickte Markward zu. »Wir leben in einem Land, in dem man zwischen zwei Königen wählen darf«, und er spuckte zur Seite hin aus. »Otto auf der einen, und Philipp...
| Erscheint lt. Verlag | 21.11.2023 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
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| ISBN-10 | 3-7583-5717-9 / 3758357179 |
| ISBN-13 | 978-3-7583-5717-6 / 9783758357176 |
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