Schwedenschanze (eBook)
248 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-384-03185-3 (ISBN)
Wilfried Bremermann wurde 1963 in Rahden in Westfalen geboren. Nach Abitur und Bundeswehr machte er eine Berufsausbildung zum Bankkaufmann. Nachdem er viele Jahre in der Kundenberatung gearbeitet hatte, ist er heute in der Internen Revision eines regionalen Kreditinstituts tätig. Er lebt mit Frau und Kindern im westfälischen Hille bei Minden.
Wilfried Bremermann wurde 1963 in Rahden in Westfalen geboren. Nach Abitur und Bundeswehr machte er eine Berufsausbildung zum Bankkaufmann. Nachdem er viele Jahre in der Kundenberatung gearbeitet hatte, ist er heute in der Internen Revision eines regionalen Kreditinstituts tätig. Er lebt mit Frau und Kindern im westfälischen Hille bei Minden.
1
Der Fall Tramann war für mich zunächst gar kein Fall, sondern die hanebüchene Räuberpistole einer durchgeknallten Sekretärin. Wie hätte ich ahnen können, dass daraus die größte Katastrophe meiner Karriere erwachsen sollte?
Es war ein nebliger Herbstmorgen und ich war unzufrieden. Dafür gab es verschiedene Gründe. Da war zum einen mein neues Büro. Die Einrichtung war noch nicht vollständig. Es fehlten Aktenschränke und weiteres Mobiliar. Lediglich Schreibtisch und Stuhl waren vorhanden. Ihre Möbel kommen in vierzehn Tagen. Nur dass diese vierzehn Tage bereits zwei Monate zurücklagen. Ich arbeitete also umkreist von Akten, die auf dem Teppich verteilt um mich herumlagen wie ein Schutzwall. Das war das eine. Das andere war, dass noch etliche Handwerkerarbeiten zu erledigen waren. Die Elektrik funktionierte nicht einwandfrei. Wenn ich die Kaffeemaschine einschaltete, ging das Licht auf dem Klo aus und solche Spielchen. Und dann war da noch die Heizung, so ein modernes Wärmepumpendings, das ein störrisches Eigenleben führte. An einem Tag war die Bude warm, am anderen schien es, als hätte die Anlage ihre Tätigkeit eingestellt. Unlust oder Streik, weil ich nicht mit ihr sprach – ich wusste es nicht. Aber es war Herbst, das Thermometer zeigte schlappe fünf Grad und ich brauchte die Wärme, verdammt noch mal. Und dies war ein Streiktag. Ich schrieb meine Berichte also mit eingefrorenen Fingern, kalter Nase und noch kälteren Füßen.
Apropos Berichte. Nicht nur das Büro machte mir Sorgen, auch arbeitstechnisch hatte ich Stress. Die Landwirtschaftliche Versicherung machte Druck. Ich hatte für sie einen Fall von Versicherungsbetrug übernommen. Ein Kunde stand im Verdacht, sich durch fingierte Auffahrunfälle ein nicht unerhebliches Zusatzeinkommen verschafft zu haben. Seit zweieinhalb Jahren trat er regelmäßig mit Ansprüchen an Versicherungen heran, weil andere Autofahrer beim Bremsen auf ihn aufgefahren waren. Getreu dem Motto „Wer auffährt, ist schuld“, wurden dem armen Opfer nicht unerhebliche Geldbeträge überwiesen. Es gab mindestens vier solcher Unfälle und in jedem Fall gab es Unklarheiten, um es gelinde auszudrücken, warum unser Freund denn gebremst hatte. Das war das, was ich recherchieren konnte. Wahrscheinlich aber war er mit seinem Geschäftsmodell schon wesentlich länger am Markt. Der Landwirtschaftlichen war er schließlich aufgefallen, weil sie das zweite Mal in drei Monaten in Anspruch genommen worden war. Und so kam ich ins Spiel. Ich hatte mir Akten kommen lassen und war dem Täter auf die Schliche gekommen. Nun lag der Fall beim Gericht und sollte in zwei Tagen verhandelt werden. Von meiner Seite mussten noch letzte rechtssichere Beweise recherchiert und dokumentiert werden, eine Aufgabe, die mich wahrscheinlich noch einige Stunden Schlaf kosten würde.
Das also war meine aktuelle Lage. Und in diese Situation platzte Venka Tramann.
Die Fallakte auf dem Schoß, den Stift in meinen kalten Fingern, saß ich eng zusammengerollt (um nicht zu viel Körperwärme zu verlieren) an meinem Schreibtisch und überlegte die weitere Strategie in dem Versicherungsfall. Meine Gedanken wirbelten durcheinander und ich suchte angestrengt den Fokus, um sie zu kanalisieren. Deshalb hörte ich das Klopfen zunächst nicht. Aber mein Unterbewusstsein registrierte, dass etwas nicht in Ordnung war, und – peng – war meine Gedankenflut in den Windungen meines kalten Hirns zum Stillstand gekommen.
Es klopfte ein zweites Mal, resoluter dieses Mal, so laut und unmissverständlich, dass auch mein Hauptbewusstsein es mitbekam. Die Eingangstür. Jemand begehrte ganz heftig Einlass. Ich konnte mich nicht erinnern, abgeschlossen zu haben. Trotzdem erhob ich mich und ging, verärgert über die Unterbrechung, zur Tür, um nachzusehen, wer mit solcher Vehemenz mein Büro stürmen wollte. Ich kam bis zur Vorderkante des Schreibtischs, als die Tür mir auch schon entgegenkam. Und mit der Tür eine Furie.
„Sie müssen mir helfen!“
Ich will nicht sagen, dass die Frau schrie, aber ein Dezibel mehr und ich hätte mich in Langenhagen oder Jagel vermutet.
Sie war Ende zwanzig, etwas größer als ich. Ihre Kleidung – Chinos, Bluse, Windjacke – entsprach dem Outfit einer ordentlichen Angestellten, vielleicht einer Sekretärin. Lippenstift, Rouge und Eyeliner unterstrichen den Eindruck und zeugten von einem hohen Anspruch der Frau an sich selbst. Das einzige, das den Gesamteindruck störte, waren ihre gehetzten blauen Augen und das blonde, mittellange Haar, das in Strahlen von ihrem Kopf abstand, als wäre sie durch einen Windkanal gelaufen.
„Sie müssen mir helfen“, wiederholte sie, während sie auf mich zu stöckelte. „Ich werde verfolgt.“ Ihr Atem ging stoßweise, als wäre sie den Weg zu mir gelaufen.
Ich blickte nach draußen und konnte kein Auto entdecken, jedenfalls nicht am Straßenrand vor meinem Büro. Ich wandte mich ihr zu. Ihr Parfüm fand den Weg in meine Nase, dezent, weich, teuer. Ich wies auf die beiden Besucherstühle, die vor dem Schreibtisch standen. „Beruhigen Sie sich. Setzen Sie sich doch erst einmal.“ Sitzen, zur Ruhe kommen half in den meisten Fällen.
Ihr Blick streifte gehetzt umher, als suche sie im Büro nach ihren Verfolgern. Erst als sie sicher war, dass mein Büro sauber war, setzte sie sich. Ich tat dasselbe.
„So“, sagte ich, „jetzt noch mal von vorn. Wer verfolgt Sie?“
„Ich weiß es nicht. Männer. Zwei, glaube ich.“
„Und warum werden Sie verfolgt?“
„Ich weiß zu viel.“
Ich runzelte die Stirn. Erst wusste sie nichts, dann wusste sie zu viel. „Zu viel wovon?“
„Es geht um meinen Job. Ich habe etwas mitbekommen, was ich nicht hätte wissen dürfen.“
Watergate in Hille? Meine Runzeln wurden tiefer. „Ein Dienstgeheimnis?“
Es kam ein lautes, empörtes „Nein! Ein Verbrechen.“
„Ein Verbrechen?“ Mein Interesse wuchs. „Sie sind also auf der Arbeit Zeugin eines Verbrechens geworden?“
„Nein, so einfach ist das nicht. Es geht um mehr. Um viel mehr.“
„Für wen arbeiten Sie, Frau …“
Sie schüttelte ihr Haar, wie um es auf die Antwort vorzubereiten. „Tramann. Venka Tramann. Und ich arbeite für Robert Hallmann.“
Bei dem Namen klingelte was bei mir, doch wie so oft, wenn man Namen in völlig anderem Zusammenhang hört, kam ich nicht auf die Lösung.
Venka schien meine Unwissenheit zu erkennen. „Sie wissen schon, Robert Hallmann, der Bundestagsabgeordnete.“
Jetzt, wo sie es sagte… Robert Hallmann, der heimische CDU-Abgeordnete für den Bundestag. Na klar, ich kannte ihn aus der Zeitung. Ein sympathischer Zeitgenosse, der – zumindest in den Medien – sehr engagiert für den Mühlenkreis auftrat. Ich hatte ihn nicht gewählt, weil ich es nicht so mit seiner Partei hatte, aber er schien einen gu ten Job zu machen.
Ich wurde neugierig. „Und was genau ist vorgefallen?“
Venka rutschte nervös auf ihrem Stuhl hin und her. „Ich weiß es nicht. Da sind mehrere Dinge. Irgendwas geht da vor. Hallmann ist in letzter Zeit so anders. Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. Schwermütig oder so, als würde ihn etwas bedrücken. Er ist auch nicht mehr so nett. Ständig raunzt er Bea und mich an. Vielleicht, weil Bea was aufgedeckt hat. Und jetzt ist Bea tot.“
„Bea?“
„Meine Kollegin. Meine Freundin. Wir sind… waren beide Hallmanns Sekretärinnen, eine in Berlin, eine in Minden. Wir wechselten uns mit den Einsatzorten immer ab. Und jetzt ist Bea tot. Sie wurde ermordet, ich spüre es.“
„Ermordet?“ Meine Ohren wurden größer. „Warum glauben Sie, dass sie ermordet wurde?“
„Wegen Hallmann. Wegen seiner Geschäfte. Da läuft was Illegales. Ich spüre es. Irgendwas mit Grundstücken.“
„Noch mal zum Mitschreiben. Sie glauben, Ihr Chef ist in dunkle Machenschaften verstrickt. Ihre Kollegin hat das herausbekommen und wurde deshalb von Hallmann ermordet.“
„Nicht von Hallmann. Von seinen Tschakos. Und jetzt sind sie hinter mir her.“
„Frau Tramann, wenn das stimmt, was Sie sagen…“ Was ich allerdings nicht recht glaubte, es klang doch zu sehr nach Fernsehkrimi. „…dann sollten Sie zur Polizei gehen. Die werden Ihnen helfen.“
Beim Wort Polizei wurden Venkas Augen feucht. „Die Polizei.“ Wie sie es sagte, klang es verzweifelt, beinahe so, als hätte sie schon aufgegeben. „Bei denen war ich schon. Die glauben mir nicht. Die halten mich für durchgeknallt.“
Na ja, der Gedanke war mir auch gekommen.
„Bitte, Frau Borowski, Sie sind meine einzige Hoffnung. Hallmanns...
| Erscheint lt. Verlag | 30.9.2023 |
|---|---|
| Verlagsort | Ahrensburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Schlagworte | detektivroman • ergreifend • humorvoll • Krimi • Lavinia Borowski • Mühlenkreiskrimi • Privatdetektivin |
| ISBN-10 | 3-384-03185-7 / 3384031857 |
| ISBN-13 | 978-3-384-03185-3 / 9783384031853 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich