Lebensbrüche (eBook)
760 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7565-6613-6 (ISBN)
Der Autor, geboren 1941 in Leipzig, arbeitete nach seiner Dienstzeit als Offizier an einer Bildungseinrichtung und studierte Philosophie. Nach der politischen Wende leitete er bis 1999 eine Einzelhandelsfirma.Er ist seit 1962 verheiratet und hat vier Kinder. In mehreren Anthologien ist er mit Texten vertreten. 2002 veröffentlichte er 'Filosofische Märchen', 2004 'Kann ich mit dir ?', 2010 'Kriegskinder', 2020 'Was wäre, wenn...', 2021 'Sammelsurium' Seit 1977 lebt er in Erfurt
Der Autor, geboren 1941 in Leipzig, arbeitete nach seiner Dienstzeit als Offizier an einer Bildungseinrichtung und studierte Philosophie. Nach der politischen Wende leitete er bis 1999 eine Einzelhandelsfirma.Er ist seit 1962 verheiratet und hat vier Kinder. In mehreren Anthologien ist er mit Texten vertreten. 2002 veröffentlichte er "Filosofische Märchen", 2004 "Kann ich mit dir ?", 2010 "Kriegskinder", 2020 "Was wäre, wenn...", 2021 "Sammelsurium" Seit 1977 lebt er in Erfurt
Mutter und Sohn
Bernd lebte in zwei Kindergemeinschaften: Da war seine Klasse und dort seine Straße. In seiner Klasse fand er sich schnell zurecht. Alle seine Mitschüler mussten sich beschnuppern. Bernd wusste am nächsten Tag noch jede Minute des Schultages. Er brauchte sich nicht anstrengen, verblüffte seine Lehrer und Mitschüler. Ähnliches hat er schon erlebt.
Im letzten Kriegsjahr heulten oft Luftschutzsirenen. Im Kellergepäck nahm Mutter ein kleines Bilderbuch stets mit hinunter. Unter Bombeneinschlägen las sie ihm kleine Texte vor. Viele lange Bombennächte schufen schreckliche Gewohnheit. Einmal flüchteten Fremde in ihren Keller, ein Schulmädchen dabei. Bernd sah ins Buch, das Mädchen neben ihm buchstabierte: „Ja – nu – ar.“ – „Richtig“, entfuhr es Bernd. – „Ach, du Knirps. Du weißt es, aber ich kann das richtig lesen.“ Laut las sie die Zeilen. – „Das kann ich auch“, unterbrach sie Bernd und sprach den ganzen Text. – „Kunststück, eine Seite kannst du auswendig. Kannst du auch den Februar?“ – Bernd konnte, bis zum Dezember. Das Mädchen staunte: Der Knirps kann schon lesen! – Ein zweites Buch gab es nicht im Luftschutzkeller. Das Mädchen sah er nie wieder. Ihre großen, erstaunten Augen vergaß er nie.
Als er die erste Eins erhielt – was denn sonst, war doch ganz leicht – sagte er zu den kräftigeren Mitschülern: Ich helfe euch, sage vor. Dafür lasst mich in Ruhe. – In Rangeleien sah Bernd nicht gut aus. Alle hielten sich an den Vertrag. Keiner neidete ihm den Klassenprimus.
Nicht so einfach kam er auf der Straße davon. Doch er wich nie aus, selbst chancenlos. In ihren Kämpfen gab es Regeln: Fußtritte verboten, die Gürtellinie heilig, Schläge verpönt, man rang und drückte. Auch in der größten Not hielt er sich daran und erwarb sich durch Fairness Achtung. Ihr Kampf war aus, wenn der Sieger Muskeln reiten konnte. Aber ein fairer Sieger tut das nicht. Wer dennoch mit seinen Knien auf die Oberarme drückte, auf den stürzten sich Umstehende und straften den Frevel. Bernd hätte nie Muskeln reiten können. Aber er entwischte seinem Gegner immer, bis dieser erlahmte. – „Du schaffst mich nicht“, keuchte Bernd. – „Du aber auch nicht.“ – „Ich will ja gar nicht, ich wehre nur ab.“ – Kämpfer und Umstehende verloren das Interesse, weil der Unterlegene tapfer und nicht zu greifen war.
Oft ist er zerschunden nach Hause gekommen. – „Hast dich wieder geprügelt“, schimpfte Mutter. „Du sollst weglaufen oder mich rufen, wenn sie dich verhauen wollen. Bist nun mal nicht so stark!“ – Diese Worte hat er immer geflissentlich überhört.
Bernd kniete vor dem Ofenloch. Jetzt im beginnenden Sommer ließ man im Erzgebirge den Herd abends ausgehen, packte einen Kaffeewärmer um den Malzkaffee in der Sofaecke, Kissen darüber – so blieb er bis zum Morgen warm. Früh musste wieder Küchenfeuer her, warmes Wasser im Schaff, ein neuer Kaffeetopf gehörte auf die Herdplatte – einen Küchenherd ohne Feuer gab es nicht. Nach dem Frühstück war Mutter gegangen, Versicherungsbeiträge zu kassieren. Er hatte die Asche durchgerüttelt, sie hinaus geschafft, den leeren Kohleneimer mitgenommen, vorher die letzten Briketts im Kohlenkasten unter den Herd gestapelt, den Eimer im Keller gefüllt, einen Holzscheit in Späne gespalten, Holz und leeren Aschekasten auf den vollen Eimer gelegt und hochgebracht. Endlich konnte er bei langsam auflodernden Flammen Geschichten erfinden. Mutter duldete kein Träumen. – „Entweder wird gearbeitet oder gespielt.“ – Jede Arbeit vergällt sie. Aber – sie war nicht da.
Aus zwei Kohlen baute Bernd steile Felsen, ein Holzstück wurde Brücke. Kleine Fetzen Zeitungspapier schob er nach hinten als Buschwerk in der Schlucht der Rocky Mountains. Holzspleiße waren ihm Baumstämme und Papierschnipsel trockenes Unterholz. Er strich das Streichholz an, führte die Flamme vorsichtig an die kleinen Büsche, langsam fingen sie Feuer in der heißen Sonne von Arizona. Das abgebrannte Reststück diente ihm als einsamer Indianerkundschafter. In der Schlucht prasselte Unterholz, griff nach den trockenen Baumstämmen, Flammen leckten an der Holzbrücke. Auf der Flucht vor den Soldaten strebte der Kundschafter hinüber. Bernd nahm ein zweites Streichholz, schob mit der Schwefelkuppe den Kundschafter langsam über die Brücke, vorsichtig, denn sie konnte unter den prasselnden Flammen brechen. Getrappel von Pferden in seinem Kopf. Die ersten blauen Uniformen tauchten auf, aber schon loderte die Brücke. Sie kämen nicht mehr hinüber! Da flammte die Streichholzkuppe, brannte den Streichholzrest an – armer Kundschafter! So knapp traf dich die Kugel des ersten Reiters! Dein Leben ging zu Ende in den Flammen des Buschbrandes! Bernd bedauerte ihn. Ein lebender Kundschafter, hinter dem die Brücke brach und der Reiter ihm wütend nachsah, wäre ihm lieber gewesen. Aber das Schicksal ist hart.
Sein Spiel war vorbei. Er packte Holzspäne auf das brennende Papier, achtete darauf, dass die Flammen alles erfassten. Dann legte er ein Brikett über die Scheite, Ofentür zu. Luftzug fachte die Flammen an. Bernd räumte Zeitungspapier weg, stapelte übriges Holz in den Kohlenkasten und schob ihn unter den Herd. Den Kohleneimer an die Seite gestellt, Kontrollblick in den Ofen: Es lodert, Tür zu, fertig. Wassertopf auf die Herdringe, Blick auf die Küchenuhr: Ihm blieb noch Zeit. Er gab in den Kaffeetopf das Familienmaß hinein, brach vier Stücke vom Kathreiner Kaffeezusatz ab und legte sie dazu. Kocht das Wasser, gießt er auf. Er blickte auf die Tafel Kaffeezusatz. So ähnlich sieht Schokolade aus, sagte Mutter. Es wird alles besser, es gäbe schon freie Läden, die HO, und im Konsum sei manches jetzt ohne Marken zu haben, hat Mutter gesagt. Er mochte Süßes, freute sich auf die unbekannte Schokolade. Wann würde er Schokolade kosten können?
Zeit für den Schulweg. Er nahm den Schulranzen, schloss die Tür und zog den Wohnungsschlüssel ab. Kam Mutti heim, wusste sie: Er war auf dem Schulweg. Ein System kleiner Dinge sorgte für Ordnung und Wissen vom anderen, Mutters Werk. Mit sanftem Druck hatte sie eingeführt: Heimkommen, Schularbeiten machen, Ranzen packen und an einen festen Platz stellen. Bernd maulte. Alle seine Schulkameraden gingen erst Spielen. – „Wie oft haben sie keine Schularbeiten in der Schule?“ – Recht hat sie, täglich rief Einer in der Pause: „Hilf mir schnell mal ...!“ – Maulend gewöhnte er sich an Mutters Regeln. Ihr zweiter Rat: Höre gleich beim ersten Mal richtig zu, war leichter zu befolgen. Des Lehrers Worte interessierten ihn. Hatten Mitschüler nicht verstanden, gaben sie Bernd Zeichen: Er sagte vor.
Beim Diktat schaute Bernd dem Lehrer auf den Mund – auch Mutters Rat. Er las viele Buchstaben am Munde ab, während seine Klassenkameraden mit gebeugtem Kopf überlegten, wie die Wörter geschrieben werden. – Er war stolz auf Mutter, deren Rat er nutzte, die den Haushalt organisierte, ihm auch Zeit zum Spielen ließ. Sie verstand so vieles, sah manches voraus. Leider auch seine Verhalten, unbegreiflich, wie sie das schaffte. Viel zu ängstlich war sie, nahm ihm gar eine Batterie aus der Hand: „Das ist Strom, Bernd. Strom ist immer gefährlich.“ – Selbst vor dem Federhalter warnte sie: „Hat eine Spitze, Bernd. Spitzen sind immer gefährlich.“ – Dabei war nur die Schultinte aus dem Tintenfass in der Schulbank gefährlich. Fasern verbargen sich darin und machten Kleckse ins Heft.
Aber noch kämpfte er nicht mit der widerspenstigen Nachkriegsschultinte. Er lief den Schulweg an der Feuerwehr vorbei. In ihren hohen Fenstern spiegelte sich die Sonne.
Die Sonne überschritt den Zenit, als er mit seiner Klasse aus dem Schulgebäude von Kaiser Wilhelms Gnaden heraustobte. Ein Junge hatte einen echten Fußball in die Schule mitgebracht, man denke: einen echten, ledernen Fußball! Vom Schuhmacher geholt, will ihn am Abend sein großen Bruder haben. Die Jungen beschlossen: Am Nachmittag probieren sie den Fußball aus. Sie rannten nicht wie sonst den kurzen Schulberg hinunter, sich beiseite schubsend, um als Erster anzukommen, sondern wandten sich bergauf zur Straße, die am Bergteich vorbei zur Festhalle führte. Dort gegenüber baut sich stets der Zirkus auf. Aber der war nicht da, auch auf dem Kätplatz standen keine Karussells. Sie liefen zum Sportplatz am Pöhlberg. Oft haben sie sonntags auf seinen Terrassen gestanden, die „BSG Konsum“, die Betriebsportgemeinschaft der Verkäufer Annabergs anzufeuern in ihren schwarzen Trikots mit rotem Kragen. Heute wollten sie selber BSG Konsum sein mit richtigem Fußball und richtigen Toren auf richtigem Platz. Die Hälfte von ihnen musste als BSG Wismut spielen, die in der Kreisliga schlechter stand. Ein Stein entschied, die Glücklicheren jubelten, die BSG Wismut wählte die Seite, und los ging es mit Anstoß vom Mittelpunkt. Wie üblich Seitenwechsel nach fünf Toren, Ende bei zehn, eine Uhr besaß ja keiner.
Die kleinen Fußballer kämpften um den großen Ball, den sie so leicht trafen, der so weit wegsprang und dem sie lange nachlaufen mussten auf dem großen Spielfeld. Beim Stand von sechs zu sechs wurden ihre Beine müde. Ausgepumpt stolperte der Stürmer, nachdem er dem Ball so lange nachgejagt war. Der Torwart brannte auf den Ball. Müde trafen die Stürmer das große Tor nicht mehr. Das Spiel zog sich. Sie hielten Rat. Das nächste Tor soll entscheiden, forderten die Einen. Ausgemacht ist ausgemacht, verlangten Andere.
In Bernds Brust stritten zwei Seelen. Irgendetwas hatte Mutti heute von ihm gewollt. Das...
| Erscheint lt. Verlag | 27.10.2023 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | DDR-Leben • Kriegskinder • NVA-Erlebnis • Partnersuche • Zweifel |
| ISBN-10 | 3-7565-6613-7 / 3756566137 |
| ISBN-13 | 978-3-7565-6613-6 / 9783756566136 |
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