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Wölfchen, werd ein Wolf -  Wolfgang Rudolph

Wölfchen, werd ein Wolf (eBook)

Autobiografische Streifzüge
eBook Download: EPUB
2023 | 1. Auflage
200 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7583-8617-6 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
8,99 inkl. MwSt
(CHF 8,75)
Der eBook-Verkauf erfolgt durch die Lehmanns Media GmbH (Berlin) zum Preis in Euro inkl. MwSt.
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"Wölfchen, werd ein Wolf" ist der Titel einer Sammlung autobiografischer Episoden. Das kleine Buch hat eine lange Reise hinter sich. Die zentralen Kapitel entstanden im Dezember 1997. Im Laufe der Jahre ergänzte ich einige Kapitel mit Beiträgen aus der Männerliteratur. So ist ein anschaulicher Reflexionsbogen der eigenen männlichen Lebensgeschichte(n) entstanden. Nach zahlreichen Lesungen und auf vielfältigen Wunsch der männlichen Zuhörer entschied ich mich im Herbst 2022 für eine Veröffentlichung. Das Buch ist für Männer und Frauen zu empfehlen, als Folie zur Reflexion prägender biographischer Erfahrungen und Erlebnisse.

Wolfgang Rudolph wurde als dritter Sohn von fünf Geschwistern einer Zöllnerfamilie geboren. Nach einer glücklichen und lebendigen Kindheit ging es für neun Jahre in ein katholisches Klosterinternat im Westmünsterland. Dort machte er sein Abitur, absolvierte anschließend seinen Bundeswehrdienst und studierte Theologie und Sozialwissenschaften. Nach einer langjährigen Tätigkeit als Leiter einer Jugendeinrichtung studierte er später Sozialpädagogik und soziale Arbeit und arbeitete als pädagogischer Mitarbeiter mit dem Schwerpunkt 'Männer- und Väterarbeit' in einer Familienbildungsstätte.

ZWEITES KAPITEL:


Mythographie der Kindheit

Von der eigenen Kindheit zu erzählen, ist ein schwieriges Unterfangen. Liegt es daran, dass diese Zeit so unendlich weit zurück liegt? Sind die Erlebnisse der Kindheit – aus erwachsener, männlicher Sicht – einfach zu banal und unbedeutend? Oder scheut man sich davor eine Zeit zu beschreiben, die man doch eigentlich in recht positiver Erinnerung hat, aus Angst, etwas aufzudecken, sich an etwas zu erinnern, das längst ruht und verdrängt ist? Oder ist es die Unsicherheit der Erinnerung etwas Unwahres zu berichten, zu übertreiben, zu beschönigen oder ganz und gar zu verdammen. Ich erinnere mich an meine Kindheit, an Erfahrungen, an Erlebnisse. Was ist daran wichtig und wesentlich für die Bedeutung der männlichen Entwicklung als Junge? Was hat meine Männlichkeit als Junge geprägt und bestimmt. Ich weiß es nicht. Einiges wird sich nach dieser Reflexion der Kindheitsgeschichten als bedeutend erweisen. Lassen wir uns überraschen. Ich lade Sie ein mir zu folgen auf dieser Reise, die uns in dieser ersten Station in die späten fünfziger Jahre des Nachkriegsdeutschlands führt, an einen kleinen Ort, nahe der deutsch-holländischen Grenze.

Ich erzähle Ihnen meine persönlichen Erinnerungen an meine Kindheit, wie ich als kleiner Junge aufwuchs, was mir Freude bereitete und wer mich tröstete. Ich werde mich auf meine persönliche Vergangenheit konzentrieren. In meine persönlichen Reflexionen werden immer wieder allgemeine Themen einfließen. Hinter diesen Themen stehen Geheimnisse, die mich beeinflusst haben. Allan Guggenbühl betont diesen mythischen Kontext, der Männer neben ihren persönlichen Erinnerungen stark prägt.24 Es geht darum das mythische Umfeld, das während der Kindheit aktuell war und die Heimatregion prägte, zu identifizieren. Diese Mythographie, wie Guggenbühl es nennt, zeichnet die Mythen auf, die damals – in meiner Kindheit – bedeutend waren. Das Mythische Umfeld gilt es zu untersuchen, zu betrachten und zu erkennen. Diese Mythen sind auf den ersten Blick nicht offensichtlich, sie sind uns verborgen, unbewusst und abgespalten. Nach und nach, nach langer Betrachtung werden sie erkennbar und können den Schleier lüften, der sich auf unsere Kindheit gelegt hat. In welcher Umgebung wuchs ich auf, wie war mein Heimatort geprägt? Wie lebten die Menschen seinerzeit? Wie lässt sich meine Herkunftsfamilie charakterisieren?

Hineingeboren wurde ich – als viertes Kind – in eine typische Beamtenfamilie. Mein Vater und meine Mutter stammten aus Schlesien, wuchsen auf einem Bauernhof auf, erlebten den Nationalsozialismus unter Adolf Hitler und die Wirren des Zweiten Weltkriegs, wurden schließlich aus ihren Heimatorten vertrieben und landeten in diesem kleinen Ort, nahe der holländischen Grenze im westlichen Münsterland. Mein Vater war Grenzbeamter, Zollbeamter. Er verkörperte die deutschen Tugenden des Beamtentums: Ordnung, Sauberkeit, Fleiß und Pünktlichkeit und eine gewisse Härte gegen sich selbst. In seiner grünen Uniform und mit seinem gepflegten Kurzhaarschnitt machte er schon einen ziemlichen Eindruck auf mich. In unserer kleinen Siedlung lebten fast ausschließlich Zollbeamte mit ihren Familien in kleinen Mietshäusern. Die Zöllner waren die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe unseres Ortes, der circa 800 Einwohner hatte. Die größte Bevölkerungsgruppe war die Gruppe der Bauern, sie lebten am längsten in diesem Ort. Daneben gab es noch einige Zugezogene, die als Arbeiter und Angestellte in der nächsten größeren Stadt arbeiteten. Meine Eltern leben seit 1948 in diesem Ort, mehr als ein halbes Jahrhundert. Meine Eltern gehörten soziologisch zu der Gruppierung der Heimatvertriebenen. Sie hatten ihre Heimat zwangsweise verloren: ein gewalttätiger Akt. Meine Eltern hatten Fuß zu fassen in einer fremden Region, sie hatten sich in diesem kleinen Grenzort anzupassen und eine neue Existenz aufzubauen. Gepaart mit der Zugehörigkeit zu dem Berufsstand des Zollbeamten hatten die Tugenden der Leistung, der Pflichterfüllung und die Bedeutung der täglichen Arbeit für meinen Vater und meine Mutter eine absolute Priorität. Ein Mythos dieser mittleren Beamtenschicht betrifft die Disziplinierung des Hauses samt seiner Bewohner. Alles ging seinen gewohnten Gang, tagaus, tagein, dieselben Gewohnheiten, dieselben Rituale. Die Kinder wurden geboren, die Alten starben. Die Pünktlichkeit des Postboten, der uns die Zeitung brachte, die Pünktlichkeit des Milchmanns, der sich durch sein Glockengeläut bemerkbar machte, die Pünktlichkeit des Bäckerwagens, der uns Brot und Kuchen brachte: diese Regelmäßigkeit der gewohnten Tagesabläufe ließ keine Hektik aufkommen. Es gab keine besonderen Höhepunkte, keine besonderen Tiefpunkte. Das alljährliche Schützenfest mit feierlichem Umzug des Schützenkönigs und der Schützenkönigin samt Hofstaat war schon etwas Besonderes. Ansonsten glich ein Tag dem anderen: die Männer taten ihre Pflicht, gingen zur Arbeit und sorgten damit für den Lebensunterhalt, die Frauen arbeiteten zu Hause und versorgten die Kinder.

Vielleicht mal ein Plausch mit der Nachbarfrau beim Wäscheaufhängen auf der gemeinschaftlichen Wiese. Die Kinder spielten zusammen. Außergewöhnliche menschliche Affekte kamen nicht vor, vorherrschend waren Disziplin, Leistung und Pflichterfüllung Diese Haltung, dieser Elternarchetyp, sollte die Erziehung ihrer Kinder, vornehmlich ihrer drei Söhne, maßgeblich beeinflussen. Nach dem damaligen Motto der Nachkriegseltern „Ihr sollt es mal besser haben!“ wurden die Söhne auf ein Gymnasium geschickt. Nicht in ein beliebiges staatliches Gymnasium, sondern auf eine Klosterschule, die von katholischen Ordenspriestern geleitet wurde. Nein – nicht, dass wir Pfarrer werden sollten, aber eine höhere Beamtenlaufbahn, z.B. auf dem Finanzamt, sollte schon herausspringen. Damit ist eine dritte soziale Kategorie, neben dem Vertriebenen- und Beamtenstatus, beschrieben: die Zugehörigkeit zu der römischkatholischen Glaubensgemeinschaft. Meine Eltern, insbesondere meine Mutter, hatte sich dieser katholischen Religion mit Haut und Haaren verschrieben. Meine Großeltern stammten aus Bauernfamilien in Schlesien hatten ihre Kinder schon streng katholisch erzogen. Uns sollte es nicht anders ergehen. Der katholische Glaube und vor allem die Glaubenspraxis wurde, ohne Wenn und Aber, auf die Kinder übertragen. Wir wurden in das gesamte Repertoire des katholischen Jahreskalenders eingeführt: Sonntagsgottesdienst, Marienandacht, Prozession, Beichte, Messdiener, Wallfahrt, Religionsunterricht und natürlich die Weihnachts-, Oster- und Pfingstliturgie. Dass ich später einmal katholischer Diplomtheologe werden würde, hätte ich nicht zu träumen gewagt. Unser gesamtes Leben als Kinder, unser Alltag war eingebettet in katholische Liturgien und Rituale. Natürlich waren die täglichen Gebete ebenfalls Pflicht. Darüber hinaus diente der katholische Glaube meinen Eltern als Maßstab für das, was sich gehört und was sich nicht gehört. Da gab es keine langen Diskussionen: „Das gehört sich nicht!“ und dann war das Buch zu. Die allermeisten Bewohner meines Heimatortes waren katholisch. Evangelische Christen kannte ich nicht, ihre Nähe wurde nicht gesucht. Als ich als Achtzehnjähriger mit meiner holländischen Geliebten, die zu dem einer reformierten Glaubensgruppe angehörte, zu Hause erschien, mussten meine Eltern erstmal ordentlich schlucken. Aber die äußerst sympathische Erscheinung dieser bezaubernden Frau ließ den katholischen Glaubensdünkel meiner Eltern schnell erweichen. Angetan waren sie von unserer Beziehung dennoch nicht. Es gab eine grundlegende Differenz, eine Konkurrenz, eine Distanz zwischen katholischen und evangelischen Christen.

Ebenso war es mit den benachbarten holländischen Bürgern. Wir gingen zwar in Holland einkaufen, wir trafen zwar einige Holländer in dem Bus, der uns zur nächsten Stadt brachte, aber die alten Rivalitäten und Hassgefühle, die aus der Kriegszeit rührten, waren längst nicht überwunden. Die Holländer waren halt „Kaasköppe“, nicht so ordentlich wie die Deutschen, dafür humorvoller und gemütlicher.

Wie das Verhältnis zwischen Bauern, Zöllnern und zugezogenen Arbeitern waren, mag ich nicht recht zu beschreiben, aber ich denke, die Bauern lebten am längsten in dem Ort, hatten die größten Eigentümer und von daher die ältesten Rechte. Der Ortsvorsteher war meist ein Bauer.

Mein Heimatort war recht großflächig und sehr dünn besiedelt. Riesige Äcker, weite Weideflächen, Wälder und einige kleine Bäche bestimmten das Landschaftsbild des Ortes. Es gab eine Volksschule, eine kleine Kapelle und keinen Kindergarten. Wir spielten als Kinder in dem nahegelegenen Wald, der direkt an unserem Haus lag. Der Wald war eingefasst von Kuhwiesen und Getreidefeldern, auf denen wir ebenfalls herumtoben konnten. Auch der nahelegende kleine Bach wurde ein Ziel unserer kindlichen Aktivitäten.

Erwähnenswert ist ebenfalls die...

Erscheint lt. Verlag 19.10.2023
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
ISBN-10 3-7583-8617-9 / 3758386179
ISBN-13 978-3-7583-8617-6 / 9783758386176
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